30. Dezember 2021

Landwirtschaftliche Themen für die Nachwelt dokumentiert: Nachruf auf Waldemar Mayer

Zum Tod von Johann Waldemar Mayer, Oberlandwirtschaftsrat a.D., Vorsitzender des Vereins deutscher Diplomagraringenieure aus dem Banat und Siebenbürgen. Vollkommen überraschend kam für alle Freunde und Bekannte die traurige Nachricht, dass Waldemar Mayer (seine Freunde nannten ihn Johnny) ganz plötzlich am 7. August 2021 im Alter von 88 Jahren in Spraitbach verstorben ist.
Waldemar Mayer (1932-2021) ...
Waldemar Mayer (1932-2021)
Waldemar wurde am 24. Dezember 1932 in Temeschburg als Sohn des Rechtsanwalts Dr. Johann Mayer (aus Deutschbentschek) geboren. Seine Mutter Katharina, geb. Ludwig aus Hatzfeld, entstammte einer wohlhabenden Großbauernfamilie. In eine geschichtlich aufregende Zeit hineingeboren, erlebte er die Kindheit in Temeschburg und besuchte die ersten Grundschulklassen in der Banatia. Der Kriegswirren wegen beendete er die Grundschule dann in Deutschbentschek, um dann im Piaristengymnasium mit rumänischer Unterrichtssprache die ersten vier Gymnasialklassen zu absolvieren, anschließend schrieb er sich am Deutschen Lyzeum in Temeschburg ein, das er 1952 mit Abitur abschloss. Trotz Abitur in der Tasche konnte er seinen Traum, Kinderarzt zu werden, nicht erfüllen. Er wurde zum Medizinstudium nicht zugelassen, da sein Vater nach fünfjähriger Russlanddeportation in ein Straflager am Donau-Kanal als politischer Häftling inhaftiert wurde. Nach Zwischenstationen als Hilfslehrer in Lugosch und Blumenthal, begann Waldemar ein Fernstudium an der Hochschule für Forstwesen in Kronstadt, setzte sein Studium dann am Temeschburger Agrarinstitut fort, welches er 1960 als Diplomagraringenieur abschloss.

1957 heiratete er seine Jugendfreundin Käthe Gantner, die als Lehrerin in Temeschburg tätig war, und das Ehepaar bekam zwei Söhne. Als sein Bruder, inzwischen Tierarzt geworden, nach einem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr zurückkehrte und für die Familie die in Rumänien üblichen Schikanen begannen, beantragte die Familie die Ausreise, konnte 1977 das Land verlassen und ließ sich vorübergehend in Heidenheim nieder, danach in Waiblingen und schließlich in Spraitbach (bei Schwäbisch Gmünd).

Waldemar Mayer konnte mit seinem Abschluss als Diplomagraringenieur, wie die meisten seiner Kollegen aus Rumänien, keine angemessene Arbeit finden. Er entschied sich, mit 45 Jahren nochmal die Schulbank zu drücken. Er begann einen zweijährigen Vorbereitungsdienst zum zweiten „Großen Staatsexamen“ und nach einem guten Abschluss wurde er Referatsleiter beim Landwirtschaftsamt Schwäbisch Gmünd. Dieses Amt übte er bis zum Eintritt in den Ruhestand 1995 aus. Sein Hauptziel aber war schon immer, alle Studienkollegen aus Rumänien zusammenzubringen. Bereits 1983 fand diesbezüglich ein vorbereitendes Treffen im Kongresszentrum in Böblingen statt, an dem 26 Kollegen und Kolleginnen teilnahmen. Alle waren sich darin einig, dass der Berufsstand der Diplomagraringenieure aus Rumänien einen Verein braucht, dem aber nicht nur Kollegen aus dem Banat angehören sollten, sondern auch aus Siebenbürgen. Hier muss aber vorausgeschickt werden, dass schon 1976 der „Arbeitskreis landwirtschaftlicher Fachkräfte aus Rumänien“ von Regierungsdirektor Josef Komanschek gegründet wurde, dem damals je 41 Banater und Siebenbürger angehörten.

Der „Verein deutscher Diplom-Agraringenieure aus dem Banat und Siebenbürgen“ wurde im Oktober 1984 in der Stadthalle Sindelfingen ins Leben gerufen – mit Waldemar Mayer als Vorsitzender. Anfangs nur mit einem Rundbrief, später mit einem Mitteilungsblatt, wurden immer mehr Kollegen angeschrieben und schließlich zählte der Verein mehr als dreihundert Mitglieder. Der Arbeitskreis des Vereins hatte als Grundziel vor allem die Eingliederung der Spätaussiedler, die Erstellung einer landwirtschaftlichen Dokumentation des Banats und Siebenbürgens, außerdem die Agrarpolitik und Agrarstatistik in Rumänien. Besonders wichtig war ihm, all seine Kollegen und Kolleginnen aus dem Banat und Siebenbürgen zu kontaktieren, die persönlichen Kontakte zueinander aufrecht zu erhalten und vieles gemeinsam zu unternehmen. Bis zur Auflösung des Vereins 2016, nach 32 Jahren, wurden gemeinsam zahlreiche, mehrtägige Frühjahrs- und Herbsttreffen organisiert, monatliche Stammtische und einzigartige Sommerreisen: nach London, Teneriffa, Mallorca, Österreich, in den Bayerischen Wald oder gar nach Brasilien und Argentinien. Die Informationstätigkeit des Vereins hat Waldemar mit seinem vierteljährlichen Informationsblatt, welches mittlerweile zu einer Informationsbroschüre mit über 100 Seiten wurde, mit seinen Landsleuten aufrechterhalten. Neben agrarpolitischen Themen aus Rumänien, Deutschland und weltweit wurden Beiträge aus der internationalen Wirtschaft und Politik, Kunst und Literatur veröffentlicht. Für Sport und Humor waren auch immer einige Seiten reserviert, ebenso wie für persönliche und private Mitteilungen. Diese redaktionelle Tätigkeit hat Waldemar Mayer über dreißig Jahre im Ein-Mann-Betrieb mit viel Arbeits- und Zeitaufwand bewältigt. Sein größtes Projekt war das Erstellen und Herausgeben des Bandes „Landwirtschaft im Banat und Siebenbürgen, von deutschen Bauern und Fachkräften geprägt“, den er 2008 zusammen mit seinem Freund und Kollegen Johann Dorfi herausbrachte. Das Buch umfasst die Agrargeschichte des Banats, zusammengestellt von den Diplomagraringenieuren Matthias Keller und Josef Prunkl, die Agrargeschichte Siebenbürgens, zusammengestellt von Dr. Heinz Werner Bredt, sowie Lebensläufe von 112 Kollegen aus dem Banat und Siebenbürgen.

Seiner Familie und allen Angehörigen gehört unsere Anteilnahme und Mitgefühl. Johnny, wir werden dich alle sehr vermissen.

Viktoria Decker und Josef Undiez

Schlagwörter: Kultur, Nachruf, Landwirtschaft, Banat, Temeswar

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