23. September 2015

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Bedeutender Experte des deutschsprachigen Schulwesens: Nachruf auf Professor Dr. h.c. Walter König

Walter König, herausragender Pädagoge, Wissenschaftler und Kulturpolitiker, geboren am 25. Mai 1925 in Hermannstadt, ist am 9. September 2015 im Alter von 90 Jahren in Reutlingen gestorben. Bei der Trauerfeier am 14. September auf dem Friedhof Römerschanze in Reutlingen würdigte Dr. Ulrich A. Wien, Vorsitzender des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde, Königs Verdienste um das siebenbürgisch-sächsische Kulturerbe und das deutschsprachige Schulwesen in Siebenbürgen. Der Nachruf wird in Folgenden im Wortlaut wiedergegeben.
Das „gaudeamus igitur“ – angeführt von einem Chor und mitgesungen von der gesamten Festversammlung – erklang zum Abschluss der Promotion ehrenhalber von Walter König im Juni 1996 in Hermannstadt. Wer dabei war, erinnert sich, dass es ein besonderes und würdiges Ereignis war. Hier wurde der gebürtige Hermannstädter für seine wissenschaftliche Arbeit ausgezeichnet, indirekt aber auch für seine jahrzehntelangen Verdienste in der Unterstützung des deutschsprachigen Schulsystems in Rumänien geehrt. Letztere konkretisierte sich in der deutsch-rumänischen Schulbuchkommission und im umfangreichen, stetigen Bemühen, zeitgemäße, hilfreiche didaktische und pädagogische Literatur sowie Schulbücher für die in der schulpraktischen Tätigkeit stehenden Pädagoginnen und Pädagogen in Rumänien zu finanzieren und zu überbringen. „Auch Bücher sind Lebensmittel“, war dabei sein Leitmotiv, in Tat und Wort.

Die Entwicklung dieses Schulwesens unter den schwierigen Verhältnissen der kommunistischen Herrschaft wachsam, konstruktiv kritisch und aufmerksam zu begleiten und zu fördern, war sein nachhaltiges Anliegen. Den intensiven Austausch hat er bis zum Schluss gepflegt, war ein einfühlsamer Partner und der aktuell beste Experte des rumänischen Schulwesens, dessen umfangreiche Dokumentation bis hin in die Tagesaktualität ihm präzise Auskünfte erlaubte und hohe Wertschätzung erfuhr.

Er war, ausgestattet mit einem unbestechlichen Gerechtigkeitsempfinden, ein seiner Kirche eng verbundener, in hohem Maße zur Empathie fähiger Mensch, der sich in nüchterner Analyse und sachorientierter Expertise, allerdings auch mit Wärme und nachdrücklichem persönlichem Einsatz für die als notwendig erkannten Ziele einsetzte.

