29. März 2015

Michael Barner – Maler, Musiker, Poet

Einen mitreißenden Abend konnten diejenigen erleben, die sich am 13. März auf den Weg zum Schloss Horneck in Gundelsheim gemacht hatten. Die Veranstaltung im stimmungsvollen Festsaal des Schlosses war dem siebenbürgischen Künstler Michael Barner gewidmet: Maler, Musiker, Poet. Es war der Anspruch dieses Abends, diese drei zum Teil noch völlig unbekannten Facetten eines Künstlerdaseins zu beleuchten, ja zu entdecken. Die Retrospektive zu Leben und Werk Michael Barners ist noch bis zum 21. Juni jeweils dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 11.00 bis 17.00 Uhr im Siebenbürgischen Museum Gundelsheim zu sehen.
Den künstlerischen Werdegang des Malers zeichnete Dr. Irmgard Sedler im Rahmen der Vernissage nach. Die Kuratorin der Ausstellung beschrieb fundiert, wie der 1881 geborene Michael Barner dem kleinbürgerlichen Milieu seiner Heimatstadt Agnetheln entwuchs und zweiundzwanzigjährig nach Budapest an die Kunstakademie kam. Sein Lebensweg führte ihn später dann bis Wien, München, Paris, Rom und Berlin. Der Versuch aber, sich in der Metropole Berlin als Maler zu etablieren, scheiterte wohl nicht zuletzt an seiner labilen Psyche. Mittellos verbrachte er seine letzten Lebensjahrzehnte wieder in Siebenbürgen, hauptsächlich in ­Agnetheln. 1961 starb er in Birthälm. Sein künstlerischer Nachlass mit 32 Gemälden, 21 Aquarellen und 86 Zeichnungen wurde dem Harbachtalmuseum Agnetheln übergeben, das damit heute den umfangreichsten Bestand an Barner-Werken besitzt.

