24. Mai 2020

Kein Infektionsfall im Wohn- und Pflegeheim in Drabenderhöhe: Heimleiter Marcus van Breen im Gespräch

In dem über bis zu 128 Pflegeplätze verfügenden Wohn- und Pflegeheim Haus Siebenbürgen in Drabenderhöhe wohnen zurzeit auch 65 Siebenbürger*innen. Aufopferungsvoll trägt Heimleiter Marcus van Breen gemeinsam mit den 54 Pflegemitarbeitenden Sorge für das Wohlergehen der ihnen anvertrauten Menschen. Dass es im Haus bislang keine Covid-19-Erkrankungen gegeben hat, führt van Breen vor allem auch auf eine frühzeitige Krisenvorbereitung zurück. Der 47-jährige Lüdenscheider ist ausgebildeter Psychiatrie-Fachkrankenpfleger und hat erst im vergangenen Jahr die Heimleitung übernommen. Mit vielfältigen Initiativen versucht man in Drabenderhöhe, die durch die Kontaktsperre bedingte wachsende Vereinsamung der Heimbewohner zu mildern. Konkrete Erwartungen äußert Marcus van Breen im folgenden Gespräch mit Christian Schoger hinsichtlich einer notwendigen Aufwertung des Pflegeberufs.
Heimleiter Marcus van Breen ...
Heimleiter Marcus van Breen
Herr van Breen, Glückwunsch, Ihr Haus ist bislang verschont geblieben von Corona-Infektionsfällen. Wie erklären Sie sich diese überaus erfreuliche Tatsache?

Es ist wirklich ein großes Glück, dass wir – Gott sei Dank – bisher verschont blieben! Denn die Auswirkungen, die ein Ausbruch in anderen Pflegeheimen hatte, waren zum Teil verheerend. Wir haben uns früh, schon im Februar Gedanken gemacht, wie wir uns auf eine mögliche Pandemie vorbereiten können und uns viel informiert. Wir haben uns in vielen Krisensitzungen mit den Leitungen ausgetauscht und die Informationen an die Mitarbeitenden weitergegeben. Auch haben wir durchgehend versucht, die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts umzusetzen. Wichtig waren sicher auch die angeordneten Maßnahmen wie das Besuchsverbot und Ausgangsbeschränkungen zur Verhinderung von Infektionen.

Nach sechs Wochen der Isolation können Bewohner von Seniorenheimen in NRW seit dem 9. Mai wieder Besucher empfangen. Das hatte das NRW-Sozialministerium wohl recht kurzfristig angekündigt. Wie haben Sie darauf reagiert, und wie lief dann der Muttertag im Pflegeheim ab?

Die Ankündigung war tatsächlich sehr kurzfristig und wurde emotional mit dem Muttertag verknüpft. Dies hat hohe Erwartungen in der Öffentlichkeit geweckt und war für uns schwierig zu händeln. Wir bekamen sehr viele Nachfragen von Angehörigen, ob und wann sie jetzt wieder zu Besuch kommen können, und waren zunächst selbst verunsichert, wie eine Lockerung umgesetzt werden kann, ohne den Schutz zu vernachlässigen. Wir mussten die vielen verständlichen Besuchswünsche bremsen, weil für uns erstens der Schutz vor Infektion der Bewohner Priorität hat und zweitens hohe Anforderungen an ein hygienisches Schutzkonzept im Rahmen der Lockerungen an die Einrichtungen gestellt wurden.

Am Muttertag konnten wir dann glücklicherweise schon vielen Bewohnern einen kurzen kontrollierten und sicheren Besuch ermöglichen. Und wir waren froh, dass ein befürchteter Ansturm ausblieb. Das nicht so gute Wetter hat vielleicht dazu beigetragen. Und die meisten Angehörigen verstehen die Problematik und halten sich an die notwendigen Beschränkungen.

Täglich 24 Zeitfenster für maximal einstündige Besuche

Sind Sie für eine schrittweise Lockerung des Besuchsverbots gut gerüstet? Wie beurteilen Sie räumliche Gegebenheiten und verfügbare Schutzausstattung?

