13. März 2005

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Prof. Dr. Hans Mieskes

Über 400 wissenschaftliche Titel veröffentlichte der am 17. Februar 1915 in Zeiden im Burzenland geborene, vor kurzem in der hessischen Universitätsstadt Gießen neunzig Jahre alt gewordene Hans Mieskes. Der emeritierte Professor, der Doktor der Philosophie und Theologie sowie der Medizin – 1941 Promotion, 1946 Habilitation in Jena, 1959 „Bestallung zum Arzt“ in München, 1981 Emeritierung in Gießen – war seit dem akademischen Beginn in Prag zeit seines Lebens mit Leidenschaft, Fleiß und Erfolg dem Gedanken der Erziehung ergeben.
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1956 wegen politischer Bedrohung aus der DDR zur Flucht getrieben, baute er, nach rund einem Jahrzehnt pädagogischer Pionierarbeit an der „Erziehungswissenschaftlichen Anstalt“ in Jena, im Westen eine neue wissenschaftliche Karriere auf. Er wurde 1959 Direktor des Bonner „Studienbüros für Jugendfragen“, 1961 ordentlicher Professor an der Justus-Liebig-Universität in Gießen u.a.m.

Zum beruflichen Erfolg gesellte sich im Leben dieses Mannes der Rückschlag, zur Bewunderung der Kollegenneid, zur wissenschaftlichen Zielstrebigkeit und zum europäischen Ruhm in Fachkreisen sowie der öffentlichen Anerkennung – Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis 1983, Bundesverdienstkreuz erster Klasse 2001 u.v.a. – die Verleumdung. Und zur weltoffenen Sicht seines pädagogisch-didaktischen Credos trat und tritt das unbeirrbare Bewusstsein der siebenbürgischen Wurzeln. Die geistige Souveränität in der nüchternen Betrachtung des Menschen wird bei Hans Mieskes begleitet von Einsichten, die, wie wohl sie nicht der Resignation entsprangen, dennoch mit schmerzlicher Erkenntnis formuliert wurden.

So ist in einer Sammlung von Mieskes-Aphorismen zum Beispiel zu lesen: „Ich glaube nicht an eine kontinuierliche moralische Höherentwicklung der Menschheit. Jede Generation, ja sogar jeder Einzelne steht am Beginn aller guten wie bösen Möglichkeiten. Erziehung muss den Weg zur Menschwerdung weisen und frei halten.“ An anderer Stelle findet sich die Einsicht: „Dürfen machtführende Politiker mit uns Schwächeren buchstäblich alles machen? Die Herrschaft von Menschen über Menschen hat nicht nachgelassen. Nur die Verbrämung wurde verfeinert.“ Dann wieder stößt man auf die Sätze: „Umstände und Erfahrungen, vielfältige Aufgaben und vielseitiges Interesse lehrten mich unnachsichtig, dass der Sache zu dienen und nicht dem Prestige zu frönen ist. Ich war nie ein Amtsbesessener, und ich misstraue den auf allen Böden Gewieften. Es gibt die Wendehälse nicht nur in der Politik.“ Das sind in klassischem Stil ausgereifte Kurzbefindungen, weder vom Inhalt noch von der Form her anfechtbar. Es sind, was heutigentags herausgestrichen werden muss, vor allem ideologiefreie Wertungen als Erkenntnisse eines Weisen.

Aus dem komplexen Lebenswerk des Hans Mieskes einzelne Bereiche auf einer Wichtigkeitsskala anzuordnen, ist aus sachlichem Grund nicht möglich. Denn wer sich in Mieskes-Texte vertieft – sei es in das grundlegende analytische Werk „Die Pädagogik in der DDR in Theorie, Forschung und Praxis“ (zwei Bände, 1971) die „Pädagogik der Spielmittel“ (1975), „Geragogik – die Begriffe und ihre Aufgaben in der Gerontologie“ (1971) o.a. –, wird bald die Entdeckung einer außerordentlichen Belesenheit und Bildung machen, die weit über pädagogische Fachbereiche hinausgeht. Eben darin lässt sich auch das Fundament des Forschens Hans Mieskes‘ erkennen: Der „realistische Erziehungswissenschaftler“ Mieskes, der für die „disziplinäre Differenzierung der Erziehungswissenschaft an den Universitäten“ (Winfried Klimke) die Voraussetzungen schuf, verstand die pädagogischen Sonderbereiche als Einheit und diese als Teil menschlicher Lebenswirklichkeit. Er hält es gleichsam für die Ursünde gerade der Lehre von der Kindererziehung, Pädagogik unter dem Gesichtspunkt des zu fraglichem Ansehen gekommenen einäugigen Spezialistentums aufzufassen.

