6. Januar 2019

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Stadt Wetzlar pflegt Patenschaft für 66.000 Lieder

1.800 Liederbücher und 66.000 Liedtitel aus deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa – diesen gewaltigen Umfang hat eine einzigartige Patenschaft, die ausgerechnet die mittelhessische Stadt Wetzlar im Jahr 1962 für das „Ostdeutsche Lied“ initiiert hat. Zu verdanken ist das Projekt, das längst zu einer Institution geworden ist, vor allem einem Mann: Edgar Hobinka (1905-1989).
1905 im mährischen Ort Schönberg im späteren Sudentenland geboren, studierte Hobinka in Prag Germanistik und Slawistik, besuchte daneben aber auch das Prager Musikkonservatorium. Er wirkte als Lehrer in Käßmark in der Zips (heute Slowakei) und später auch als Direktor einer Lehrerakademie und Leiter einer Fachschule für Frauenberufe in Preßburg (Bratislava). Daneben entfaltete Hobinka umfangreiche kulturelle und musikalische Aktivitäten, schrieb Hörspiele, moderierte Radiosendungen und vieles mehr. Über Linz und andere Stationen landeten er und seine Familie nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebene in Wetzlar, wo der passionierte Lehrer ab 1948 wieder als Studienrat am Gymnasium tätig sein konnte.

1957 gründete Hobinka die Wetzlarer Musikschule, an der heute 1.300 Schülerinnen und Schüler von 35 Lehrkräften unterrichtet werden. Daneben war er Stadtverordneter und Vorsitzender des hessischen Landeskulturrates. Als engagiertes Mitglied im Bund der Vertriebenen brach er auch die Brücke in seine alte Heimat nie ab. Eine große Leistung war es, den Stadtrat der Stadt Wetzlar für die Übernahme einer „Patenschaft zur Pflege des ostdeutschen Liedes“ zu gewinnen. Hobinka hatte Mitstreiter für das Vorhaben gefunden und sich durch sein persönliches Wirken so glaubwürdig für das Anliegen eingesetzt, dass der Stadtrat den Antrag am 29. März 1962 einstimmig annahm. Die Brücke zur Heimat ist ein Liederbuch, das von ...Die Brücke zur Heimat ist ein Liederbuch, das von der Patenschaft für das ostdeutsche Lied seit vielen Jahrzehnten herausgegeben wird und bereits in mehreren Auflagen erschienen ist. Ziel der „Patenschaft“ ist es bis heute, das Liedgut der deutschen Siedlungsgebiete in Mittel- und Osteuropa vor der Vergessenheit zu bewahren „und mit seiner Pflege einen Beitrag zur europäischen Verkündigung zu leisten“, wie es im Selbstporträt heißt. Dazu gehört natürlich nicht nur die Archivierung von Liedern und Liederbüchern. Es wurden seit 1962 über 15 Publikationen, meistens Liedsammlungen, selbst herausgegeben, daneben auch Tonträger. Hobinka und andere Mitarbeitende der Forschungsstelle hielten und halten Vorträge, beraten Chöre und einzelne Musiker, stellen auf Wunsch Liedprogramme zusammen, veranstalten Ausstellungen und Fortbildungen. Nach Edgar Hobinka, Prof. Dr. Ernst Schade und Ewald Loh wird die Liedpatenschaft seit 2003 von Gerhard König geleitet. Weitere Ansprechpartnerin ist Petra Hannig. All diese Arbeit wurde und wird ehrenamtlich geleistet.

Ihren Sitz hat die Patenschaft im Alten Rathaus in der Wetzlarer Innenstadt. „Manchmal werden uns Liederbücher zugeschickt oder gespendet, manche kaufen wir auch selbst aus Antiquariaten auf“, sagt Gerhard König. Dafür und für andere Aufgaben, etwa die jährliche Veranstaltung eines Liederabends, steht der Patenschaft ein Etat von 5 000 Euro zur Verfügung. Forscherinnen und Forscher sind Gäste der Patenschaft, aber auch Laien – und oft gibt es Anfragen nach Liedmelodien oder -texten. „Bei unserer großen Datenbank kann einen das manchmal mehrere Tage beschäftigen“, so König.

Zu den 25 Regionen, die die Patenschaft in den Blick nimmt, gehören natürlich auch Siebenbürgen und das Banat. Noch mehr: Weil Liederbücher mit deutschen Liedern vollständig erfasst werden, umfasst die Patenschaft nach eigenem Bekunden den gesamten deutschen Sprachraum. Nicht von ungefähr ist auf dem Werbeflyer der Initiative mit „Ännchen von Tharau“ eines der bekanntesten deutschen Lieder abgebildet, das aus Ostpreußen stammt. Aktuell verfügbar sind ein „Ostdeutsches Liederbuch“ (4. Auflage 2009) und das Liederbuch „Brücke zur Heimat“, herausgegeben erstmals 1964 von Hobinka selbst und erschienen zuletzt 2014 in achter Auflage. Die „Brücke“ wurde von Auflage zu Auflage größer, zu einfachen Liedtexten kamen Noten hinzu – und nach dem Mauerfall gab es einen besonders großen Bedarf in den neuen Bundesländern, wo Heimatvertriebene zuvor in der DDR nie laut über ihre Herkunft hatten sprechen dürfen. Die Aufmachung des Buches ist einfach, der Inhalt jedoch umfangreich: Zur handschriftlichen Liedmelodie treten der Titel, der Text und die Herkunft – zu Beginn eine Einleitung und am Ende ein Register. Sortiert sind die Lieder nach Themen aus dem Jahreslauf. Auch die Volkshymne „Siebenbürgen, Land des Segens“ von Max Moltke und Johann Hedwig ist übrigens enthalten.

Am 13. Januar um 17.00 Uhr veranstaltet die „Patenschaft für das Ostdeutsche Lied“ einen Liederabend in der Stadthalle Wetzlar, an dem mehrere Chöre und weitere Ensembles teilnehmen.

Johannes Killyen

Kontakt: Stadt Wetzlar – Patenschaft für das Ostdeutsche Lied, Hausener Gasse 17, Postfach 2120, 35573 Wetzlar, Telefon: (0 64 41) 99-10 31, E-Mail: ostdeutscheslied [ät] wetzlar.de.

Schlagwörter: Musik, Liedgut, Patenschaft, Wetzlar

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