15. Februar 2021

Ist das Haus Siebenbürgen für eine dritte Welle gerüstet, Herr van Breen?

Vor neun Monaten konnte Marcus van Breen gegenüber der Siebenbürgischen Zeitung (Interview: Kein Infektionsfall im Wohn- und Pflegeheim in Drabenderhöhe) erleichtert vermelden, dass das von ihm geleitete Wohn- und Pflegeheim Haus Siebenbürgen in Drabenderhöhe keinen Infektionsfall zu beklagen habe. Das trifft auch weiterhin zu. Inzwischen fand der zweite Durchgang der Corona-Impfungen für gut 90 % der Heimbewohnerinnen und -bewohner und über 40 % der Mitarbeitenden statt (siehe Bericht Erster Geimpfter im Oberbergischen Kreis im Haus Siebenbürgen in Drabenderhöhe). Für den 47-jährigen Heimleiter war dies ein „wichtiges Hoffnungszeichen“ in dieser langen Zeit der Pandemie eingedenk der massiven Beschränkungen sozialer Kontakte.
Im Wohn- und Pflegeheim Haus Siebenbürgen, das über bis zu 128 Pflegeplätze verfügt, leben zurzeit auch 65 Siebenbürger*innen. Die Impfung habe ihnen das Gefühl einer größeren Sicherheit gegeben, bestätigt van Breen im Gespräch mit Christian Schoger, „aber eine absolute Sicherheit kann es nicht geben“.

Herr van Breen, beschreiben Sie uns bitte die aktuelle Situation im Haus Siebenbürgen.

Marcus van Breen ...
Marcus van Breen
Normalerweise würden wir in diesen Tagen die Karnevalsfeier vorbereiten, uns auf die Besuche der verschiedenen Dreigestirne freuen und überlegen, welches Karnevalskostüm wir dieses Jahr anziehen. Aber bis auf den Schmuck und ein wenig Musik fällt Karneval dieses Jahr aus. Das neue Jahr geht so weiter, wie das vergangene aufgehört hat: Veranstaltungen können nicht stattfinden und die Angst vor Corona ist allgegenwärtig…

Das ist eine mögliche Sicht auf die derzeitige Lage in unserem Pflegeheim, die nicht falsch ist, aber einseitig. Denn wir können auch glücklich und dankbar darauf schauen, dass wir keinen Corona-Ausbruch hatten und dass sehr viele unserer Bewohnerinnen und Bewohner sowie Mitarbeitenden schon zweimal geimpft wurden. Mit dieser Hoffnung auf ein Ende der Corona-Bedrohung durften wir ins neue Jahr starten, denn in unserer Einrichtung wurden die ersten Impfungen schon am bundesweiten Impfstart von Deutschland am 27. Dezember durchgeführt.

Das ging bemerkenswert rasch.

Und solch ein Hoffnungszeichen war auch wichtig, denn ich empfinde, dass die lange Zeit der Pandemie mit massiven Beschränkungen sozialer Kontakte und im alltäglichen Leben eine große Belastung ist, die an vielen Stellen zu spüren und sichtbar ist. Aber dürfen wir darüber klagen, wenn man hört oder liest, wie groß die Not in Pflegeeinrichtungen ist, die Corona-Ausbrüche erlebt haben? Alle leiden unter der Corona-Pandemie. Hoffnung, Dankbarkeit und Gottvertrauen sollte das sein, worauf wir unseren Blick lenken und was uns im Alltag Kraft schenken kann.

Welcher Impfstoff wurde in Ihrer Einrichtung verimpft, mit welcher Verträglichkeit?

Wie im Bericht über die Schutzimpfungen im Haus Siebenbürgen schon beschrieben, waren wir sehr überrascht, als wir erfuhren, dass wir zu den ersten Pflegeheimen gehören sollten, wo geimpft wird. Es war für uns wirklich etwas sehr Besonderes und wir sahen es als große Chance, gegen die Pandemie etwas tun zu können. Durch die frühe erste Impfung konnten wir drei Wochen später die Zweitimpfungen durchführen. Der Impfstoff von BioNTech/Pfizer wurde von fast allen Geimpften sehr gut vertragen. Nach der ersten Impfung ist mir gar kein Fall mit auffälligen Unverträglichkeiten bekannt. Nach der zweiten Impfung hatten zwei Personen etwas stärkere Nebenwirkungen. Aus unseren Erfahrungen können wir die von den Herstellern veröffentlichte gute Verträglichkeit bestätigen und wollen dazu ermutigen, sich impfen zu lassen. Es ist ein gutes Gefühl, aktiv etwas gegen die Coronakrise tun zu können.

