12. März 2013

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Monumentaler Gesellschaftsreigen: "Die Schrift in Flammen" von Miklós Bánffy

Lug und Betrug, Liebe und Affären, Glücksspiel und Pferderennen, Intrigen und Macht, Politik und Geld: Das sind nicht die Zutaten für die Fortsetzung von „Dallas“, die gerade im deutschen Fernsehen läuft, sondern die Themen des knapp 800 Seiten starken Romans „Die Schrift in Flammen“ von Miklós Bánffy, erster Teil seiner „Siebenbürger Geschichte“, die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand und zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erscheint. Im letzten Jahrzehnt der österreichisch-ungarischen Monarchie, zwischen 1904 und 1914, spielt die Trilogie. Im Mittelpunkt des ersten Bandes stehen Bálint Abády und sein Cousin László Gyerőffy, zwei junge Adlige aus Siebenbürgen. Beide sind reich und gut ausgebildet und bewegen sich in den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Ihre Leben entwickeln sich jedoch trotz ähnlicher Ausgangslage in sehr unterschiedliche Richtungen.
Graf Bálint Abády kehrt nach einigen Jahren als Diplomat im Ausland zurück nach Siebenbürgen, wo ihn „etwa sechzehntausend Joch Tannenforst unter dem Vlegyásza, dreitausend Joch ,Kanaan-Äcker‘ in Dénestornya, im Winkel der Flüsse Maros und Aranyos, einige Zwerggüter hier und dort, darunter auch in Lélbánya, drei Viertel des Sees“ erwarten, die seine Mutter vom Familienschloss in Dénestornya aus verwaltet – oder zu verwalten versucht. Er nimmt das „herrenlos gewordene Mandat von Lélbánya“ an und hält sich fortan abwechselnd auf seinen ausgedehnten Gütern, in Klausenburg oder in Budapest auf, wo er an den Sitzungen des Parlaments teilnehmen muss.

Zwischen ihm und einer Freundin aus Jugendtagen, Adrienne Milóth, „ein seltsames, selbständig denkendes Mädchen (...), freundlich und sehr intelligent“, entwickelt sich eine Beziehung, die Abády zunächst nur für eine Freundschaft hält, womit er sich allerdings selbst belügt und so den Konventionen zu entsprechen versucht, denn Adrienne ist verheiratet und hat eine Tochter. Ihre Unbefangenheit im Umgang mit ihm ist ebenfalls nur Fassade. Sie fühlt sich zwar zu ihm hingezogen, ist aber seit ihrer Hochzeitsnacht traumatisiert. Da ihr Ehemann Pál Uzdy „einen Reiz nur daran gefunden hatte, dem widerstrebenden Weib Gewalt anzutun“ und Adrienne liebevollen körperlichen Umgang mit einem Mann nicht kennt, zögert sie, sich dem sie umwerbenden Abády auch nur in Gedanken hinzugeben – ganz abgesehen davon, dass sie verheiratet ist und eine Affäre nicht in Frage kommt. Abády selbst ist hin- und hergerissen und verspürt widerstreitende Gefühle: „Was hast du mit Adrienne vor? Was soll das alles? Willst du dich anketten lassen? (...) Sie ist nicht eine jener Frauen, die man leicht gewinnt und dann, nachdem man sie bekommen hat, stehenlässt; (...) So etwas tun, das darf man nicht. (...) Und wenn du verliebt sein solltest? Wenn du sie von ihrem Mann trennen und sie heiraten wolltest? Aber du bist, nicht wahr, doch nicht verliebt? (...) Welchen Zweck hat diese Frauenjagd? Es gibt ja genug Frauen in der Welt, warum willst du gerade diese eine, gerade die, welche für dich am gefährlichsten ist?“ Andererseits wälzt er „Theorien von den Rechten des Mannes und vom Kampf, der das Gesetz über Männchen und Weibchen bildete, von der ewigen Ordnung der Natur und dass es für das Weib Befreiung bedeute, wenn sie wirklich zur Frau gemacht werde; dies sei ein echter Dienst. (...) Wie viele Umstände mache manche Frau, und wie sehr doch erwarte sie, gewaltsam unterjocht zu werden, und je gröber es dabei zugehe, umso schmeichelhafter für sie, denn es diene als Beweis dafür, wie sehr sie begehrt werde.“ Ablenkung bieten die Erkundung seiner Besitztümer und die gelegentlichen Aufenthalte in Budapest, und nachdem Abády davon abkommt, Adrienne „gewaltsam“ zu nehmen, gewährt sie ihm – unter besonderen Umständen – doch ihre Gunst.

