31. März 2020

Neues aus der „Batullapfelbaumschule“

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ An den Spruch, der Martin Luther in den Mund gelegt wird, musste Brunhilde Böhls denken, als sie in diesen Zeiten der weltweiten Pandemie das telefonische Interview mit Mihai Gottschling führte. Mihai und seine Frau Ioana stammen aus Siebenbürgen, leben und arbeiten in Deutschland und besuchen mehrmals im Jahr die Eltern und Schwiegereltern in Großschenk. Die Gemeinde befindet sich im Kreis Kronstadt, auf halber Strecke zwischen Fogarasch und Agnetheln. Mihai und Ioana Gottschling beobachten mit Interesse die derzeitige politische Entwicklung in Rumänien. Sie wünschen sich eine Verbesserung der ökonomischen Situation, des Gesundheits- und Bildungssystems und würden lieber heute als morgen zurückkehren in das Land ihrer Kindheit und Jugend.
Herr Gottschling, wir kennen uns seit einigen Jahren, weil Sie jahrein, jahraus jeweils zur Pflanzzeit bei mir in Hermannstadt auftauchen, um Setzlinge abzuholen. Im Frühling 2018 schickten Sie einen Freund auf den Freitags-Biomarkt am Huetplatz, wo ich die jungen Bäumchen aus einer Baumschule in Straßburg am Mieresch (Aiud) zum Verkauf anbot. Wie haben Sie von dem Markt und meiner Initiative erfahren?
Ich hatte damals einem Bekannten aus Großschenk, Alex Herberth, erzählt, dass wir im Garten oben am Anger einige Obstbäume pflanzen möchten und auf der Suche nach alten heimischen Sorten sind. Er gab mir Ihre Kontaktdaten.

Warum die alten Sorten? Warum wollten Sie unbedingt einen Batullapfelbaum pflanzen?
Na ja, die alten Sorten habe ich als Kind schon gekannt, von meinen Großeltern. Ich erinnere mich noch ganz gut, wie wir jedes Jahr im Herbst die Äpfel (Batulläpfel, Pojnik etc.) im „Angergarten“, wie wir ihn nennen (wo wir jetzt die vielen Bäumchen gepflanzt haben), mit meinen Eltern, Großeltern und Geschwistern ernteten. Daheim wurden sie dann sortiert: Ein Teil kam in den Keller für den Winter, der Rest wurde gemahlen für Schnaps, und Most wurde auch noch gepresst. Es wurde dann auch immer der leckere Apfelkuchen gebacken, nach siebenbürgischer Art. Diesen besonderen Geschmack der Äpfel und des Mostes werde ich nie vergessen, er ist überhaupt nicht vergleichbar mit dem Geschmack der Äpfel, die man heutzutage im Laden kauft.

Wie viele Bäume haben Sie inzwischen gepflanzt?
Letztes Jahr haben wir zusammen (Frühling und Herbst) bestimmt mehr als 50 Bäumchen gepflanzt. Dazu kommen noch diverse Sträucher (Ägrisch, Johannisbeeren) und Weinstöcke. Ein paar Bäumchen (Äpfel, Birnen, Weichseln) haben wir im Garten daheim gepflanzt, aber den größten Teil in unserem „Angergarten“, der sich am Rande des Dorfes befindet. Auch außerhalb des Dorfes wollen wir eine Wiese mit Obstbäumen anlegen.
Mihai Gottschling, der stolze Vater, mit seiner ...
Mihai Gottschling, der stolze Vater, mit seiner Frau Ioana und Töchterchen Clara Sophie.
Jetzt wollen Sie auch in Deutschland alte siebenbürgische Sorten pflanzen. Warum?
Wir möchten auch in unserem Garten in Deutschland ein paar Bäume mit gutem Obst von daheim haben. Darüber hinaus sieht für mich ein Garten ohne Obstbäume irgendwie leer aus. Andererseits möchte ich die Sorten pflanzen, die in Siebenbürgen heimisch sind. Es sind robuste und resistente Sorten, die keinen so starken „Eingriff“ des Menschen notwendig machen wie chemische Keulen, die das Grundwasser schädigen und insektenfeindlich sind.

Im November, als Sie wieder Pflanzgut bei mir abholten, erzählten Sie mir stolz von der bevorstehenden Geburt Ihrer Tochter … Sie ist inzwischen ein gesundes, quirliges Mädchen. Pflanzen Sie die Bäumchen für sie?
Ja, wir sind seit neun Wochen stolze Eltern. Unsere Tochter wird sich bestimmt freuen, wenn sie in etwa fünf bis sechs Jahren Äpfel aus ihrem eigenen Garten pflücken und essen kann. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, was mich sehr positiv geprägt hat, dafür bin ich sehr dankbar. In meiner Kindheit hat man bei uns die Äpfel vom Baum gepflückt und nicht aus dem Supermarktregal geholt. Einen winzigen Teil dieser schönen Kindheitserlebnisse möchte ich, soweit es geht, auch unseren Kindern weitergeben.

Vielen Dank für das Gespräch.
Batullapfelbaumblüte in einem Schäßburger Garten. ...
Batullapfelbaumblüte in einem Schäßburger Garten. Foto: Brunhilde Böhls
Brunhilde Böhls beschäftigt sich seit sechs Jahren mit der Verbreitung siebenbürgischer Apfelsorten (siehe http://baum.bboehls.de/). Ihr Artikel in der Siebenbürgischen Zeitung Online vom 1. Dezember 2014 löste eine große Nachfrage und Sympathie bei den Landsleuten aus. Das bestärkt die Germanistin, Gästeführerin und Hobbygärtnerin immer wieder weiterzumachen, auch wenn es für sie allein schwer ist.
Brunhilde Böhls informiert und verkauft auf dem ...
Brunhilde Böhls informiert und verkauft auf dem Biomarkt auf dem Huetplatz in Hermannstadt, wo auch viele Touristen vorbeischauen, Ende März 2018. Foto: Robert Sonnleitner
Die für Siebenbürgen typische Apfelsorte „Batullapfel“ bezeichnet dem Namen nach einfach einen erst auf dem Lager reifenden Apfel (nach rum. patul „Heubett“ zum Einlagern von Obst und Gemüse). Der Sorte nach ist es der ungefähr 1820 aus England auf das Durleser Gut der Grafen Haller eingeführte Windsor-Apfel. Es gibt ein Faltblatt „Batullapfelbaumschule“ über die Erhaltung der Kirchenburgenlandschaft mit Hilfe der Beschreibung der noch vorhandenen vielfältigen siebenbürgischen Obstgartenkultur, das auf Wunsch zugeschickt werden kann.

Schlagwörter: Interview, Batull, Obst, Landwirtschaft, Siebenbürgen

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