War die Impfbereitschaft bei Heimbewohnern und Pflegepersonal hoch?

Es haben sich gut 90% unserer Heimbewohnerinnen und -bewohner und über 40% unserer Mitarbeitenden impfen lassen. Bei den Mitarbeitenden hätte ich mir eine höhere Zahl gewünscht. Vielleicht ist der frühe Impfbeginn hier ein Nachteil gewesen, weil viele Mitarbeitende über den neuen Impfstoff noch verunsichert waren. Meiner Ansicht nach hätte die Aufklärungsarbeit und Impfkampagne früher starten müssen.

Sehen Sie das Haus Siebenbürgen gut aufgestellt auch hinsichtlich der von Coronavirus-Mutationen ausgehenden Gefahr oder für den Fall einer dritten Welle?

Ehrlich gesagt möchte ich mir eine dritte Welle gar nicht vorstellen. Aber den Kopf in den Sand stecken bringt natürlich gar nichts. Wir sind sehr froh, dass die Inzidenzzahlen momentan wieder sinken, aber es bleibt die große Sorge vor den Mutationen des Virus. Seit Ende November führen wir sehr viele Schnelltests durch. Wir haben aufgrund unserer Risikoanalyse den Schwerpunkt von Testungen auf Besucherinnen und Besucher sowie die Mitarbeitenden gelegt. Wenn diese negativ getestet sind, ist auch der Schutz für unsere Bewohnerinnen und Bewohner größer. Viele engagierte Mitarbeitende und Ehrenamtliche helfen uns bei der Umsetzung unseres Testkonzepts, dafür bin ich sehr dankbar.

Sehr regelmäßig und häufig besprechen wir uns im Pandemie-Krisenstab und geben neue Informationen weiter, sodass die Mitarbeitenden Bescheid wissen. Das ist gar nicht immer so einfach, weil es sehr häufig neue Allgemeinverfügungen oder Regelungen zu beachten gibt.

Die Impfung ist nun etwas, was uns das Gefühl einer größeren Sicherheit gibt, aber eine absolute Sicherheit kann es nicht geben, denn wir wollen ja, dass unsere Bewohnerinnen und Bewohner, wenn auch in eingeschränkter Form, trotzdem am sozialen Leben teilhaben. Aber dort besteht nun mal auch die Ansteckungsgefahr.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen in dieser Krise?

Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit der Unterstützung öffentlicher Stellen im kommunalen Bereich. Ergänzend dazu werden wir auch umfangreich vom Diakonischen Werk informiert, das zudem Handlungsempfehlungen gibt. Das ist sehr hilfreich. Auch die Möglichkeit, die besonders hohen Kosten der Schutzmaterialien über den „Rettungsschirm“ unbürokratisch zurückzubekommen, läuft gut.

Bestehen auch Defizite?

Ein Problem sind die schon angesprochenen vielen, sich schnell ändernden Allgemeinverfügungen des Landes. Die Gesetztestexte sind nicht immer leicht zu lesen und zu verstehen und die Umsetzungsfristen sind meistens sehr kurzfristig. Auch inhaltlich entsprechen sie teilweise nicht den Bedürfnissen der Einrichtungen. Ein Beispiel ist eine Verfügung im Dezember, die die bestehende Regelung, dass Schnelltests für Besuchende verpflichtend sind, kurzfristig wieder aufhob. Genau diese Klarheit hatte uns etwas Sicherheit gegeben, die uns völlig unverständlicherweise in einer Zeit höchster Infektionszahlen wieder genommen wurde. Aufgrund von sofortigen Klagen, wurde diese Regelung nach einer Woche glücklicherweise wieder aufgehoben.

Ebenfalls problematisch war die sehr kurze Zeit, um die Impfungen zu organisieren. Wir wurden nur wenige Tage vor Impfstart informiert und vor hohe Umsetzungsanforderungen gestellt. An dieser Stelle kritisiere ich die Behörden, denn dass es einen Impfstoff geben wird, ist schon viel früher klar gewesen, selbst wenn der genaue Zeitpunkt noch nicht bekannt war. Die Organisation der Impfungen hätte man also ebenso viel früher vorbereiten können, und man hätte nicht sechs Tage vor Weihnachten „die Bombe platzen lassen“ müssen. Das hat zu einer unnötigen zusätzlichen massiven Arbeitsbelastung geführt.

Wie arrangieren sich die Heimbewohner/-innen mit den geltenden Kontaktbeschränkungen?

