17. März 2022

Werkstattgespräche mit Heinke Fabritius, Folge 9: „Das 20. Jahrhundert“ und der eigene Blick für die Gegenwart: Lilian Theil, Textilkünstlerin in Schäßburg

Lilian Theils sogenannte Fetzenbilder sind in siebenbürgischen Kreisen schon länger bekannt und an einschlägigen Orten zu sehen gewesen. Nun werden sie von einer breiteren Öffentlichkeit entdeckt, nicht nur die Nachfrage steigt. Das Besondere an Lilian Theils zumeist knapp 1,5 x 1,5 m großen, an Patchwork erinnernden Textilbildern ist die Klarheit und Entschiedenheit, mit der die Künstlerin seit mehr als 30 Jahren ihren unabhängigen Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen ihres Heimatlandes umsetzt. Es geht um Herkunftsfragen und Sozialisierung, um das Spannungsverhältnis zwischen den Generationen und um Nachhaltigkeit, die in ihrem eigenen Haushalt seit jeher eine Selbstverständlichkeit ist. Dennis Meadows „Die Grenzen des Wachstums“, das sie bereits 1972 gelesen hat, erfuhr sie als Meilenstein, der ihren Blick auf die Welt entscheidend prägte. Die Begegnungen im Schäßburger Wohnzimmer, das zugleich Werkstatt ist, fanden an mehreren Tagen im letzten Sommer statt. – In der Serie der Werkstattgespräche besucht Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen am Siebenbürgischen Museum, in loser Folge Ateliers, Übungs- und Arbeitszimmer und bittet die Akteure zum Interview.
Lilian Theil. Foto: Heinke Fabritius ...
Lilian Theil. Foto: Heinke Fabritius
Frau Theil, eine Ihrer bekanntesten Arbeiten trägt den Titel „Das 20. Jahrhundert 1“. Sie zeigt eine Faust in der Mitte, rund herum, dicht gedrängt, Grabkreuze, dazwischen Hakenkreuze, aber auch Hammer und Sichel. Überflüssig zu sagen, dass es um die Visualisierung von Gewaltherrschaft geht. Es finden sich auch kleine gelbe Schlangen im Bild. Wofür stehen diese?
Das sind die Ohren der Spitzel.

Das erklärt die merkwürdige Windung der Tierleiber, die also Chiffre eines Ohres sind. Die Ohren sind lose über die gesamte Bildfläche verteilt, bis hin zum Bildrand, der zeigt Stacheldraht und viele prüfende Augenpaare.
Genau, es ist ein abgestecktes Feld. Die Mitte und der Bildrand sind in kühlen, dunklen Blautönen gehalten. Zu den Zeichen muss ich ja nichts sagen. Die versteht jeder. Dazwischen sind die Farben heller, wärmer, aber eben von den Schlangenbildern durchzogen.

Eine lang überlegte Komposition …?
Ja, das ist das Schwerste an der Arbeit. Ich möchte für die Gedanken, die ich mir mache, Bilder finden. Meine Gedanken in Bildern zeigen. Die Themen kommen aus meiner Lebenserfahrung.
Lilian Theil: „Das 20. Jahrhundert 1“, ...
Lilian Theil: „Das 20. Jahrhundert 1“, Stoffcollage, um 2000. Foto: Vlad Năstase
Welche Themen sind Ihnen besonders wichtig?
Die Gegensätze in der menschlichen Gesellschaft: Es gibt drei große Gegensätze, um diese ranken sich alle Herausforderungen und Probleme. Ich sage Ihnen, was ich dazu gemacht habe. Der eine Gegensatz ist der zwischen Mann und Frau. Der ist so stark, meine ich, dass es nicht so leicht ist, über Jahrzehnte hinweg damit ein Auskommen zu finden. Es sind so verschiedene Lebensauffassungen. So habe ich also eine Arbeit zur Ehe gemacht, aber auch einige zu Familiengeschichten.

Dieses Thema inszenieren Sie aber weniger abstrakt als „Das 20. Jahrhundert 1“, sondern als eine Bildergeschichte in 15 sehr konkreten Szenen.
Stimmt, manchmal kann man gut erzählen. Aber manchmal wird es zu dicht und dann brauche ich Symbole und Zeichen. Aber zurück zu den Gegensätzen: Den zweiten Gegensatz sehe ich zwischen den Generationen, zwischen Jung und Alt. Auch das ist ein kaum lösbarer Konflikt. Ihn im Bild zu zeigen, ist schwieriger, hierzu brauchte ich Symbole.

