21. Mai 2026
Nachrichten über Gott und die Welt – auf Sächsisch
Chris Kaiser, Siebenbürger Sächsin aus Mediasch, produziert seit Beginn des Jahres Nachrichten auf Sächsisch. Jedes Wochenende entsteht eine kurze Sendung – meist fünf Minuten – mit den aktuellen Nachrichten der vergangenen Woche. Zu hören sind sie im Internet. Die Siebenbürgische Zeitung hat Frau Kaiser interviewt.

„Soksesch Nohrichten“, das sind nicht Nachrichten über Sachsen, auch nicht Nachrichten, die nur Sachen interessieren würde, sondern Nachrichten aus Deutschland und aus der Welt, Geopolitik, Kultur, Sport. Es sind drei bis fünf verschiedene Nachrichtenpunkte, in denen Ereignisse der Woche beleuchtet, unter Umständen sogar analysiert und eigeordnet werden. Der Ton ist möglichst neutral und objektiv gehalten, nur im Rahmen der Einordnung kommt vielleicht eine Nuance der Bewertung herein. Und alles eben auf Sächsisch.
Wen wollen Sie damit erreichen?
Dadurch, dass ich sächsisch spreche, sieht es so aus, als ob die Zielgruppe schon festgelegt ist. Nämlich, die Menschen, die das Sächsisch auch verstehen, also die Siebenbürger Sachsen. Es gibt aber auch eine zweite Zielgruppe, die ich damit erreichen will, nämlich Menschen, die Sächsisch auch mal hören möchten. Allein schon deswegen ergibt es Sinn, dass die Themen der Nachrichten etwas betreffen, was schon bekannt ist, oder vertraute Situationen. Wenn ich zum Beispiel über Trump, Iran und dem Krieg im Golf spreche, dann kann das auch jemand mitverfolgen, der das Sächsische nicht gut versteht.
Wie sind Sie darauf gekommen?
Ein Freund hatte mir einen Sprachschnipsel Letzeburgisch geschickt und gefragt: Klingt Sächsisch so ähnlich, gibt es im Internet etwas, wo ich mir das anhören kann? Ich habe gesucht und ich habe nichts gefunden, außer mundartliche Schwänke und Lieder oder Ähnliches. Das bringt aus meiner Sicht zu viel Kultur mit und bleibt nicht auf der rein sprachlichen Ebene. Es schlägt keine Brücke zu einem, der das noch nicht gehört hat. Bei dieser Internetsuche stieß ich auf Nachrichtenseiten aus Luxemburg und beim Lesen ging mir auf, was das Problem ist mit Sächsisch: Die Luxemburger haben ihr Letzeburgisch in das 21. Jahrhundert mitgenommen und sprechen in ihrer Sprache über alle Themen: Gott, die Welt und Politik. Diese Entsprechung gibt es mit dem Sächsischen nicht und es fehlt zum Teil grundsätzlich der Wortschatz dafür. So hatte ich die Idee, wusste aber nicht, wie ich damit wirklich anfangen soll. Drei Tage vor Silvester lag ich nachts wach und da fiel es mir ein: Ich mache einen Jahresrückblick. Gesagt getan, und so ist der Podcast geboren.
Wie ist Ihre Sendung aufgebaut, wie entsteht sie?
Meine einleitenden Worte sind: „ausgesucht, aufgeschrieben und gesprochen von Frau Kaiser“. So gehe ich vor. Ich betrachte die Woche: Was ist passiert, was ist erzählenswert? Es muss eine gewisse Vielfalt auch in den Themen vorliegen. Deswegen nicht nur Trump. Ich kann nicht immer nur über Trump sprechen, auch wenn er die Nachrichten dominiert. Und ich muss das Thema gut genug verstehen. Ich interessiere mich auch für Sport und Kultur, das kommt mir zugute. Den Text schreibe ich auf Deutsch auf. Im Idealfall spreche ich im Kopf schon die sächsische Form mit. Spätestens, wenn ich den Text auf sächsisch vorlese, merke ich, wo ich eine alternative Formulierung wählen muss. Zum Beispiel haben wir kein Genitiv-s im Sächsischen. Ich sage nicht „des Hundes“, ich sage „von dem Hund“. Ich muss aber auf Deutsch schreiben, weil ich das geschriebene Sächsisch nie gelernt habe.
