19. September 2014

Studienfahrt des AKSL: Auf den Spuren siebenbürgischer Schicksale im Ersten Weltkrieg

Zwanzig Mann sitzen in ihrer eingeschneiten Stellung auf einer Dolomitenspitze. Gegenüber liegt der Feind, zwanzig Italiener, auch eingeschneit und von der Truppe abgeschnitten. Geschossen wird seit Wochen nicht mehr, denn keine Munition, kein Nachschub kommt über die vereisten Bergflanken. Da fasst sich ein Italiener ein Herz und ruft über den Stacheldraht, ob jemand mit Tabak aushelfen könne. Die Tiroler haben genug Tabak, aber kaum noch Feuerholz. Beim Tauschgeschäft kommt man sich näher, schließlich legt man die Vorräte zusammen und 40 Mann überleben den harten Bergwinter in guter Kameradschaft.
Die 40 Teilnehmer der Studienfahrt überleben die vielen hundert Kilometer im komfortablen Reisebus vom ersten Tag an in guter Kameradschaft. Gerne würden sie noch mehr solcher versöhnlicher, menschlicher Geschichten hören, aber das Thema der Reise ist grausam und hart. Noch heute spült der Isonzo verrostete Waffen und menschliche Gebeine ans Ufer. Noch heute explodieren hundertjährige Handgranaten und fordern Opfer. Ganz still wird die Gruppe in den Ausstellungen und Museen von Kötschach-Mauthen und Karfreit (Kobarid), wo das Grauen des Vernichtungskrieges zum Greifen nahe ist. Wie nach solcher Apokalypse noch weiter Kriege möglich waren und bis heute möglich sind, ist nicht zu begreifen. Auf der Weiterfahrt erzählen und lesen persönlich Betroffene aus den Tagebüchern ihrer Großväter. Wochenlanges Hungern in nassen schlammigen Löchern unter ständigem Beschuss – aber überlebt! Ein anderer wird verwundet von Kameraden gerettet, nur um von der nächsten Granate völlig zerfetzt zu werden. Zu Hause wartet seine junge schwangere Frau mit einem Säugling im Arm auf ihn. Schwer sind solche Berichte zu ertragen. Und am Pordoijoch liegt der Soldatenfriedhof mit 8000 Toten in einer überwältigend schönen Landschaft. Schroffe Berggipfel, sanfte Almen, weite Täler, darüber weiße Wölkchen auf blauem Himmel stehen für reine Lebensfreude und nicht für Tod und Verderben.
Ein langer Weg zum Frieden: deutscher ...
Ein langer Weg zum Frieden: deutscher Soldatenfriedhof am Pordoijoch in den Dolomiten. Foto: Berndt Schütz
In dieser malerischen Gegend haben sich Siebenbürger auch schon hundert Jahre vor dem Weltkrieg für ihren Kaiser geopfert. 1809 verteidigte Hauptmann Friedrich Hensel aus Kronstadt ein von ihm gebautes Blockhaus drei Tage lang gegen die napoleonischen Truppen. Zweimal boten die ihm einen ehrenvollen Abzug an, zumal er gegen die herbeigebrachte Artillerie keine Chance hatte. Er antwortete stolz, seine Pflicht sei, für seinen Kaiser zu kämpfen und nicht zu verhandeln. Im aussichtslosen Kampf opferte er sein Leben und das seiner Soldaten. Dadurch kamen die französischen Truppen zu spät nach Aspern, wo Napoleon die erste Schlacht und den Nimbus seiner Unbesiegbarkeit verlor. Aber nur vier Monate später gab Friedrich Hensels Kaiser Karl seine Tochter Marie-Louise Napoleon zur Frau. Dafür also waren 350 kaiserliche und mehr als 1300 französische Soldaten gestorben.