Auch Smilies?
Ja, warum nicht. Die versteht jeder, sie sind markant für unsere Zeit. Einen dritten entscheidenden Gegensatz sehe ich zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Hier werden die Dinge so komplex, dass es mir wichtig wurde, auch Sprache, einzelne Schlagwörter miteinzubeziehen, die sich dann mit dem Dargestellten ergänzen.

Und die Technik? Sie setzen Ihre Werke aus mal mehr, mal weniger präzis zugeschnittenen Stoffresten als „Patchwork“ zusammen, besticken sie teilweise sogar. „Fetzenbilder“ heißt das dann. Wie kamen Sie darauf und wann haben Sie damit begonnen?
An dem Tag, an dem die Kinder nach Deutschland sind. In den Sommerferien 1990. Mein Sohn wohnte mit seiner Familie hier im Haus, die Enkelkinder waren klein. Erst als sie weg waren, konnte ich sorglos mit Nadeln hantieren. Aber im Sinn hatte ich das irgendwie schon zuvor. Es hatten sich viele Fetzen angesammelt: Meine Mutter ist ausgewandert, der ist ausgewandert, jener ist ausgewandert und alle haben sie ihre Sachen hier bei mir gelassen, auch Kleidung. Erstens das. Zweitens gab es bei mir den Wunsch, das alles zu bewahren, es nicht wegzuwerfen.

Sie „mussten“ also gewissermaßen etwas damit machen?
Genau. Ich versuche prinzipiell, Dinge immer weiter zu verwerten und auch möglichst wenig einzukaufen. Was für den Alltag gilt – ich kaufe keine Cola oder Limonaden, sondern trinke Wasser aus der Leitung und spare mir den ganzen Plastikmüll –, lässt sich auf andere Bereiche übertragen, dazu gehört auch die künstlerische Arbeit.

Sie folgen klaren Prinzipien. Vor 30 Jahren begannen Sie so zu arbeiten wie gerade beschrieben. Damals waren Sie bereits 60 Jahre alt. Trotzdem wichtig zu wissen ist, dass Ihnen bildnerisches Arbeiten keineswegs fremd war. Neu war eher die besondere Konstellation von Dingen und Ereignissen, die zum Katalysator für bestimmte Entscheidungen wurde. Einmal getroffen, scheinen Sie zielstrebig fortgesetzt zu haben. Zögern nehme ich eigentlich keines wahr. Darf ich fragen, wo und in welchem Fach Sie Ihre Ausbildung erhalten haben?
Nix Ausbildung. Ich habe mich in Bukarest auf der „Nicolae Grigorescu“ beworben, habe die Aufnahmeprüfung bestanden, war eineinhalb Jahre Studentin. Eines Tages ist einer unserer Lehrer, Rudolf Schweitzer-Cumpăna, zu mir gekommen. Ich weiß nicht, ob Sie von ihm gehört haben, er war halb rumänisch, halb deutsch, ein sehr guter Maler. Er ist zu mir gekommen und hat zu mir gesagt: „Fräulein Obregia“, so war mein Mädchenname, „Sie müssen sofort das Institut verlassen und alle Ihre Sachen mitnehmen, denn Sie haben eine schlechte Herkunft“.

Das war zu Beginn des Kommunismus?
Ja, ich hatte eine „origine nesănă­toasă“, eine „ungesunde Herkunft“, das war im Jahr 1949. Es ist vielen so ergangen, ich war nicht die Einzige und es hatte nichts mit dem Deutsch- oder Nicht-Deutschsein zu tun. Es hat die Rumänen genauso betroffen, es war nicht etwas Nationales, sondern Soziales. Es war auch eine Sache, die an allen Hochschulen passierte. – Da mein Großvater Universitätsprofessor und Minister gewesen war, vor der Nazi-Zeit, und die große Psychiatrie in Bukarest als Minister durchgesetzt hatte, hatte auch ich eine schlechte Herkunft. Es war auch nicht gerade eine besondere Herkunft für die damalige Zeit. Heute heißt ein Boulevard in Bukarest nach meinem Großvater: Boulevardul Dr. Alexandru Obregia.