Wir hatten schon vor diesen Lockerungen intensiv darüber nachgedacht, wie wir vielleicht Besuche ermöglichen können. Wir haben eine tolle und sichere Möglichkeit gefunden, weil wir die Kapelle und den angrenzenden Leseraum durch eine Falt-Glas-Wand auf voller Raumlänge und -höhe trennen können. Durch diese Abtrennung können auf der einen Seite unsere Bewohner und auf der anderen Seite Angehörige und Freunde sitzen, sich sehen und unterhalten – bei minimiertem Infektionsrisiko. Für die Nutzung dieses Besuchsraumes haben wir eine Sondergenehmigung der Heimaufsicht bekommen. Zum Muttertag konnten wir die Kapazität für den Besucherraum verdoppeln. Zusätzlich haben wir vier Pavillons im Robert-Gassner-Hof – unserem großen Innenhof – aufgebaut und Bierzelttische mit Abstand aufgestellt, an denen sich mit getrenntem Zugang Bewohner und Besucher treffen können. Dadurch haben wir jetzt pro Tag 24 Zeitfenster für Besuche für maximal eine Stunde. Meiner Ansicht nach haben wir damit ein gutes Besuchsangebot geschaffen. Für Bewohner, die zum Beispiel immobil sind, besteht zusätzlich die Möglichkeit, einzelnen Besuch auch auf dem Zimmer zuzulassen. Dafür sind dann aber besondere Schutzmaterialien notwendig.

Apropos Schutzmaterial: Dafür und für Desinfektionsmittel mussten wir viel Geld ausgeben, weil die Preise gewaltig gestiegen sind. Aber wir haben auch die tolle Erfahrung gemacht, dass sehr viele Nachbarn, Freunde und Mitarbeitende des Pflegeheims Schutzmasken genäht oder Material gespendet haben. Das hat mich sehr gerührt und ich bin allen Helfern und Unterstützern dafür sehr dankbar!
Eine Falt-Glas-Wand trennt die Kapelle und den ...
Eine Falt-Glas-Wand trennt die Kapelle und den Leseraum. So können sich Heimbewohner und ihre Besucher infektions­sicher begegnen. Foto: Ursula Schenker
Worauf kommt es in dieser neuen Phase besonders an? Was müssen Besucher jetzt beachten?

Besonders wichtig ist, dass die Lockerungen nicht gleichgesetzt werden mit vermindertem Risiko. Unsere Bewohner haben weiterhin ein hohes Risiko für einen schweren und tödlichen Verlauf der Covid-19-Infektion. Deswegen ist es dringend erforderlich, dass bei allen Besuchen der Abstand eingehalten wird und Schutzmaterial wie Mund-Nase-Maske getragen wird.

Videogespräche per Skype

Wie haben die Heimbewohner diese lange Phase der Abschottung geistig-seelisch verkraftet? Halfen Telefon und Internet, um den Kontakt zu den Angehörigen aufrechtzuerhalten?

Ich muss schon sagen, dass unsere Heimbewohner sehr unter den Einschränkungen leiden. Die vielen Kontakte mit Angehörigen und untereinander fehlen und damit verbunden auch die Möglichkeit, teilzuhaben an einem sozialen und aktiven Leben. Sie erleben Unsicherheit und Ängste über die Ausnahme- und Gefahrensituation, zudem Einsamkeit und Isolation, was zu Niedergeschlagenheit und teilweise Lethargie führt. Das ist schlimm mitzuerleben. Ein kleiner Versuch zu trösten, sind die Tablets, die wir angeschafft haben, um Videogespräche per Skype zu ermöglichen. Das wird auch von einigen Heimbewohnern genutzt. Unsere Pflegekräfte helfen dabei gerne. Überhaupt sind vor allem sie es – zusammen mit den Betreuungskräften –, die alles daransetzen, etwas Nähe und eine aufmunternde Atmosphäre zu schaffen. Dabei geben sie sich viel Mühe, und sie machen das sehr gut!

Gewiss werden Sie auch mit Missstimmung, Ängsten, Ärger konfrontiert gewesen sein. Haben Sie und Ihr Team situativ improvisiert, spezielle Programmangebote entwickelt?

Da haben sie Recht, zeitweise liegen die Nerven schon mal blank und es gibt Auseinandersetzungen. Das ist verständlich in dieser angespannten Situation. Auch über das ausgefallene Programm sind die Heimbewohner traurig oder manchmal auch verärgert. Besonders gefreut hat mich, dass in der ganzen Corona-Zeit noch kein Gottesdienst ausfallen musste, weil unsere Pfarrer und Organistinnen bereit waren und sind, ohne sichtbare Zuhörer einen Gottesdienst zu gestalten, der auf die Fernsehgeräte in den Zimmern und in die Gemeinschaftsräume der Wohnbereiche mit Bild und Ton übertragen werden kann. Das ist ein ganz besonderer Einsatz! Auch manche Musiker und Sänger haben schon ein kleines Konzert ohne Zuschauer gegeben, das übertragen wurde. Das finde ich richtig toll!