Walter König in seiner Wohnung in Reutlingen, Mai ...Walter König in seiner Wohnung in Reutlingen, Mai 2015. Foto: Claus König Zu diesen zählte für ihn das kulturelle Erbe seiner siebenbürgischen Heimat. Wie viele seiner ins Nachkriegsdeutschland und in die junge Bundesrepublik Deutschland verschlagenen Altersgenossen stellte er sich die Frage, nach dem Warum. Daraus resultierte die kritische Reflexion der Bedingungen für die jüngsten Entwicklungen in Siebenbürgen samt den geistigen Verirrungen des Nationalsozialismus, denen die jungen Leute sowohl ausgeliefert gewesen waren, als auch sich ausgeliefert hatten. Diese Nachdenklichkeit, dieses unbedingte Fragen, die Nötigung zur selbstkritischen Auseinandersetzung vollzog sich in einer Gemeinschaft: dem Arbeitskreis junger Siebenbürger Sachsen, dem er angehörte. Bald entstand eine verbindliche organisatorische Form: der 1962 – „im Geiste der Völkerverständigung“ – gegründete Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde, der Rechtsnachfolger des ­alten „Landeskundevereins“, dem er als Gründungsmitglied beitrat und in dessen Vorstandsarbeit eingebunden wurde. Neben der Berufstätigkeit und der Familiengründung war es diese existenzielle Verbundenheit zum Arbeitskreis, die sein Leben geprägt und bereichert hat, umfassend wissenschaftlich, konzeptionell und zum Teil administrativ forderte und für die er – und die Familie – viel aufgeopfert hat. Hier sind seine zahlreichen präzisen und souveränen Studien zum Schulwesen der Siebenbürger Sachsen entstanden, die in Auswahl zu seinem 80. Geburtstag in dem Sammelband „Schola – seminarium rei publicae“ kompendienartig vereint worden sind. Daneben war er zu Vorträgen unterwegs, seine Expertise wurde in den 1980er/1990er Jahren im politischen Leben häufig gefragt und geschätzt. Er hatte trotz des „Eisernen Vorhangs“ und dann besonders nach dessen Fall regelmäßig Siebenbürgen besucht und persönliche Kontakte intensiv direkt, aber auch brieflich gepflegt. „Er war für uns wie ein Bruder“ – so brachte jemand diese verlässliche und verbindliche Beziehung auf den Punkt. Und so hat er das Amt des AKSL-Vorsitzenden gelassen, zielstrebig und völlig uneitel ausgeübt, als Dienst verstanden, aus dem ihm weitere Ämter zuwuchsen: in der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, im Siebenbürgischen Museum – und vor allem im Vorsitz des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats, für den er sich – bis zur Selbstaufopferung – engagiert hat. Zu erinnern ist an die von ihm initiierte und beantragte Dokumentation siebenbürgisch-sächsischen Kulturguts, die zu Beginn der 1990er Jahre das festgehalten hat, was nach dem Exodus der Wendezeiten in den siebenbürgischen Städten und Dörfern nicht dem Vergessen anheimfallen sollte, sondern für das künftige Erinnern festgehalten werden sollte. Eine großartige, eine kostspielige Aktion der Bundesregierung, die er angestoßen hat und deren Ergebnisse bis heute aufgearbeitet werden. In Anerkennung seiner Verdienste als Pädagoge, Wissenschaftler und Kulturpolitiker wurde ihm 2002 der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis verliehen.

Aber sein Herz schlug für den Arbeitskreis. Dort sollte konzentriert reflektiert, prinzipiell, aber unideologisch nachgedacht und diskutiert werden. „Das haben wir diskutiert“, war eine häufig verwendete Formulierung von ihm, die sein Wesen bestimmte. Da wurden keine in der Einsamkeit entwickelten Verdikte vorgetragen, sondern im Gespräch das Für und Wider bedacht, auf unterschiedliche Vorstellungen eingegangen, diese abgewogen und eigene Positionen errungen, aber auch verteidigt. Er war verbindlich im doppelten Sinne, einerseits verlässlich, andererseits gewinnend und integrierend. Das zeigte sich bis zum Schluss: Es ist kaum eine Sitzung des AKSL-Vorstands anberaumt gewesen, zu der er – als er nicht mehr reisefähig war – nicht im Vorfeld geschrieben oder angerufen hätte. Er war trotz seiner in bewundernswerter Disziplin getragenen Einschränkungen ein Kommunikationsgenie. Er hielt die Kontakte, war bestens und frühzeitig – von vielen Seiten facettenreich – informiert. Er war dadurch bis zuletzt ein kluger Beobachter und zugleich ein kompetenter, wertvoller und aufrichtig geschätzter Gesprächspartner, dem ganz besonders der Arbeitskreis für Siebenbürgischen Landeskunde, den er von 1984-1994 als Vorsitzender geleitet hat, unermesslich viel zu verdanken hat und zu bleibendem Dank verpflichtet ist. Wir nehmen von dem Altvorsitzenden und Ehrenmitglied im Vorstand des Arbeitskreises für Siebenbürgischen Landeskunde (AKSL) in großer Trauer und Dankbarkeit Abschied und befehlen ihn Gottes Gnade. Ihnen, liebe Frau König, Ihnen, liebe Kinder und Enkel, spreche ich im Namen des AKSL und des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats, aber auch ganz persönlich meine herzliche Anteilnahme zum Heimgang des lieben Verstorbenen aus.

Schlagwörter: Nachruf, Pädagoge, Hermannstadt, Reutlingen, AKSL

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