30. September 2004

Franz Hodjak

Es fällt einem nicht leicht, sich damit abzufinden, dass die rumäniendeutschen Schriftsteller, die bis vor kurzem – wohl auch weil diese Literatur keinen Nachwuchs kennt – noch zu den jungen aufmüpfigen deutschsprachigen Dichtern Rumäniens gehörten, allmählich in die Jahre kommen. Vor allem im Falle Franz Hodjaks, der am 27. September in Usingen bei Frankfurt am Main seinen 60. Geburtstag feiert, hat man seine Schwierigkeiten, ihn einer Altersgruppe zuzurechnen, der er weder durch seine Lebenseinstellung noch durch sein dichterisches Werk angehört.

Wenn man in den 1980er Jahren mit Franz Hodjak – in der Regel war in Klausenburg Peter Motzan bzw. in Hermannstadt Joachim Wittstock mit dabei – bei einem Gläschen Wein zusammensaß, bewegte sich das Gespräch unwillkürlich Richtung Nicolae Ceausescu. Nach der zweiten oder dritten Flasche – wer will sie in jenen Jahren gezählt haben, als das halbe Land seinen Alltagskummer in gepanschtem Schnaps und Wein ertränkte und der Alkoholgenuss mit zu den geistigen Ausflüchten aus dem von der Diktatur total vereinnahmten öffentlichen Leben gehörte –, nippte Franz Hodjak an seinem Glas, schlürfte ein Schlückchen, kraulte seinen Bart, in dem sich die ersten grauen Haare bemerkbar zu machen begannen, und sagte dann fast nebenbei: "Tata" – der rumänische Ausdruck für Väterchen, den er gern gebrauchte, wenn er zu dozieren begann –, "wir werden es bald erleben, dass dieser gehängt wird". Wer mit "dieser" gemeint war, brauchte er uns verblüfften Zuhörern nicht weiter zu erläutern. Wir schauten uns verdutzt an, schwiegen zunächst, widersprachen aber danach vehement, weil wir es bei der Machtfülle, die sich in den Händen des „Conducators“ besonders gegen Ende seiner Herrschaft gehäuft hatte, nicht für möglich hielten, dass dieses vom überwiegenden Teil der Bevölkerung Rumäniens verhasste Regime irgendwann mal ein Ende nehmen könnte.

Doch nicht nur wegen seiner angenehmen Gesellschaft, seiner analytischen Denkschärfe, seines Willens zur Wahrhaftigkeit und seiner geistigen Unabhängigkeit saßen die damals jungen rumäniendeutschen Literaten gern mit Franz Hodjak in geselliger Runde zusammen, selbst wenn die eine oder andere Begegnung bei zunehmendem Alkoholzuspruch zuweilen skurrile Formen annahm. Immer ging es spannend und witzig in seiner Gegenwart zu. Hodjak sprach aufrichtig und schonungslos über die Arbeiten der rumäniendeutschen Schriftstellerkommilitonen, gelegentlich auch über seine Ängste und Zweifel, Eitelkeiten und Schwächen, im vertrauten Freundeskreis auch sehr kritisch über die diktatorische Führung. Es war vor allem die stets mit logischer Stringenz vorgetragene Argumentation, die die jungen Literaten, deren Bücher er als Lektor im Dacia Verlag betreute und für deren Begabungen er ein Gespür hatte, beeindruckte und die von dem gespreizten Gehabe der heute längst vergessenen rumäniendeutschen Intellektuellen jener Jahre abstach.


Alles, was unter dem Schleier der Ideologie daherkam, ganz gleich ob unter dem Deckmantel des offiziell immer noch verkündeten Kommunismus, des aggressiver sich gebärdenden rumänischen Nationalismus oder des zur Schau getragenen „Wir“-Gefühls der Siebenbürger Sachsen, dem er distanziert gegenüberstand, fasste er als Beschränkungen des freien Denkens auf. Offenheit für Gegenmeinungen, Liberalität und Toleranz waren und sind für ihn Grundbedingungen intellektueller und menschlicher Existenz. Franz Hodjak blieb – den Protagonisten seiner Romane ähnlich – bei aller Freundschaft und Zuverlässigkeit sowohl als Mensch als auch als Schriftsteller ein Einzelgänger, keine Gruppe konnte ihm je das Gefühl geben, richtig dazuzugehören.

