1. November 2002

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Horst Weber

Der Journalist Horst Weber (58) ist Chefredakteur der "Hermannstädter Zeitung", für die er seit 1970 tätig ist. Der gebürtige Agnethler mit Wohnsitz in Hermannstadt schildert seinen beruflichen Werdegang, gibt Auskunft über das Profil seiner Zeitung und äußert sich zur deutschen Minderheit in Rumänien. Das Interview führte Internetreferent Robert Sonnleitner.
Seit wann arbeiten Sie für die Hermannstädter Zeitung? Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren beruflichen Werdegang.

In meinem Geburtsort Agnetheln ging ich zur Schule. Nach der Maturaprüfung, die jetzt Bakkalaureat heißt, war ich, mit siebzehneinhalb Jahren, für neun Monate Dorflehrer. Die Leute nannten mich "Härr Räkter"! Danach studierte ich Germanistik und Rumänistik in Klausenburg und arbeitete drei Jahre als Übersetzer in einem Chemiewerk. Weil die Tätigkeit dort auf Dauer unbefriedigend war, riet mir ein Bekannter, mich bei der "Hermannstädter Zeitung" zu bewerben. Ich tat es, schrieb Probeartikel und wurde genommen. Das war Mitte 1970.

Was hat Sie bewogen, Journalist zu werden?

Als Germanist hatte man im kommunistisch organisierten Rumänien keine großen beruflichen Möglichkeiten. Als ich 1967 die Hochschule absolvierte, standen bei der zentralen Postenverteilung in Bukarest nur zwei Berufe zur Wahl: Lehrer und Übersetzer. Und weil ich um nichts in der Welt Lehrer werden wollte, wurde ich zuerst Übersetzer und, als sich diese Möglichkeit bot, Journalist.

Bedeutet Journalismus für Sie, Macht auf die Leser auszuüben?

Journalist sein hat nach meinem Verständnis in erster Linie etwas mit Information zu tun. Der Journalist gibt dem Leser via Zeitung/Rundfunk/Fernsehen jene Informationen, die dieser braucht, um sich in der Sache ein Urteil bilden zu können. Selbstverständlich hat auch ein Journalist Meinungen, die er in seinem Medium vertreten kann und soll. Als Meinungsjournalist kann er die Leser/Hörer/Zuschauer beeinflussen, d. h. er kann durchaus Macht ausüben. Aber für mich war und ist das zweitrangig, überdies bin ich kein Machtmensch.

Warum sind Sie nicht wie der Großteil der Siebenbürger Sachsen ausgewandert?

Ich mochte nicht mit dem Strom schwimmen, obwohl es mir und meiner Familie unter Ceausescu nicht besser gegangen ist als allen anderen. Auch wir mussten uns nachts um 3 Uhr in einer Menschenschlange anstellen, um die tägliche Milch für unsere kleinen Kinder zu besorgen. Das nur als Beispiel für die zahllosen Demütigungen, denen man zu jener Zeit ausgesetzt war. Weder ich noch meine Frau - auch sie Journalistin - waren davon überzeugt, dass wir unsere Alltagsprobleme durch Auswanderung lösen könnten. Außerdem mag ich diese Stadt (Hermannstadt) und dieses Land, ich kenne seine Leute und weiß, wie sie reagieren. Rumänien und die Rumänen waren und sind für mich vorhersehbar. Ich kann mit ihnen leben und umgehen. Und drittens: Irgendwann in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ahnte ich, dass Ceausescu nicht mehr lange weitermachen würde. Da begann ich neugierig zu werden auf das "Danach". Und als dieses "Danach" im Dezember '89 eintrat, wurde das Leben in Rumänien unheimlich spannend, gab es so viel zu tun (zum Beispiel das Forum als Interessenvertretung der deutschen Minderheit aufzubauen), dass ich auch dann nicht gegangen bin, als die Dämme brachen.

Wie sehen Sie die Entwicklung Hermannstadts in den letzen 12 Jahren?

Zehn Jahre lang hat sich kommunalwirtschaftlich nichts getan, teils weil es kein Geld gab, teils weil sich die Politiker - Präfekt, Bürgermeister, Vizebürgermeister, Stadträte - untereinander befehdeten und dadurch für Stillstand sorgten. Erst nach der Wahl von Klaus Johannis zum Bürgermeister hat sich einiges zum Guten gewendet. Eigentlich ist es bisher nur eine Rückkehr zur Normalität. Dass Straßen gekehrt und repariert werden, dass Grünanlagen gepflegt werden, das ist jetzt wieder (fast) selbstverständlich.

Wie beurteilen Sie Stimmung und Lage der in Rumänien verbliebenen Siebenbürger Sachsen?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Denn die Situation der letzten verbliebenen Sachsen im Dorf A (beide alt und womöglich bettlägerig) ist nicht zu vergleichen mit der der 50 Sachsen im Dorf B, die noch eine halbwegs funktionierende Gemeinschaft bilden. Im ersten Fall ist die Perspektive gleich null, im zweiten Fall gibt es zumindest mittelfristig eine. Man sollte sich nicht auf die Frage fixieren, was man einmal war und heute nicht mehr ist, sondern sollte aus dem, was man heute ist und hat, das Beste machen.

Gibt es in Rumänien außer der HZ und der Tageszeitung ADZ noch andere deutschsprachige Pressepublikationen?

