21. Dezember 2004

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Michael Kroner: Arbeiter an einem identitätsstiftenden Geschichtsbild

Kurz vor den diesjährigen Weihnachten, am 22. Dezember, erfüllt in Oberasbach bei Nürnberg der Historiker Michael Kroner sein 70. Lebensjahr. Der promovierte Geschichtswissenschaftler und regsame Publizist hat sich mit seinen überaus zahlreichen Veröffentlichungen vielfach Wertschätzung erworben als fundierter Kenner und Deuter historischer Ereignisse und Entwicklungen vor allem in seinem transsilvanischen Herkunftsland, aber auch in der Geschichte Südosteuropas und nicht zuletzt in der seiner fränkischen Wahlheimat.
Entscheidend geprägt haben sein Denken und Trachten, seine Lebenshaltung und seine Lebensarbeit nach eigener Aussage die vier Jahre seiner Ausbildung am Schäßburger Lehrerseminar, das der 1934 im nahe gelegenen Weißkirch geborene Schüler zwischen 1950 und 1954 besuchte. Nicht grundlos ist in fast allen der etwa hundert Beiträge eines Erinnerungsbuchs, das die Kolleginnen und Kollegen aus Kroners Absolventenjahrgang mit Texten beliefert und kürzlich herausgebracht haben, von dem „Geist der Bergschule“ die Rede, der für ihren Werdegang bestimmend gewesen sei. Die Anstalt habe ihren Schülern Wertvorstellungen eingepflanzt, wie sie förderlicher nicht hätten sein können: Lebensentscheidungen hin zu Pflichtbewusstsein und Arbeitswillen, zu Wahrhaftigkeit und Grundsatztreue, zu Gemeinsinn und Toleranz.



Der Historiker Dr. Michael Kroner
Der Historiker Dr. Michael Kroner
Dominierend jedoch war der pädagogische Impetus, der erzieherische Antrieb, der hinter sämtlichen Aktivitäten dieser Anstalt stand und der, neben einem ausgeprägten Traditionsbewusstsein, offenbar in besonderem Maße auf den späteren Historiker gewirkt hat. Das sollte sich gleich nach dem Studium der Geschichtswissenschaften in Klausenburg (1954-1958) zeigen, als Kroner zwischen 1958 und 1968 als Lehrer und Rektor an der deutschen Abteilung des Bistritzer Gymnasiums wirkte. Unter anderem gründete er hier mit seinen Schülern einen Studienzirkel für Sachsengeschichte, dessen Tätigkeit jedoch bald den Unwillen der Sicherheitsbehörde erregte und unter Androhung strafrechtlicher Folgen seine Tätigkeit einstellen musste.

Im Jahre 1968 ging Kroner zur Kronstädter Wochenzeitung Karpatenrundschau, wo er bis 1978 als Redakteur für Geschichte, Volks- und Heimatkunde tätig war. Während dieses Jahrzehnts hat er in einem Arbeitsaufwand, der seinesgleichen sucht, im Blatt über 750 einschlägige Beiträge verfasst, wobei es ihm, wie er im Rückblick erklärt, zunächst „darum ging, die Geschichte der Rumäniendeutschen von dem Ruch des Reaktionären und der Faschismusnähe, der ihr in den ersten Nachkriegsjahren von den kommunistischen Machthaben angeheftet worden war, zu befreien und ihr in der Öffentlichkeit wieder Akzeptanz zu verschaffen“.

Zudem verfolgten die Texte über Ereignisse und Entwicklungen, Persönlichkeiten und Leistungen aus der Vergangenheit speziell der Siebenbürger Sachsen und allgemein der Rumäniendeutschen ein zweites, nicht weniger wichtiges Ziel, das letztendlich mit dem pädagogischen Impetus zusammenhing, der Kroner in Schäßburg vermittelt worden war: den Lehrern an den deutschen Schulen und Gymnasien Rumäniens ideologisch abgesichertes Informationsmaterial zur gruppeneigenen Geschichte in die Hand zu geben, mit dem sie die staatlichen Lehrpläne und Schulbücher ergänzen konnten, in denen die Minderheitengeschichte konsequent ausklammert wurde. Tatsächlich haben damals unzählige dieser Lehrer die von Kroner in der Karpatenrundschau verfassten oder redigierten Aufsätze, Artikelserien und Rubrikreihen Ausschnitt für Ausschnitt gesammelt und in ihren Schulstunden oder in außerschulischen heimatkundlichen Aktivitäten immer wieder nutzbringend verwenden dürfen.

Neben der redaktionellen Kärrnerarbeit hat Kroner in jenen Jahren immer wieder Zeit und Kraft gefunden für wissenschaftlich anspruchsvollere Forschungsarbeiten. 1972 promovierte er an der Bukarester Universität mit einer Dissertation über Stephan Ludwig Roth, die auch bei österreichischen und deutschen Fachkollegen Anerkennung fand, und war in der gleichen Zeit Verfasser zahlreicher Aufsätze in Fachzeitschriften sowie Autor oder Herausgeber mehrerer historischer Buchpublikationen.

