2. Januar 2026

Das olympische Feuer durch Großau getragen: Nachruf auf den Hochschullehrer und Handballtrainer Karl Martini

Er sei ein Handball-Verrückter. Das hat Karl Martini immer wieder von sich gesagt. In seinem Leben hat sich fast alles um den Handball gedreht. Es war ein Leben für den Sport. Als Spieler ist er mit Fogarasch Meister auf dem Großfeld geworden, als Trainer hat er den Landespokal der Sportschulen und einen Jugendmeistertitel gewonnen. Und als Hochschullehrer ist er immer wieder in die Niederungen des Handballs hinabgestiegen. Am 25. Dezember ist Karl Martini in München-Allach nahe seiner Wahlheimat Karlsfeld im Alter von 92 Jahren gestorben.
Handballtrainerlegende Karl Martini, aufgenommen ...
Handballtrainerlegende Karl Martini, aufgenommen auf dem Heimattag in Dinkelsbühl 2015. Foto: Konrad Klein
Karl Martini konnte es auch als Rentner nicht lassen. 1990 ist er in den Ruhestand getreten. Und im Sommer 2001 hat es ihn noch einmal gepackt: Er hat wieder eine Jugendmannschaft übernommen und trainiert. Und als solcher wollte er es noch einmal wissen. Er will sich und anderen wie schon so oft beweisen: „Wer ernst arbeitet, der kann auch etwas erreichen.“ Auch im Handball heißt das, aus jungen Leuten gute Spieler formen, ja selbst Nationalspieler hervorbringen.

Erfolge waren für den am 17. Oktober 1933 in Jakobsdorf im Harbachtal geborenen Martini fast selbstverständlich. „Der Handball hat mir zu dem verholfen, was ich heute bin, er hat mich getragen, doch meine wahre Liebe ist die Skiabfahrt“, so der Handballlehrer vor 24 Jahren in einem Gespräch bei einem Siebenbürger Handballer-Treffen in Haibach im Spessart.

Mit dem Sport in Kontakt gekommen ist Martini auf der Bergschule in Schäßburg, wo er vier Jahre lang das Gymnasium und ebenso lang das Lehrerseminar besucht hat. Der berühmte Sportlehrer Hans Kraus, Caruso genannt, spielte mit den Schülern im Sommer Handball und im Winter Eishockey. Kraus war der Mann, der mit Victoria Schäßburg nach dem Krieg zwei Meistertitel gewonnen hat: 1946 und 1948. Beim zweiten Mal machte er nicht nur die Männer zu Meistern, sondern auch die Frauen von Victoria.
Wiedersehen im Frühjahr 1979 beim Spiel ...
Wiedersehen im Frühjahr 1979 beim Spiel Großwallstadt gegen Empor Rostock: Karl Martini (links) mit Johnny Kunst. Foto: Archiv Johann Steiner
Martini kommt 1947 zur Victoria. „Ich bin hinter den gestandenen Spielern wie ein Dackel hinterhergelaufen. Nach zwei Jahren merken die Victoria-Spieler, dass auch ich gut werfen kann“, so der Handballlehrer 2002. 1948 darf Martini in der zweiten Mannschaft spielen. Im nächsten Jahr wechselt er zu Spartak Schäßburg und nimmt an der Qualifikation für die Zweite Liga teil. 1952 geht er als Lehrer nach Henndorf und spielt in Agnetheln Handball. 1953 wird Martini Student an der Sporthochschule in Bukarest, wo er mit der Studentenmannschaft bis 1957 in der Ersten Liga spielen wird.

Nach Beendigung der Hochschule geht er nach Fogarasch. 1960 wird er mit Chimia rumänischer Landesmeister. Im selben Jahr zieht er nach Hermannstadt um, wo er Lehrer an der Sportschule wird. Dort arbeitet er mit Hans „Purschi“ Schuster zusammen. Gleichzeitig ist er Spielertrainer der Großfeldhandball-Mannschaft von Voinţa Hermannstadt. Er betreut sie bis 1963, als die Großfeldliga aufgelöst wird. Anschließend spielt er bis 1965 für Voinţa Kleinfeldhandball. Trainer der Mannschaft ist Hans Schuster. In der Saison 1966/67 trainiert er Independenţa Hermannstadt. 1967 werden Voinţa und Independenţa zusammengeschlossen, und Hans Schuster übernimmt die vereinigte Mannschaft als Trainer.

