27. Mai 2011

Iris Wolff malt mit Worten

Erstmals meldete sich die Generation der 33-jährigen Siebenbürger mit einer Lesung im Stuttgarter Haus der Heimat zu Wort. Es ist jene Generation, die Abitur und Studium – wie die Autorin Martina Iris Wolff – in der Bundesrepublik absolviert hat. Dass sie der alten Heimat, wo sie die Kindheit verbracht hat, in besonderer Weise verbunden ist, machte die Lesung am 20. Mai vor einem zahlreich erschienenen, generationsübergreifenden Publikum zu einem interessanten Ereignis.
Siegfried Habicher, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg, führte in seiner Begrüßung die biographischen Eckdaten der Autorin an: Geboren 1977 in Hermannstadt, verbrachte sie die Kindheitsjahre im idyllischen Pfarrhaus einer Banater Gemeinde, wo ihr Vater als Pfarrer tätig war. Nach ihrer Auswanderung im Jahre 1985 und dem Abitur in Stuttgart absolvierte sie das Studium der Germanistik, Religionswissenschaft, Grafik und Malerei in Marburg. Heute wohnt Iris Wolff (so ihr Künstlername) in Benningen am Neckar und ist als Museumspädagogin im Deutschen Literaturarchiv Marbach sowie als freiberufliche Dozentin tätig. Ihre Schwerpunkte sind: Literaturvermittlung, Medienerziehung, Kreativitätsförderung sowie Foto- und Filmkunst.

Die 33-jährige Autorin Iris Wolff. ...
Die 33-jährige Autorin Iris Wolff.
„Anders rinnt hier die Zeit“ heißt es in Meschendörfers Siebenbürgischer Elegie. Es gibt Orte, die etwas von dem bewahren, was wir sind. Es gibt Landschaften, die uns berühren, weil sie von der Suche nach der eigenen Identität erzählen – das wurde besonders im ersten Teil der Lesung deutlich, als Iris Wolff das Kapitel „Hortensien“ aus ihrem bisher unveröffentlichten Roman „Halber Stein“ las. Die Protagonistin Sine fährt mit ihrem Vater aus Anlass der Beerdigung ihrer Großmutter Agnetha in ihren siebenbürgischen Heimatort Michelsberg. Nach 20 Jahren der Abwesenheit sind es die vielen Begegnungen mit Menschen in der alten Heimat und die vertrauten Orte in und um Michelsberg, die Sines Erinnerungen an die Kindheit wieder lebendig werden lassen. Die Autorin beschreibt die Michelsberger Landschaft mit der romanischen Basilika, dem Silberbach und dem Halben Stein, den Weg in den Jungen Wald und die Straßen von Alt-Hermannstadt. In den Erzählstrang ist die Liebesgeschichte zwischen Julian und Sine kunstvoll eingebaut, aber es geht im Roman auch um die Frage der Identität der Siebenbürger Sachen angesichts des Massenexodus aus der angestammten Heimat. Eine der Hauptaufgaben der Literatur, so die Referentin in ihrer Nachbetrachtung, sei es, Vergangenes vor dem Vergessen zu bewahren.

Im zweiten Teil las Iris Wolff aus ihrer aktuellen Erzählung Haus mit Himmelsleiter. Aufmerksam folgte das Publikum der Lebensbeschreibung einer jungen siebenbürgischen Frau, die Ende der 50er Jahre darum kämpft, ihr Haus und somit ihre Heimat, nicht zu verlieren. Der Referentin gelang es mit ihrer ruhigen, sanften Stimme, fesselnde und ausdrucksstarke Bilder vor den inneren Augen der Zuhörer entstehen zu lassen. Voll des Lobes waren die Zuhörer über die „lyrische Prosa“, wie es ein Teilnehmer formulierte. Auch der Literaturwissenschaftler Siegfried Habicher fand anerkennende Worte für das schriftstellerische Talent der 33-Jährigen, der es hervorragend gelänge, mit Worten starke, anschauliche Bilder zu malen. Es wäre der Autorin von Herzen zu wünschen, dass ihre Suche nach einem Verlag für ihre belletristischen Werke von Erfolg gekrönt wird.

Helmut Wolff


Halber Stein
Iris Wolff
Halber Stein

Müller, Otto
Gebundene Ausgabe
EUR 22,00
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Schlagwörter: Lesung, Stuttgart, Siebenbürgen

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