26. März 2016

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Ein Realist mit lebhafter Fantasie

„Weder euphorisch noch pessimistisch, deshalb auch selten enttäuscht“ – so beschreibt sich der Filmemacher Günter Czernetzky. Dabei kommt ihm gerade in seinem Beruf zugute, dass er sowohl begeisterungsfähig ist, als auch kritische Situationen beleuchtet und gelegentlich den Finger in die Wunde legt. Neugier, Kreativität und Durchsetzungsvermögen, all das findet sich zusätzlich in seinen Projekten wieder – und an Projekten mangelt es nie. Günter Czernetzky feiert am 27. März seinen 60. Geburtstag.
Vor kurzem erst hat er den Sammelband „Lagerlyrik – Gedenkbuch. 70 Jahre seit der Deportation der Deutschen aus Südosteuropa in die Sowjetunion“ herausgebracht und in Hermannstadt eine Fotoausstellung über skulpturenähnliche Gesteinsformationen („Trovanten“) eröffnet. Er lehrt Aufnahmetechnik, Filmschnitt und Recherche an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt. Außerdem will er im Juli im Kulturhaus von Martinsberg unweit von Kerz ein Künstler-Camp mit Kulturveranstaltungen, Performances und einem Minifestival für No-Budget-Filme organisieren.

Günter Czernetzky hat seine Kindheit und Jugend in Schäßburg verbracht und 1977 das Studium der Kameraführung und Bildgestaltung an der Bukarester Filmhochschule begonnen. Im Frühjahr 1978 erhielten seine Eltern die Ausreisegenehmigung, deshalb studierte er an der Hochschule für Fernsehen und Film in München weiter und machte dort seinen Abschluss. Seit den späten achtziger Jahren arbeitet er als Film- und Theaterregisseur, Produzent, Autor und Medienpädagoge.

2006 startete Günter Czernetzky in Rumänien das Projekt „Siebenbürgische Dorfportraits“, eine DVD-Reihe, die sich mit der aktuellen Situation der Dörfer auseinandersetzt, die früher mehrheitlich von Siebenbürger Sachsen bewohnt wurden. Anfang dieses Jahres stellte er nun die neueste Folge vor, die sich unter dem Titel „Großkokler Botschaften – Bunte Kleinanzeigen“ der Schäßburger Gegend widmet. Davor wurden u.a. Filme über das Burzenland („Lichtblicke und Schlagschatten”), Nordsiebenbürgen („FANAL – Finale Fragmente – Nösnerland/ Siebenbürgen 2008“), Altland ("Hoffnungsschimmer im Alten Land"), Harbachtal („Oh Jammer und Sehnsucht im Harbachtal“), Mediasch und Umgebung („In vino veritas – Weinland ohne Weinberge“), Fogarascher Land („Nachbarn im Krautwinkel“) und das Repser Ländchen („Gottes Mühlen mahlen im Haferland“) veröffentlicht. Günter Czernetzky spricht über seinen ...Günter Czernetzky spricht über seinen Dokumentarfilm „Wir wollen bleiben, was wir sind – Mer Wällen bleiwen, wat mer sen“ (Dinkelsbühl, 2007). Foto: Konrad Klein Czernetzkys Konzept sieht vor, dass seine Hermannstädter Journalismus-Studenten ihre eigenen Kurzfilme in den Dörfern drehen, nachdem der Regisseur ihnen im Rahmen von Lehrveranstaltungen und einer Video-Sommerakademie (auf Neudeutsch „Crashkurs“) das notwendige Wissen und Können beibringt. Die Studenten sind meistens noch unerfahren – laut Czernetzky liege die Herausforderung eben darin, sie zu einem gut strukturierten Filmprojekt zu disziplinieren, bei dem die Details nicht dem Zufall überlassen werden. „Sie werden bei mir ab und zu ins kalte Wasser geworfen“, lacht er. Das Projekt für diesen Sommer heißt „Schmutzige Hände, weiße Westen“ – der rumänische Titel „Curat-murdar“ erinnert gleichermaßen an Caragiale und die aktuelle Korruptionsbekämpfung in Rumänien. Dabei sollen die Gemeinden oberhalb von Schäßburg unter die Lupe genommen werden: Nadesch, Rode, Reußdorf, Johannisdorf, Irmesch. Manche davon wurden im Herbst 1944 evakuiert – Czernetzky erhofft sich von den Dorfbewohnern interessante Aussagen auch über diese unbequemen geschichtlichen Wandlungen. Gleichzeitig ist es ihm wichtig, seine Studenten zur gründlichen ­Arbeit an schwierigen Themen zu motivieren. Spannend findet er die Tatsache, dass die meisten seiner Lehrlinge keinen biografischen siebenbürgisch-sächsischen Bezug haben und eine externe Sicht auf „sächsische“ Themen mitbringen. „Mich treibt die Hoffnung an, dass ich mithilfe der jungen Leute vielleicht an Momente der Wirklichkeit herankomme, zu denen ich selber keinen Zugang bekommen würde“, erklärt Czernetzky. „Beispielsweise in Bezug auf ‚Knackpunkte‘ des sächsisch-rumänischen Zusammenlebens fällt es den Interviewten aus der rumänischen Bevölkerung manchmal leichter, sich gegenüber jüngeren Nichtsachsen zu öffnen.“