Karl Martini führt am 5. Dezember 1972 in Allach ...
Karl Martini führt am 5. Dezember 1972 in Allach den Fallwurf vor. Foto: Archiv Karl Martini
1962 gewinnt Martini mit 17- und 18-jährigen Mädchen den Landespokal der Sportschulen. 1967 wird er mit der männlichen Jugend Landesmeister. Die Erfolge bringen Martini Anerkennung. Der Handball-Verband in Bukarest beruft ihn zum Nationaltrainer der männlichen Jugend. Das Amt wird er drei Jahre innehaben. Dann ist der Tag da, an dem er grund- und kommentarlos gefeuert wird, und zwar im Sommer-Trainingslager in Buhuţi. Am Abend dieses Tages stehen Martini und sein Trainerkollege Schuster vor einer rumänischen Eiche, und Martini hebt die Rechte und schwört, dass er die erste Gelegenheit zur Flucht nutzen werde.

Martini darf vor den Olympischen Spielen 1972 in München das olympische Feuer auf dem Weg vom Olymp nach München durchs siebenbürgische Großau tragen. Die Fackel ist heute noch in seiner Trophäensammlung. Er darf zu den Spielen nach München fahren. Mit einem kleinen Koffer, in dem sich das Nötigste an Kleidung befindet, tritt er die Reise nach Deutschland an, um nicht wieder nach Rumänien zurückzukehren.

Im Münchner Vorort Allach übernimmt er die Großfeldhandball-Mannschaft, die in der Bundesliga spielt. Gleichzeitig trainiert er als Assistent von Horst Singer die Hallenhandball-Mannschaft des Vereins, die in der Regionalliga spielt. 1973 verlässt Singer den Verein, und Martini wird Cheftrainer der Hallenhandballer. Mit der Mannschaft steigt er beinahe auf. Das Unternehmen scheitert, der Mannschaft fehlt ein Punkt. Ausgerechnet gegen den TuS Hofweier und seinen Landsmann Simon Schobel, seinerzeit Spieler in der von ihm trainierten Jugendauswahl, verliert Martini das Spiel und verpasst den Aufstieg in die Bundesliga. Schobel aber steigt auf.

Nach zwei Jahren verlässt er den Regionalligisten, denn es läuft nichts mehr zusammen. Während dieser beiden Jahre betreut er gleichzeitig auch die Mädchen und die Jungen des Klubs. Ein Trainingstag dauert vom 15 bis 22 Uhr. 1975 darf seine Familie Rumänien verlassen. Martini gibt das Traineramt der Familie wegen auf, denn sie hatte lange genug auf ihn verzichten müssen.

Nach der Ankunft in Deutschland sieht Martini beim Arbeitsamt vorbei. Als er hört, „dass dort nur Türkisch und Tatarisch gesprochen wird“, geht er gar nicht hinein. Er will nun wissen, was im Schulwesen in Deutschland vor sich geht. Er bekommt eine Anstellung an einer Hauptschule und ein paar Stunden an einem Gymnasium. Doch bald arbeitet er im Sportzentrum der Technischen Universität München, das Teil der Zentralen Hochschul-Sportanlage ist, die die Hälfte des Olympiageländes in München belegt. Er unterrichtet allgemeinen Studentensport und bildet Sportlehrer in Handball und Ski aus. 1980 gibt er ein Handball-Lehrbuch heraus unter dem Titel „Handball: Technik, Taktik, Methodik“. Nach 17 Jahren Hochschule geht er 1990 in Rente.
Karl Martini (l.) mit seiner Frau Katharina in ...
Karl Martini (l.) mit seiner Frau Katharina in angeregtem Gespräch mit Pfarrer Heinz-Dietrich Galter, aufgenommen auf dem Heimattag 2015 in Dinkelsbühl. Vielleicht ging es ja um Jakobsdorf, wo Martini geboren wurde und Galter bis 1991 Pfarrer war. Foto: Konrad Klein
Neben der beruflichen Tätigkeit interessiert ihn der Vereinshandball. 1974 legt er die Prüfung als Übungsleiter ab, 1976 macht er den B-Trainerschein und 1978 den A-Trainerschein. 1972 steigt er beim Bayerischen Handball-Verband ein. Er formt eine bayerische B-Jugendmannschaft mit 14- bis 16-Jährigen und ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung von Übungsleitern und B-Trainern. 1977 übernimmt Martini die E-Jugend von Milbertshofen. Er wird die Zehnjährigen bis 1985 trainieren. Doch in all den Jahren wird Martini keiner anderen Mannschaft einen Spieler wegnehmen. So etwas will er nicht. Er wird mit den Jungen, die er übernommen hat, etwas erreichen. Er verliert mit den Jungen ab dem B-Jugendalter kein Spiel mehr. Darauf hat er gewettet. Ergebnis: Aus dieser Truppe geht mit Hendrik Ochel ein Nationalspieler hervor.