Wir haben seit Ende der ersten Welle alles versucht, dass solche massiven Kontaktbeschränkungen wie in dieser Zeit nicht wieder vorkommen. Und das ist uns auch gelungen. Einschränkungen gab es seitdem zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Abhängigkeit vom lokalen Infektionsgeschehen in der Häufigkeit der möglichen Besuche, und dass diese zum Teil angemeldet werden mussten. Wir nutzen den Besucherbereich ausgiebig, aber lassen nach negativer Testung, da wo es notwendig ist, auch Besuche im Zimmer zu. Es ist klar, dass die Kontaktsituation nicht so natürlich und normal ist wie früher, aber das ist sie ja derzeit nirgendwo mehr. Ich empfinde, dass wir mit unserem Besuchskonzept einen guten Weg zur Vereinbarung von Schutz vor Neuninfizierung mit dem Recht auf Teilhabe und soziale Kontakte gefunden haben.

Zusätzlich zu diesen Kontaktbeschränkungen leiden unsere Bewohnerinnen und Bewohner unter dem reduzierten Programm. Wie schon anfangs erwähnt, dürfen seit langer Zeit keine öffentlichen Veranstaltungen mehr stattfinden. Wir bemühen uns um alternative Angebote in Einzelbetreuung oder kleinsten Gruppen, aber die sind einfach nicht zu vergleichen mit den großen Feiern oder Veranstaltungen verschiedenster Vereinsgruppen aus Drabenderhöhe, an denen sich unsere Heimbewohnerinnen und -bewohner zusammen erfreuen konnten.

Verfügen Sie über ausreichend Pflegepersonal? Gab es Bonusleistungen für die Pflegekräfte?

Die Situation des Pflegepersonals und aller anderen Berufsgruppen ist insofern anstrengend, als die vielen Anforderungen an Schutzmaßnahmen umgesetzt werden müssen, z.B. das lange Tragen von FFP2-Masken, tägliches Selbstscreening auf mögliche Symptome und Einhalten von Abstandsregeln. Aber alle Mitarbeitenden sind verschont geblieben vor den massiven Belastungen, die ein Corona-Ausbruch mit sich bringen würde. Aus diesem Grund haben wir Gott sei Dank keine coronabedingte außergewöhnliche Personalmangelsituation. Da die Anforderungen durch die Corona-Pandemie aber trotzdem für alle Berufsgruppen hoch sind, wurde im Sommer allen Mitarbeitenden eine Prämie gezahlt und eine weitere über den Tarifvertrag im Dezember. Die erste Prämie haben die Pflegekassen zusammen mit dem Land NRW übernommen, die zweite Prämie haben wir aus eigener Tasche gezahlt. Wir sind froh, dass es nicht nur beim Applaus geblieben ist, sondern die Anerkennung auch in finanzieller Form erfolgt ist.

Ein Jahr mit Corona – welche spezifischen Erfahrungen verbinden Sie damit?

Als Erstes kann ich sagen, dass in mir eine tiefe Dankbarkeit gewachsen ist, dass wir keinen Corona-Ausbruch im Haus erleben mussten. Und ich muss sagen, dass ich die Corona-Pandemie als große Belastung erlebe. Neben der Dominanz des Themas und der damit verbundenen Schwerpunktarbeit ist der mögliche Corona-Ausbruch im Pflegeheim eine dauerhafte Bedrohung, denn es sind Menschenleben gefährdet. Jeden Tag ist es notwendig, sich von dieser Vorstellung wieder zu lösen, damit die Angst nicht Überhand gewinnt. Das gelingt damit, den Blick auf gute und hoffnungsvolle Dinge zu lenken – und davon gibt es einige:

Wir haben Mitarbeitende, die durch ihr verantwortungsbewusstes und achtsames Verhalten unsere Bewohnerinnen und Bewohner schützen. Ihre professionelle Arbeit ist relevant und der kollegiale Zusammenhalt ist außerordentlich wichtig – so schaffen wir die Herausforderungen und Schwierigkeiten der Krise gemeinsam. Im Glauben schöpfen wir Zuversicht und Mut, denn wir können wissen, dass Gott uns auch in solchen Zeiten nicht alleine lässt. Diese Erfahrungen in einer so herausfordernden Zeit zu machen, war für mich prägend. Es lässt mich dankbar werden für die vielen Menschen, die unterstützen, mittragen und an einen denken und für jedes freundliche, mutmachende Wort.

Weiterhin alles Gute, Herr van Breen.

Schlagwörter: Pflege, Altenheim, Drabenderhöhe, Nordrhein-Westfalen, Wohn- und Pflegeheim in Drabenderhöhe, Impfung, Interview, Heimleiter, van Breen, Corona

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