14. April 2026

Der nahbare Filmemacher: Zum 70. Geburtstag von Günter Czernetzky

Und schon folgt die nächste Wortmeldung! Das Publikum ist neugierig. Eine Frage jagt die nächste. An den Fragen merkt man: Das Thema ist den Menschen nicht vertraut. „Wird er noch können?“, denke ich. Keine Spur von Müdigkeit zeichnet sich in seinem Gesicht ab. Ich bewundere seine Geduld: Auf die naivsten Stellungnahmen geht er mit einer erstaunlichen Ernsthaftigkeit ein. Ausdauer hat er auch: Falsche Annahmen und Fehler räumt er diplomatisch aus dem Weg, kein Mensch fühlt sich gekränkt. Seine Erklärungen sind anschaulich. Er stellt Zusammenhänge her und nimmt das Publikum mit. Bis zum Schluss bleibt er nahbar. Wer zu schüchtern ist, um ihn während des offiziellen Publikumsgesprächs zu befragen, kommt hinterher zu ihm – Günter Czernetzky steht noch immer zugewandt im Foyer des Kinos und beantwortet Fragen.
Publikumsgespräch mit Günter Czernetzky und ...
Publikumsgespräch mit Günter Czernetzky und Ingeborg Szöllösi nach der Filmvorführung am 11. Januar 2026 im Bundesplatz-Kino Berlin, © Christel Wollmann-Fiedler
Viele wollen eine DVD erwerben. Kein Wunder, seine Filme sind tiefgründig: Im Grunde muss man sie alle öfter sehen, um zu verstehen, welche subtilen Botschaften sie transportieren. Ob es überhaupt Botschaften in seinen Dokumentationen gibt? Kaum, denn nichts steht ihm ferner, als sich auf das wacklige Terrain historischer Meta-Ebenen oder metaphysischer Erkenntnisse zu begeben. Wie in den Filmgesprächen erweist er sich auch in seinen Dokumentarfilmen als zugewandter Zeitgenosse, der dem Alltagsleben der Menschen, aber auch ihrer begrabenen Vergangenheit näherkommen will. In seinen Filmen lässt er eine große Zahl an Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen. Einen übergeordneten Erzähler setzt er nicht ein – er verzichtet bewusst auf einen „Dozenten“, der die filmisch vorgeführten Geschehnisse einordnet. Seine Liebe gilt zwar den besonderen Steinen aus Rumänien – den „Trovanten“, die er seit mehr als einem Jahrzehnt fleißig sammelt und in Ausstellungen präsentiert –, doch in Stein gemeißelte Interpretationen sind ihm suspekt, höhere Instanzen, die alles deuten wollen, ebenfalls. Ja selbst Musik, die Filmemacher oft in ihre Streifen einbauen, ist ihm nicht geheuer. Denn er will den Zuschauer weder durch Kommentare noch durch Musik aus dem Off manipulieren.

In Günter Czernetzkys Dokumentationen erzählen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über Erlebtes und Erlittenes. Sie lassen Vergangenes Revue passieren, Erinnerungen und subjektive Eindrücke aufkommen. Nach den Spuren, die die große Weltgeschichte in ihrem kleinen Leben hinterlassen hat, wird gefahndet. Tränen fließen, Lachen erschallt, Kritik wird laut, Wut und Ärger brechen sich Bahn, schwierige Lebensphasen stehen im Fokus. Es wird um Verständnis geworben, auch manchmal um Trost für die Wunden, die oft nicht heilen können, da sie tief im Gedächtnis oder Leib gespeichert sind. Günter Czenertzky hat für seine Filmprotagonistinnen und -protagonisten ein offenes Ohr, denn er weiß, dass der Raum, den er ihnen durch die Filmaufnahmen gewährt, manchmal Trost spenden kann: Schmerz- und Leiderfahrungen werden endlich wahrgenommen. Und es besteht Hoffnung, dass jene, die die Berichte der Erlebnisgeneration mitbekommen, daraus lernen und die Fähigkeit in sich entwickeln, Konflikte und Krisen im Großen wie im Kleinen rechtzeitig abzuwenden.

Wenn Günter Czernetzky an einem Drehort eintrifft, nähert er sich den Menschen, die in der jeweiligen Stadt oder dem jeweiligen Dorf leben, mit viel Empathie und ohne Vorurteile. Er erkundet sensibel, wer von den Bewohnern seine Lebensgeschichte erzählen möchte. Und er schafft es, den Menschen Vertrauen einzuflößen, so dass sie bereit sind, sich zu öffnen. Zudem ist er ein aufmerksamer Zuhörer und lässt jeden Menschen unvoreingenommen an sich heran. Er gehört zu jenen Filmemachern, die sich auf das, was an sie herangetragen wird, einlassen, denn es gibt keine vorgefasste Meinung oder Hypothese, die durch ein filmisches Werk bewiesen werden muss. So haftet seinen Dokumentarfilmen nichts Rigides oder Abgeschlossenes an, im Gegenteil: Sie laden zu Fortsetzungen ein. Deshalb wollen nach jeder Vorführung eines Czernetzky-Films die Fragerunden nicht abbrechen.