Seine Kollegen fragen ihn immer wieder, warum er sich in die Niederungen des Handballs begibt. Und Martini antwortet darauf, dass er den Kontakt zur Basis nicht verlieren möchte, er müsse schließlich wissen, wie sich der Handball entwickelt. Er hat immer wieder eine Antwort auf die Frage gesucht, was der allgemeine Sport von einem Lehrer erwarte. Die Praxis an der Basis habe ihm diese Frage immer wieder beantwortet.

Schon an der Sporthochschule in Bukarest hat Martini eine hervorragende physische Vorbereitung genossen. Und diese Fitness hat er versucht all die Jahre beizubehalten. Er war noch nach der Jahrtausendwende in der Lage, sechs- bis sieben Stunden lang mit den Skiern abzufahren. Und so sah die Woche des Karl Martini um 2000 aus: Montags spielt er Volleyball, dienstags Tennis, mittwochs geht er in den Alpen wandern oder klettern, donnerstags spielt er Fuß- oder Basketball mit den Alten Herren. Freitags steht er auf dem Tennisplatz oder sitzt auf dem Fahrrad. Wenn die Familie am Wochenende nichts vor hat, steigt Martini erneut aufs Fahrrad. Eine weitere Leidenschaft in alten Tagen: Motorradfahren. Der Sport hat ihn fit gehalten. Im Sommer 2001 ist er auf Wanderschaft gegangen: mit dem Rucksack auf dem Rücken von München über die Alpen nach Venedig.
Handball-Legende Karl Martini mit Ehefrau ...
Handball-Legende Karl Martini mit Ehefrau Katharina, Pfarrer Heinz-Dietrich Galter und SbZ-Mitarbeiter Horst Göbbel mit seiner 2019 verstorbenen Frau Gitti (v. l.) vor dem Rathaus in Dinkelsbühl, aufgenommen auf dem Heimattag 2015. Foto: Konrad Klein
Als er 1972 Rumänien den Rücken kehrt, war er sich nicht sicher, ob das richtig ist. Doch es hat sich bestätigt: Er hat richtig gehandelt. Mit der Flucht wollte er den Großen beim Verband in Bukarest eine Ohrfeige geben für das, was sie ihm mit dem Rauswurf aus dem Nationaltraineramt angetan hatten. Obwohl, so Martini, er nicht nur vom Siebenbürger, sondern auch vom rumänischen Handball profitiert hat. 1955 bittet ihn Johnny Kunst, damals sein Lehrer an der Hochschule, später Präsident des Rumänischen Handball-Verbandes, ihm mit vielen anderen Absolventen zu helfen, den Hallenhandball aufzubauen. Martini sagt zu und opfert seine Sommerferien. Es soll sich lohnen. „Ohne Handball wäre ich nicht hier“, sagt er später, „der Handball hat mich getragen."

Um den rumänischen Handball sei es heute schlecht bestellt. Es fehle einfach die Disziplin. „Ohne Lucian Grigorescu und Johnny Kunst läuft es längst nicht mehr“, sagt Martini. Die kurze Zeit der Euphorie ist vorbei. Fanatiker, Martini schätzte ihre Zahl auf 40 bis 50, hätten es geschafft, dass ihr Einsatz sofort Ergebnisse gezeitigt hat. Er hat ausgereicht, um Rumänien zum Hallen-Rekordweltmeister bei den Männern (vier Titel) zu machen. Doch das ist längst Vergangenheit.

Um Karl Martini trauern seine Frau, die Tochter, drei Enkelinnen und ein Enkel. Die Urnenbeisetzung findet im engsten Familienkreis statt.

Johann Steiner

Schlagwörter: Nachruf, Sport, Handball

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