3. Dezember 2015

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Hommage an Peter Jacobi zu seinem 80. Geburtstag

Ein in seinem nun 81. Lebensjahr höchst vitaler Künstler, ein pulsierendes Lebenswerk: Der seit 1970 bei Pforzheim lebende Siebenbürger Sachse Peter Jacobi hat, wie kaum ein anderer, ein beeindruckend vielgestaltiges, konzentriertes und zugleich konsequentes Werk geschaffen, das die Aufmerksamkeit der großen Kunstwelt verdient hat. Es kreist um die Zeit, um Vergänglichkeit und Erinnerung. Am 11. November hat Peter Jacobi seinen 80. Geburtstag gefeiert. Noch ist er weit entfernt davon, sich zur Ruhe zu setzen und auf seine Erfolge zurückzublicken, die Zeit läuft, die Ideen sprudeln, das Leben verlangt nach künstlerischem Ausdruck.
Jacobis Werk entspannt sich entlang zweier Pole, zweier Höhepunkte: zum einen der frühen textilen Arbeiten (1965-85), die aus der gemeinsamen Schaffenszeit mit der langjährigen Partnerin Ritzi Jacobi stammen – und zum anderen des 2009 im Herzen Bukarests entstandenen Holocaust-Memorial. Ein reiches künstlerisches Repertoire an Materialien und Formensprachen paart sich mit einer souveränen Handhabung kunsthistorischer Strategien; die Begeisterung für Constantin Brâncuși und die konstruktiv-kubistische Skulptur spiegelt sich in seinem Werk ebenso wie Elemente des abstrakten Expressionismus, Anleihen an Minimal Art, Konzeptionskunst und Spurensucher wie Christian Boltanski.

Ein Blick auf die chronologische Entfaltung seiner Kunst macht dabei deutlich, wie folgerichtig sich die einzelnen Werke und Werkgruppen entwickelt haben und wie konzentriert Peter Jacobi seine Themen umkreist, sie in neue Materialien übersetzt, pointiert, Schwerpunkte verlagert: so dass jede einzelne Arbeit wie ein Faden in einem großen Flechtwerk erscheint.

Beginnen wir mit den frühen großformatigen textilen Wandreliefs, die, zugleich abstrakt und körperhaft, wild wuchernd und strukturiert, innovativ und traditionsverbunden, eine starke Position in der zeitgenössischen Kunst behaupten und weltweit in wichtigen Museen aufbewahrt werden. Mit ihnen wollen Peter und Ritzi Jacobi seinerzeit die Tapisserie modernisieren, und mit Stoff, Faden, Haaren ganz neue, bisher dem Handwerk vorbehaltene Materialien und Techniken für die Kunst erschließen. Daneben entstehen zu Beginn der 70er-Jahre Marmorreliefs, in denen Peter Jacobi solche weichen Texturen in Stein überträgt und damit den momenthaften Faltenwurf, Ausdruck von Leben und Bewegung, anhält, versteinern lässt. Das Weiche, Lebendige wird in die Zeitlosigkeit gerettet – und damit zum Memento mori. Das anklingende Motto Zeit/Zeitlosigkeit/Vergänglichkeit, das sich in seinem Gesamtwerk zu einem Schlüsselthema verdichten wird, übersetzt der Künstler in den folgenden Jahren in Räumlichkeit. Er schafft gefäßartige Skulpturen, die abgeschlossene, leere, stille Räume jenseits der Geschäftigkeit des Lebens umschreiben. Sie beschwören Assoziationen zu archäologischen Grabungen oder Erdmarkierungen, Grabkammern und Särgen herauf.

Ab 1979 wendet sich der Künstler der Schwarz-Weiß-Fotografie zu. Drei Jahre lang beschäftigt er sich mit den heute noch sichtbaren Spuren des Westwalls, dem zwischen 1938 und 1940 unter enormem Aufwand errichteten militärischen Verteidigungssystem an der Westgrenze des deutschen Reiches, das aus Bunkern, Gräben und Panzersperren bestand. Die Zuwendung zur Fotografie ist kein Bruch, die Fotografie „lebt“, ebenso wie die Reliefs aus Stoff und Marmor, von Licht und Schatten. Es geht darum, sich der Zeit, Zeitlosigkeit, Vergangenheit und Gegenwart noch einmal anders zu nähern. Peter Jacobi vor zwei Entwürfen seiner neueren ...Peter Jacobi vor zwei Entwürfen seiner neueren Säulen und Ringserie Die Westwall-Fotos haben nur in zweiter Linie dokumentarischen Charakter, Motive und Ausschnitte sind so gewählt, dass die Überreste des Massenmordens wie Skulpturen der Minimal und Land Art aussehen: ruhevoll, schön, harmonisch. Tücke und Grausamkeit liegen in genau dieser formalen Ähnlichkeit, das Erkennen ist ein Schock. Thematisch bedeuten die Westwall-Fotos jedoch eine Zuspitzung. Neben der Vergänglichkeit allgemein rücken nun verstärkt die Schrecken und Toten des Zweiten Weltkriegs und der Umgang mit diesem Wissen in Jacobis Fokus. Ab Anfang der 80er Jahre entstehen offene Großplastiken, die das Thema Mahnmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs anklingen lassen. Den Bildhauer fasziniert der Gedanke, dass eine Kraft seine früheren gefäßartig geschlossenen Skulpturen sprengt, er inspiriert ihn zu der Großskulptur „Resurrection“ (Auferstehung); auch die folgenden Skulpturen streben vertikal gen Himmel. Daraus entwickeln sich zum einen die Mahnmale, die den Himmel über Glas- und Wasser-Spiegelungen in die Skulptur hineinholen, und damit Zeit und Ewigkeit, Materialität und Transzendenz; und zum anderen die modularen Säulen.