Ja, die "Kirchlichen Blätter" und die "Forschungen zur Volks- und Landeskunde". Die (einstmals "Neue") "Banater Zeitung" und die "Karpatenrundschau" sind als Beilagen in der ADZ aufgegangen, "Neue" Literatur" und "Volk und Kultur" sind eingegangen. Dafür sind mehrere Gemeindeblätter entstanden (u. a. in Mediasch, Hermannstadt, Bukarest) sowie ein kirchliches Infoblatt, die "Landeskirchlichen Informationen".

Wer waren die Herausgeber dieser Zeitung und wer ist es heute?

Die Herausgeber waren von Februar 1968 bis Dezember 1989 die Parteiorganisation des Kreises Hermannstadt und der Kreisvolksrat. Als diese sich auflösten, standen wir ohne Geld da, denn das lag auf dem Konto der Partei, das die neuen Machthaber gesperrt hatten. Von Januar 1990 bis Juli 1996 hatte die Zeitung keinen Herausgeber und keinen eindeutigen juristischen Status. Darum wurde von uns Redakteuren die "Stiftung Hermannstädter Zeitung" gegründet, sie ist jetzt der Herausgeber.

Wie haben Sie als Mitarbeiter der Zeitung "Die Woche" den politischen Umsturz in Rumänien erlebt? Wie kam es zum Namenswechsel?

Das war kein Namenswechsel! Die "Hermannstädter Zeitung" ist 1968 unter diesem Namen gegründet worden, musste aber im Herbst 1971 in "Die Woche" umgetauft werden, weil Ceausescu den öffentlichen Gebrauch der minderheitensprachlichen Ortsnamen verboten hatte. Am 26. Dezember 1989 sind wir zum angestammten Namen zurückgekehrt.

Konnte die Zeitung in den "heißen" Tagen der Revolution überhaupt erscheinen?

Die Ausgabe vom 22. Dezember musste ausfallen. An allen Ecken wurde geballert, Pulverdampf lag über der Stadt.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten für die Redaktion der HZ und für die Stiftung?

Für die "Hermannstädter Zeitung" arbeiten fünf Redakteure und zwei Hilfskräfte (Sekretärin und Botenfrau), die bei der Stiftung fest angestellt sind. Eigens für die Stiftung arbeitet niemand.

Wie hoch ist die Auflage der HZ? In welchem Verhältnis stehen Inlands- zu Auslandabonnements?

Die Auflage liegt bei 2000 Exemplaren, davon gehen nicht ganz 1000 ins Ausland, hauptsächlich nach Deutschland und Österreich. In ihren besten Zeiten druckte die HZ nie mehr als 10 000 - 10 500 Exemplare. Das war Anfang der siebziger Jahre, als im Kreis Hermannstadt noch 80 000 - 90 000 Deutsche lebten. Heute sind es gerade mal 6600. Von den 2000 gedruckten Zeitungen bleiben zurzeit 770 im Kreis Hermannstadt. Wenn man von der Faustregel ausgeht, dass jede Zeitung von 2-3 Personen gelesen wird, kommt man zu dem Schluss, dass jeder dritte oder vierte Deutsche im Kreis Hermannstadt die HZ liest. Wie ich finde, ein gutes Ergebnis.

Wie finanziert sich die HZ bzw. Stiftung?

Die Zeitung bzw. Stiftung hat zwei Geldquellen, die Eigeneinnahmen aus Verkauf und Anzeigen sowie die Subventionen, die sie von der rumänischen Regierung über das Demokratische Forum erhält.

Wer bezieht die HZ?

Die "Hermannstädter Zeitung" ist in den letzten zehn Jahren vom Provinz- zum Weltblatt mutiert. Unsere Leser leben nicht mehr nur in Siebenbürgen, sondern sind über die ganze Welt verstreut. Und es sind nicht mehr nur Siebenbürger Sachsen, sondern Leute, die aus dem einen oder anderen Grund aus dem Ausland nach Rumänien zugezogen sind (Unternehmer, Diplomaten, Gastlehrer, Gastpfarrer, Sozialarbeiter, Aussteiger). Außerdem werden wir im Ausland gelesen von Menschen, die einen Bezug zur Region haben (als Touristen, Teilnehmer an Hilfsgütertransporten etc.). Das Gros unserer Abonnenten sind nach wie vor die dagebliebenen bzw. ausgewanderten Hermannstädter.

Welche Rolle sollte die deutschsprachige Presse in einem nicht deutschsprachigem Land spielen?

Sie spricht ein begrenztes Marktsegment an: Angehörige der deutschen Minderheit, deutschsprechende "Gastarbeiter" und rumänieninteressierte Ausländer. Dieses schmale Segment sollte sie möglichst gut abdecken, indem sie den Lesererwartungen dieser drei Kategorien zuverlässig gerecht wird.

Können Sie uns den Internetauftritt der HZ kurz vorstellen?

Die HZ gibt es seit 1998 auch im Internet, allerdings nicht vollinhaltlich. Wir stellen nur ausgewählte Nachrichten und Berichte ins Netz. Das Echo ist überwiegend positiv. Die Adresse lautet: www.hermannstaedter.ro.

Nehmen Sie Bestellungen für Auslandsabonnements auch über das Internet an? Was kostet ein Abonnement?

Bestellungen übers Internet? Nein. Ein Abonnement in Deutschland kostet, wenn es bei unserer dortigen Kontaktperson bestellt wird, jährlich 40 Euro, inklusive Zustellgebühr.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

Link: www.hermannstaedter.ro

Schlagwörter: Interview, Medien

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