8. Februar 2016

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Über die bunte und unverlierbare Heimat: Vergleichende Studie zu Paul Schuster und András Sütő

Die Studie „Selbst- und Fremdbilder in den Minderheitenliteraturen Siebenbürgens" der Erfurter Literaturwissenschaftlerin Silvia Petzoldt vergleicht durch das Prisma zweier Schlüsselromane der siebenbürgisch-sächsischen und siebenbürgisch-ungarischen Literatur, wie im literarischen Werk zweier Minderheitenschriftsteller ethnische Identitäten dargestellt und konstruiert werden. Dabei handelt es sich um die Romane „Fünf Liter Zuika“ von Paul Schuster, erschienen in zwei Bänden 1961 und 1965, und „Mutter verspricht guten Schlaf“ von András Sütő, erschienen 1970. Die komparatistisch angelegte Arbeit entstand an der Universität Jena als Dissertation. Sie besteht aus sechs Kapiteln.
Die Autorin stellt in der Einleitung die Fragestellung und die Zielsetzung ihrer Arbeit vor. Im sich daran anschließenden theoretischen Teil werden Begriffsklärungen vorgenommen (z.B. „kommunikatives Gedächtnis“, „kulturelles Gedächtnis“, „Ethnie“, „Vorurteil“, „Stereotyp“ oder „Image“). Im dritten Kapitel zeichnet Petzoldt die Geschichte der Deutschen und Ungarn Rumäniens zwischen 1919 und 1989 nach. Im kulturpolitischen Teil schildert sie die kulturellen Rahmenbedingungen beider Romane, ihre Entstehung zur Zeit der kommunistischen Literaturpolitik, den Ort, die Möglichkeiten und die Netzwerke beider Autoren im damaligen sächsischen bzw. ungarischen Literaturbetrieb. Das umfangreichste fünfte Kapitel untersucht schließlich die Fremd- und Selbstbilder in den beiden Romanen. Dazu werden die Rolle des jeweiligen Erzählers analysiert, die jeweiligen Geschichtsauffassungen miteinander verglichen, die unterschiedliche Darstellung von Festen und Bräuchen dargestellt und sodann die in den Romanen für die im Fokus stehenden Dörfer (Kleinsommersberg und Pusztakamarás) charakteristischen sozialen und ethnischen Verhältnisse herausgestellt. Abschließend geht die Autorin in diesem Kapitel der Frage nach, welches Bild Siebenbürgens als lokale Region und Heimat durch die beiden Romane vermittelt wird. Das Buch beschließen ein Resümee sowie ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis.

Petzoldt geht von einem anthropologisch fundierten Literaturbegriff aus (vgl. Seite 4), wonach die Literatur stets eingebettet ist in einen gleichermaßen kommunikativen wie gesellschaftlichen Kontext. Die Leser beider Romane erhielten durch diese Werke Auskunft sowohl über das Verhältnis des jeweiligen Erzählers zu Figuren gleicher und anderer Herkunft als auch über das Verhältnis der Romanfiguren zu Figuren gleicher und anderer Herkunft. Begriffe und Konstruktionen wie das „Eigene“ oder das „Fremde“, „Identität“ und „Alterität/Fremdheit“ spielen daher eine große Rolle im Umgang Petzoldts mit den beiden Romanen. Die Untersuchung des (ausgesprochenen und nicht ausgesprochenen) Einsatzes solcher Konstruktionen durch zwei Minderheitenautoren in einem politischen System, das nach eigenem Bekunden die Minderheitenfrage zufriedenstellend gelöst hat, ist eine der Zielsetzungen ihres Werkes. Im Zusammenhang mit dem politischen System geht die Autorin auch auf die Behandlung Schusters und Sütős durch den rumänischen Geheimdienst ein. Sie legt nicht nur deren Beobachtung und Bespitzelung dar, sondern verweist auch auf systemkonformes Verhalten, das im Falle Sütős gar zu einer Denunziation eines Kollegen geführt hat. Dennoch erhielt Sütő in den 1980er Jahren Publikationsverbot in Rumänien, während Schuster seit 1971 in Deutschland lebte.

