17. Juni 2016

Lesungen mit Ana Blandiana und Romulus Rusan in Heidelberg und Frankfurt

Die rumänische Dichterin Ana Blandiana und der Autor Romulus Rusan sind am 7. Mai im Rahmen einer Lesung in der Volkshochschule Heidelberg gemeinsam aufgetreten. Blandiana las aus ihrem Buch „Die vier Jahreszeiten“, das erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Rusan sprach über die Gedenkstätte „Memorial Sighet“ für die Opfer des Kommunismus und des antikommunistischen Widerstandes in Rumänien. Iosif Herlo stellte seitens der deutsch-rumänischen Kulturgesellschaft „Alexandru Ioan Cuza“ die beiden Schriftsteller vor. Überdies las Ana Blandiana am 12. Mai, zusammen mit den Übersetzerinnen Maria Herlo und Katharina Kilzer, im Literaturforum des Hessischen Literaturbüros in Frankfurt am Main Auszüge aus „Die vier Jahreszeiten“ (Noack & Block Verlag, Berlin 2015). Werner Söllner führte in den Abend ein, bei dem ebenfalls Romulus Rusan die Gedenkstätte in Sighet vorstellte.
Ana Blandianas erstes Prosabuch „Die vier Jahreszeiten“ erschien am 2. Juni 1977 in einer Auflage von siebzehntausend Exemplaren im Bukarester Albatros-Verlag. Der Titel verspricht, was das Buch in Wirklichkeit nicht ist: eine Naturbeschreibung. Die damals bereits mit einem Publikationsverbot in Bukarest lebende Schriftstellerin suchte mit diesem phantastischen Prosaband, der zusammen mit ihrem vierten Gedichtband „Somnul din somn“ (Schlaf aus dem Schlaf) erschienen ist, eine besondere Form des Ausdrucks gegen die von der kommunistischen Diktatur auferlegte Zensur. Die Prosa ihres Frühwerks kann als Widerstand gegen Personenkult und Terror des Kommunismus verstanden werden. In den vier Novellen macht sie die Ceaușescu-Tyrannei kenntlich: die Zwänge des Alltags, die sozialen Nöte und die eigenen Ängste. Das Besondere daran ist jedoch, dass die Situation nie ausweglos ist, alle Erzählungen enden in einer befreienden Vision, eine Phantastik, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichten zieht. Die Erzählungen faszinieren durch ihre Zeitlosigkeit. 2011 wurden sie in Spanien übersetzt von Viorica Patea du Fernando Sanchez Miret als „Las cuatro estaciones“ und 2013 in Frankreich („Les Saisons. Le Visage Vert“) von Muriel Jollis-Dimitriu und sie erscheinen bald auch auf Italienisch. In Spanien stand das Buch monatelang auf Platz 2 der Bestsellerliste.

Das interessierte Publikum in Heidelberg und Frankfurt stellte im Anschluss an die Lesung Fragen zur Entstehung des Buches sowie zu anderen Themen des Werkes von Blandiana. Diskutiert wurde über die Bedeutung solcher Geschichten als Zeitzeugnisse einer nun von der jungen Generation nicht mehr erinnerten Epoche. Dass Erinnerung eine „Form der Justiz“ ist, wie Blandiana stets betont, zeigt, wie wichtig es ist, die Vergangenheit zu kennen, um die Zukunft zu verstehen. Dieses Ziel hat sich auch die Gesellschaft „Alexandru Ioan Cuza“ in Heidelberg mit ihrem Vorsitzenden Iosif Herlo gesetzt, stets bemüht ist, als Kulturgesellschaft den Geist der Kultur Rumäniens aus der Vergangenheit und Gegenwart wach zu halten (siehe auch http://cuzagesellschaft.blogspot.de/2016/04/lesung-mit-ana-blandiana-die-vier.html ).
Romulus Rusan, Mitbegründer der Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des kommunistischen Widerstands in Sighet, stellte anschließend in einer Videopräsentation die 1993 gegründete Gedenkstätte Memorial Sighet vor. 2013 feierte das Memorial in Sighet 20 Jahre seit seiner Einweihung als Gedenkstätte. Romulus Rusan ist auch Herausgeber der umfangreichen Buchreihe Analele Sighet, in der bisher 806 Autoren etwa 7500 Seiten von Beiträgen veröffentlicht haben. 1100 Schüler nahmen an den Sommerschulen im nordsiebenbürgischen Sighet bisher teil sowie 200 Geschichtslehrer. 220 Vorträge wurden während der Sommersymposien in Sighet gehalten. Im Jubiläumsjahr erschien das Buch „Geist hinter Gittern“ (Hrsg. Katharina Kilzer und Helmut Müller-Enbergs, Timme-Verlag, Berlin, 2013) mit Essays und wissenschaftlichen Beiträge von namhaften Historikern, Zeitzeugen und Kennern der Gedenkstätte. 2014 erschien es in rumänischer Übersetzung. Film und Vortrag faszinierten das Publikum in Heidelberg und Frankfurt besonders, da die Gedenkstätte als erstes rumänisches Museum mit seiner Filiale in Bukarest unverhüllt und wahrheitsgemäß an die Gräueltaten der Kommunisten erinnert! Die Lesung und die Videopräsentation wurden organisiert von der deutsch-rumänischen Kulturgesellschaft „Alexandru Ioan Cuza“ in Heidelberg in Zusammenarbeit mit dem Rumänischen Kulturinstitut „Titu Maiorescu” in Berlin und der Kommunität der Rumänen im Rhein-Main-Gebiet (CROM).

Katharina Kilzer

Schlagwörter: Lesung, Heidelberg, Frankfurt, Blandiana, Rusan, Gedenkstätte, Opfer, Kommunismus, Sighet

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