Die anschließende Besichtigung der Ausstellung ergänzte das Gehörte aufs Schönste. Man darf sich freuen auf die baldige Fertigstellung des Katalogs zur Ausstellung, in welchem hoffentlich auch viele Werke, die im Agnethler Harbachtalmuseum hängen, zu finden sein werden. Der Abend zeigte sich als Gemeinschaftsprojekt dreier Veranstalter, die mit eigenen Grußworten in Erscheinung traten: das Siebenbürgische Museum durch seinen Kurator Dr. Markus Lörz, das Agnethler Harbachtalmuseum durch dessen Leiterin Mihaela Nevodar und die HOG Agnetheln durch deren Vorsitzende Helga Lutsch, die gleichzeitig auch der treibende Motor langjähriger Vorbereitungen war.
Michael Barner: Beim Kartoffelhacken, 1939, Öl ...
Michael Barner: Beim Kartoffelhacken, 1939, Öl auf Leinwand, Privatbesitz. Foto: © Siebenbürgisches Museum Gundelsheim, Lörz
Während das Malen eindeutig den ersten Rang im Leben Barners einnahm, war die Musik ein weiterer, bislang allerdings unbekannter Spiegel seines sensiblen ­Wesens. Eine Hinterlassenschaft von etwa 200 Liedern ist uns überliefert, meist skizzenhafte Entwürfe ohne weitere Ausführungsangaben oder Ausarbeitungen von instrumentalen Begleitungen. Der Fleißarbeit von Heinz Acker ist es zu verdanken, dass die Zuhörer auf Schloss Horneck nun erstmalig einen packenden Eindruck von Michael Barners musikalischem Genius empfinden konnten, denn diese Lieder sind noch nie irgendwo erklungen. Acker hat aus dem Nachlass neun Lieder bearbeitet und sie dem Publikum auf diese Weise überzeugend vorstellen können. Es sind Bearbeitungen für Chor oder Solostimme mit Klavierbegleitung, wobei Acker die so kunstfertig illustrierenden Begleitungen selbst übernahm und auch anregend moderierend durch das Programm führte.
Heinz Acker und Dieter Wagner bei der Eröffnung ...
Heinz Acker und Dieter Wagner bei der Eröffnung der Ausstellung in Gundelsheim. Foto: Jutta Fabritius
Das Gedicht von Otto Piringer „Dankelrīt Rīsken“ erklang gleich zu Beginn im vierstimmigen Acker’schen Chorsatz, gesungen vom Heilbronner „Liederkranz der Siebenbürger Sachsen“ unter der Leitung von Melitta Wonner. Mit seiner ungekünstelten Melodie hat Barner hier den Volkston getroffen. Vom Tenor Dieter Wagner solistisch vorgetragen, war das Lied dann ein zweites Mal zu hören. Diese Gegenüberstellung hatte ihren Reiz! Beide Varianten waren durchaus überzeugend und veranschaulichten die nicht zu unterschätzende Bedeutung einer Bearbeitung. Für vierstimmigen Chorgesang bearbeitet erklang darauf das alpenländisch anmutende, heitere Lied „Ach wenn ich so schön wär wie der Apfel am Baum“, dem das wehmütige „Abreise“ folgte. Den von Ludwig Uhland beschriebenen Abschiedsschmerz kannte der so unstet getriebene Barner nur zu gut. In seiner subtilen harmonischen Ausgestaltung ­erinnerte dieses Lied an Chorgesänge Robert Schumanns. Wie wäre es aber, von einer langen Wanderschaft als wohlhabender Mann zurückgekehrt, mit seinem Liebchen ein rauschendes Hochzeitsfest zu feiern, unter der Mitwirkung „aller Prager Musikanten“? Michael Barner hat das Heiraten nur als Beobachter studieren können. Entsprechend endet das Solo-Lied „Wenn ich aus der Fremde komme“ dann auch mit einem melancholischen Unterton. Vielen Liedern Barners liegen Gedichte in ungarischer Sprache zugrunde. Dieter Wagner interpretierte mit wunderbarer Linienführung das zu Herzen gehende Lied „Ihr Augen schön“, dem ein Gedicht von Sándor Petőfi zugrunde liegt. Lyrische Töne beschwor auch ein Nachtigallenlied nach Hermann Löns und – besonders anrührend – das „Zigeuner-Lied“.
Michael Barner: Stillleben mit Affen, undatiert, ...
Michael Barner: Stillleben mit Affen, undatiert, Öl auf Leinwand, Privatbesitz. Foto: © Siebenbürgisches Museum Gundelsheim, Lörz
Einen begeisterten Applaus erhielt der Tenor für die Interpretation des „Husaren-Liedes“. Möglicherweise hat Michael Barner selbst hier den ursprünglich ungarischen Text in die sächsische Mundart übertragen. Besonders deutlich trat bei diesem Stück die Kunst des Arrangeurs Heinz Acker zu Tage: ganz „all’ongarese“ kam das Lied daher; schier konnte man die Pferde schnauben hören und „alle Medcher wänken uch gressen“ sehen. Dass es im Soldatenleben aber auch ganz anders zugehen kann, zeigte die bittersüße Ballade von Peter, dem kleinen Soldaten, der wegen eines Kavaliersdeliktes gehängt werden musste. Es ist anzunehmen, dass die dunkle Seite des Soldatenlebens, vom Stumpfsinn der reinen Befehlsausführung bis hin zu den Gräueln der Schlachten, auch im Leben des jungen Künstlers Barner verheerende Spuren hinterlassen hat.

Der Mitschnitt des Konzertes lässt eine CD erwarten, die das siebenbürgische Liedschaffen – zumal in den vorliegenden Bearbeitungen – auf ungeahnte Weise künstlerisch bereichert. In einem war der Abend freilich eine Enttäuschung: Der Poet kam zu kurz. Man wünscht sich – vielleicht zur Finissage der Ausstellung? – einen Vortrag zu Barners Gedichten, Sprüchen, Briefen. Wünschenswert wäre auch, dass Acker noch weitere Edelsteine Barnerns zum Funkeln brächte.

Andrea Kulin


Der hochwertige Ausstellungskatalog kann noch bis Ende April per Subskriptionsliste im Siebenbürgischen Museum Gundelsheim oder über die E-Mail-Adresse helga_lutsch[ät]yahoo.de, Telefon: (0 71 31) 48 16 75, bestellt werden. Ebenda kann auch das Barner-Liederbuch zu 7 Euro (zuzüglich Porto) bezogen werden, das im Latzina-NotenVerlag erschienen ist und alle Acker-Bearbeitungen der Barner-Lieder enthält. Die geplante CD mit dem mitgeschnittenen Konzert wird über die gleiche Adresse zu bestellen sein.

Schlagwörter: Künstler, Agnetheln, Vernissage, Siebenbürgisches Museum

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