Für manche der bisher gedrehten Filme erntete der Regisseur Kritik: Es wurde ihm vorgeworfen, nur die negativen Seiten aus dem Dorfleben, das Elend und den Verfall hervorgehoben zu haben. Er wiederum sagt, es sei nichts anderes als die Realität: „In den früheren Jahren hat man mir empfohlen, die Studenten zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu drängen. Wenn ich das aber tue, ist es doch zu viel!“ Er selbst kam schon als Schüler der Schäßburger Bergschule auf den Wunsch, Filmemacher zu werden. Lehrern wie Helmut Fabini und Kurt Mieß ist er bis heute für ihre Unterstützung dankbar – und vielleicht auch aus Dankbarkeit hat sich Czernetzky nach der Wende für den Absolventen- und Lehrerverein „Bergschule Schäßburg e.V.“ engagiert, der mit Logistik, Lehrmitteln und Austauschprogrammen die Schäßburger Schule gefördert hat. Seine ersten Filme drehte der junge Czernetzky in der Bundesrepublik, einem Land, das er damals noch nicht gut kannte und dessen Tagespolitik er zugegebenermaßen „nur oberflächlich“ verstand. Er beschäftigte sich lieber mit filmischen „Jugendstil-Märchen, erfundenen Geschichten, abgehobenen Kunst-Koketterien“, die auf Festivals und im deutschen Fernsehen liefen. Gerne erinnert er sich zum Beispiel an seinen Abschlussfilm „Liebesblut“ und den ersten langen Dokumentarfilm „Yma Sumac, Hollywoods Inkaprinzessin“ (1988-1990). Er provozierte schon damals sehr gerne, etwa mit dem Film „Die Meuterer“, den er im Nachhinein als „wüstes Experiment“ beschreibt und der „nur“ auf dem Filmfest in München lief. Es ging um ein Gruppenexperiment in einer Grenzsituation – ein Format, das heute üblich ist, damals aber in der Doku-Ästhetik neu war und die Beteiligten verwirrte, weil sie nachgespielte Situationen für bare Münze nahmen. Zu siebenbürgischen Themen fand Czernetzky in den neunziger Jahren zurück, als er für das ZDF in Rumänien recherchierte. Mit der düsteren Realität nach der Wende, traurigen Biografien und „utopischen“ Erwartungen beschäftigte er sich unter anderem im Film „Wunden – Erzählungen aus Transsilvanien“ (1992-1994), bei dem er Wochenschau-Auszüge und Aussagen von Zeitzeugen gegenüberstellte. Auch mit „Stalingrad an der Donau - Rumänien 1944“ (1994-1995) und „Gefangen + Verurteilt – Spätheimkehrer erinnern sich“ (1996) machte er auf heikle Themen aufmerksam. Für seinen Einsatz erhielt er 1997 den Ernst-Habermann-Preis.

Bis heute engagiert sich Günter Czernetzky für die siebenbürgische Heimat und die Landsleute als Referent für audiovisuelle Medien des Verbands der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften in Deutschland. Sein Anliegen ist es, Aussagen von Zeitzeugen zu sammeln, aber auch die Gegenwart ins Scheinwerferlicht zu rücken, Projekte selber zu initiieren oder die Vorhaben der Mitglieder beratend zu unterstützen. Das heutige Siebenbürgenbild im Vergleich zu früher sieht er – wie immer – „einfach realistisch“, es schmerzt ihn nur, dass die sogenannte Erlebnisgeneration langsam verschwindet.

Er selbst lebt gerne sowohl in Deutschland als auch in Siebenbürgen. In Martinsberg möchte er längerfristig eine Bleibe haben, sich später der Ruhe erfreuen, „als Rentner im Garten arbeiten und Gras mähen“. Der Regisseur hat sich vorgenommen, in Zusammenarbeit mit dem Verein „Martinus“ dort einen Park für die erwähnten „Trovanten“ aufzubauen und ein „Medienmigrationszentrum“ zu gründen, eine Art Werkstatt, in der Filme aus der analogen in die digitale Welt „gerettet“ werden können.

Czernetzky beschäftigt sich aber auch stets mit aktuellen, nicht unbedingt gemütlichen Ereignissen. Er forscht in den Beständen des CNSAS (Nationaler Rat für das Studium der Archive der Securitate) in Bukarest und verfolgt die Nachrichten rund um die zusammengestürzten Kirchen in Südsiebenbürgen. „Das weckt uns alle aus unserer Verzückung“, sagt er zu letzterem Thema. „Es gibt schöne Kalender mit unseren Kirchenburgen, wir freuen uns über ein idyllisches Bild und tragen es gerne nach außen – aber viele Gemeinden sind gefährdet. Zum Glück konnten einige gerettet werden, hoffentlich werden es noch mehr sein.“

Welches ist die große Herausforderung in seiner Arbeit? Auf diese Frage antwortet der Regisseur mit einem Lächeln: „Ich wünschte mir, ich könnte nur den Filmtitel nennen und man würde mir schon die nötigen Gelder hinterherwerfen!“ Czernetzky weiß genau, wie viel Sponsorensuche, Überzeugungsarbeit, organisatorischer Aufwand und Werbung in eigener Sache hinter jedem erfolgreichen Vorhaben steckt. Zudem ärgern ihn die „Leichen im Keller“ – so nennt er drei, vier Filme, auf die er stolz ist, die aber aus unterschiedlichsten Gründen noch nie gesendet wurden. Er will es demnächst noch einmal versuchen, sie doch vors Publikum zu bringen. Wer ihn kennt, würde sich nicht wundern, dass auch dieses Vorhaben irgendwann gelingt: „Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, ziehe ich es meistens durch!“, verspricht der Regisseur.

Christine Chiriac

Schlagwörter: Jubilar, Geburtstag, Regisseur, Czernetzky

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