22. April 2026
Starker Zusammenhalt in herausfordernden Zeiten: Interview mit Bürgermeister Uwe Grempels in Altlußheim
Uwe Grempels wurde am 11. Januar 2026 mit 98,5 Prozent der Stimmen als Bürgermeister der kurpfälzischen Gemeinde Altlußheim wiedergewählt. Sein Gegenkandidat Awais Buttar erzielte 1,4 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 47,1 Prozent. Am 17. März erfolgte die feierliche Amtseinführung und Verpflichtung für weitere acht Jahre als Bürgermeister. Beim Festakt wurde Grempels (SPD) für seine hervorragende Arbeit, seine Bürgernähe und den Einsatz für die Weiterentwicklung der Gemeinde gewürdigt. Auch seine Lebensgeschichte – geboren 1967 in Kronstadt, aufgewachsen in Heldsdorf und seit 1989 in Deutschland – wurde als Beispiel gelungener Integration betont.

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem überwältigenden Wahlsieg. Was bedeutet dieses klare Votum für Sie?
Dieses Votum empfinde ich als Bestätigung meiner bisherigen Arbeit. Gleichzeitig ist es ein klarer Auftrag, die Gemeinde in den kommenden acht Jahren verantwortungsvoll zu führen und weiterzuentwickeln. Die Erfahrungen aus meiner ersten Amtszeit, die von mehreren Krisen geprägt war, haben mir gezeigt, dass die kommenden Jahre nicht nur aus geplanten Projekten bestehen werden, sondern vor allem auch aus vielen ungeplanten Herausforderungen.
Sie wurden 1967 in Kronstadt geboren, stammen aus Heldsdorf in Siebenbürgen und sind Diplom-Sozialarbeiter. Welche Entwicklungen haben dazu geführt, dass Sie sich entschlossen haben, in die Politik zu gehen?
Im August 1989 bin ich im Alter von 22 Jahren mit meiner Familie – kurz vor der Wende – nach Deutschland ausgereist. Zu diesem Zeitpunkt war ich vor allem mit mir selbst und meiner persönlichen Zukunft beschäftigt und kommunalpolitisch eher uninteressiert. 1994 sprach mich mein damaliger Vermieter – ein überzeugter Sozialdemokrat – an und fragte, ob ich für den Gemeinderat kandidieren möchte. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt und zugesagt. Bei den ersten beiden Versuchen hat es allerdings nicht geklappt. 2002 bin ich dann für einen verstorbenen Kollegen in den Gemeinderat nachgerückt und war anschließend 16 Jahre lang Mitglied des Altlußheimer Gemeinderats – bis zu meinem Amtsantritt als Bürgermeister.
Es war also nicht von Anfang an mein Ziel, in die Politik zu gehen. Das Interesse an der Kommunalpolitik ist vielmehr mit der Zeit gewachsen. Gleichzeitig habe ich unser demokratisches System immer mehr schätzen gelernt, insbesondere auch vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen in einer kommunistischen Diktatur. Der Erhalt unserer Demokratie ist für mich bis heute ein zentraler Antrieb und ein wesentlicher Grund für mein Engagement in der Kommunalpolitik.
Zusammenfassend kann ich sagen: Mein politisches Engagement ist das Ergebnis vieler einzelner Schritte und Erfahrungen. Am Ende führten sie dazu, dass ich mich 2017 entschieden habe, für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren.
Sie erwähnten die Erfahrungen in der kommunistischen Diktatur. Gibt es darüber hinaus auch siebenbürgisch-sächsische Prägungen, die Sie in Ihrer politischen Laufbahn beeinflusst haben?
Ja, diese Prägungen gibt es definitiv. Ich bin in einer Dorfgemeinschaft aufgewachsen, die aus vier Nachbarschaften bestand und in der die evangelische Kirche mit ihrem Pfarrer eine zentrale Rolle spielte. Sie prägten das Dorfleben und hielten die Gemeinschaft zusammen. Ich selbst war Teil einer dieser Nachbarschaften und konnte miterleben, wie sie organisiert war und welche Verantwortung sie im Alltag übernahm.
Mit der Konfirmation in meiner Heimatgemeinde Heldsdorf wurde ich mit allen Rechten und Pflichten in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen. Das bedeutete einerseits Freiheiten – etwa gemeinsam auf Bällen zu feiern –, andererseits aber auch Verantwortung. Wir halfen beispielsweise bei Beerdigungen, indem wir Gräber aushoben oder den Sarg zum Friedhof begleiteten. Ich habe auch erlebt, wie diese Nachbarschaft eigenständig Abwasserleitungen in der Straße verlegt hat – ohne Fachplaner und ohne staatliche Zuschüsse, sondern aus dem gemeinsamen Willen heraus, etwas Gutes für die Gemeinschaft zu schaffen.
Darüber hinaus denke ich oft an das Schicksal meiner Vorfahren. Meine Großväter waren im Krieg und in Kriegsgefangenschaft, und eine meiner Großmütter wurde – trotz zweier kleiner Kinder – in die Sowjetunion deportiert. Der Alltag meiner Herkunftsfamilie war geprägt von Verlusten und Entbehrungen. Gerade zu Beginn der Corona-Pandemie habe ich häufig an diese Erfahrungen gedacht. Mir wurde schnell bewusst, dass unsere heutigen Probleme – so herausfordernd sie auch sind – im Vergleich dazu oft kleiner erscheinen. Dieser Blick hat die konkreten Probleme nicht gelöst, aber er hat mir geholfen, Kraft zu schöpfen und Zuversicht zu bewahren.
