12. Dezember 2011

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Geschichte, Brauchtum, Mundart der Landler

Die Landler standen im Fokus eines Seminars, das vom 4. bis 6. November 2011 in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen stattfand. Der Einladung des Studienleiters Gustav Binder folgten weit mehr Teilnehmer als angenommen - auch vier Studentinnen aus der Tschechischen Republik. Auf dem Programm des Wochenendseminars standen Fachvorträge und Diskussionen zur Geschichte, zu Brauchtum und Mundart der Landler, der siebenbürgischen Nachkommen jener Protestanten, die unter Kaiser Karl VI. und Kaiserin Maria Theresia in der Zeit von 1734 bis 1756 aus den habsburgischen Erbländern nach Siebenbürgen deportiert worden waren.
Dr. Irmgard Sedler (Kornwestheim), Vorsitzende des Trägervereins des Siebenbürgischen Museumsvereins, referierte über „Die Landler und ihre Kleidung - vom österreichischen Gewand des 18. Jahrhunderts zur siebenbürgischen Landlertracht im 19. Jahrhundert“. Die heute noch erhaltenen Zeichnungen sprechen jedoch nicht von der Tracht der Landler, sondern von der Tracht der Transmigranten. Dr. Sedler wies auf die Trachteneinflüsse aus Österreich hin (z. B. das Farbmuster). Der Einfluss der siebenbürgergisch-sächsischen Tracht ist eher gering. Wurde ein „Element“ in einer der Trachten zu irgendwelchem „Symbol“, so verschwand dieses „Element“ aus der Tracht der anderen Gruppe. Ein über die Zeit hinweg bleibender Charakter der männlichen Landler-Tracht war, dass das Hemd nicht über der Hose getragen wurde. Der Vortrag mündete in eine lebhafte Diskussion bezüglich Trachten, die sogar noch nach dem Abendessen in der Weinstube bis tief in die Nacht hinein fortgesetzt wurde. Gruppenbild der Teilnehmer des Landler-Seminars ...Gruppenbild der Teilnehmer des Landler-Seminars in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen Am Samstagmorgen befasste sich der Vorsitzende des Arbeitskreises für siebenbürgische Landeskunde, Dr. Ulrich Wien (Landau/Pfalz), in seinem Vortrag mit den Landlern vor, während und nach der Transmigration, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Glaubensvorstellungen. Ein komplexes Thema, das etliche Tage in Anspruch nehmen könnte, wurde anschaulich und ausführlich mit Bildern und Karten präsentiert. Dr. Wien, dessen Frau aus Großpold gebürtig ist, war auch in Siebenbürgen berufstätig und hatte somit die Gelegenheit, sehr viele Kenntnisse vor Ort zu erwerben. Er ist zusammen mit Martin Bottesch Herausgeber der Ortsmonographie „Großpold, eine Gemeinde in Siebenbürgen“. Der Referent ging in seinem Vortrag bis zurück zur ersten Welle der Transmigration unter Carol V. Schnell stellten die Salzburger Stadträte fest, dass die erste „Welle“ der Transmigration – nach Preußen – eine doppelte Schwächung für das eigene Land darstellt. Eigene Steuerzahler wurden sozusagen dem „Feind“ geschenkt. Die ersten nach Siebenbürgen „ausgewiesenen“ Österreicher, ab 1734, waren jedoch keine freiwilligen Auswanderer, auch keine nur aus ihrer Heimat Vertriebenen. Es waren Opfer einer politisch und religiös motivierten Verschleppung innerhalb der österreichischen Monarchie. Sie wollten nicht in diese Gegend. Eine Rückkehr in ihre Heimat wurde ihnen mit allen Mitteln verwehrt.

Hanni Markel ( Nürnberg), Jahrzehnte lang Mitarbeiterin des Klausenburger Akademie-Instituts Archiva de Folklor, hielt den Vortrag „Gemeinsame Einmaligkeit. Das Landlerdorf Großpold und seine sächsische Seite“. Schon als Fünfjährige stellte sie die Unterschiede in der Tracht der Landler und der Sachsen fest. Jahre später, nach der Rückkehr der Deportierten aus Russland, registrierte sie die „Umstellung“ auf das „Herrische“ sowohl bei den Sachsen als auch bei den Landlern mit großem Bedauern. Wenn bei den Landlern in Neppendorf und Großau (wegen ihres erstaunlich großen Gruppenbewusstseins?) kein Wille zum sprachlichen Anschluss an das sie umgebende Sächsisch festzustellen ist, ist die Sachlage im etwas weiter entfernten Großpold anders. Obwohl im Ort die Zahl der Sachsen relativ niedrig ist, kann ein Einfluss des Sächsischen auf das Landlerische nachgewiesen werden. Der Name Andreas lautet im Sächsischen Andres, im Landlerischen Angdres, das Wort Abendessen im Sächsischen Owndmol, im Landlerischen Owendmohl. Ein weiteres Beispiel „ganz“ lautet im Sächsischen gungz im Landlerischen gángz.