Das große und prominente Bukarester Memorial, das den Holocaust-Opfern des faschistischen rumänischen Regimes unter Ion Antonescu gewidmet ist, verbindet beides. Im zentralen Gedenkraum, der leer ist, damit sich in diese Leere hinein das persönliche Denken und Gedenken entfalten kann, dringt Licht durch eine Reihe von Lichtstreifen in der Decke ein; das hereinkommende Tageslicht wird von den Wänden und dem Boden reflektiert. Die Bewegung der Sonne ist spürbar – und damit die vergehende und die verbleibende Zeit. Der so erleuchtete leere Raum wird zur existenziellen Erfahrung, das Nicht-Klagen, Nicht-Belehren, das Schweigen ist eindringlicher als jede Aussage. Peter Jacobi trifft damit in den Kern von Erinnerung: Zum Zeitpunkt des Erinnerns ist das Erinnerte bereits vergangen, nicht mehr präsent, auch das bedeutet die Leere – doch hat es Spuren hinterlassen, die Raum greifen.

Die Gegenbewegung zum zentralen Gedenk­raum beschreibt die hohe „Säule der Erinnerung“ auf dem Platz des Memorials. Als Hommage an Constantin Brâncușis Säule – auch eine Memorialskulptur – strebt sie, abstrakt und zugleich unerhört lebendig, in andere Sphären, lässt Unendlichkeit anklingen.

Um der Zeit auf die Spur zu kommen, arbeitet Jacobi immer wieder mit einem bevorzugten Material: dem Licht. Dieses verkörpert Leben und Lebenszeit und verweist dabei auch auf eine überweltliche und überzeitliche Dimension, nennen wir sie Transzendenz.

Und dann gibt es noch eine Kategorie, die uns bei Peter Jacobi immer wieder begegnet: die Sehnsucht nach Schönheit. Perspektiven und Ausschnitte Westwall-Bilder und der siebenbürgischen Wehrkirchen sind so gewählt, dass sie skulpturale und malerische Qualitäten bekommen. Die Tapisserien sind zugleich wild und farblich austariert. Und die Marmorarbeiten ... gibt es ein harmonischeres, handschmeichlerischeres, klassischeres Material als Marmor? Einige Marmorarbeiten hat Jacobi mit Säuren verätzt und Wind und Wetter ausgesetzt, weil sie ihm zu glatt, zu schön erschienen. Diese Dialektik zwischen Schönheit und Verletzung, schönem Schein und Schrecklichem, macht Jacobis Werke insgesamt aus. Alles dies ist in den Fotos abzulesen, die Peter Jacobi in Siebenbürgen aufnimmt; vor allem bei seiner großen Reise ab 2004 und dann in den letzten Jahren wieder. Dabei hat er die Kirchenburgen seiner Heimat aufgesucht und fotografiert, zahlreiche Städte und Dörfer Transsilvaniens. Der Zustand der Kirchenburgen – 2007 als „Bilder einer Reise“ veröffentlicht, ein Drama des Verfalls und Untergangs sowie manch rührender, vielleicht vergeblicher Bemühungen des Unterhalts – ist zugleich ein Memento mori, und als Sinnbild verblassender historischer Erinnerung zu lesen: Sie bröckelt, verfällt, verschwindet, und wird manchmal doch mit Hingabe gepflegt und erneuert. In diesen Fotos setzt sich der Künstler mit der deutschen Geschichte, aber auch mit seiner ganz persönlichen Vergangenheit auseinander. Diese Geschichte hat ihn nicht losgelassen. Und so ist er wieder an die gleichen Orte gefahren und hat, ein Jahrzehnt später, die Veränderungen dokumentiert: Zahlreiche Geschichten zeigen das Engagement vieler Menschen mit spannenden Biografien, die Jacobi mit großem Respekt schildert, und so fällt die Bilanz von „Bilder einer Reise II“, an denen der Künstler zurzeit arbeitet – erscheinen sollen sie 2016 – diesmal wohl nicht nur deutlich umfangreicher, sondern auch positiver aus: ein künstlerisch-zeithistorisches Panorama, das zu den Höhepunkten in Peter Jacobis Gesamtwerk zählen wird.

Daneben hat den Künstler in den letzten Jahren das Thema der modularen Säule weiter beschäftigt. Die Säule hat organisch-vegetative Formen angenommen, ist dabei aber immer streng abstrakt-modular geblieben. Und Jacobi hat sich an eine Vision herangetastet: dass nämlich in den Säulen Wohnen und Leben stattfinden könnte, wenn diese zu Architekturen entwickelt werden: Kunst verbindet sich mit Natur, mit Alltag und Leben, Gedenken an Vergangenheit und Mut zur Zukunft. Sie lebt im Rhythmus ihrer Betrachter und Bewohner, in der Schwebe zwischen Himmel und Erde. Ein großes Programm.

Man sieht: Peter Jacobis Vitalität ist ungebrochen. Wir wünschen ihm – und uns! – zu seinem Achtzigsten das Glück weiterer Bilder und Werke dieser Dichte, erhellt vom Licht der vergehenden Zeit.

Isabel Greschat

Schlagwörter: Peter Jacobi, Künstler, Bildhauer, Jubilar

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