Wenn mich jemand fragen würde, welche Eigenschaften auf ihn zutreffen, so würde ich die Nahbarkeit und die Ernsthaftigkeit anführen. Günter Czernetzky ist nahbar und nimmt die Menschen ernst. Seine Filme sind authentische Dokumente der jüngsten Zeitgeschichte. Zuschauerinnen und Zuschauer sind frei, sich aus dem Mosaik, das seine Filme durch die zahlreichen Aussagen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen anbieten, eine eigene Meinung zu bilden. Und wenn irgendwo doch Musik erklingt, so ist es eine siebenbürgisch-sächsische Weise, die während der Feldarbeit von Frauen angestimmt wird, sich ungezwungen und natürlich in den Lebenskosmos der arbeitenden Menschen einfügt. Oder es ertönt plötzlich ganz bedrohlich ein martialisches Lied mit Fanfaren und Trompeten aus einer der vielen Nachrichtensendungen oder „Wochenschauen“, die Czernetzky nicht müde wird, einzublenden. Das Publikum wird durch solche Verfremdungseffekte wachgerüttelt: In der nationalsozialistischen und in der stalinistischen Zeit wurden Menschen durch Sprache, Gestik, Banner, Töne manipuliert. Alles verrät die eine Absicht: den Menschen absichtlich in die Irre zu führen und die Wirklichkeit zu entstellen.

Wie sehr der Mensch gefährdet ist, hat der am 27. März 1956 in Schäßburg geborene Filmemacher selber früh genug erlebt. 1978 wanderte er in die Bundesrepublik Deutschland aus. In seiner Schulzeit am Joseph-Haltrich-Lyzeum in Schäßburg gab es bestimmt auch helle Tage – wer in einer so idyllisch gelegenen Stadt aufgewachsen ist und die Atmosphäre eingesogen hat, ist beneidenswert. Bei den vielen Präsentationen seiner Filme, die ich in Berlin organisieren durfte, betone ich immer wieder, dass er aus einem malerisch gelegenen Ort, reich an architektonischen Schätzen, stammt. Solche Äußerungen tragen dazu bei, dass manch ein von Siebenbürgen nichts wissender Zuschauer Genaueres über Stadt, Land und Leute erfahren will. Begeisterung ist ansteckend. Doch Günter Czernetzky mahnt: „In der sozialistischen Zeit war Schäßburg alles andere als ein Idyll. Die Stimmung war bedrückend.“ Für ihn war es ein Befreiungsschlag, endlich das „Provinznest Schäßburg“ zu verlassen und in der Metropole Bukarest zu landen.

Die 1960er und 1970er Jahre waren – auch ohne stalinistische Schauprozesse – ein Grauen. Dem kommunistische Großgefängnis Rumänien wollte vor allem die deutsche Minderheit entkommen, auch Czernetzkys Eltern wollten nichts wie weg und waren heilfroh, als sie die „Papiere“ zur endgültigen Ausreise in die Bundesrepublik in der Hand hielten. Obwohl ihnen klar war, dass nicht jede Ausreise dem Familienglück diente und sich als eitel Sonnenschein ausnahm, lehnten Günters Eltern dessen Idee, das Filmstudium in Bukarest abzuschließen und den Eltern erst mit dem Diplom in der Tasche ins Wirtschaftswunderland zu folgen, kategorisch ab. Doch auch dieser ungewollte Schachzug – das gemeinsame Auswandern Günters mit den Eltern – erwies sich für ihn als großes Glück, denn es gab Ende der 1970er Jahre wohl für junge Studierende keinen quirligeren und politisch relevanteren Ort als Frankfurt am Main. An der dortigen Goethe-Universität belegte er die Fächer Geschichte, Philosophie, Kunsterziehung und war stets auf der Suche nach Möglichkeiten, Filmideen zu verwirklichen. Dieses unermüdliche Bestreben, sich filmisch auszudrücken, brachte ihn den Sechser im Lotto ein: 1979 wurde er an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) angenommen, und das ist bis zum heutigen Tag eine große Auszeichnung, denn – seit es diese Ausbildung in München gibt – werden nur sehr wenige Bewerberinnen und Bewerber zum Studium zugelassen. Czernetzky beendete sein Studium 1984, doch schon 1985 drückte der Wissbegierige und Bildungsbeflissene erneut die Hochschulbank: Bis 1987 vervollkommnete er seine Studien an der berühmten Philosophie-Hochburg der Jesuiten in München. Seiner Filmkarriere blieb er allerdings durchweg treu. Ab 1984 war er wissenschaftlicher und künstlerischer Assistent und ab 1988 bis 1990 Dozent an der HFF München. Die Bereiche „Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik“ blieben sein Steckenpferd.