Welchen Herausforderungen begegnen Sie dabei?
Ich kann nirgends nachschlagen, wie etwas gesprochen wird. Bei Fachbegriffen habe ich zum Beispiel ein Problem. Aber genau deswegen mache ich den Podcast, damit ich das Fachliche, das Sachliche, das Professionelle in die Sprache reinbringe, wo es fehlt. Tatsächlich kommt noch ein weiteres Problem dazu. Ich spreche mit Sächsisch die Sprache meiner Kindheit. Ich habe als Erwachsene Sächsisch nie gesprochen. In vielen Situationen kann ich auf Erinnerung zurückgreifen, wie Erwachsene um mich gesprochen haben und ich kann meine Mutter fragen. Aber es bleibt das grundsätzliche Problem der aktuellen Begrifflichkeit. Wenn ich über den schwulen Bürgermeister in München sprechen, dann übernehme ich das Wort „schwul“ ins Sächsische. Anderes Beispiel: Ich weiß nicht, wie das Wort Geisel auf Sächsisch heißt. Dann muss ich das umschreiben. Und in manchen Fällen greife ich lieber aufs Fremdwort zurück, z.B. sage ich „Resultate“ statt „Ergebnisse“. Ein Problem habe ich mit dem Wort „rumänisch“. Im Sächsischen heißt es „blesch“, aber wenn ich über die Staatsbürgerschaft spreche, ist es dann doch „rumänisch“, weil das die offizielle Bezeichnung ist. Manchmal entscheide ich nach Kriterien, die ich durchdenke, aber ich muss eine Entscheidung treffen und es bleibt damit auch ein offenes Projekt: Wenn jemand einen besseren Begriff hat und die besseren Argumente dafür, dann würde ich das auch so übernehmen. Darum geht es in diesem Projekt. Ich nenne es die Ausweitung der Sprachzone.
Können Sie ein paar Worte zu sich selbst sagen?
Ich bin in Mediasch geboren. Der Mediascher Dialekt weicht nur wenig ab vom Hermannstädter, welcher an sich wie Hochsächsisch gehandelt wird. Deswegen ist mein Mediascher Dialekt sehr gut geeignet für dieses Projekt. Ich bin im Alter von 16 Jahren nach Deutschland gekommen und habe das neue Leben in der neuen Welt mit allen Sinnen aufgenommen und ich kann es nicht anders sagen: Ich bin integriert, und das gerne. Auf der anderen Seite habe ich jahrelang bei Studium Transylvanicum mitgemacht, der jungakademischen Gruppe, die sich mit Siebenbürgen auf wissenschaftliche Weise auseinandergesetzt hat. Ich habe Germanistik und Philosophie studiert und habe Interesse an der Welt, an den Menschen in der ganzen Welt und bringe meine Begeisterung für mein siebenbürgisches Erbe in diese Kontakte mit der Welt hinein. Somit ist es nur folgerichtig, dass ich die Welt mit dem Siebenbürgischen und das Siebenbürgische mit der Welt verbinden will. Ich spreche mit meinen Kindern kein Sächsisch, möchte aber meinen Teil dazu beitragen, dieser Sprache ein bisschen neues Leben einzuflößen, den allzu musealen und privaten Charakter etwas überwinden.
Chris Kaiser ist mit einem Stand beim Heimattag in Dinkelsbühl vertreten. Sie finden sie Samstag (14.00-16.00 Uhr) und Sonntag (13.00-15.00 Uhr) im zweiten Stock des evangelischen Gemeindehauses. Die Nohrichten kann man auf der Webseite www.soksesch-nohrichten.de oder auf Spotify unter „Soksesch Nohrichten“ hören.
Schlagwörter: Medien, Mundart, Mediasch, Heimattag 2026
15 Bewertungen:
Noch keine Kommmentare zum Artikel.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.