15. Oktober 2017

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Ein hochfliegender Geist, aber kein abgehobener

Einer der Wegbereiter der heutigen Informations- und Kommunikationsgesellschaft ist am 12. September zuhause und im Beisein seiner Nächsten in Gräfelfing bei München verstorben. Der bis ins hohe Alter agile und ruhelose Forschergeist und Tatmensch fand mit der Trauerfeier am 18. September im Familiengrab auf dem Friedhof Gräfelfing seine letzte Ruhestätte.
Es ist schon öfter beklagt worden, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Leistungen der Naturwissenschaften und insbesondere jene der exakten Naturwissenschaften – Physik, Chemie, Mathematik – stiefmütterlich behandelt werden. Das liegt darin begründet, dass diese nur einem engen Kreis von Fachleuten zugänglich sind, nicht aber einer breiteren Öffentlichkeit, obwohl gerade diese Forschungen und die auf sie zurückgehenden Anwendungen die rasanten Entwicklungen und Umwälzungen unseres Alltags herbeigeführt haben.

Über mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit für die wissenschaftlichen Leistungen von Hans Marko kann man nicht klagen. Seit 1963, als die Siebenbürgische Zeitung in ihrer Folge 2 seine am 23. Oktober 1962 erfolgte Berufung zum Professor und Ordinarius für Nachrichtentechnik an der Fakultät für Maschinenwesen und Elektrotechnik der Technischen Hochschule – heute Technische Universität – München (TUM) und seine Ernennung zum Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Nachrichtentechnik vermerkte, wurde regelmäßig über ihn berichtet. Insbesondere dem Wissenschaftsjournalisten Dr. Hans Barth sind neben der Laudatio zur Verleihung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises 1995 mehrere fundierte Beiträge zu verdanken, zuletzt in Folge 3 dieser Zeitung vom 25. Februar 2005, S. 6 aus Anlass des Kolloquiums der TUM zu Markos 80. Geburtstag.

Der wissenschaftliche Werdegang sowie die Leistungen und Verdienste von Professor Marko in Lehre (seit 1959 Lehraufträge an den Technischen Hochschulen Stuttgart und Karlsruhe, 1962-1993 TUM, Gastprofessuren an den Univer­sitäten Delft, Los Angeles, Kapstadt und Tokio so­wie an der Akademie der Wissenschaften in Leningrad und Moskau) und Forschung (u.a. acht Bücher und über 100 Veröffentlichungen sowie mehrere Patente) sind auch zahlreichen Beiträgen in Fachzeitschriften oder im Internet, z.B. unter https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Marko, zu entnehmen und wurden zuletzt von Prof. Dr. Gerhard Kramer, einem seiner Nachfolger an der Lehr- und Forschungseinheit für Nachrichtentechnik der TUM, bei der Trauerfeier gewürdigt. Die 31 Jahre an der TUM fasste er wie folgt zusammen: „Als Lehrer betreute Professor Marko 868 Diplomingenieure, 75 Doktoringenieure, und neun Habilitationen. Als Forscher beeinfluss­te er das Gebiet der digitalen Kommunikation in Deutschland maßgeblich. Er erforschte das Gebiet in seiner ganzen Breite und packte mutig und kreativ informationstheoretische Grundlagen, praktische Anwendungen und interdisziplinäre Arbeiten an. Als Gestalter der Fakultät war Hans Marko aktiv, großzügig und visionär. Dazu zwei Beispiele. Zuerst, aus seinem Lehrstuhl wur­den drei weitere Lehrstühle gegründet, und er vergab dafür eigene Stellen. Aus diesen Lehrstüh­len sind weitere gegründet worden. Dann gelang es ihm, gegen einige Widerstände die Umbenennung der Fakultät für Elektrotechnik in „Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik“ durchzusetzen. Diese Bezeichnung setzte sich bundesweit durch, und die Informationstechnik wurde bald eine der wichtigsten Antriebskräfte der globalen Wirtschaft.“ Oskar für Hans Marko: Bei dem am 26. Februar 2010 ...Oskar für Hans Marko: Bei dem am 26. Februar 2010 zu Ehren des 85. Geburtstages ausgerichteten Kolloquium der TUM wurde von einem ehemaligen Mitarbeiter im Forschungsbereich Bildverarbeitung ein Duplikat überreicht. Den „Scientific and engineering Award“ hatten Prof. Dr. Reimar Lenz und weitere Kollegen für ein Verfahren erhalten, das es erlaubt, herkömmliches Filmmaterial schnell und mit hoher Qualität zu digitalisieren. Foto: Privat Wie solche Leistungen möglich sind? Zum einen durch ein mathematisches Talent, das sich gepaart mit einer ausgeprägten Bastelneigung schon beim Knaben manifestierte und sich präch­tig entfaltete. Das sowohl unter günstigen Umständen – er entstammt einer gutbürgerlichen Kronstädter Familie, der Vater Jurist, die Mutter Musikerin, und genoss bis zur Matura im Herbst 1943 eine ausgezeichnete Ausbildung am Honterus-Gymnasium – als auch unter widrigen Umständen: Er studierte 1946-1951 an der TH Stutt­gart ganz auf sich allein gestellt, hatten ihn doch der Wehrdienst, den er bei der Deutschen Luftwaffe leistete, sowie die anschließende Kriegsgefangenschaft von seiner Familie getrennt. Dass sich Markos Talent und Neigung so gut entfalten konnten, ist auch all jenen Eigenschaften zu verdanken, die sein Sohn Johannes Marko, in der Trauerrede hervorstrich, allen voran Neugier, Zielorientierung und -verfolgung, „gren­zenloser“ Optimismus, Selbstmotivation und die Bereitschaft lebenslang zu lernen. Nicht zuletzt aber ist es seiner Lebensfreude zu verdanken.

