12. September 2015

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Zu Hans Bergels Essay-Band „Vom anderen Europa“

Der Berliner OEZ-Verlag (Osteuropa-Zentrum Berlin) veröffentlichte vor Kurzem das neueste Buch Hans Bergels; „Vom anderen Europa. Aus Geschichte und Gegenwart südosteuropäischer Landschaften.“ Die sechs Beiträge tragen den Stempel des erfahrenen Essayisten: Gründlich in der Dokumentation, überraschend in der Themenstellung, bestechend im sprachlichen Ausdruck.
Der erste, zugleich umfangreichste Essay („Die Gesichter und das Gesicht Südosteuropas. Versuch über die geistigen Wurzeln eines Kulturraumes“) wurde unter dem Titel „Über die Zerrissenheit und Einheit Südosteuropas“ bereits 1994 vom Bayerischen Rundfunk dreiteilig gesendet. Er hat dennoch nichts an Aktualität verloren, im Gegenteil, und ist nach wie vor eine der besten Arbeiten, die Bergel als Essayist schrieb. Ideen und Hinweise bei der Beleuchtung und Erklärung des Raumes zwischen Kreta und der Bukowina, dem Schwarzen Meer, Siebenbürgen und Pannonien, die Deutung der Geschichte dieses „ältesten Kulturraumes Europas“ als kollektive Prägungskraft sind so bei keinem anderen Autor zu finden. Seine aus der Vergangenheit abgeleitete Definition der heute noch gültigen geistigen und moralischen Grundsätze der südosteuropäischen Völker blieb bis dato ein Novum und erfuhr durch die gegenwärtige Griechenland-Disskussion eine geradezu stupende Bestätigung.

Brüssel und Berlin, schrieb ein Rezensent, hätten in Bergels Text ein Lehrbuch über Mechanismen südosteuropäischer Mentalität zur Hand haben können. Bergel bestimmt in dieser Untersuchung auch die Interpretation der „nihilistischen“ Philosophie Émile Ciorans – des Südosteuropäers in Paris – von Grund auf neu; Ciorans zynische Weitsicht erkläre sich aus der über lange Zeiträume hinweg unglücklichen und leiderfüllten Geschichte Südosteuropas (osmanische Herrschaft), Auf den Essay näher einzugehen, ist nicht möglich; in Bergels Gesamtwerk – immerhin rund 50 Bücher – nimmt er einen Spitzenplatz ein.

Dann die Partisanenkämpfe in den Karpaten nach 1945 („Das unbekannte Aufbegehren“): Wer erfuhr aus erster Hand schon etwas über dies bestgehütete Geheimnis der Securitate und nach 1989/90 von ihr mit gezielt verfälschender Literatur in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit entstellte Thema? Dazu die Groteske der dramatischen Vorgänge während des Zweiten Weltkriegs in Transnistrien, dem Landstrich zwischen Dnjestr und Bug, wohin Bukowiner Juden exportiert worden waren, wo zugleich aber auch siebenbürgische Pastoren und Handwerker kontrovers zur Polizei-SS wirkten: Wir lasen bisher in dieser Konstellation nichts darüber („Das doppelgesichtige Transnistrien“). Das gilt auch für den kommunistischen Verbannungs-Gulag Rumäniens Bărăgan, die Donausteppe; er verbindet sich mit ersten Namen des vormaligen Geisteslebens Rumäniens – und zugleich mit ­denen des ­lutherischen Stadtpfarrers Kronstadt Dr. Konrad Möckel, der Schriftsteller Andreas Birkner, Wolf von Aichelburg und Hans Bergel, insgesamt, schrieb Romulus Rusan 2008, mit der „geistigen Elite des Landes“ („Lebensraum Verbannungsort.“) Bergel berichtet als erster Deutscher mit aufschlussreichen Einzelheiten über diese Form des Zwangsaufenthaltes (domiciliu obligatoriu).

Coverfoto "Vom anderen Europa" ...Coverfoto "Vom anderen Europa"Zeitgeschichte bieten ebenso die schonungslos der Wahrheit verpflichteten Mitteilungen „Zur NS-Vergangenheitsaufarbeitung der Deutschen in Südosteuropa“. 1991 zum ersten Mal veröffentlicht, galten sie der Kritik u.a. als „Ehrenrettung der Siebenbürger Sachsen“. Hatte Bergel 1976 mit der „menschenrechtlichen Studie“ „Die Sachsen in Siebenbürgen nach dreißig Jahren Kommunismus“ ungewöhnliche Aufmerksamkeit erregt, so war seine „Studie“ auch dadurch zum publizistischen Ereignis geworden, dass Rumäniens Staatschef Ceauşescu sie sich zur persönlichen Information hatte übersetzen lassen, wie Stephan Graf Bethlen 1983 berichtete. Bergel nannte sie später seinen „größten schriftstellerischen Erfolg“, weil er mit ihr den Diktator zur Revidierung der Menschenrechts-Politik im Blick auf die Deutschen im Land gezwungen hatte. Nicht zuletzt hierauf fußte 1986 die Begründung der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an ihn.

Deutlich sind auch die Äußerungen im letzten Beitrag des Bandes („’Nein, der Kommunismus ist nicht tot.‘ Bericht über eine halbes Jahrhundert Abwesenheit aus Europa“). Thema ist der 2004 von Staatspräsident Băsescu in Auftrag gegebene Abschlussbericht („raport final“) über die kommunistische Zerstörung der Zivilgesellschaft Rumäniens. 2007 als Buch in reduzierter Auflage veröffentlicht, dokumentiert der Bericht einer Gruppe von Fachleuten unter anderem auch die wirtschaftliche und kulturelle Destruktion der deutschen Minderheit; heraus kam dabei nicht zuletzt eine Abrechnung mit alten rumänischen Chauvinismen. Als Präsident Băsescu den Bericht am 18. Dezember 2006 vor dem Bukarester Parlament vorstellte, wurde er tumultuös von ultranationalistischen Abgeordneten gestört. Dies zwang Hans Bergel zu Feststellungen wie: „Der retrograde Mythos vom ‚heiligen‘ Rumänien darf nicht einmal durch die Tatsache kommunistischer Schandtaten bis hin zum Massenmord angetastet werden. (Die Parlamentarier) sind nicht bereit, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen.“ Änderte sich seither etwas an der Bukarester Unwilligkeit, den Augiasstall zu säubern? Der Fall des Premiers Ponta – ebenfalls mit weltweiten negativen Schlagzeilen – lässt Zweifel berechtigt erscheinen. Weitgehend dominiert die Vorgestrigkeit eines Denkens, das noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Hans Bergel nimmt sich bei der Benennung der Fakten kein Blatt vor den Mund. „Vom anderen Europa“ ist ein Buch, das vielerlei Brisanz birgt. Sie lässt sich nicht zuletzt darauf zurückführen, dass der Autor über Dinge schreibt, die er zum großen Teil selber miterlebte. Das Buch empfiehlt sich außerdem durch die manches erklärende Eindeutigkeit der Aussage.

K.-J. Umbacher



Hans Bergel: „Vom anderen Europa. Aus Geschichte und Gegenwart südosteuropäischer Landschaften“. Sechs Essays, Anhang mit weiterführender Literatur, OEZ-Verlag (Osteuropa Zentrum), Berlin, 2015, 214 Seiten, 34,90 Euro, ISBN 978-3-942437-10-3

Schlagwörter: Essayband, Bergel, Rezension

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