Dass manchem der damaligen Texte Kroners eine zeitbedingte ideologische Verbrämung anhaftet, ist nicht wegzuleugnen, wird auch von ihm nicht weggeleugnet. Er war wie die übrigen Historikerkollegen jener Jahre in Rumänien zu Kompromissen mit der herrschenden Lehrmeinung gezwungen, um unter dem Deckmantel der Konformität geschichtliche Wahrheit aufscheinen zu lassen. Die Scheinheiligkeit derart vorgespielter Systemtreue ist der Obrigkeit nicht immer entgangen, auch im Falle Kroners nicht: Nachdem dieser als erster rumäniendeutscher Nachkriegshistoriker 1958 mit einer „Neuwertung“ von Werk und Wirken Stephan Ludwig Roths an die Öffentlichkeit getreten war, zeichnete der Bukarester Literaturhistoriker Heinz Stanescu in der Tageszeitung Neuer Weg, dem zentralen Parteiblatt der Deutschen in Rumänien, eine Philippika, in der er den damals noch jungen Historiker „unmarxistischer Betrachtungsweise“ bezichtigte, was einer existenzbedrohenden Vorverurteilung gleichkam. Kritische Veröffentlichungen dieser Art nämlich waren im kommunistisch totalitären Staat Methode: Man pflegte Leute, für deren Mundtotmachung die Anklageschriften beim rumänischen Sicherheitsdienst schon bereit lagen, zunächst in der Presse politisch zu verunglimpfen, um dadurch die Öffentlichkeit auf ihre Verhaftung vorzubereiten. In „Amtsgeschäften“ solcher Art hat in jener Zeit des Terrors gerade der genannte Literaturhistoriker wiederholt eine unheilvolle Rolle gespielt. In diesem speziellen Falle jedoch erwies sich sein Vorstoß als vergebliche Liebesmüh: Kroner hatte Glück und entging wie durch ein Wunder der Festnahme und Aburteilung durch eines der berüchtigten Femegerichte jener Jahre.

Dem Land, in dem man ständig der allgegenwärtigen Bedrohung durch den Staatsapparat und der Beschneidung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung ausgesetzt war, kehrte der Historiker schließlich den Rücken. Nachdem er seine Ausreise beantragt hatte und für knappe zwei Jahre im Kronstädter Kreismuseums auf ein Nebengleis abgestellt worden war, siedelte er mit Frau und zwei Söhnen 1979 nach Deutschland aus. Hier fand er zwischen 1980 und 1982 zunächst eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und wirkte anschließend bis zu seiner Verrentung 1995 als Archivpfleger des Landkreises Fürth. Mehrere Buchveröffentlichungen zur Lokalgeschichte seiner fränkischen Wahlheimat waren unter anderem das Ergebnis seiner hiesigen Forschungstätigkeit.

Parallel dazu hat Kroner die Beschäftigung mit der Geschichte seines siebenbürgischen Herkunftslandes ununterbrochen fortgesetzt. Bisher wichtigstes Resultat dieser seiner ständigen Zuwendung waren die zwischen 1997 und 2002 erschienenen zwölf Hefte einer Schriftenreihe zur „Geschichte der Siebenbürger Sachsen und ihrer wirtschaftlich-kulturellen Leistungen“, praktisch ein Kompendium der Sachsengeschichte. Und auch in diese etwa 800 Seiten starke Unternehmung hat der in Schäßburg erfahrene pädagogische Impetus hineingewirkt. Denn Kroners Reihe will, ohne auf Wissenschaftlichkeit zu verzichten, in erster Linie dem „interessierten Nichtfachmann“ einen handlichen „Überblick“ liefern über das, was die deutschen Siedler Siebenbürgens während der 850 Jahre ihrer Zeitweil in Transsilvanien an geschichtlichen Abläufen bewirkt, erfahren und gelitten, an zivilisatorischen und Kulturleistungen erbracht haben. Hier ist in „populärer, nicht aber populistischer Form“, wie das ein namhafter Fachkollege Kroners in einer Besprechung der Heftreihe anerkennend feststellte, ein Geschichtsbild entstanden, das in jedem siebenbürgischen Leser, wenn nicht das Bewusstsein, dann zumindest die Ahnung von seiner Zugehörigkeit zu einem tragfähigen Erbekonnex aufkommen lässt.

An seinem 70. Geburtstag darf Michael Kroner auf bisher etwa 1 500 publizistische Veröffentlichungen, rund 100 wissenschaftliche Aufsätze, 19 Buchtitel und 22 Broschüren zu historischen Themen zurückblicken. Sie weisen ihn allesamt als ausdauernden Arbeiter an eben diesem Geschichtsbild aus, mit dem Identität gestiftet, mit dem aus Vergangenem Gegenwärtiges und Künftiges erkannt und bewältigt werden kann. Dafür sei ihm Dank gesagt.

Hannes Schuster

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 20 vom 15. Dezember 2004, Seite 7)

Schlagwörter: Kultur, Historiker, Päddagoge, Publizist, Schäßburg, Nürnberg

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