Wie ging es für Sie dann weiter?
Nach zwei Jahren war diese Welle der Herkunftsanalyse vorbei, ich habe die Aufnahmeprüfung für die medizinische Fakultät gemacht und sie auch bestanden. So habe ich zwei Jahre Medizin studiert und es dann freiwillig – weil es mich ausgesprochen überfordert hat – beendet. Ich sage das vor allem deswegen, weil ich nicht will, dass man denkt, dass nur der Kommunismus mich am Studieren gehindert hätte. Das stimmt zwar im Fall der Bildenden Kunst, nicht aber, was das Fach Medizin betrifft. Wenn ich gescheit genug gewesen wäre, hätte ich Medizin studieren können. Ich möchte das hier gerne sagen, denn man schiebt so gerne eigenes Versagen auf andere Dinge oder andere Menschen.

Sie haben also das eine nicht machen dürfen, gegen das andere haben Sie sich bewusst entschieden.
Ja, ich habe dann einen Arzt geheiratet. Das war viel besser.

Um nochmal auf das Kunststudium zurückzukommen: Als Sie sich anfangs dazu entschlossen hatten, gab es damals für Sie schon eine bestimmte Technik, ein Material, das Sie besonders interessierte?
Nein, das gab es nicht. Mein Interesse war zunächst ein allgemeines, aber wenn ich genauer darüber nachdenke, hatte ich schon besonders an das Zeichnen und Malen gedacht.

Die Textilbilder sind also etwas, das sich tatsächlich erst nach 1990 entwickelt hat.
Ja, wie ich sagte, es hatten sich so viele Fetzen angesammelt, und ich bin nicht mehr jung. Meinen Sie, es ist so angenehm, stundenlang vor dem Chevalet zu stehen? Besser hier zu sitzen und „Sturm der Liebe“ zu sehen und dabei zu nähen ...

Die Arbeit vor der Staffelei wird mühsam im Alter. Aber schauen Sie bei der Arbeit fern?
Ja, ich schalte „Sturm der Liebe“ ein. Ich höre es mehr an, als dass ich hinsehe. Ja, so ist es. Warum sollte ich in meinem Alter noch lügen? Ich könnte nicht zwei oder drei Stunden am Tag vor dem Chevalet stehen und malen, aber sitzen und nähen geht wunderbar.

Aber zunächst müssen Sie wissen, was Sie nähen wollen. Wie beginnen Sie ein Werk?
Der Anfang findet natürlich nicht vor dem Fernseher statt. Es sind Gedanken zu bestimmten Themen, auch Gespräche mit der Familie oder Freunden, die dazu führen, dass ich mir eine „Philosophie“ ausdenke. Das, die zentrale Idee, versuche ich dann zu übertragen und ein Bildkonzept zu entwerfen. Hier müssen Idee und Form zusammenfinden.
Lilian Theil: „Deportation – Januar 1945“, ...
Lilian Theil: „Deportation – Januar 1945“, Stoffcollage, um 2000. Foto: Heinke Fabritius
Neben den bereits erwähnten allgemein gesellschaftlichen Themen beschäftigen Sie auch Themenkreise, die die siebenbürgische Geschichte im Besonderen betreffen. Das Neben- und Miteinanderleben der Ethnien, die Aus- bzw. Abwanderung bestimmter Bevölkerungsschichten und auch die Deportation in die ehemalige Sowjetunion sind Themen, für die Sie unabhängige Sichtweisen prägten.
Ja, das ist für mich das Schwerste. Das macht mir aber auch am meisten Spaß. Dieses Nachdenken über ein bestimmtes Thema – zum Beispiel über das Auswandern der Siebenbürger Sachsen, das ich gerne mit Humor, nicht nur mit Bedauern bildlich zu fassen suche – zieht sich immer über einen längeren Zeitraum hin und es fließt viel von meiner persönlichen Lebenserfahrung darin ein. Dabei will ich offen sein und so ungehemmt wie ein Kind. Naiv ist das nicht.