r ...Auch sein Cousin László Gyerőffy hat mit einer unglücklichen Liebe zu kämpfen. Klára mit den „meerfarbenen Augen“ ist seine Angebetete, die seine Gefühle sogar erwidert, aber von einer offiziellen Verbindung kann keine Rede sein, denn Kláras Stiefmutter hat bereits eine vorteilhafte Heirat eingefädelt; zudem findet der ernsthafte Musikstudent László zunehmend Gefallen an seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen – man ernennt ihn zum offiziellen Vortänzer der Ballsaison – und vor allem am Bakkarat-Spiel, das nicht nur an seinen Nerven, sondern vor allem an seinem Geldbeutel zerrt. Ein Spieler aber kommt als Heiratskandidat für Klára nicht in Frage, ein Dandy „wie ein Bild aus einem englischen Modejournal“ schon gar nicht: „Er trug einen eisengrauen Gehrock und eine im Schnitt eckig auslaufende, butterfarbene Zweireiherweste. Seine mit weißen Streifen aufgelockerte Hose mochte ein wenig provozierend wirken, doch zu einem Anlass dieser Art durfte man auch mit auffälligeren Beinkleidern erscheinen. Unter der scharfen Bügelfalte: Lackschuhe mit einem sandfarbenen Einsatz am Oberteil, als wären es glitzernde Klingen von Dolchen. Ins Revers seines Mantels hatte er sich natürlich eine volle gelbe Nelke gesteckt – die Blume, die seine und Kláras Liebe symbolisierte.“ Gyerőffy mag ein wenig exzentrisch sein, aber er weiß sich zu benehmen, ist charmant und kommt bei vielen Frauen gut an. Besonders ins Auge sticht er Gräfin Berédy, der schönen Fanny, die zwar verheiratet ist, aber ein Abkommen mit ihrem Ehemann hat, dass sie tun kann, was sie will, solange es diskret geschieht. Fanny sorgt dafür, dass ihr Liebhaber Wárday Klára heiratet, damit sie selbst László bekommt, und sie tut noch mehr. Seine in immense Höhen gestiegenen Spielschulden begleicht sie, indem sie ihr liebstes Schmuckstück, pikanterweise ein Hochzeitsgeschenk, verpfändet: „fünf Reihen erbsengroßer Perlen, deren lebhaftes, vitales Weiß zu ihrer rosigen Haut so gut passte. Wenn sie sich das Kollier spielerisch um die Hüfte oder den Hals band, es sich über die Schulter warf, als Fessel um die Schenkel knüpfte, sodass es die goldbemoosten Rundungen ihrer Figur nachzeichnete, dann wurde ihre Nacktheit durch die Perlenreihen noch betont.“ Sie kauft Gyerőffy und fühlt sich ihm überlegen. „Jetzt gehörst du mir, sosehr du dich auch geziert hast. (...) Nun kannst du nicht mehr rebellieren, dich nicht auf all die irrwitzigen Männergrundsätze berufen, gegen die der Kampf so schwerfällt, weil sie sinnlos sind“, denkt sie, aber der Geliebte ist natürlich nicht etwa dankbar, sondern in seiner männlichen Ehre zutiefst gekränkt und sucht verzweifelt nach einem Ausweg. „Die Schande war nicht länger zu ertragen, dass er sich dank des Geldes einer Frau über Wasser hielt.“

Abády und Gyerőffy sind zwei Seiten einer Medaille, zwei Charaktere, die aus einer Person geformt zu sein scheinen: Während der eine zum echten Grafen, Landbesitzer, Politiker wird, erliegt der andere den Versuchungen des adligen Lebens und gibt sich bis zum Ruin dem Vergnügen hin. Es ist meisterlich, wie Miklós Bánffy beider Leben im Roman ineinander verschränkt, wie er die Cousins einander immer wieder wie Spiegelbilder begegnen lässt, wie sich das charakterliche Pendel mal zur einen, mal zur anderen Seite neigt. Zur Identifikationsfigur für den Leser taugen beide.

Die Politik in der Doppelmonarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt eine wesentliche Rolle im Roman, bildet sozusagen den Rahmen und den Hintergrund, vor dem sich die gesellschaftlichen Dramen und Ränkespiele erst entfalten können. Der Autor Miklós Bánffy war 1921/22 ungarischer Außenminister, was man den politischen Abhandlungen und den minutiös geschilderten Parlamentssitzungen, die sich durch das Buch ziehen, anmerkt. Zudem entstammt er einer adligen Familie, war selbst ein Graf und vertraut mit den Umgangsformen. Er lässt aber im Roman auch die einfache rumänische Bevölkerung zu Wort kommen, Bauern, Popen, kleine Beamte, die sich für wichtiger halten als sie sind und gewisse Dinge „la noapte“ regeln. So entsteht ein dichtes gesellschaftliches Panorama mit immer wieder überraschenden persönlichen, nationalen und ethnischen Verflechtungen.

In einem der besten Momente des Romans macht sich Bálint Abády für den Ball in Klausenburg am Faschingsdienstag zurecht. Bánffy kreiert hier eine Art männlicher Boudoir-Szene, die so außergewöhnlich und spannend ist, weil sich ausnahmsweise mal ein Mann an- und nicht eine Frau auszieht. Von der Rasur mit einer „Gilletteklinge“ bis zu „all den Siebensachen, die ein Mann in seinen Taschen zu schleppen pflegt“, sehen wir Abády bei seinen gera-­ dezu sinnlich geschilderten Vorbereitungen zu und lauschen seinen Gedanken über „hübsche Kokotten“, Liebesnächte in Budapest und immer wieder Adrienne.

Feinen Humor beweist Bánffy ebenfalls, unter anderem mit Frau Tóthy und Frau Báczko, den Gesellschafterinnen von Abádys Mutter, die sich nur durch ihr Doppelkinn unterscheiden, sowie mit Tante Lizinka, der Cousine von Großvater Péter Abády, deren Energie „dreißigtausend Dragonern“ gleicht und die eifrig klatscht und tratscht und intrigiert.

„Die Schrift in Flammen“ kann als historischer Roman, als politisches Manifest, als soziologische Studie gelesen werden und bietet für jede Lesart reichlich Stoff. Wie es im zweiten Teil von Miklós Bánffys „Siebenbürger Geschichte“ weitergeht, kann man bereits nachlesen – „Verschwundene Schätze“ ist am 25. Februar erschienen und wird demnächst in dieser Zeitung vorgestellt.

Doris Roth


Miklós Bánffy, „Die Schrift in Flammen“, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2012, 800 Seiten, 27,90 Euro, ISBN 978-3-552-05559-9.
Die Schrift in Flammen: Roman
Miklós Bánffy
Die Schrift in Flammen: Roman

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Schlagwörter: Rezension, Roman, Siebenbürgen, Geschichte, Gesellschaft

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