Neben der Vorbereitung auf den künftigen Beruf, war es wohl auch eine unbändige Neugier und der Wille zum freien Selbstentwurf, die den jungen Franz Hodjak, der als Soldat in der rumänischen Armee und als Hilfsarbeiter die Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus rumänischer Prägung bereits kennen gelernt hatte, veranlassten, in Klausenburg das Studium der Philologie aufzunehmen und damit auch der provinziellen Enge seiner Heimatstadt Hermannstadt zu entweichen. Der Umgang mit Gleichgesinnten und das besondere kulturelle Flair der bekannten siebenbürgischen Studentenstadt, in der auch die wenigen deutschen Intellektuellen aufgrund ihrer Leistungen neben den viel zahlreicheren rumänischen und ungarischen Flagge zeigen konnten, ließen ihn zum Dichter heranreifen. Zunächst etwas verunsichert und zurückhaltend, doch mit den Jahren mit zunehmender poetischer Ausdruckskraft und beeindruckender Produktivität erschrieb sich Franz Hodjak einen der ersten Plätze in der immer noch erstaunlich lebendigen rumäniendeutschen Literaturszene der 1970er und frühen 1980er Jahre. Ein nimmermüdes Interesse an der Welt, in der er lebte, vor allem aber eine nie erlahmende Neugier auf immer neue künstlerische Ausdrucksformen und Innovationen der zeitgenössischen Literatur sollte hinfort sein poetisches Credo werden. Bei aller Offenheit für die Angebote, Umwege und Unwägbarkeiten des Lebens bildete die Literatur ein zentrales Element seiner Biographie. Schreiben verstand er als Nachdenken über sich und die Welt, als Arbeit am konzentrierten Text, die Erweiterung der sprachlichen Modulationsfähigkeit als Hauptanliegen seiner schriftstellerischen Tätigkeit. So sind nach und nach, seit dem Studienabschluss im Jahre 1970, neben seiner Arbeit als Verlagslektor bereits in Rumänien eine Vielzahl von Büchern, Lyrik, Prosa und Übersetzungen – die alle hier auch nur aufzulisten, nicht möglich ist –, entstanden, die Franz Hodjaks Position nicht nur im zunehmend schrumpfenden rumäniendeutschen Literaturbetrieb festigten, sondern ihn auch in der rumänischen und ungarischen Literaturszene bekannt machten, ja sogar im deutschsprachigen Ausland, vor allem in der DDR, was damals zu den rühmlichen Ausnahmen gehörte.

Obwohl ohne heimatliche Anhänglichkeit, hat die Aussiedlung der Deutschen aus Rumänien, zu der er sich erst 1992, nachdem bis auf ein/zwei Ausnahmen alle Literatenfreunde das Land verlassen hatten, entschloss, in seinem Werk kenntliche Spuren hinterlassen. Seine zahlreichen Gedichte zu diesem Themenkreis hat er selbst als „sanfte Visionen von einem kleinen Teil des Weltuntergangs“ bezeichnet.

Auf einem der reichsten Büchermärkte der Welt Fuß zu fassen, war beileibe alles andere als einfach – das wusste der bei all seiner geradezu überbordenden schriftstellerischen Phantasie illusionslose und mit einem wachen Realitätssinn ausgestattete Franz Hodjak, nachdem er den Landeswechsel vollzogen hatte. Durch Zielstrebigkeit und Fleiß und nicht zuletzt dank seiner schriftstellerischen Begabung gelang es ihm, in nicht allzu langer Zeit bei einem Verlag unterzukommen, dem als Autor anzugehören, zu den verwegensten Träumen vieler, nicht nur rumäniendeutscher Schriftsteller gehört. Im renommierten Frankfurter Suhrkamp Verlag, der bereits 1990, Hodjak lebte damals noch in Rumänien und war mit dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg Bachmann Wettbewerb ausgezeichnet worden, den Gedichtband Siebenbürgische Sprechübung herausgebracht hatte, sind mittlerweile insgesamt acht Bücher erschienen, Gedichtbände, Romane, Erzählungen und ein Monodrama.

Andere werden gewiss noch folgen, denn Franz Hodjak, dessen Glauben an die Wirkungsmöglichkeit der Schriftsteller in einer multimedialen Öffentlichkeit zwar geschrumpft ist, nicht jedoch an die Literatur selbst, steht in der eigenen und in der Schuld seiner Leserschaft, auch hinfort über die Welt, die auch in den „Spielräumen“, in denen er sich jetzt als freischaffender Autor bewegt, unvollkommen ist, und über den Menschen, der laut Friedrich Hebbel eine „vollständige Menagerie“ ist, „zu düchten“, um eine der Lieblingsvokabeln Hodjaks aufzurufen.

Stefan Sienerth

Link: Franz Hodjak ist ein leichtes Buch über das schwere Leben geglückt
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Schlagwörter: Porträt, Kultur

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