28. Dezember 2011

Alles andere als Uniform: ein(e) Uni-Kath

Im Rahmen der von Frieder Schuller initiierten Katzendorfer Kulturtage hat Katharina Zipser – Künstlername KATH – vom 2. bis zum 30. Oktober in Schäßburg ausgestellt, in den Ausstellungsräumen im Schmiedturm. Aus diesem Anlass und mit Blick auf ihren 80. Geburtstag am 28. Dezember hat Bundeskulturreferent Hans-Werner Schuster mit der aus Hermannstadt stammenden und in München wirkenden Künstlerin ein Gespräch geführt.
Einer künstlerischen Familie entstammend – Dolf Hienz ist ihr Vater, Pomona Zipser die Tochter und Elena Zipser die Enkelin, die zurzeit in Aranques in Spanien Kunst studiert – hat Katha­rina Zipser 1950-1957 an den Kunstakademien „Ion Andreescu“ in Klausenburg und „Nicolae Grigorescu“ in Bukarest Malerei studiert, außerdem 1966 das Diplom für Kirchen- und Ikonen­malerei des Bukarester Patriarchates erworben. Vor und nach der Ausreise 1970 war sie im Brotberuf als Kunstpädagogin tätig. Ihr umfangreiches und vielseitiges Œuvre wurde in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, ist in Museen und Sammlungen zu finden, aber auch im öffentlichen Raum wie im Asamhof, München, dem Lichthof der Badenia in Karlsruhe oder im „Lügenmuseum“ in Gantikow/Berlin. Es hat auch durch zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen Anerkennung gefunden – darunter 2008 der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis.
Katharina Zipser, 2008, Ausstellung aus Anlass ...
Katharina Zipser, 2008, Ausstellung aus Anlass der Verleihung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises 2008. Foto: Christian Schoger

Wie Du vor mir sitzt, ist es kaum zu glauben, dass Dich eine Trennwand Deines Ateliers unter sich begraben hat.
Ja. Ich bin im August letzten Jahres dem Tod gewissermaßen von der Schippe gesprungen.

Und hast trotzdem eine Retrospektive gezeigt. Respekt. Leider konnte ich der Einladung von Frieder Schuller, sie zu eröffnen, nicht folgen. Wie ich hörte, hat Herr Agoston diese Aufgabe bes­tens erfüllt, und war die Ausstellung ein großer Erfolg. Auch aus Deiner Sicht?
Ja, er und seine Kollegen von der Künstlervereinigung „Alma Mater Castrum Sex“ haben mir mit unglaublicher Kameradschaft bei Aufbau und Hängung tagelang bis in die Nacht geholfen. Denn die Räume des Schmiedturms sind asymetrisch, voller Nischen und Fenster, ohne Schienen und Hängevorrichtungen. Professor Zsolt Agoston hat sehr einfühlsam und kompetent eingeführt.


Katharina Zipser: „Anonymus“ (Selbstbildnis), ...
Katharina Zipser: „Anonymus“ (Selbstbildnis), 1980, Eitempera auf Holz, 72 x 39 cm. Foto: Frank Stürmer

In welcher Sprache?
In einem perfekten Rumänisch. Frieder Schuller hat simultan ins Deutsche übersetzt – auch die Begrüßungsansprache von Nicolae Teşculă, Direktor des Historischen Museums Schäßburg.


Die Ausstellung war Teil der Katzendorfer Kulturtage. Wieso wurde sie in Schäßburg gezeigt?
Frieder Schuller, der diese Kulturtage bald nach der Wende ins Leben gerufen und als Event geprägt hat, hatte für die großen Formate keinen geeigneten Raum und hat das Angebot von Direktor Teşculă dankbar angenommen. Für das internationale Publikum der Kulturwoche war es ein dankbarer Ausflug nach Schäßburg. Aber auch viele alte Freunde aus Hermannstadt und anderen Teilen Siebenbürgens sind gekommen.


Ich habe die Fotos gesehen. Wer ist die junge Frau neben Deiner Tochter Pomona?
Meine Enkelin Elena. Auch sie hat sich der Kunst verschrieben und studiert in Aranjues (Spanien). Sie hat mich ebenso wie Pomona kräftig unterstützt und sich um die vielen Besucher gekümmert – freundlicher und legerer als ich es vielleicht getan hätte.


Die Ausstellung ist nur ein Anlass für dieses Interview, Dein anstehender 80. Geburtstag ein weiterer. Er ist ein Anlass, über Dein Leben, Dein Kunstverständnis sowie über Dein Schaffen zu sprechen. Auch über einzelne Werke?
Nur solange Du mich nicht fragst, was ich damit sagen will, denn ich sage nicht, sondern stelle dar. Wenn ich das, was ich darstelle, sagen könnte, würde ich es sagen und nicht malen oder zeichnen.