Es folgte der Vortrag „Kirchliches Leben, Feste und Bräuche im Laufe des Kirchenjahres am Beispiel Neppendorf“ der in Neppendorf geborenen Landlerin Mag. Renate Bauinger-Liebhart. Eine Besonderheit in Neppendorf: Am Nachmittag des zweiten Ostertages fand das ,,Eierlaufen” statt, zu dem sich die Rekruten und viele Zuschauer mit Musik in der Hintergasse einfanden. Hier wurden auf einer bestimmten Strecke insgesamt 37 Eier im Abstand von zwei Schritten ausgelegt. Und dann traten zwei Burschen an, wobei das Los kurz vor dem Start entschied, wer Läufer und wer Sammler sein werde. Auf ein Zeichen hin liefen sie Hand in Hand los, durch das Spalier der Zuschauer die Eierreihe entlang, an deren Ende sie sich trennten: Einer lief bis zum Neppendorfer Bahnhof und zurück, eine Strecke von etwa drei Kilometern, wobei er von einer Gruppe von Radfahrern begleitet wurde. Der Zweite musste die ausgelegten Eier einsammeln, wobei er jedes Ei gesondert in den bereitstehenden Korb trug und damit etwa dieselbe Strecke zu laufen hatte wie sein Freund. Wer zuerst seine Aufgabe beendet hatte, wurde als Sieger gefeiert. Dann die schmerzlich Feststellung: „Es war das letzte ‚Eierlaufen‘ in der Geschichte Neppendorfs! Eine Jahrhunderte lange Geschichte ging mit dem Jahr 1990 zu Ende…“.

„Mit der Gründung der Ersten Siebenbürgischen Landmaschinenfabrik im Jahr 1868 durch den Großpolder Bauernsohn Andreas Rieger, einen Nachkommen österreichischer Transmigranten, entstand einer der ersten modernen Industriebetriebe Siebenbürgens. Das Unternehmen (ging aus einer einfachen Hufschmiede in der Rosenanger 20 in Hermannstadt hervor, entwickelte sich fortwährend und wurde zu einem der blühendsten Hermannstädter Betriebe der Zwischenkriegszeit.“ So begann Christa Wandschneider, Vorsitzende der HOG Großpold, ihren Vortrag „Die Unternehmerfamilie Rieger in Großpold und Hermannstadt“. Andreas Rieger verlässt Großpold 1854 im Alter von 15 Jahren. Er wird zunächst zum Hufschmied ausgebildet und begibt sich anschließend, den damaligen Gepflogenheiten folgend, auf Wanderschaft. Er soll in Mecklenburg einen Kollegen namens GIEBNER kennengelernt haben, mit dem er die eiserne Pflugschar entwickelte. Später soll dieses Modell, das sich besonders gut für die siebenbürgische Kleinfeldwirtschaft eignete, erweitert und unter dem Namen ,,Rieger-Patentpflug” in Hermannstadt hergestellt und verkauft werden. Nicht vergessen wurden auch die Riegerfamilien, die in Großpold blieben und hier auch maßgeblich an der wirtschaftlichen Entwicklung der Region beitrugen.

Frank Schartner (Grafenau) referierte über „Die Landler in Großau, das Mit- und Nebeneinander mit ihren sächsischen Nachbarn“. Bei Hochzeiten trugen alle Gäste die Tracht der Sachsen, wenn es eine sächsische Hochzeit war, bzw. die Tracht der Landler, wenn es eine landlerische Hochzeit war. Diese Geste des Respekts ist einmalig in Siebenbürgen. Aber auch anhand anderer wunderschöner Fotos zeigte Frank Schartner, wie Sachsen und Landler mit- und nebeneinander in Großau lebten.

Am Sonntag folgte nach einer kurzen Andacht der Vortrag „Wie Deportierte zu Landlern wurden“ von Dr. Mathias Beer vom Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen. Die meisten Seminarteilnehmer assoziierten mit dem Begriff „Deportierte“ die Deportation der deutschsprachigen Bevölkerung Rumäniens nach Russland. Quelle dieses Vortrages war die Enzyklopädie Migration in Europa, Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, herausgegeben von Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen und Jochen Oltmer (Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, München, Wien, Zürich, Verlag Wilhelm Fink, München 2007). Der katholische Wiener Hof unter Kaiser Karl VI. bzw. Kaiserin Maria Theresia hoffte auf eine Assimilation „der Irrgläubigen, Ketzer und Aufwiegler…“ im Ansiedlungsgebiet, zumal die Transmigranten aus unterschiedlichen Regionen gekommen waren. Die Bevölkerung der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinden empfing die Neuankömmlinge eher mit Ablehnung. Diese wurden als Konkurrenten angesehen. Zur allgemeinen Überraschung entwickelten die Zuwanderer im Ansiedlungsgebiet eine Gruppenidentität. In dieser Zeit hat sich, quasi als Sammelbegriff, die Bezeichnung „Landler“ gebildet „… als Fremd- und Selbstbezeichnung für die Nachkommen von rund 4.000 deportierten österreichischen Kryptoprotestanten…“. Aus Deportierten wurden Landler.

Dass diese Veranstaltung zum Thema Landler nicht die einzige bleiben möge, diesen Wunsch brachten die Teilnehmer am Ende des Wochenendseminars zum Ausdruck.

Josef Ramsauer

Schlagwörter: Landler, Seminar, Bad Kissingen

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