5. Mai 2019

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"Ein verrückter Sachse – aber genial!": Zum 140. Geburtstag Gusto Gräsers, des "Angelus transsilvanicus"

Vor 140 Jahren, am 16. Februar 1879, wurde Gusto Gräser in Kronstadt geboren. Was wird bleiben von dem siebenbürgischen Dichter, Denker und Mystiker? Seine Texte sind noch kaum gedruckt, kaum bekannt, geschweige denn erschlossen – und doch ist er weltbekannt. Es sind weniger seine Dichtungen als symbolhafte Bilder, die sich niedergeschlagen haben in Romanen, Gedichten, Theaterstücken und Liedern anderer Autoren. Der Einsiedler in einer Felsgrotte der Alpen, der Tänzer, der Denker, der Weise.
Die mexikanische Autorin Marcela Sánchez Mota baut dem Eremiten Gusto in ihrem Roman einen Altar, die französische Erzählerin Marie-Laure de Cazotte feiert ihn als Tänzer und Druiden, ein anderer Autor nennt ihn einen „Weltstar“, ein dritter sieht ihn als Gegenspieler von Hitler. Der britische Liedermacher Steve Hackett besingt ihn als erleuchteten Eremiten: „The mantle of attainment weighs heavy on his shoulders ...“ Alles nur Projektionen, Wunschbilder, Fantasien? Keineswegs. So haben ihn schon Zeitgenossen wie Gerhart Hauptmann und Hermann Hesse gesehen, die ihn persönlich kannten.

Eine solche Szene hatte es bis dahin in der europäischen Geistesgeschichte noch nicht gegeben: ein langhaariger Einsiedler in einer Höhle der Alpen, der mit einem schon berühmten Schriftsteller zusammen die heiligen Schriften der Inder liest. Eine Urszene, ein archetypisches Bild. Indien kennt es als „satsang“: ein Schüler sitzt dem erleuchteten Meister zu Füßen. Beide befinden sich buchstäblich im Schoß der Mutter Erde, aus dem im Mythos die Helden, die Befreier, die Götter hervorgehen. Hesse hat die Szene im Sommer 1917 gemalt, nach einem Besuch auf dem Monte Verità: In finsterer Nacht tanzen zwei Gestalten in einer Felsgrotte um einen flammenden Feueraltar. Ein Abbild ihrer damaligen Situation: Als aktive oder potenzielle Kriegsdienstverweigerer standen sie außerhalb der bestehenden Gesellschaft. Gusto Gräser war kurz zuvor wie durch ein Wunder seiner Erschießung im Kronstädter Gefängnis entgangen, er lebte illegal als unerwünschter Ausländer im Tessin. Gusto Gräser im Alter. Foto: vermutlich Julius ...Gusto Gräser im Alter. Foto: vermutlich Julius Kirchner (Gusto Gräser-Archiv Freudenstein) Ein anderes Bild: der Mann im Eselwagen. 1930, als die Nationalsozialisten in die Parlamente einzogen, sah Gusto sein Wirken durchs Wort als gescheitert. Drei Jahre lang hatte er in öffentlichen Reden in Berlin vergeblich gewarnt: „Stell dich nicht hoch, o Volk!“ Er hatte dem „Großen Maul“ das „Große Ohr“ entgegengestellt, dem Diktator den Dichter, dem hasspredigenden „Anführer“ den fühlenden „Fürkämpfer“. Umsonst. Nun blieb ihm nur noch das Mittel der zeichenhaften Tat. Seine Tochter sollte ihr Auto eintauschen gegen einen Eselskarren. So geschah es. Und mit seinem Schwiegersohn zog Gusto mit einer Eselin durch die deutschen Lande, seine Schriften verteilend, Lieder singend. Die Fahrt endete, nach dem Bericht eines Zeitgenossen, im KZ Osterhofen. Beide überlebten. Nach dem Krieg setzte sein junger Freund die Fahrt mit dem Eselwagen fort. Die neue Eselin hieß wie die alte: Fanny. Ihr Lenker Otto Großöhmig wurde in den Siebzigerjahren Mitgründer der Partei der „Grünen“.

Gräser aber erfreute sich seit den Vierzigerjahren eines Mantels der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Die hatte ihn in ein Warenhaus geschleppt und ihm einen Havelock aufgedrängt: so wie er könne man im Dritten Reich nicht herumlaufen. Gräser, als „Asozialer“ gebrandmarkt und mit Schreibverbot belegt, flüchtete sich aus Berlin zu Freunden in München. Dem Mantel der Staatspolizei schnitt er die Ärmel ab, stutzte die Länge und setzte im Rücken ein Rübezahlschwänzchen an. So umgerüstet trug er das Staatsgeschenk bis an sein Lebensende.