Dass diese Vision des Erziehungsanliegens – sämtliche Ebenen gesellschaftlicher Existenz im Auge zu behalten – auf einen siebenbürgischen Impuls zurückgeht, wie sie in der Schulkonzeption des Humanisten Johannes Honterus (1498-1548) sichtbar geworden war, nennt Hans Mieskes im Gespräch ohne Umschweife beim Namen, im selben Atemzug stellt er fest, dass im Unterschied dazu die Entwicklung in Deutschland den anderen Weg ging und damit zur elitären Abgrenzung des Intellektuellen von der Masse des Volkes führte. Folgerichtig bezog Mieskes die Familie, die bürgerlichen Vereine, die Gewerkschaften, die Wirtschaft, die Künste, die Kirchen, das jugendliche Umfeld in seiner Vielfalt in seinen Forschungshorizont ein. Seine geistes- wie naturwissenschaftliche Bildung von der Philosophie bis zur Medizin ließ ihn von früh an über jederlei disziplinäre Abschottung und Einigelung hinausblicken. Zum Ungewöhnlichen des Bildungsspektrums dieses Mannes und seiner Auffassung von Wissenschaft gehört aber freilich nicht allein die ausgreifende Belesenheit, sondern ebenso die Präsenz und Sicherheit der exakten Kenntnis, die jede Diskussion mit ihm zum Vergnügen und Gewinn macht. Das nicht zuletzt deshalb, weil sich dieser Gelehrte mit seinem Wissen niemals produziert, sondern es in der eigenen Persönlichkeit als menschliche Substanz sichtbar werden lässt.

Es gibt unter seinen zahlreichen Arbeitstiteln, die hier auch nur andeutungsweise aufzuzählen der Platz ebenso wenig ist wie die Aneinanderreihung seiner akademischen Funktionen und Initiativen, ein Stichwort der besonderen Art. Ich meine die von ihm lange vor der allgemeinen Bewusstwerdung des Problems erkannte und zur Wissenschaft systematisierte wie etablierte Geragogik.

Auf Hans Mieskes geht nämlich nicht allein die umfassendste Spielmittelsammlung zurück, die es an deutschen Universitäten gibt, auch darf sich die Justus-Liebig-Universität dank Mieskes nicht nur als die Anregerin der modernen Spielmittelforschung rühmen. Ebenso nahm hier die Lehre von der „Pädagogik des Alterns und des Alters“ (Geragogik) ihren Ausgang. Als hätte Mieskes die demographische Entwicklung vorausgeahnt, die in unseren Tagen zu einem der ersten Themen der gesellschaftlichen Beschaffenheit vorrangig der Deutschen wurde – Alterung, Überalterung mit den Folgeerscheinungen. Hans Mieskes bestellte das Feld der Geragogik mit minutiöser Detailforschung und an den Tatsachen orientierter Übersicht. Auch darin äußert sich der von Fachkennern hervorgehobene „realistische Zug in Mieskes‘ Erziehungswissenschaft“. Der Mann aus Siebenbürgen, der sich aus bescheidenen Verhältnissen zu einem „der herausragenden deutschen Wissenschaftler“ emporarbeitete, gilt europaweit als „Vater der Spielmittelforschung und Geragogik“.

Dass in diesem mit Forschungsarbeit und Lehrtätigkeit übervoll erfüllten Leben Zeit blieb für die nicht allein theoretische, sondern zugleich praktische Zuwendung zum Siebenbürgischen, darf abschließend nicht verschwiegen werden. Der Gründer des Erziehungswissenschaftlichen Instituts für Pädagogische Forschung, des Sportwissenschaftlichen Instituts – bis 1968 auch dessen Direktor – und Leiter der Philosophischen Abteilung der Naturwissenschaftlich-Philosophischen Fakultät der Universität in Gießen, 1963/64, gab auch den Anstoß zur Gründung der Stephan-Ludwig-Roth-Gesellschaft für Pädagogik (1965), als deren Leiter er aus Rumänien ausgesiedelten deutschen Lehrern in regelmäßigen Veranstaltungen durch Vorträge und Diskussionsrunden fachliche Eingliederungshilfe leistete. Im Titel der Zeitschrift dieser Gesellschaft äußert sich etwas von seinem Lebensprogramm: „Tradition und Fortschritt“. Mieskes verband sie zur Synthese.

Einer der letzten Aphorismen Hans Mieskes’ lautet: „Bildung allein garantiert noch nicht einmal schlichte Aufrichtigkeit. Höheres Wissen und Menschsein sind zwar aufeinander angewiesen, aber keine wechselseitigen Kausalitäten.“

Hans Bergel

Link: Pädagoge Hans Mieskes mit Bundesverdienstkreuz geehrt

Schlagwörter: Porträt, Wissenschaft

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