27. Juni 2011

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Erzählung und Identität – zweisprachiges Buch über Hans Bergel

Der Leiter des Germanistik-Lehrstuhls Bukarest, Prof. Dr. George Guţu, hatte 2009 den Anfang gemacht mit einem dem Schriftsteller Hans Bergel gewidmeten Buch. Unter dem Titel „, ...dass ich in der Welt zu Hause bin.‘ Hans Bergels Werk in sekundärliterarischem Querschnitt“ hatte er auf 430 Buchseiten rund 60 Texte veröffentlicht, die sich aus unterschiedlichem Blickwinkel mit den Büchern dieses Autors beschäftigen.
Im Jahr danach, 2010, folgte die Berliner Germanistin und Historikerin Renate Windisch-Middendorf mit der Bergel-Monographie „Der Mann ohne Vaterland. Hans Bergel – Leben und Werk“ (156 S.). Noch ein Jahr später, 2011, erschien nun des dritte Buch, ebenfalls von George Guţu herausgegeben: „Erzählung und Identität bei Hans Bergel“ (215 S.); das Besondere dieses dritten Buches über Bergel innerhalb von drei Jahren ist die Zweisprachigkeit: rumänisch/deutsch.

Im Begleittext zu der in „Lettre Internationale“ (Ausgabe Bukarest, 2010/2011) veröffentlichten Novelle „Violeta“ von Hans Bergel hatte die Kölner Germanistin und Kulturjournalistin Dr. Viorica Binder notiert: „Wenn die Anerkennung eines Schriftstellers neben Preisen und Ehrungen durch Doktor- und Diplomarbeiten, Essays und kritische Monografien seines Werks noch zu Lebzeiten erfolgt, dann muss Hans Bergel zu dieser seltenen Kategorie von Autoren gezählt werden.“ Die Notiz findet ihre Bestätigung auch durch diesen Band: Sieben ausgewiesene Kenner setzen sich teils wissenschaftlich, teils essayistisch mit Aspekten der Erzählkunst Bergels auseinander. Den Anfang macht Rumäniens grande dame der Literatur, Ana Blandiana, mit ihrer – auch in dieser Zeitung erschienenen – „Hommage für Hans Bergel“, in der sie Bergel attestiert, „Siebenbürgens repräsentativster Autor“ zu sein.

Ihr folgt die in Tübingen tätige Literaturforscherin Olivia Spiridon, die sich mit Bergels großen Romanen „Wenn die Adler kommen“ (1996) und „Die Wiederkehr der Wölfe“ (2006) im Zeichen autobiografischer Orientierung beschäftigt. George Guţu gibt auf die selbstgestellte Frage „Gehört Bergels Werk zur deutschen, rumänischen oder europäischen Literatur?“ die Antwort mit dem Hinweis auf Bergels „Nationalität – Binationalität – Übernationalität“. Der schwierigen Arbeit, Bergels publizistischen Bemühungen um deutsche bildende Künstler und Schriftsteller aus Siebenbürgen im Laufe mehrerer Jahrzehnte systematisch nachzugehen, unterzog sich der 2010 verstorbene Historiker und Kunsthistoriker Walter Schuller: Sein mit 65 Fußnoten belegter Beitrag kommt zum Ergebnis: Kein Siebenbürger veröffentlichte so viele Texte über Künstlerkollegen wie Hans Bergel, sei es als Monografie in Buch/Bi1dband-Form, sei es als Veröffentlichung in Zeitschriften oder Zeitungen. Der bei Heidelberg lebende ehemalige Feuilleton-Chef der Rhein-Neckar Zeitung, Verlagslektor und Germanist Dieter Roth widmet Bergel ein kluges, sehr persönliches Porträt: „Bergel hat nach seiner Ausreise (1968) ohne jede Begleitmusik Unendliches geleistet“, schreibt er und weist auf Bergels mitentscheidende Rolle in Fragen der Familienzusammenführung, zugleich auf dessen ungewöhnliche literarische Fruchtbarkeit und Wissbegier hin.

