5. Februar 2011

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Erster Gedichtband von Edith Ottschofski

Der Debütband von Edith Ottschofski, die bisher in verschiedenen Zeitschriften und in der Tagespresse Beiträge veröffentlicht hat, ist in Hermannstadt gedruckt worden. Die gebürtige Temeswarerin ist den Lesern der Siebenbürgischen Zeitung vor allem durch ihre Besprechungen bekannt. Im Nachwort nennt Matthias Biskupek sie „die Sprachenmischerin“ und weist darauf hin, dass sie auch Sprachexperimente in der Art von Oskar Pastior vorgenommen hat. Dazu habe sie zahlreiche technische Varianten ausprobiert.
In den Texten von Ottschofski stehen tatsächlich mehrere Sprachen nebeneinander, was für die philologisch Gebildete zum Alltag gehört. Es gibt neben den deutschen Gedichten solche in rumänischer und französischer Sprache. Die rumänischen Texte wenden sich an eine kleinere Zielgruppe, aber die Mehrsprachigkeit als Nachweis eines Lebens in und mit Sprachen und Sprachfragmenten ist ohne Zweifel eine Kennmarke des Sammelbandes.

Die Texte stammen aus den letzten 18 Jahren, sind somit in Berlin entstanden, wo die Autorin seit 1995 lebt. Dass sie Bindungen zu unterschiedlichen Erlebnisorten beibehält, wird immer wieder hervorgehoben. Selbstverständlich gehört zu den „Heimaten“ auch Temeswar und das Banat, wo – so meint Biskupek irrtümlich – „1990 eine multikulturelle Zeit endgültig zu Ende“ ging (S. 90). Die Worte, deren „Schaum“ in Berlin anlandet, sind Teile einer grenzenlosen Mobilität, die keinen Anfang und kein Ende absieht, so dass auch die relative Abgeschlossenheit der Texte immer wieder aufgesprengt wird: durch Wortspiele, durch Montagen von Liedfragmenten, von Redewendungen in unterschiedlichen Sprachen, durch Enjambements, durch Wort- und Buchstaben Be-Freiungen.

Der Sammelband enthält sechs Abteilungen („halaripual“, „lübisch“, „amélie“, „tagaus tagein“, „exercitium“, „stille“), die nur graphisch strikt getrennt sind und Überschneidungen nie ausschließen. Die beiden ersten Teile sind Gelegenheitstexte, die Ortswechsel, Reisen und zufällige Aufenthalte summieren und den wechselnden Thematiken Wort- und Satzlabyrinthe zuweisen, deren Vielfalt ein Vergnügen an sich ist. Es sind Stimmungsreportagen ungewohnter Zusammen-Setzungen in Berlin im „Schwarzsauer“ („technogewummer – ein hauch von paris/ halbrund und abgewetzt der tresen…es röchelt die maschine/früh/ im schwarzsauer“, S. 10), am Müritzsee (riedlied: „ockerried/ wiegt sich/im winterwind/müritz der see/ unterm schnee/ sand/ weites wasser/ quietschendes vogeleis/schnatterndes klirren/ flirrendes weiß/ überm eis“, S. 17); in Lübeck („liebe lübische liebelei/ herzsprung am puppentor/diese grüblerische litanei/ klughafen an der trave…, S. 38)

Es wird notiert, Sprachrhythmen entwerfen Spannungsbögen, Reime werden eingebaut, Zitate und memorierte Gedächtnisstützen. Das geht weiter, löst sich oft in Lautgestöber auf, will Erlebnisreste aufsammeln.

Anders die Sprachmixturen in den Amélie-Gedichten: die Perspektive ist die der Naivität, des Kindlichen. Hier sollen Entdeckungen gemacht werden, hier soll das Tägliche sich in neuer Aufmachung darbieten. Auf die Frage nach ihren Wünschen, antwortet Amélie beispielsweise: „aa machen und dabei lachen/ ein ee abdrücken, das kann mich beglücken/ mild will ich keckeln, ja nicht bekleckeln/doch einen koffer abstellen, tut mich erhellen/ und lass ich ein poupsala/ juja, S. 36.“ Anspruchslosigkeit und kleinkindlicher Alltag wird evoziert. Es gibt unteilbare Gemeinplätze: „das leben ist einem gegeben/ und das ist geheimnisvoll daran/ dass keiner wissen kann/ wie es zustande kam.“ (S. 37). Unverständliches unverständlich belassen, das ist hier das Gestaltungsprinzip.

Zuletzt finden sich Gedanken über den Tod. Es sind Nachwirkungen des unerwarteten Todes des Vaters. Hier wird über Sein und Nichtsein gesprochen, hier sind Zweifel vorhanden, und der Ernst des Noch-Lebens erweist sich als abgründig und keineswegs weiterhin als spielfreudig. So ist die Balance von schwebender Experimentierlust zu einfachen Alltagsszenarien bis zu meditativen Ansätzen in diesem Gedichtband nachvollziehbar. Man lebt mit dieser Vielfalt anhand der impliziten Anweisungen der Autorin und wird immer wieder überrascht.

Horst Fassel

Edith Ottschofski: der schaum der wörter. Gedichte. Bamberg: Johannis Reeg Verlag 2010, 91 Seiten, ISBN 978-3-937320-17-5, 10,00 Euro.

Schlagwörter: Rezension, Gedichtband, Banat

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