2. Mai 2013

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Ein (un)lesbares Buch

Mircea Cărtărescus zweiter Band aus der Trilogie Orbitor.
Kunstvoll fängt ein Kapitel an, indem der Erzählerblick wie durch eine Lupe auf die Dinge schaut, da gibt es zunächst eine grüne Säge, die sich als Bein eines Insekts entpuppt, danach das Blatt, auf dem die Blattlaus sitzt, schließlich den Löwenmaulstängel und es geht immer so weiter, bis man den Frauenarm sieht, die Gruppe, und letztendlich den Hauptmann „sobald die Bildauflösung realistisches Niveau erreicht hat“. (57) Gebannt folgt der Leser dem Auge des Erzählers vom winzigsten Detail bis zur großen Szene auch in diesem zweiten Teil der Trilogie Orbitor (Blendend) des rumänischen Autors Mircea Cărtărescu. Das Buch ist nun im Zsolnay Verlag auf deutsch erschienen, mit dem Titel Der Körper. Auch diese Übersetzung, diesmal eine Zusammenarbeit von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold, wurde preisgekrönt, wie bereits das erste Buch, Die Wissenden. Die Jury des Preises für internationale Gegenwartsliteratur in deutscher Erstübersetzung sprach von einem „elektrisierenden Kunstwerk von seltener Intensität und Leuchtkraft“.

Ein Manko habe die Menschheit, denn sie verstehe nicht die vierte Dimension, die der Zeit, sagt der Erzähler im Buch. Doch gerade die braucht man für dieses „unlesbare Buch“, wie der Autor es kokettierend mehrfach bezeichnet. Nämlich viel Zeit, um in das Feuerwerk der Beschreibungen einzutauchen, mit dem Cărtărescu viele Seiten füllt, Zeit, um den Geschichten zu folgen, die sich um Mircea/Mircişor, das Alter Ego des Autors, ranken. In diesem Buch geht es um die Kindheit von Mircişor, um seine Mutter Maria, die zauberhafte Teppiche knüpft und daraus eine Textur macht, die die Verzweigungen der Geschichten im Buch versinnbildlicht, und auch wieder um Gestalten aus dem ersten Band. Cedric und Herman tauchen wieder auf und die Wissenden, die nunmehr Statuenmenschen sind. Mit dem Hauptmann Vasile Badislav und der Urgroßmutter Maria wird die Familiengeschichte wieder aufgegriffen. Schmetterlinge und Spinnen sind ebenfalls in diesem Band Schlüsselelemente. Da ist Maria, ebenjene Urgroßmutter, die sich jeden Morgen in einen Schmetterling verwandelt oder dann der prachtvolle Schmetterling, der in einem schauerlichen Ritual einer riesigen Spinne geopfert wird. Nacherzählen kann man das Buch nicht, denn der Autor springt von einem Erzählstrang in den nächsten von einer gewaltigen Szene in die folgende, ja von einem Traum in den anderen. Opulent, grotesk, manchmal fast wissenschaftlich, fantastisch, makaber, traumwandlerisch und letztendlich schön sind die Ausschweifungen des Erzählers, dessen Diskurs aus quasirealen Situationen ausbricht und in magische Traumwelten eintaucht. Dabei ist man immer wieder erstaunt, wie die Erzählung weiter fortschreitet, wie sie etwa zurückfindet in den Erzählstrang oder wie immer wieder neue Geschichten angerissen werden.

Thematisiert wird stets auch die Erzählsituation. Die Gestalten aus dem Buch könnten real sein, wir selbst könnten Erfindungen eines Schriftstellers sein und selbst das Buch entsteht erst, wenn die Geisteswelt des Lesers auf jene des Autors trifft. So spricht der Erzähler die virtuelle Leserin des Buches an: „Dadurch spritze ich in deinen träumerischen Geist die Hälfte meines genetischen Codes. Erst in deinem schützenden Schädel wird sich das Buch entwickeln können, wenn es mit der Hälfte deines Codes verschmilzt.“ (601)

Bezeichnend ist auch die Anfangszeile des Buches: „Ich erlebe nichts mehr wirklich“ (9), schreibt der Erzähler, um später auszuführen: „Ich empfinde nur noch, was ich schon mal empfunden habe, träume nur noch Träume, die ich bereits geträumt habe. (…) Ich könnte von all diesen Dingen gar nichts mitbekommen, wenn sie sich in meinem Gehirn (meiner Welt) nicht in veränderter Form neu wieder herstellen würden (…) Daher ist mein Leben bereits gelebt und mein Buch bereits geschrieben, ist doch die Vergangenheit alles, die Zukunft nichts.“ (10) Cărtărescu rüttelt an den Festen des Schreibens und des Erzählens, verwischt die Grenzen nicht nur zwischen Autor und Erzähler, sondern auch zwischen der Buchwelt und der realen Welt. Gleichsam wie der Autor als Figur im Buch auftaucht, könnten auch die anderen Gestalten in die Realität hüpfen und im Umkehrschluss ist der Leser selbst vielleicht auch nur eine Laune eines Zeilenschinders.

„Warum verschweigt meine Mutter genau wie Mirceas Mutter mir nach wie vor die Wahrheit und zwingt mich somit, sie zu erfinden?“ (117), fragt sich Mircea. Er selber müsste vielleicht nur in eine andere Dimension aufsteigen und dort „aufquellen und in der Herrlichkeit und Wahrheit der übergeordneten Welt explodieren, in der (ihn) ein Mircea, dessen Wege für (ihn) undurchdringlich sind, Augenblick für Augenblick erfindet.“ (118) Was für eine mise en abyme des Erzählaktes!

Mircea Cărtărescu schrieb nicht nur eine Romantrilogie (auf rumänisch gibt es bereits alle drei Bände, die zusammen einen Schmetterlingskörper versinnbildlichen sollen) sondern ein Buch über „alles“: „Du findest alles in diesem einzigen großen Code, in diesem Kodex, diesem unlesbaren Buch, diesem Buch“ (13). Man kann seinen wissenschaftlichen Reflexionen über die Beschaffenheit der Weylt folgen, wie auch seinen Gedankengängen über die Literatur, das Schreiben, das Zusammenspiel zwischen Realität und Fiktion, gepaart mit einer Wollust in den Beschreibungen und einer magischen Opulenz der Wörter. Man muss nur die vierte Dimension mitbringen. Es lohnt sich!

Edith Ottschofski


Mircea Cărtărescu: Der Körper. Roman, Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold, Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2011, gebunden, 607 Seiten, 26,00 Euro, ISBN 978-3-552-05504-9
Der Körper: Roman
Mircea C?rt?rescu
Der Körper: Roman

Paul Zsolnay Verlag
Gebundene Ausgabe
EUR 22,99
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Schlagwörter: Buch, rumänische Literatur, Rezension

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