Die Autorin war sich bei der Abfassung der Schwierigkeit ihres Unterfangens zweifellos bewusst: Sie hat einen klassischen, opulent und gediegen geschriebenen Roman mit einem in der ungarischen Soziografie der Zwischenkriegszeit verwurzelten „Tagebuchroman“ verglichen. Zwar entstanden beide im selben historischen Zeitraum, dennoch thematisieren sie je unterschiedliche Zeiten (Zwischenkriegszeit bei Schuster – Nachkriegszeit bei Sütő) und Themen (innersächsische Konflikte um die Nazifizierung – soziale Lage und Zukunftsperspektiven eines ehemals ungarischen Dorfes in der Siebenbürgischen Heide). Der Rezensent möchte der Meinung der Autorin (siehe S. 128) dennoch zustimmen, dass die vergleichende Analyse derselben literarischen Aspekte, in diesem Falle der Selbst- und Fremdbilder, die komparatistische Herangehensweise legitimiert. Nachvollziehbar ist auch, dass gerade ein Vergleich, der literarische Konventionen wie auch Genregrenzen überschreitet, neue Erkenntnisse über die literarische Verarbeitung kultureller Selbst- und Fremdbilder liefern kann. Dabei liegt diesen Begriffen nichts Besonderes zugrunde: „Als Fremdbilder werden (…) die Darstellungen anderer ethnischer Gruppen und Kulturen aufgefasst; als Selbstbilder sämtliche Zuschreibungen, die die Autoren bezüglich ihrer eigenen Kultur vornehmen“ (S. 128).

Welche neuen Erkenntnisse vermittelt nun diese Studie? Zum einen können sie laut Petzoldt als Beispiele regionaler Minderheitenliteraturen gelten (den Begriff „Heimatliteratur“ verwendet sie mehrfach in ihrer Untersuchung), wobei die Romane durch das Prisma lokaler Bezüge und Konflikte auch das Schicksal der Region Siebenbürgen im 20. Jahrhundert darstellten. Dabei überwiege bei Sütő eine vieldeutige, metaphorisch-symbolische Sprache, während Schusters Roman in seinem Detailreichtum und Fabulierkunst durch die mimetische Gestaltung des Dorfalltags charakterisiert sei. Zum anderen hebt sie hervor, dass in beiden Romanen interethnische Entfremdungsprozesse literarisch beschrieben werden (zwischen Sachsen und Rumänen bzw. Ungarn und Rumänen). Jedoch könne der Roman Sütős, indem er auf den kulturellen Topos der bäuerlichen, ärmlichen Existenz zurückgreife, auch ohne den doch stets präsenten ethnischen Bezug gelesen werden, denn diese Lebensweise charakterisiert(e) ja große Regionen Osteuropas. Dies gelte für „Fünf Liter Zuika“ dagegen viel weniger, weil er ein lokal begrenztes ethnisches Gruppenverständnis, das zudem mit einer besonderen Konfession eng verflochten ist, zeige und deute. Letztlich gehe es aber, so Petzoldt, in beiden Romanen darum, dass eine ­kulturelle und politische Selbstverortung der jeweiligen Gruppe in Rumänien stattfinde, diese Selbstverortung sich in einer beständigen Wechselbeziehung zwischen Mehrheit und Minderheit(en) vollzöge und so interethnische Kommunikation sowie innerethnische Identitätskonstruktion ablaufen würde. Dass dies gesellschaftliche Eigen- und Fremdstereotype dekonstruiere, zugleich aber wohl auch selbst welche herstelle, liegt nach Meinung des Rezensenten auf der Hand.

Wer gute Romane nicht nur gerne liest, sondern über sie, ihre Entstehung und ihre Aussagen in einem literaturwissenschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext auch gerne nachdenkt, dem sei das Buch als Beispiel gelungener Komparatistik ans Herz gelegt.

Franz Sz. Horváth

Silvia Petzoldt: „Selbst- und Fremdbilder in den Minderheitenliteraturen Siebenbürgens. Eine vergleichende Studie zu Paul Schuster (1930-2002) und András Sütő (1927-2006)“, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2015, 242 Seiten, 54 Euro, ISBN 978-3-447-10022-9

Schlagwörter: Rezension, Literatur

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