9. Mai 2011

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Richard Wagners neuer Roman "Belüge mich"

Der Lyriker, Schriftsteller und Essayist Richard Wagner, der zuletzt den Roman „Das reiche Mädchen“ veröffentlichte, aber auch jüngst wortgewaltig in die Debatte um Securitate-Verstrickungen rumäniendeutscher Dichter eingriff, präsentiert nun sein neuestes Buch, in dem es um politische Verwicklungen geht und nicht zuletzt um Tango. Denn aus einem rumänischen Tango stammt der Titel des Romans: „Belüge mich“.
Was sehr schön ist an diesem Roman und auch anders bzw. neuartig, sind die lyrischen Intermezzi, kleine Zwischenrufe in der Form von Fünf- bis Neunzeilern, mit denen der Autor zum Nachdenken und Innehalten anregt. Denn sowohl das Nachdenken als auch das Innehalten ist bei dieser verwirrenden und rasant erzählten Geschichte, bestehend aus Intrigen, Verrat, Mord, Geheimniskrämerei und immer wieder Tanz auch nötig. Über mehrere Erzähler und auch Erzählformen (die Romangeschichte und dann noch ein dazwischen gelagertes Manuskript) verteilt, präsentiert Wagner die Handlung des Buches. Darin geht es um Sandra Horn, eine Journalistin, die aus Rumänien stammt, und 2005 für ihre Verlagsgruppe nach Bukarest zurückfährt, um dort eine Frauenzeitschrift zu gründen. Letztere soll, so wie der Zweitname der Journalistin, Lauretta heißen und bezieht sich auf Lauretta Luca, die Tochter eines Kommunistenchefs und früher mal Miss Rumänien, eine Diva. Lauretta Luca wurde 1938 vergiftet aufgefunden – die Umstände ihres Todes wurden nie aufgeklärt. Das Pikante daran: Sie stand zwischen zwei Männern, dem Architekten Felix Toma und dem Musiker Remo Savin, die des Mordes verdächtigt werden.
Die Geschichte von Lauretta Luca spiegelt sich später in der Geschichte von Sandra Horn wider. Diese findet sich im Verlauf des Buches nun auch zwischen zwei Männern wieder, passenderweise den Nachkommen der Männer, zwischen denen Lauretta Luca stand: Remus Schumann, Sandras Freund, ist der Sohn des Tangomusikers, und ihr Geliebter Marcel ist der Enkel des Architekten Felix Toma.
Sandra bringt ein Aussiedlerschicksal mit. Als sie 14 Jahre alt war, hat sie Bukarest mit ihren Eltern verlassen und später in Deutschland Remus kennengelernt. Sie startete eine journalistische Karriere bei der Frauenzeitschrift Simone, für die sie dann auch nach Rumänien geht. Persönliche Gründe spielen aber auch eine Rolle, weil Remus ihr gerade untreu ist. In Bukarest trifft Sandra Marcel wieder, der wiederum mit ihrer früheren besten Freundin Vicky verheiratet ist. So weit, so kompliziert. Doch nicht genug damit, Sandra recherchiert für die neue rumänische Zeitschrift, bei der ihr Vicky und Marcel unter die Arme greifen, über Lauretta Luca und so kommt ein ganzes Wespennest zum Vorschein. Im Mordfall ermittelte in den dreißiger Jahren Sandras Großvater, Ypsilon Horn. Der hat nicht nur gegen, sondern später auch für die Kommunisten gearbeitet. Der Architekt Felix Toma wurde des Mordes angeklagt; sein Sohn Radu Toma hat darüber ein Romanmanuskript verfasst. Dieses hebt sich im Tonfall und Stil nicht besonders deutlich von der sonstigen Erzählweise ab, daher schmälert es eher die Erzählerglaubwürdigkeit.
Richard Wagners Roman lebt von den diversen Stimmen, die stets weitererzählen, aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Kenntnissen; so wirkt er vielstimmig, rhythmisch und spannend. Die Geschichte wird immer wieder anders beleuchtet und notgedrungen abgeändert. Leider markiert der Autor nicht immer eindeutig, wer gerade erzählt. Bis zuletzt kommt jedoch nur ein Kartenhaus heraus, ein Lügengebäude, das einzufallen droht.
Richard Wagner fasst die Geschichte in knappe Sätze und schmückt sie mit Tangoeinlagen und apodiktischen Formulierungen. Seine Figuren beschreibt er sparsam und treffend mit kleinen Gesten. Zum Ende hin überrascht er noch mit einer unerwarteten Wende. Der Gesamteindruck, der entsteht, ist, dass es zur Wahrheitsfindung wohl mehr als einen Roman braucht; denn hier besteht die Aufklärung aus einer Reihe von Lügen und Halbwahrheiten, womit die Kinder und Enkel der „Kommunisten, Faschisten, Kollaborateure und Opportunisten“ wohl leben müssen und sich allenfalls als Drehbuchschreiber betätigen können.

Edith Ottschofski

Richard Wagner: „Belüge mich“, Aufbau-Verlag Berlin, 2011, gebunden, 313 Seiten, Preis: 22,95 Euro, ISBN 978-3-351-033361.

Schlagwörter: Rezension, Roman, Banat, Securitate

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