5. April 2016

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Transsilvanische Klänge am Neckar

Ein musikalisches Erlebnis der besonderen Art bot der Heidelberger Madrigalchor den zahlreichen Konzertbesuchern, die sich am Abend des 12. März in der Providenzkirche der Universitätsstadt eingefunden hatten. Das Programm des Chores, dessen Repertoire schon in den letzten Jahren gelegentlich ein gewisses Faible für musikalische Raritäten erkennen ließ, stand diesmal unter dem Motto "Spann den Bogen. Musik der Völker des Karpatenbeckens und ihre Bearbeitungen für Chor".
Die Konzeption des Programms geht auf die Initiative des gebürtigen Siebenbürgers und derzeitigen Chorvorsitzenden Stefan Koch zurück, dem es ein Herzensanliegen war, dem interessierten Publikum einen Einblick in die Vielfalt des musikalischen Erbes zu vermitteln, das die Völker des Karpatenbeckens über Jahrhunderte gepflegt und bis in die heutige Zeit hinein bewahrt haben.

Am Beispiel siebenbürgisch-sächsischer, rumänischer, ungarischer und jiddischer Lieder wurde ein Bogen von der authentischen Volksmusik zu chorischen Bearbeitungen traditionellen Liedguts gespannt, wobei gelegentlich der Chorsatz von einem originellen Instrumentalsatz unterstützt wurde. Hierfür konnte der Heidelberger Madrigalchor das Ensemble Tokos aus Klausenburg gewinnen, eine Gruppe junger Musiker, die bereits vor zwei Jahren in Budapest durch den Gewinn des Nationalen Folklorewettbewerbs in der Sparte Ensembles auf sich aufmerksam machte. Madrigalchor und Ensemble Tokos begeistern ihr ...Madrigalchor und Ensemble Tokos begeistern ihr Publikum in der Heidelberger Providenzkirche. Foto: Hans Günther Rill Die musikalische Reise durch das Land jenseits der Wälder begann mit einer kleinen Auswahl von Liedern aus dem Schatzkästchen siebenbürgisch-sächsischer Musik. Zur Eröffnung des Konzerts erklang die Ballade Ech schmiss zwo adle Ruisen (Ich warf zwei edle Rosen) in einer Bearbeitung des 1940 in Hermannstadt geborenen und über viele Jahre als Professor am Klausenburger Musikkonservatorium tätigen Komponisten Hans Peter Türk. Auf das eher schwermütige Stück, dessen lyrischer Sprecher über einen Neubeginn des Lebens nach dem Tode seiner Liebsten reflektiert, folgte mit dem lustigen Kinderreim Zip, zip, Zondermedchen ein dem Genre entsprechend betont schlicht gehaltenes Lied, das dennoch nicht auf kompositorisches Raffinement verzichtet und dessen kirchentonalen, mixolydischen Charakter der Satz Hans Peter Türks wirkungsvoll unterstreicht.

Ebenfalls aus der Feder des Klausenburger Komponisten stammt der Satz des in Siebenbürgen allerorts bekannten Liedes von dem kleinen Waldvögelein, das mit kostbaren Geschenken umworben wird, jedoch jeder Verlockung widersteht und es vorzieht, allen Widrigkeiten der Natur zum Trotz in Freiheit zu leben: Et saß e kli wäld Vijeltchen. Schließlich brachte der Chor noch zwei verschiedene Bearbeitungen der vermutlich bis in die mittelalterliche Zeit zurückgehenden Ballade Ze Krinen vir’m Borjerdir (Zu Kronstadt vor dem Bürgertor) zu Gehör. Eine davon – in deutschsprachiger Textfassung – stammt von Helmut Sadler (geb. 1921 in Streitfort/Siebenbürgen), die andere – in siebenbürgisch-sächsischer Fassung – von Heinz Acker (geb. 1942 in Hermannstadt). Beide Komponisten leben heute im Raum Heidelberg und sind dem Madrigalchor seit Jahren eng verbunden.
Ebenso wie die siebenbürgisch-sächsischen wurden im weiteren Verlauf des Programms auch zahlreiche rumänische, jiddische und ungarische Lieder – in der Bearbeitung von Komponisten wie Zoltán Kodály, Lajos Bárdos, Adrian Pop oder Doru Constantiniu – jeweils in ihrer Originalsprache präsentiert. Dabei galt die künstlerische Sorgfalt, die den Chor und seine engagierte Dirigentin Virginie Auvray auszeichnet, nicht nur dem perfekt abgestimmten Klangbild. Auch auf die Akkuratesse der Aussprache wurde penibel geachtet. Unterstützung bekamen die Akteure dabei von chorerprobten Sängerinnen mit siebenbürgischen Wurzeln, die in der Region leben und in anderen Ensembles (beispielsweise der Siebenbürgischen Kantorei) aktiv sind. So gelang es den Veranstaltern, einen bunten Strauß besonderer Melodien, Harmonien und Rhythmen zu präsentieren, die teils verhalten-melancholisch um Themen wie Liebe, Verlust und Hoffnung kreisen, teils jedoch auch in kraftvollen Akkorden fröhliche Unbekümmertheit und ungebrochene Lebensfreude zum Ausdruck bringen. Die Zuhörer, darunter auch die oben erwähnten Komponisten Heinz Acker und Adrian Pop, ließen sich gerne mittragen von den außergewöhnlichen Klängen und waren insbesondere auch von dem dynamisch-temperamentvollen Auftritt des Ensembes Tokas begeistert. Für die gelungene Kombination von Chor- und gelebter Intrumentalmusik ernteten die Künstler am Ende stehenden Applaus.

Ute Rill

Schlagwörter: Musik, Chor, Heidelberg

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