Wie haben Sie persönlich das Miteinander insbesondere der siebenbürgischen Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern in dieser Ausnahmesituation erlebt und wahrgenommen? Gaben die gemeinsame Herkunft, Glaube, Mundart, eine gewisse stabilisierende Orientierung in der Krise?

Ich bin sehr sicher, dass der Zusammenhalt, die Erfahrung, Krisenzeiten überstanden zu haben, ein Heimatbewusstsein und der Glaube einen großen Teil dazu beitragen, in dieser schweren Zeit Halt, Hoffnung und Zuversicht zu haben. Gerade dort, wo Menschen derselben Herkunft miteinander leben und die Bereitschaft und der Wunsch vorherrschen, Integration zu fördern und zu leben, da ist das Gemeinschaftsgefühl ein hoher Wert, der Trost und Kraft spendet.

Wir alle erleben diese von der Corona-Epidemie geprägte Zeit als außerordentlich befremdlich. Gerade als Heimleiter tragen Sie enorme Verantwortung. Was hat Sie in den vergangenen Wochen und Monaten besonders bewegt? Gab es einschneidende Erfahrungen?

In diesen Zeiten spürt man die Verantwortung als Heimleiter sicher etwas schwerer als sonst. Sehr schwierig für mich war es, die restriktiven Maßnahmen für unsere Heimbewohner umzusetzen. Man wünscht sich in einem Pflegeheim ein lebendiges Miteinander, einen regen Austausch, ein aktivierendes kreatives Programm, wo immer möglich – mit offenen Türen für Angehörige und Freunde. All das musste ich absagen. All das musste ich durchsetzen, ohne die Heimbewohner fragen zu können, ohne ihre Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit respektieren zu können und ohne eine Eingewöhnungszeit zu schaffen. Das war für mich sehr schwer und habe ich als sehr einschneidend erlebt. Sehr bewegt hat mich die große Bereitschaft, dem Pflegeheim mit Bewohnern und Mitarbeitenden in irgendeiner Art und Weise zu helfen und Anteil zu nehmen. Das macht Mut und gibt Kraft.

Nachhaltig bessere Arbeits­bedingungen für Pflegeberuf

Pflegemitarbeiter sind aktuell besonders gefordert und belastet. Am 12. Mai, dem Internationalen Tag der Pflege, konnte man das Versprechen des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil lesen: „Ich werde weiter für bessere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.“ Gab es in Richtung einer spürbaren Aufwertung des Pflegeberufes schon erste Maßnahmen? Was erwarten Sie an konkreten Schritten seitens der Politik?

Wir haben zum Glück nicht erleben müssen, wie die Pflegemitarbeitenden durch die sich ausbreitende Infektion in der Einrichtung über ihre Grenzen gehen müssen, selbst erkranken oder nicht mehr wissen, wie sie alles schaffen können, weil ein großer Teil der Kolleginnen und Kollegen ausgefallen ist. Aber die Angst davor empfinden sie. Die Pflege- und Betreuungskräfte sind zeitweise die einzigen sozialen Kontakte der Bewohner gewesen und sich gleichzeitig bewusst, dass sie es sein können, die die Bewohner anstecken. Das und vieles mehr belastet die Pflegekräfte in diesen Tagen sehr. Ein Applaus, also Wertschätzung und Anerkennung, ist wirklich das mindeste, denn erwarten könnten sie eigentlich viel mehr. Ich hoffe sehr, dass diese Zeit, in der der Pflegeberuf als so relevant und wichtig erkannt wird, wie er schon immer war, eine Gelegenheit ist, nachhaltig bessere Arbeitsbedingungen herzustellen. Dazu gehören konkret mehr Personal für gesicherte Arbeitszeiten, faire Löhne mit gesicherter Finanzierung, mehr Verantwortung bei gesicherter Kompetenz und mehr Attraktivität des Berufs für gesicherten Nachwuchs.

Wie lautet Ihre Botschaft an unsere Landsleute?

In einer Zeit, in der die Welt in einer großen Krise steckt, halte ich die kleine Geste für ein wichtiges Signal der Hoffnung: ein Lächeln, einen freundlichen Gruß, ein Hilfsangebot, Zusammenhalten. Ich wünsche uns Mut, Durchhaltevermögen und ganz besonders Vertrauen auf Gottes Beistand und Hilfe.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr van Breen. Bleiben Sie gesund!

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Schlagwörter: Pflege, Altenheim, Drabenderhöhe, Nordrhein-Westfalen, Wohn- und Pflegeheim in Drabenderhöhe, Interview, Heimleiter, van Breen, Corona

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