27. Februar 2012

Heft 4/2011 der "Spiegelungen": Doppeltes Jubiläum

Ende Juli 2011 war das Internationale Begegnungszentrum der Wissenschaft München (IBZ) Ort einer doppelten Jubiläumsfeier: Das Südostdeutsche Kulturwerk e. V. (SOKW) beging sein 60-jähriges und das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS), das aus dem SOKW hervorgegangen ist, sein zehnjähriges Bestehen.
Heft 4/2011 der IKGS-Zeitschrift Spiegelungen thematisiert in der Rubrik „Das aktuelle Thema“ das Ereignis, dem eine zweitägige internationale und interdisziplinäre Tagung gewidmet war. „Wir wollen Rückschau halten, den Standort unseres Instituts in der gegenwärtigen deutschen und südosteuropäischen wissenschaftlichen Landschaft bestimmen, Themen aus unserem Forschungsbereich erörtern und künftigen Entwicklungen Aufmerksamkeit schenken“, sagte Institutsdirektor Stefan Sienerth in seinem Grußwort, das neben den Statements von Ministerialrätin Sabine Deres (Bonn), von Rektor Andrei Marga (Klausenburg), Vizerektor László Imre Komlósi (Fünfkirchen/Pécs) und SOKW-Vorsitzenden Anton Schwob (Salzburg) in der Zeitschrift abgedruckt ist.

Nachgelesen werden kann darin auch der Festvortrag „Ein Solitär in der Wissenschaftslandschaft? Zur Verortung des ‚IKGS’ in Wissenschaft und Gesellschaft“ von Konrad Gündisch, stellvertretender Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg. Er hält fest: „Anders als ein einzeln gefasster Brillant entwickelt unser Solitär seine Strahlkraft durch das Zusammenspiel mit anderen Solitären, durch eine selbstbewusste Positionierung in der Scientific Community, vor allem aber durch klug betriebene, Synergien freisetzende Kooperation ... Das Institut richtet seine Forschungsarbeit an modernen Ansätzen der Ostmittel- und Südosteuropaforschung sowie insbesondere an den aktuellen Fragestellungen aus, die sich aus der Aufarbeitung der Geschichte der totalitären Diktaturen und deren Umgang mit ethnischen Minderheiten ergeben. Die Forschungen sind insofern aktuell und relevant. Sie werden zunehmend interdisziplinär organisiert.“

Sozusagen die Probe aufs Exempel liefert der Spiegelungen-Aufsatz „Die vereitelte Anwerbung Alfred Margul-Sperbers als Informant des rumänischen Geheimdienstes Securitate im operativen Vorgang Hermine Pilder-Klein“ von Peter Motzan, der zu dem zeit- und literaturgeschichtlichen Thema auch auf der Tagung referiert hatte. Für den bekannten Germanisten und stellvertretenden IKGS-Direktor war es offiziell sein letzter Arbeitstag. Mit Worten der Würdigung und des Dankes wurde der verdienstvolle wissenschaftliche Mitarbeiter, der rund zwanzig Jahre im IKGS gewirkt hatte, auf dem Symposium in den Ruhestand verabschiedet, vermerkt der Veranstaltungsbericht, für den Albert Weber zeichnet.

