22. Mai 2010

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Deutsch-jüdische Dichter-Leben aus Rumänien

Der bekannte Ethnologe und Schriftsteller Claus Stephani, dem die Bewahrung der Volkserzählungen und Märchen aus der Bukowina, dem Sathmarer Gebiet, dem Wischauer Land, aus Teilen Siebenbürgens und des Banat zu verdanken ist, hat in seiner Ausstellung „Grüne Mutter Bukowina“, die noch bis zum 25. Juni 2010 im Haus des Deutschen Ostens in München gezeigt wird, wieder einmal Belege einer deutschsprachigen Minderheitenkultur bewahrt, die sonst den Kriegswirren und den zahlreichen Migrationen zum Opfer gefallen wären. Die Ausstellung ist in einem beachtenswerten Katalog dokumentiert.
Es handelt sich keineswegs um eine Geschichte der deutsch-jüdischen Regionalliteratur der Bukowina, auch wenn über die Geschichte dieses Landstriches einiges festgehalten wird und man über das dort entstandene Schrifttum, das sich neben ukrainischen, rumänischen, polnischen und anderen Literaturen behauptete, dokumentarische Hinweise bekommt. Es geht um Dokumente, die vor allem Autoren und Werke des 20. Jahrhunderts präsentieren: Manuskripte, Bücher (oft mit wertvollen Autographen), Korrespondenz, Illustrationen bzw. illustrierte Buchausgaben. Es geht um die Menschen – wie in vielen Werken des Autors, es geht um den unmittelbaren Kontakt zu Werken, die unter schwierigsten Umständen entstanden, überliefert und jetzt öffentlich gezeigt wurden.

Ob es sich um ein Buch handelt, das der Dichter Alfred Kittner 1945 über die sowjetische Grenzkontrolle rettete, ob es eine Buchausgabe aus dem Jahre 1939 ist, in welcher der Autor Ewald Ruprecht Korn den Namen des „Genossen“ getilgt hatte, dem er es zugeeignet hatte, ob ein Brief vorgelegt wird, den die deutsch-jüdische Dichterin Klara Blum, die nach 1945 nach China emigrierte, 1969 aus Kanton an Kittner schickte – Schicksale, Exilierte, Ereignisse werden heraufbeschworen, die vor allem eines zeigen: Die jüdischen Schriftsteller aus der Bukowina waren oft mehrfach vertrieben worden, kamen nie für längere Zeit zur Ruhe und gaben trotzdem nicht auf. Jeder lebte mit seinen Idealen, ob diese nun von Diktaturen bedroht oder zeitweilig sich in Demokratien frei bewegen konnten. Der Zwang knebelte, das Streben nach Selbstverwirklichung und persönlicher, speziell künstlerischer Freiheit beflügelte die Autoren, die in der Ausstellung und der dazu gehörenden Dokumentation in Erscheinung treten.

Dominant sind zweifelsohne Paul Celan, Rose Ausländer, Alfred Margul-Sperber, aber ebenso die Opfer des NS-Fanatismus (Selma Meerbaum-Eisinger) oder des kommunistischen Terrors. Am wertvollsten sind die Exponate, die als Relikte der reichhaltigen Sammlung und Bibliothek von Alfred Kittner stammen, u. a. auch die Handschriften von Kittners Jugendlyrik (zwei Hefte), die äußerst seltenen Briefe Klara Blums (das Deutsche Literaturarchiv in Marbach besitzt einen einzigen Brief Blums, in München sind deren fünf zu lesen), ebenso Zeichnungen der rumänisch dichtenden Veronica Porumbacu (Veronica Schwefelberg), die 1977 ein Opfer des Bukarester Erdbebens wurde, das ihre gesamten Sammlungen vernichtete. Dass Briefe von Andreas Birkner und Wolf von Aichelburg bislang ebenfalls selten öffentlich zu sehen sind, kann vermerkt werden.

Es sind Teile einer großen Konfession und Hinweise darauf, wie schnell man Wertvollstes verlieren kann. Umso erfreulicher ist das vorzufinden, was Claus Stephani gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat: ein wichtiges Kapitel der deutschen Poesie und Kunst in Südosteuropa, dem man es auch wünscht, dass es ähnliche Sammlungen anregen und damit ins Licht der Gegenwart retten hilft.

Horst Fassel


Claus Stephani: „Grüne Mutter Bukowina. Deutsch-jüdische Schriftsteller der Bukowina. Eine Dokumentation in Handschriften, Büchern und Bildern“, München 2010, 48 Seiten, Preis: 10 Euro inkl. Versand. ISBN 978-3-927977-27-3.

Schlagwörter: Bukowina, Literatur

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