Gerne scharte er Freunde um sich und feierte in geselliger Runde. Zum Beispiel mit der weitverzweigten Großfamilie. Darunter sind nicht nur die drei Kinder und sieben Enkel mit Partnern sowie die vier Urenkel zu verstehen, sondern auch Schwestern, Cousins und Cousinen, Neffen und Nichten mit deren „Anhang“. Auch seine „Honterianer“ hat er zum Maturatreffen wiederholt nach Gräfelfing eingeladen – zuletzt im Spätsommer 2014 – von denen allein Horst Machat ihm das letzte Geleit geben konnte.

Auch einen guten Tropfen verschmähte Hans Marko nicht, und gutes Essen ließ er sich schmecken. Über eine gute Pointe konnte er ebenso ausgelassen lachen, wie er Musik – er spielte recht passabel Querflöte – innig genießen konnte. Wer das erlebt und Hans Marko so gekannt hat, der war nicht überrascht, dass der 75-Jährige, der mittlerweile von seiner ersten Gattin Ingeborg geschieden wurde, den Schritt in das neue Jahrtausend nicht alleine, sondern gemein­sam mit seiner zweiten Gattin, Dr. Renate Löhning, wagte.

Vielleicht sind Hans Markos herausragende Leistungen auch einer weiteren Leidenschaft, dem Segelfliegen, zu verdanken, der er seit seiner Gymnasialzeit und der Ausbildung zum Segel- und Motorflieger am Fliegerschulzentrum in Petersberg bis ins hohe Alter frönte. Vielleicht hat das seinen Blick geweitet und ihm erlaubt, sich über Nichtigkeiten zu erheben, Ängste zu überwinden und auf neue Horizonte zuzusteuern; ähnlich dem Segeln, dem er sich auf Törns im Mittelmeer ebenso hingab, wie auf dem eigenen Segelboot am Starberger See.

Die Begründungen mögen strittig sein, die herausragenden Leistungen von Hans Marko sind es nicht. Dafür sprechen nicht zuletzt die zahlreichen Ehrungen, die ihm zuteil wurden. Darunter der Literaturpreis der Informationstechnischen Gesellschaft im Verband Deutscher Elektrotechniker, mit dem Hans Marko bereits 1957 ausgezeichnet wurde. Lange nicht so gewichtig wie das Bundesverdienstkreuz, der Ehrendoktor oder der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis, wirft er doch ein bezeichnendes Licht auf diesen im wahrsten Sinne des Wortes humanistischen Geist. Zeugnis davon gibt auch der Band „Hans Marko: Gedichte 1944-1996“, den sein Gymnasialkollege Hans Mengden in kleiner Auflage 1996 herausgegeben hat. Er enthält Gedanken und Ideen zu unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Themen, aber auch Gelegenheitsgedichte, wie jenes zum Tode seiner Cousine und Ziehschwester Mausi im Frühjahr 1996, das mit folgenden Versen endet:


In das große Meer des Schweigens
treten wir wieder ein –
und alle unsere Liebe
wird bei euch Lebenden sein.



Es sind Verse, die Einblick erlauben, in das, was den Nachrichtentechniker und Kommunikationsforscher Hans Marko bewegte und antrieb. Dazu antrieb, die Grenzen der Kommunikation, d.h. der Aufnahme, Verarbeitung und Übertragung von Nachrichten, immer weiter hinauszuschieben, nicht nur in Raum und Zeit, und auch nicht nur innerhalb biologischer oder technische Systeme sondern auch zwischen biologischen und technischen Systemen.

Diese von Hans Marke angestoßene Entwicklung wird auch ohne ihn weitergehen. Uns aber, die wir ihn kannten, ist das ein ebenso schwacher Trost, wie die Tatsache, dass er ein erfülltes Leben hatte. Er wird uns fehlen.

H-W

Schlagwörter: Nachruf, Marko, Naturwissenschaften

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