Aber wenn genau das unsere Leser interessiert?
Interessiert? Das Interesse unserer Landsleute für Kunst ist leider viel, viel schwächer ausgeprägt als jenes für Musik oder Literatur. Es gab dort und es gibt gewissermaßen in jeder Familie jemanden, der im Chor sang oder ein Instrument spielte, es gab Literaturkreise etc. – aber nichts Vergleichbares im Bereich der bildenden Kunst.


Du beklagst die mangelnde Akzeptanz der bildenden Kunst und ich höre eine Enttäuschung heraus? Ist sie in der Ablehnung Deiner Bilderschenkung begründet?
Ich bin enttäuscht, und es war eine schwere Kränkung, als die evengelische Landeskirche meine Schenkung – Ausnahme: der Christus in der Hermannstädter Johanniskirche – wegen Versicherungs- und Transportkosten ablehnte. Aber auch wenn sie angenommen wäre, hätte das an meinem Urteil der mangelnden Akzeptanz seitens unserer Landsleute nichts geändert.

Hast Du eine Erklärung dafür?
Weil uns spätestens seit und wegen der Reforma­tion die Kunstgewöhnung fehlt. Vergleich doch mal eine katholische oder orthodoxe Kirche mit einer evangelischen. Bis auf das Altarbild ist alle Malerei aus der Kirche verbannt – mit wenigen Ausnahmen. Unsere Sachsen saßen singend in den sauber getünchten großen Kirchenräumen, die Rumänen in den kleinen – aber über und über mit Bildgeschichten geschmückten. So haben wir den Kontakt zum Bild verloren, auch wenn später das reiche Bürgertum aus Repräsentationsgründen das eine oder andere Porträt in Auftrag gegeben hat. Und unsere Volkskunst? – Wie minimalistisch ist dieses Schwarz-Weiß im Vergleich zu der rumänischen Volkskunst.

Aber es gab doch nicht nur gestickte Wandbehänge, sondern gewissermaßen in jedem Haus die Grafiken und Aquarelle mit Ortsansichten und Kirchenburgen, auch Zeichnungen von Fritz Kimm, Stillleben ...
... von Trude Schullerus, die als großartige Malerin gefällige Bilder aus Geldnot malte. Man sah sogar Gemälde von Grete Csaky-Copony. Die war verdammt gut – und aus guter Familie. Daher gehörte es zum guten Ton, ein Bild von ihr zu ­besitzen – obwohl es niemandem gefiel. Auch wenn nicht jeder Künstler, so wie der Barner Misch, im Irrenhaus landete, dürften die meisten unter diesem mangelnden Interesse gelitten ­haben, so wie auch mein Vater Dolf Hienz.

Du meinst, Kunst hat etwas mit Vertrautheit zu tun?
Ja, mit Kunstgewöhnung. Selbst kultivierte Leute halten Bilder für Illustrationen oder bes­tenfalls für bedeutungsschwangere „Aussagen“ und suchen nur nach deren Sinn.

Daher also Deine Weigerung, auf diesbezügliche Fragen zu antworten?
Ja. Weil bildende Kunst nicht eins-zu-eins in Worte übersetzt werden kann, beziehungsweise nur in Ausnahmefällen: bei Buchillustrationen und zum Teil auch im Historienbild. Übrigens kann auch Musik nicht in Worte übersetzt werden. Mitunter sogar dann nicht, wenn – bei ­einer Oper, einem Lied oder Oratorium – Worte die Grundlage der Musik sind. Oder wird manch ein naiv-kitschiger Text der Musik eines Bach oder Schubert ­gerecht?

Wenn ich nicht nach Deiner Intention und Motiv fragen darf, dann vielleicht doch nach den Gefühlen oder dem Modell, die dahinterstecken?
Modelle gibt es nur beim Aktzeichnen im Unterricht. Die Portraits habe ich meist aus der Erinnerung gemacht. – Der Rest sind Gedanken, Gefühle ...

Aber die Stillleben?! Die Landschaften!?
Auch die. Bis auf Details sind sie aus der Erinnerung gemalt, sind Vorstellung und nicht Augenblicksrealität.

Deine Bilder sind also „Kopfgeburten“?
Ja. Und diese Kopfgeburten sind nur zufällig Bilder, weil ich nicht nur mit meinem ausgezeichneten visuellen Gedächtnis begabt bin, sondern von meinem Vater, der auch Künstler war, entscheidend beeinflusst wurde.

In welchem Maße? Erzähl mir mehr von ihm.
Siehst Du! Man hat den Eindruck, dass bei den Siebenbürger Sachsen das Interesse an der Kunst auf Leib und Leben des Künstlers beschränkt ist bzw. wie sich dieses auf das Werk auswirkt. ­Andersrum ist richtig: Von der Kunst/von dem Kunstwerk geht eine Wirkung aus – vor allem auf den Betrachter.