Dem „Sächsischen Leonidas“ zu Ehren ist heute im österreichischen Villach eine Kaserne benannt, von Kaiser Ferdinand I. bekam er ein Denkmal im italienischen Malborghetto … und unsere Reisegruppe stellt sich trotz Nieselregen vollzählig zu einem Gruppenfoto vor dem bronzenen Löwen auf.
Die AKSL-Reisegruppe in Malborghetto vor dem ...
Die AKSL-Reisegruppe in Malborghetto vor dem Denkmal des Kronstädters Friedrich Hensel. Foto: Konrad Klein
Andere Siebenbürger haben es bis ganz nach oben im kaiserlichen Heer geschafft. Johann Fernengel, Sohn eines Schneiders aus Agnetheln, brachte es bis zum Feldmarschall-Leutnant und dem Generalstabschef Arthur Arz von Straussenburg aus Hermannstadt wurde von Kaiser Franz gar der Oberbefehl über die gesamte bewaffnete Macht angeboten. Das allerdings erst einen Tag vor Kriegsende, so dass er dankend ablehnte.

Informativ und kurzweilig sind diese Berichte und Informationen während der Fahrt trotz ihres bedrückenden Inhalts. Auflockerung bringen immer wieder kleine Gedichte sehr geistvoll gereimten Unsinns. Die Haarnadelkurven über die steilen Gebirgspässe, bei denen der große Bus mehr als einmal zurücksetzen muss, sorgen für Spannung. So schrumpfen die vielen Kilometer zwischen Innsbruck, Cortina d‘Ampezzo, Flitsch/Bovec, Laibach/Ljubljana, Cilli/Celje und Graz auf ein durchaus erträgliches Maß.
In der Art der Arma-Christi-Darstellungen ...
In der Art der Arma-Christi-Darstellungen gestaltetes Weltkriegs-Mahnmal auf dem Weg zur Kriegsgräberstätte Pordoi. Foto: Konrad Klein
Das berühmte Vlad Ţepes-Bild des Innsbrucker Schlosses Ambras ist gerade verliehen, aber es gibt genügend andere Grauslichkeiten zu bestaunen. Das Zisterzienserkloster Sittich/Sticna ist schon geschlossen, aber jemand entdeckt eine offene Tür und die ganze Truppe schleicht auf Fußspitzen durch den Kreuzgang bis in die Schlafräume und (fast) unbemerkt auch wieder hinaus. Die zwölf Zisterzienser singen gerade ihre Mittagsandacht in der prächtigen Kirche. Die Wagensburg/Bogensperg, die J. W. Valvassor verkaufte, um sein vielbändiges Werk drucken zu können, soll gar nicht besichtigt werden, ist dann aber doch zu interessant. Und für die mächtige Ruine in Cilli/Celje reicht die Zeit auch noch.

Schließlich sorgt die Steiermark für eine handfeste Überraschung. In der barocken Wallfahrtskirche von St. Veit am Vogau ist im Deckengewölbe Karl Marx abgebildet, der mit erhobener Hand zu Arbeitern redet. Von diesem Schreck erholt man sich am besten in einem wunderbar gelegenen „Buschenschank“. Der Zweigelt ist so gut, dass auf der Fahrt bis Graz nonstop gesungen wird. Da, im Bildungshaus Mariatrost, findet die internationale Tagung statt mit einer Vielzahl von interessanten und spannenden Vorträgen. Und da kommt dann doch noch eine tröstliche Begebenheit zur Sprache: Es ist Ostern an der galizischen Front. Ein russischer Soldat steigt aus dem Schützengraben, ruft und winkt mit Kollatschen. K. u. k. Soldaten laufen ihm entgegen und bringen Äpfel mit. Er spricht rumänisch. Die kaiserlichen auch. „Hristos a înviat!“ Man singt, man tanzt sogar gemeinsam. Nach einer halben Stunde beenden Offiziere das Fest.

Nach acht Tagen ist auch die Studienfahrt beendet. Schade!

Berndt Schütz

Schlagwörter: Studienreise, AKSL, Geschichte, Weltkrieg

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