8. Oktober 2016

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Ausstellung von Pomona Zipser in München

Die Galerie Van de Loo in der Gabelsberger Straße 19 in München zeigt noch bis zum 15. Oktober 2016 „Stumme Diener“, eine Ausstellung der Berliner Bildhauerin Pomona Zipser.
Einst bezeichnete man so jene hilfreichen Kleiderständer, welche abends die abgelegten Herrenanzüge – im Unterschied zur gemeinen Stuhllehne – knitterfrei aufnahmen. Der einfühlsame Betrachter wird bald erkennen, dass es sich bei den Vorschlägen von Pomona Zipser weniger um ein Möbelstück, als um ein Element der Wohngemeinschaft, also um einen neuen, potenziellen Hausgenossen handelt.

Wie immer greift die Künstlerin auf gefundenes Material zurück und recycelt es zu einer unerwarteten Auferstehung, wie immer sind ihre Stücke offen für Deutungen und Assoziationen des Betrachters. Darüber hinaus behaupten sie aber auch ihre eigene, wesentliche Freiheit. Es ist die Freiheit des Vorläufigen, des Versuchens und Zweifelns. Das Wesen von Zipsers Kunst ist nicht statisch, nicht determiniert, sondern im Grunde konjunktivisch.

Der neue, hier vorgestellte Hausgenosse hat gegenüber einem zweibeinigen einige Vorzüge. Er ist stumm und ortsfest, also kein nerviges Gequassel und Geschussel. Dazu ist er auch geduldig und flexibel. Man kann Hand anlegen, um z. B. Schuhe oben abzustellen oder gar eine Vorrichtung bedienen, welche den stummen Diener mit allen Kleidungsstücken bis an die Decke hochhebt. Dann könnten die Nachbarskinder gefahrlos Ringelreihen darunter spielen. Jetzt zeigen sich die Werkstücke, woraus das Kunstwerk gefertigt wurde: zwei rückwärtige Stuhlbeine, die sich in die Zimmerdecke stemmen, sodann folgt zwar kein Sitz, aber darunter die Rückenlehne. Äußerst pikant ist auch das Nachtkästchen „Lola Lollobrigida“, welches aus Bestandteilen unterschiedlicher, auch ungeklärter Herkunft besteht. Da gibt es unzählige, verwirrende Türchen, Schubladen und Fächer. Flaschen und Fläschchen, kleinere und größere Gläser für allerlei Getränke finden hier Platz, Umschläge für günstige und bedrohliche Schriftstücke sowie Fotos und Zeitungsannoncen. Es fehlt auch nicht eine kleine, diskrete Schachtel für „Betthupferl“. (Einst meinte dieses Wort meiner böhmischen Tante eine dicke Praline, welche sie uns Kindern abends vor dem Zubettgehen und zwar nach dem Zähneputzen, spendierte.) Ein unbeirrt Suchender wird vielleicht in einer verborgenen Ecke jenen kleinen Spiegel entdecken, in dem sich Eulen spiegeln.

So weit, so gut, wäre da nicht der erhobene Zeigefinger und die Frage der Spielverderber nach der Freiheit und den Grenzen der Kunst. Der berühmte tote Hase, der Joseph Boys einst für Kunst erklärt hatte, ist längst unter der Erde. Somit gibt es keinen, der kompetente Auskunft geben könnte. Es empfiehlt sich, einige zutreffende negative Regeln zu beachten, z. B. um einen Roman zu verstehen, brauchst du nicht daran zu riechen; und um ein Bild zu beurteilen, halte es nicht ans Ohr. In unserem Falle lautet der positive Rat: Schau mit den eigenen Augen und nicht durch das Fernrohr der Theoretiker. Wenn dir beim Betrachten die innere Stimmigkeit eines Stückes, seine Authentizität aufgeht, hast du auch einen Zipfel seiner Schönheit erwischt.

Johanna Letz

Schlagwörter: Ausstellung, München, Zipser, Künstlerin

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