Nach 1989, dem Fall des Eisernes Vorhangs, widmete er sich als freischaffender Filmemacher intensiv der Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit – Grenzen, Archive, Forschungs- und Dokumentationszentren an wichtigen historischen Schauplätzen standen ihm nun offen. Die bundesdeutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender waren gierig nach filmischem Material. In ihrer Bildungsmission unterstützten sie Czernetzkys Arbeit. So wuchs dessen Filmografie im Lauf der Jahre auf mehr als 40 Werke an. Erwähnt seien hier nur einige aus der Anfangsperiode seines Schaffens: „Donbass Sklaven – Verschleppte Deutsche erinnern sich“ (1992, ARD), „Arbeitssklaven unter Hitler und Stalin“ (1993, ARD/BR), „Workuta 1953. Rebellion im Straflager“ (1993, ARD/BR), „Wunden – Erzählungen aus Transsilvanien“ (1994, ZDF), „Stalingrad an der Donau“ (1995, SDR), „Gefangen und Verurteilt – Spätheimkehrer erinnern sich“ (1996, SDR), „Schicksal der Donauschwaben“ (zusammen mit Astrid Beyer, 1998, SDR), „Deutsche Spezialisten für Stalin“ (1997/98, SDR), „Vermißt, Verschollen, Vergessen – Auf der Suche nach dem Vater“ (2000, SWR).

Es gibt kaum ein zeithistorisches Thema, das er nicht beackert hätte. Seine Arbeit wurde mit Preisen wie dem Medienpreis des Bundes der Vertriebene (BdV) 1993 (für „Donbass Sklaven“), mit dem Ernst-Habermann-Preis 1997 (für „Stalingrad an der Donau“) und dem Medienpreis des BdV 1999 (für „Schicksal der Donauschwaben“) gewürdigt.

Selbst als das Interesse der Fernsehsender nachließ, blieb Czernetzky seinen Themen treu: Als Regisseur und Produzent ging er mit der von ihm gegründeten Filmgesellschaft „Rubicon“ weiterhin unerschütterlich seinen Weg. Die Aufarbeitung blieb über viele Jahre sein großes Thema. Das zeigen u.a. Filme wie „Die Russen kommen – Schicksal der Siebenbürger Sachsen aus Nordsiebenbürgen“ (2004), „Haus der Heimat Nürnberg“ (2005), „Lichtblicke & Schlagschatten“ (2007), in dem das Burzenland im Mittelpunkt steht, „FANAL – Finale Fragmente“ (2008), ein Film über das Nösner Land, seine Dokumentation über „Heimat Tag(e) der Siebenbürger Sachsen“ (2009) oder über das „Haus des Deutschen Ostens“ (2010) zu dessen 40. Jubiläum, der Film über die Siebenbürgen Sachsen „Wir wollen bleiben was wir sind!“ (2007) oder „Die Gründer“ (2019), ein Film zum 30. Jubiläum des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien. Aber auch Künstlerpersönlichkeiten wie Katharina Zipser (Dokumentarfilm von 1999) und Peter Jacobi (Dokumentarfilm von 2006) hat sich Czernetzky gewidmet. Schließlich ist er, der immer schon ein Lebenskünstler war, auch ein echter Künstler geworden. Auf die ökologische Katastrophe, auf die wir sehenden Auges zusteuern, will er mit seiner „Junk-Art“ hinweisen. Dabei verwertet er weggeworfene Materialien oder Abfall wieder und bastelt daraus Kunstwerke, die er bereits öfter in Hermannstadt und Schäßburg ausgestellt hat. Sein Lebensmittelpunkt hat sich mehr und mehr nach Siebenbürgen verlagert, wo er das ehrgeizige Ziel verfolgt, in Martinsberg (nahe Hermannstadt) ein Kunst- und Medienzentrum aufzubauen. Als guter Pädagoge fällt ihm diese Aufgabe leicht. Unterrichtet und gelehrt hat er bereits nach seiner Matura am Haltrich-Lyzeum – ein Jahr lang war er als Hilfslehrer im Dorf Gogan (Kreis Mieresch) tätig: „Diese Erfahrung war für mich äußerst prägend“, resümiert er rückblickend. Bis heute arbeitet er als Workshopleiter an Schulen und Hochschulen. Filmbegeisterte junge Menschen profitieren in seinen Workshops von seinen Erfahrungen als Filmemacher, Produzent und Künstler.

Aus der Fülle seines Werkes kann bis heute geschöpft werden. In Berlin hat er eine Fan-Gemeinde, die sich über die Präsentation seiner Filme freut, doch vor allem über das Gespräch mit einem engagierten Filmemacher. Wir, die Fans, wünschen ihm Schaffenskraft – für all seine filmischen und künstlerischen Projekte. Auf dass ihn die Inspiration nie verlassen möge! Hoch sollst du leben, lieber GC! Denn so nenne ich ihn – er liebt kurze prägnante Formulierungen. Daher dachte ich, passt der Spitzname GC am besten zu ihm.

Ingeborg Szöllösi

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Filmemacher

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