Wenn ich die Geschichte der Siebenbürger Sachsen betrachte, gibt es für mich einen zentralen Wert: die Kraft der Gemeinschaft. Diese habe ich in meiner alten Heimat erlebt, und ich bin bis heute überzeugt, dass wir Krisen nur gemeinsam bewältigen können. Deshalb sehe ich es als eine meiner wichtigsten Aufgaben als Bürgermeister, den Zusammenhalt in der Gemeinde zu stärken – nicht nur in guten, sondern gerade auch in schwierigen Zeiten.
Am 7. Januar 2018 gewannen Sie Ihre erste Wahl mit 57,63 Prozent der Stimmen überraschend gegen den damals amtierenden Bürgermeister von Altlußheim. Welche Herausforderungen hatten Sie als Bürgermeister in Ihrer ersten Amtszeit zu bewältigen?
Rückblickend muss man zwischen geplanten Projekten und unerwarteten Herausforderungen unterscheiden. Zu den bewusst angestoßenen Vorhaben gehörten beispielsweise der Bau eines achtgruppigen Kindergartens, der Schulanbau sowie die Errichtung einer neuen Sportanlage.
Daneben gab es jedoch Herausforderungen, die uns völlig unvorbereitet getroffen haben – allen voran die Corona-Pandemie. Sie hat die gesamte Gesellschaft gefordert und auch uns in Altlußheim viel abverlangt. Wir haben uns vor Ort auf das konzentriert, was konkret machbar war. Statt Grundsatzdebatten zu führen, haben wir pragmatische Lösungen umgesetzt. Während auf Bundes- und Landesebene noch über Luftfilter diskutiert wurde, haben wir diese frühzeitig für alle Betreuungseinrichtungen und die Grundschule angeschafft. Zusätzlich haben wir 14 Impfaktionen für ältere Bürgerinnen und Bürger organisiert.
Kaum war diese Krise überwunden, folgte mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine die nächste große Aufgabe. Als kleine Gemeinde mussten wir sehr kurzfristig 77 Geflüchtete aufnehmen. Ohne die große Hilfsbereitschaft unserer Bevölkerung wäre das nicht möglich gewesen. Bis heute ist es uns gelungen, alle Menschen dezentral im Ort unterzubringen und schrittweise zu integrieren. Einige Kinder sind mittlerweile in Vereinen aktiv, und auch Erwachsene engagieren sich – zum Beispiel bei der Feuerwehr.
Die größte Herausforderung war jedoch die kurzfristige Übernahme der Trägerschaft für zwei evangelische Kindergärten. In einer akuten Situation haben Gemeinderat, Verwaltung und Kirche sehr gut zusammengearbeitet. Innerhalb von nur vier Monaten hat die Gemeinde 14 Erzieherinnen eingestellt und die Verantwortung für rund 270 Kinder sowie 64 neue Beschäftigte übernommen. Dieser Schritt war in mehrfacher Hinsicht bedeutend: Zum ersten Mal wurde die Gemeinde selbst Träger von Kindertageseinrichtungen, und zugleich konnte der gesamte Prozess erfolgreich umgesetzt werden.
Ich möchte klarstellen, dass diese Erfolge keine Einzelleistung des Bürgermeisters sind, sondern das Ergebnis eines guten Zusammenspiels von Bürgerschaft, Gemeinderat, Verwaltung und vielen engagierten Institutionen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Ihr eindeutiger Wahlsieg bestätigt die sehr gute Arbeit, die Sie geleistet haben. Welche Vorhaben und Ziele haben Sie sich für die zweite Amtszeit gesetzt?
Mit Blick auf die Zukunft ist es mir wichtig, die bestehenden Betreuungsangebote in Kindertagesstätten und Schule sowohl quantitativ als auch qualitativ zu sichern. Nur so können wir weiterhin alle Rechtsansprüche erfüllen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten.
Ein besonderes Herzensprojekt ist für mich der Bau eines Alten- und Pflegeheims, das wir hoffentlich in den kommenden drei Jahren realisieren und abschließen können. Darüber hinaus planen wir eine Freiflächen-Photovoltaikanlage, um die hohen Stromkosten unserer Kläranlage zu reduzieren. Damit verbinden wir die Ziele Klimaschutz und wirtschaftliche Vernunft.
Um nicht den Rahmen zu sprengen, beschränke ich mich bewusst auf diese drei Beispiele, es gibt nämlich viele weitere kleine und große Projekte. Gleichzeitig weiß ich aus meiner ersten Amtszeit, dass auch künftig wieder unvorhergesehene Herausforderungen auf uns zukommen werden. Langweilig wird es definitiv nicht.
Bleibt Ihnen dabei noch Zeit und Muße, um Ihre siebenbürgischen Wurzeln zu pflegen und Ihrer Familie gelegentlich Ihre Heimat Siebenbürgen zu zeigen?
Zeit ist ein knappes Gut, aber ich versuche, mir diese Momente bewusst zu nehmen. Ein fester Termin ist für mich das Pfingstwochenende in Dinkelsbühl. Dort bin ich gerne „ein Siebenbürger Sachse“, trage Tracht und laufe beim Umzug gemeinsam mit der Trachtengruppe Heldsdorf mit. Darüber hinaus zieht es mich immer wieder nach Siebenbürgen. 2024 war ich beispielsweise mit meiner Frau im Wohnmobil unterwegs und konnte viele sächsische Orte und Gegenden kennenlernen, die ich zuvor noch nicht gesehen hatte. Für mich steht fest, dass dies nicht mein letzter Besuch in meiner alten Heimat gewesen ist.
Besten Dank für das Interview. Ich wünsche Ihnen weiterhin Erfolg in Ihrem vielseitigen Wirken!
Schlagwörter: Politik, Bürgermeister, Heldsdorf
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