Du meinst, dass sie, so wie Musik und Literatur, unser Denken und Fühlen beeinflussen?
Sicher; meist unbewusst. Ein Kind, das mit dem Kuss von Rodin, Hans Hermanns idyllischen Stadtansichten oder dem so genannten „Schlafzimmerbild“ der Eltern aufwächst, ist zutiefst verstört, wenn es surrealistische und expressionistische Kunst sieht oder die schockierenden Kriegs- und Millieubilder des Otto Dix. Er trägt diese Ablehnung oder Faszination ein Leben lang mit sich. In so einem Fall genügt ein kurzer Blick. Auch die weniger schockierenden Bilder beeinflussen, wenn auch weniger deutlich. Das braucht dann aber mehr Zeit, und kriecht schleichend in unser Urteil – nicht nur über Kunst.

Mehr Zeit? Kein Mensch kann stundenlang vor einem Bild stehen.
Nicht vor einem, vor allem nicht vor jedem! Aber doch manchmal oder immer wieder!

Vor welchem Deiner Werke sollte das geschehen?
Vielleicht vor einem „Flügelflagel“?


Flügelflagel?
Ein Wort aus einem Morgenstern-Gedicht: „Der Flügelflagel gaustert / durchs Wiruwaruwolz ...“ Mein Bruder sagte es, als er das Bild sah.

Das kann doch nicht Dein Ernst sein. Dafür hast Du diese Form zu oft gemalt, in allen Größen und Farbvariationen.
Katharina Zipser: „Großer Flügelflagel II“, 1999, ...
Katharina Zipser: „Großer Flügelflagel II“, 1999, Dispersion, Kreiden, Glimmer auf Leinwand, 240 x 220 cm. Foto: Frank Stürmer
Ich kannte den „Flügelflagel“ schon seit dem verordneten Mittagsschlaf meiner Kindheit. Ich drückte auf die geschlossenen Lider, und nach einer Weile erschien er und wechselte die Farben. – Erkennst Du ihn nicht auch? Ich versuchte durch den winzigen Mittelpunkt in die unendliche Ferne zu sehen, glaubte manchmal auch etwas zu erkennen, aber sicher war ich mir nie. Später erfuhr ich aus der Bibel, dass die Cherubim, flügelschlagend, Gottes Antlitz verbergen. Viel später sah ich sie wieder, in der Hagia Sophia, hoch oben in den Zwickeln der Kuppel. Seither male ich sie.

Warum heißen sie dann nicht Cherubim?
Weil ich nicht Kirchenmaler sein will. Die Religion hat zu viele Symbole vereinnahmt.

Aber Du bist Kirchenmaler bzw. warst als solcher in Rumänien tätig.
Ja, wegen des Fresko. Es war meine sinnvollste Ausbildung, auch wegen der Ikonenmalerei, die mir bei meinen Versuchen, Licht zu malen, geholfen hat.

Licht zu malen in den sogenannten „Auf- und Untergängen“?
Und in den erinnerten Landschaften. Allerdings musste ich erkennen, dass Licht viel heller ist als Weiß und man dessen Helligkeit daher nur relativierend darstellen kann, oder indem man reflektierende Materialien wie Schlagmetalle und farbigen Quarzglimmer einsetzt.

Heller als Weiß hast Du malerisch nicht hingekriegt, dafür aber in den letzten Jahren ...
... dunkler als Schwarz; – auch das eine Spätfolge der Kirchenmalerei. Durch das Fresko lernte ich den Umgang mit Pigmenten, dem Material, aus dem Künstlerfarben gemacht werden. Es gibt grüne, blaue, rote und violette Pigmente, die in konzentrierter Form deutlich dunkler als Schwarz sind. Ich habe sie gegen alle verfügbaren Schwarzpigmente gesetzt; – und das Schwarz scheint grau oder bräunlich.

Diesen „dunklen“ Bildern hast Du Titel gegeben. Und wir, Betrachter, suchen nach einem Bezug.
Es war sehr zeitaufwändig, sie zu malen, und unterdessen geschah in meinem Leben etwas, das die Komposition und den Titel beeinflusste – nicht aber das Problem: dunkler als Schwarz.

Dennoch fragt man nach dem Sinn: Haben die „dunklen“ Bilder etwas mit Tod zu tun?
Damals sicher nicht. Wie auch die „Flügelflagel“ lehnen sie sich gegen die Grenzen der Wahrnehmung auf: Sie verhandeln mit dem „Jenseits“.

Ich danke für das Gespräch und wünsche auch im Namen der Siebenbürgischen Zeitung und des Verbandes alles Gute.
Danke. Wieso stellst Du die übliche Schlussfrage nicht: Was für Pläne ich für die Zukunft habe?

Welches sind die denn?
Das, Lieber, bei unserem nächsten Interview.




Schlagwörter: Zipser, Künstlerin

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