6. April 2018

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Ohne Schreiblust entsteht nichts/Zum 70. Geburtstag von Karin Gündisch

Am 5. April feierte die siebenbürgische Autorin Karin Gündisch ihren 70. Geburtstag. Ihren Heimatort Heltau, wo sie 1948 geboren wurde, verließ sie nach Abschluss der Schulzeit und ging zunächst nach Klausenburg und dann nach Bukarest, um Deutsch und Rumänisch zu studieren. In Bukarest arbeitete sie bis zu ihrer Auswanderung als Deutschlehrerin und freie Mitarbeiterin bei der rumäniendeutschen Presse, bei Rundfunk und Fernsehen, entwickelte Deutsch-Lehrbücher mit und veröffentlichte Kindergeschichten. Seit ihrer Ausreise 1984 lebte sie als freischaffende Autorin in Bad Krozingen bei Freiburg; im selben Jahr erschien ihr erstes Kinderbuch in Deutschland, „Geschichten über Astrid“, das mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet wurde und den Beginn einer erfolgreichen Karriere als Schriftstellerin markierte. Anfang des Jahres ist Karin Gündisch mit ihrem Mann nach Hamburg gezogen, um näher bei ihrer Tochter, der Theaterregisseurin Ingrid Gündisch, und deren Familie zu sein.
Vor zehn Jahren konnte sie bei der CNSAS (Nationaler Rat zur Aufarbeitung der Securitate-Archive) ein Dossier einsehen, in dem ihre früheren Tätigkeiten am Bukarester Goethe-Institut dokumentiert sind; Banalitäten seien dort „mit buchhalterischer Genauigkeit“ aufgeführt, sagte sie damals, verblüffend sei das und „schrecklich, wenn man so bespitzelt wird“. Die Beschäftigung mit ihren Securitate-Akten 2008 wurde für Karin Gündisch zum Keim eines neuen Projekts, an dem sie in den letzten Jahren intensiv – sie selbst nennt es „obsessiv“ – gearbeitet hat. Der Roman mit dem Arbeitstitel „Die geheimen Seiten des Lebens“ über ein junges Ehepaar im rumänischen Sozialismus unter Ceauşescu spielt im Jahr 1984 und ist nach langer Zeit wieder ein Buch (überhaupt erst das zweite nach „Liebe. Tage, die kommen“ von 1994), das sich an erwachsene Leser richtet. Gute Quellen dafür sind ihre akribisch geführten Tagebücher aus den frühen 1980er Jahren.Karin Gündisch in ihrem Michelsberger Sommerhaus, ...Karin Gündisch in ihrem Michelsberger Sommerhaus, aufgenommen im August 2015 von Konrad Klein. Erzählungen über ihren Alltag entstehen im mittlerweile neunten Jahr als „Briefe an Rohtraut“, so z. B. der „Bericht einer siebenbürgischen Großmutter in Singapur“, aus dem ein Fragment im „Deutschen Jahrbuch für Rumänien 2018“ erschienen ist. In Singapur hat Karin Gündisch mit ihrem Mann vergangenes Jahr einige Monate bei ihrem Sohn Uwe und dessen zwei Söhnen verbracht und weiß Wunderliches und Faszinierendes über dieses Land und seine Kultur zu berichten. „Rohtraut“ ist die Journalistin Rohtraut Wittstock, Chefredakteurin der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) und langjährige Freundin von Karin Gündisch. Seit Studienzeiten kennen sie einander „und unsere Freundschaft wurde im Laufe der Jahre eine Familienfreundschaft“, erzählt die Jubilarin. „Unsere Kinder und Enkelkinder sind ebenfalls befreundet und wir verbringen jeden Sommer ein paar Tage zusammen.“ Das Konzept der „Briefe an Rohtraut“, die eine „vertraute Adressatin“ ist, entwickelte sich aus dem Drang, das mit den Jahren zwanghaft gewordene Tagebuchschreiben zu ersetzen. „Es veränderte mein Leben und meinen Zugang zur Welt“, so Karin Gündisch über das allabendliche stundenlange Sitzen und Aufzeichnen am Schreibtisch. Nun schreibt sie Briefe, was ein Glück für ihre Leser ist, denn so können sie ein wenig an ihren Gedanken und ihrem Leben teilhaben; die Tagebücher bleiben nämlich – wie das private Aufzeichnungen so an sich haben – unter Verschluss.Karin Gündisch im vergangenen Jahr in Boltenhagen ...Karin Gündisch im vergangenen Jahr in Boltenhagen an der Ostsee. Foto: privat „Aus purer Freude am Schreiben“, so Karin Gündisch, entwickelt sich eine Sammlung von Erzählungen, in denen es meistens um ältere und alte Frauen geht, die einen Partner für die verbliebene Lebensstrecke suchen – „tragisch-komische Geschichten von heute“. Eine davon, ein augenzwinkerndes Stück mit dem Titel „Gute Männer sterben früh“, ist im „Deutschen Jahrbuch für Rumänien 2017“ nachzulesen. Diese Erzählungen „haben sich einfach ergeben“, gibt Karin Gündisch Auskunft auf die Frage nach ihrer Inspirationsquelle. „Ich kenne viele Frauen, die ihre Männer verloren haben und mir von ihrer in den meisten Fällen vergeblichen Suche nach einer neuen, letzten Liebe erzählt haben. Dieser Stoff ist gut, tragisch und komisch zugleich, lächerlich und zutiefst berührend, außerdem literarisch kaum bearbeitet, so dass ich immer wieder mal eine Geschichte aufgeschrieben habe.“

„Wir könnten auch einen Prosecco trinken, schlug ich vor. Und wir tranken ein Glas Prosecco“, heißt es am Schluss der Erzählung „Gute Männer sterben früh“. Erheben auch wir unser Glas und trinken auf Karin Gündisch und ihre Gesundheit und Schaffenskraft. Auf dass sie uns noch lang erhalten bleiben möge – zum Glück ist sie ja kein Mann …

Doris Roth

Schlagwörter: Porträt, Karin Gündisch, Geburtstag, Schriftstellerin, Heltau

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