Das Publikum dankt Ihnen den freien Blick. Zuweilen sind Ihre Bilder auch von Texten begleitet. Texte, die Sie eigens als Kommentar zu bestimmten Werken verfasst haben. In der Publikation von Anselm Roth, die 2018 im Schiller-Verlag erschienen ist, haben Sie solche Texte beigefügt.
Ja, es sind Dialoge. Fiktive Gespräche zwischen Josef und Josefine, die meiner Fantasie entsprungen sind und die stellvertretend für meinen Mann und mich stehen. Die ich jedoch komplett selbst geschrieben habe, deutsch und rumänisch. Die englische Fassung ist eine Übersetzung.

Mit anderen Worten: Text und Bild sind gleichwertig für Sie? Eine Ausstellung Ihrer Werke sollte also auch die Texte wiedergeben.
Genau, das wurde schon so gemacht. Ich sage Ihnen, das ist die beste Art der Präsentation.

Sie haben auch eine Arbeit zur Deportationsthematik angefertigt. Diese ist durch meine Vermittlung aktuell in der Ausstellung „Das Laub gesammelt aus fünf Herbsten …“ im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim zu sehen. Dazu gibt es aber keinen Text?
Nein. Dazu gibt es keinen Text. Aber das reicht auch so, es weiß ja jeder, worum es geht. Da hatten wir nichts zu reden.

Ja, das sagen Sie so …
Nun, mein Schwiegervater hat sich damals freiwillig gemeldet statt seiner Tochter. Sie war damals 20 Jahre alt und er 47. Er hat sich gemeldet, damit man nicht seine Tochter mitnimmt.

Ist das gelungen?
Es hat ein bisschen gekostet, aber in Rumänien kann Korruption – Gott sei Dank – Leben retten. Das gilt auch in anderen Fällen, im Falle der Juden, der Zigeuner, der Sachsen. Man konnte doch ein bisschen was tun. Mein Schwiegervater war der beste Mensch, der mir in meinem Leben begegnet ist. Ich habe ihn sehr bewundert.

Kam er aus der Deportation zurück?
Nach vier Jahren im Donbass wurden sie verschüttet, er wurde krank und mit einem Krankentransport nach Berlin gebracht. Von dort ist er dann mit einem Freund nach Rumänien zurückgekommen. Sie waren schlau, denn als die Polizei sie unterwegs aufhielt, sagten sie, sie kämen aus Rumänien und wollten nach Deutschland. Woraufhin sie in den Zug gesetzt und „zurückgeschickt“ wurden. So mussten sie nicht den ganzen Weg zu Fuß gehen. Ist das nicht schlau?

Und Ihr Mann wurde auch deportiert?
Nein, der war damals noch zu jung, 1931 geboren. Aber da sein Vater dann weg war und er nur noch mit Mutter und Schwester hier, musste er mit 14 Jahren zu arbeiten beginnen. Das hat er auch getan, in einer Arbeiterfamilie war das nicht anders möglich.

Welchen Stellenwert hat diese Arbeit zur Deportation in Ihrem Werk?
Es ist eine Arbeit ohne philosophischen Hintergrund, es geht um Fakten, für die ich nach Zeichen ringe. Ach ja, und ich habe mich gefreut, als das Titelbild für Mariana Gorczykas Roman „Diesseits und jenseits des Tunnels 1945“ in der Übersetzung von Beatrice Ungar angefragt wurde.

Auch die rumänische Originalfassung („Dincoace şi dincolo de tunel 1945“) trägt auf dem Umschlag ein Werk von Ihnen. Es ist ein Ausschnitt von jenem Bild, mit dem wir dieses Gespräch begonnen haben: „Das 20. Jahrhundert 1“. So schließt sich der Kreis unseres Gesprächs. Ich danke Ihnen für die Lebendigkeit der Eindrücke.

Bis einschließlich Ostern ist die Arbeit „Das 20. Jahrhundert 1“ sowie die beiden dazugehörigen Bilder „Das 20. Jahrhundert 2“ und „Das 20. Jahrhundert 3“ neben weiteren Werken Theils in der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. Bukarest ausgestellt. Die freundlicherweise vom Demokratischen Forum der Deutschen Kreis Kronstadt (DFDKK) zur Verfügung gestellte Arbeit „Deportation“ ist bis zum 24. April 2022 in der von Dr. Irmgard Sedler kuratierten Ausstellung „Das Laub gesammelt aus fünf Herbsten …“ im Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim am Neckar zu sehen.

Schlagwörter: Interview, Künstlerin, Schäßburg, Textilien, Heinke Fabritius

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