Die Spiegelungen wird Peter Motzan als Mitherausgeber und in der redaktionellen Tätigkeit weiterhin unterstützen, so u. a. in der Rubrik „Literarische Texte“, für die er diesmal von Anke Pfeifer übersetzte Prosa des Rumänen Constantin Abăluţă, Gedichte des Banaters Horst Samson und der jungen Ungarndeutschen Angela Korb ausgewählt hat. Aus dem im IKGS in Vorbereitung befindlichen Lexikon deutschsprachiger Autorinnen und Autoren aus Südosteuropa werden vom Literaturhistoriker Klaus Werner drei aus der Bukowina stammende Autoren vorgestellt, neben dem Lyriker, am Wiener Deutschen Volkstheater aufgeführten Stückeschreiber und Publizisten Victor Wittner (1896–1949) der in Czernowitz geborene Essayist und Lyriker Jonas Lesser (1895–1968), von dem u. a. das Buch „Thomas Mann in der Epoche seiner Vollendung“ erschien (1952), und sein Landsmann, der Romancier Jacob Klein-Haparash (1897–1970), schlagartig bekannt geworden mit dem im S. Fischer Verlag veröffentlichten Roman „... der vor dem Löwen flieht“ (1961). Wittner starb in Wien, Lesser in London und Klein-Haparash in Israel. Passend zur Beschäftigung mit diesen Vertretern einer ungewöhnlichen literarischen Landschaft Südosteuropas plädiert ein Essay von Martin A. Hainz für ein neues Nachdenken über Czernowitz als Stadt gelebter bzw. intendierter Multikulturalität.

Dem Jubiläum des 200. Geburtstages von Franz Liszt (1811–1886) ist der vom Musikwissenschaftler Franz Metz verfasste Aufsatz „Der ‚König des Klaviers’ auf großer Tournee“ gewidmet. Nachvollzogen wird die „letzte und längste Konzertreise seiner Virtuosenlaufbahn“, die den 35-Jährigen von Ungarn aus über Temeswar, Lugosch, Arad, Hermannstadt, Klausenburg, Bukarest, Kiew und Czernowitz bis Konstantinopel führte. Insbesondere Franz Liszts Auftritten im Banat und in Siebenbürgen und deren Wahrnehmung in der zeitgenössischen Presse schenkt der Autor Aufmerksamkeit. In der Rubrik „Geschichte und Gegenwart“ bietet der Publizist Stefan Teppert mit seinem Beitrag „Die donauschwäbische Siedlung Entre Rios in Brasilien“ eine überaus lesenswerte Dokumentation über die Entstehung und den Werdegang dieser überseeischen Fünf-Dörfer-Siedlung, die von aus ihrer Heimat vertriebenen Donauschwaben zu Beginn der 1950er Jahre gegründet wurde und trotz mancher Rückschläge heute ein florierendes Gemeinwesen darstellt. Der Beitrag ist mit einschlägigen Fotos illustriert, u. a. von Teppert, der in dieser donauschwäbischen Siedlung geboren wurde.

Im Rezensionsteil des Heftes wird eine Reihe beachtenswerter Neuerscheinungen zur Literatur und Geschichte Südosteuropas besprochen – Lyrik von Dieter Schlesak und Edith Ottschofski, Prosa von Hans Bergel, Bettina Schuller, Marica Bodroić und Dan Lungu, ein Studienband über Immanuel Weißglas, Erinnerungen Edith-Silbermanns an Paul Celan, eine Hans-Bergel-Monografie Renate Windisch-Middendorfs, Anton-Joseph Ilks Dissertation über die mythische Erzählwelt der Zipser im Wassertal sowie Bücher zur Geschichte der Donauschwaben (1918–1945), zur Rolle des serbischen Staatsmodells (1918–1929) und über Osteuropa nach der politischen Wende 1989. Im „Forum“ bzw. in der „Rundschau“ werden u. a. ein Bericht über die 26. Internationale Siebenbürgische Akademiewoche von Studium Transylvanicum, Nachrufe auf den Filmemacher Liviu Ciulei, den Hermann-Oberth-Biografen Hans Barth, den Banater Schulmann Erich Pfaff, weitere Personalien sowie einschlägige Informationen über Südosteuropa gebracht.


Auslieferung, Vertrieb und Abonnementbetreuung erfolgen über: Intime Services GmbH, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon: (0 89) 85 70 91 12. Preis: Einzelheft 6,15 Euro (zuzüglich Porto und Versand, Abonnement 22,50 Euro (einschließlich Porto und Versand).

Schlagwörter: IKGS, Südosteuropa

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