r ... Als in Geschichten erzählte Geschichte des 20. Jahrhunderts sieht Renate Windisch-Middendorf Bergels „späte Romane“. Sie kommt zum Ergebnis, dass diese, von der Region Siebenbürgen ausgehend, sich zu europäischen Romanpanoramen weiten und die Geschehnisse auf dem ganzen Kontinent in ihre vielschichtigen Handlungen einbeziehen. Die aus Kronstadt stammende Professorin an der Bukarester Germanistik, Mariana Lăzărescu, schließlich geht der Tätigkeit Bergels als Feuilleton-Chef der Kronstädter Volkszeitung Mai 1957 – Dezember 1968 nach. Sie listet die von Bergel veröffentlichten Zeitungstexte auf, die von der Theater-, Konzert- und Ausstellungskritik bis zur Buchbesprechung reichen, in denen von Oscar Walter Ciseks Romanen, von Pierre Jean Bérangers Lieddichtungen, Brechts „Gewehren der Frau Carrar“, Scholochovs „Der stille Don“ u.v.a. die Rede ist. Frau Lăzărescu schließt mit dem Satz: „Am 31. Dezember 1960 wird Bergel auf Anweisung der Kommunistischen Partei Rumäniens wegen ,ideologischem Nonkonformismus‘ aus dem Redaktionsgremium ausgeschlossen und von der Zeitung entlassen, am 20. April 1959 ,wegen Unterwühlung dar sozialen Ordnung‘ verhaftet und im September 1959 zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.“

Es war eine zugleich originelle und gute Idee Prof. Dr. Guţus, den durchwegs erstklassigen Beiträgen „unveröffentlichte Briefe zum Roman ,Die Wiederkehr der Wölfe‘ “ beizufügen. Persönlichkeiten des geistigen Lebens aus Deutschland, der Schweiz und Rumänien äußern sich in Briefen an den Autor des Romans oder an andere Personen über Bergels Hauptwerk: Schriftsteller, Verleger, Wissenschaftler u.a. So schreibt das Direktoriums-Mitglied der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Dedo Graf Schwerin von Krosigk, an die Tochter Bergels: „Ich kenne keinen anderen Roman, dem es so gelingt, Geschichte darzustellen.“ Der Verleger und Publizist Martin Cramer an einen Freund, der ihn auf den Roman hinwies: „Es ist so, wie Sie sagen: Man muss das gelesen haben. Nach kurzer Frist werde ich es erneut lesen, wie das so ist mit Werken, deren Sprache einen wuchtigen Stoff meistert.“ Der Fürsten- und Landesschuldirektor a.D. Jacob Schäfer an einen Bekannten, dem er den Hinweis verdankt: „Wäre ich noch Lehrer und hätte lesebereite Schüler, ich ließe sie Grimmelshausen ,Simplizissimus‘ und Bergels ,Wiederkehr der Wölfe‘ als charakterisierende Epen der frühen und der späten Neuzeit miteinander vergleichen (...) Welch ein europäisches, oder besser gesagt, welch ein abendländisches Epos!“ Etc.

Als sinnvoll ist ebenso Prof. Dr. Guţus Einfall zu bezeichnen, im Anhang Bergels Dankrede bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde (2001) der Universität von Bukarest „Geistige Individualität aus doppelter Kulturzugehörigkeit“ zu bringen: Als der erste siebenbürgische Deutsche, dem diese Auszeichnung zuteil wurde, entwarf Bergel im April 2001 im Senatssaal der Rechtsfakultät ein europäisches Kulturprogramm, das Aufsehen erregte. – So darf abschließend dem Herausgeber und den Autoren dieses Buches Dank und Respekt ausgesprochen werden. Der im Bukarester Paideia-Verlag verlegte Band ist schön gestaltet, handlich und gut lesbar.

K.L.

Schlagwörter: Bergel, Rezension, Biographie

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