Zu Kronstadt auf der Burg, da fing sein Leiden an. In den Kasematten der Cetatea, als Militärdienstverweigerer verurteilt, erschien ihm an der Kerkerwand eine Vision: eine endlose Schar von lachenden Erdensöhnen, die Menschen der Zukunft. „Hei, wie das lacht und kracht!“ Einer seiner jungen Freunde machte aus dieser Vision ein Büchlein, schrieb die „Worte an eine Schar“ in der Hoffnung, dass sich aus der Mitte der Jugend heraus „die heilige Schar bilden wird, die mit der Leidenschaft der Liebe um die Geburt des neuen Menschenbildes ringt; die Schar, die uns erlöst“. Die heilige Schar! Ein anderer junger Freund, der Drechsler Friedrich Muck-Lamberty, unternahm es, diesen Bund im Wandervogelfeld zu sammeln. Ab Pfingsten 1920 zog diese „Neue Schar“ singend, tanzend und spielend durch Thüringen. „Ganz Thüringen tanzt … Tausende auf einem Platz!“, schrieb damals der Verleger Eugen Diederichs. Gräsers Gedichte flatterten dem Zug voran, er selbst sang und sprach an den Lagerfeuern der Spiel- und Wanderschar. Von einem „Kreuzzug der Fröhlichkeit“ war die Rede oder von einem „Kinderkreuzzug“.

Hermann Hesse hat diese Fahrt als „Morgenlandfahrt“ in der gleichnamigen Erzählung mythisch-religiös gedeutet: als den ewigen Zug der Menschheit zu den Quellen des Lichts. Gusto Gräser-Leo, der Löwenmensch, ist ihm der Diener und zugleich der verborgene Oberste dieses Geheimbunds, mit dem er als „H. H.“ liebend sich vereint. Ihre Verbindung blieb in der Tat geheim, nur im Schutze der Dichtung konnte Hesse sich zu seinem Freund bekennen.

Der Tänzer. An Ostern 1905 beobachtet der Ex-Erzherzog Lepold Wölfling die „balabiott“ von Ascona. Karl Gräser, sein einstiger Untergebener, hatte ihn eingeladen, jetzt als sein Gastgeber. Damals ging es als Sensation durch die Weltpresse: Ein Erzherzog schließt sich mitsamt seiner Frau den „Naturmenschen“ von Ascona an und nimmt teil an deren nächtlichen Mondscheintänzen im Wald von Arcegno! Doch Wölfling ist enttäuscht: „Diese Menschen, Männer und Frauen, hatten allen Gedanken an Sex verloren“. Sie stampften, sprangen und stießen Schreie aus. Sie tanzten ekstatisch die Befreiung von allem Zwang, von jeder Konvention. „Sie tanzten wie die Araber [wie die Derwische der Sufis]! Sie waren ja so religiös“, erzählt ein anderer Zeuge. Gräser hatte den heilenden Ausdruckstanz erfunden, eine Vorform der Urschreitherapie. Seinen neuen Tanz brachte er 1908 in München auf die Bühne, jetzt als philosophischen Tanz, der die Entwicklung der Menschheit seit der Zähmung des Feuers versinnbildlichen sollte. Durch seinen Landsmann Rudolf von Laban und die befreundete Mary Wigman wurde sein Ausdruckstanz in die Welt getragen. Heute stehen in Athen und Delphi Museen seines Schülers, des Amerikaners Raymond Duncan, Bruder der Isadora, die das Gräsersche Erbe weitertragen.

Während aber Duncan als Amerikaner sich frei entfalten konnte, wurde Gräser in Europa ein Opfer der staatlichen Gewalt. Immer wieder verhaftet, ausgewiesen und abgeschoben: aus Sachsen, aus Baden, aus Württemberg, aus Bayern, aus der Schweiz. Ein Weg durch Gefängnisse und Nachtasyle. Er galt ja offiziell als Ausländer, als „der staatsgefährliche Rumäne Gusto Gräser“. Dass er auf sein Deutschsein pochte, sich mit Bedacht „Arthur Siebenbürger“ nannte, half ihm wenig oder nichts. Auch nicht die Fürsprache prominenter Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann oder Richard Dehmel. Nur das Wort Thomas Manns hatte Gewicht genug, ihm 1926 die Ausweisung aus dem ganzen deutschen Reich zu ersparen. Nach 1945 wollten ihn die Münchner Behörden zu den „displaced persons“ abschieben, weil „Rumäne“. Fast nur noch im Café Klein-Bukarest, hinter der Münchner TH, fand er eine Zuflucht. Der Wirt dort war ein Landsmann, ein ehemaliger rumänischer Fliegeroffizier. Hier hatte er seinen Stammplatz, hier war er Ehrengast, der nur den halben Preis zu zahlen hatte und an seinem Geburtstag beschenkt wurde. „Ein verrückter Sachse – aber genial“, sagte sein Wirt über ihn. Einmal wurde ich Zeuge, wie ein schwarzer amerikanischer Sergeant dem greisen Dichter wortlos einen Stoß Schreibpapier auf den Tisch klatschte und ein Bündel Schreibstifte dazu. Er musste dem Mann, den er bewunderte, ein Geschenk machen. Sie konnten sich mit Worten nicht verständigen, sie schüttelten sich nur die Hände. Reklamepostkarte des Münchner Lokales „Klein ...Reklamepostkarte des Münchner Lokales „Klein-Bukarest“ mit seinem in rumänischer Tracht posierenden Betreiber, dem ehemaligen Fliegeroffizier Aurică Popescu (Ende 1960er Jahre). Die Aufnahmen hatte Franz Paulini (1915-1972), ein ehemaliger Fotogehilfe von Fritz Römischer, gemacht. Als Gräser noch Gast des Cafés war, befand sich dieses in der Luisenstraße 45 in Schwabing. Sammlung Konrad Klein Als er unbemerkt gestorben war, verhungert in seiner unheizbaren Dachkammer, sollte sein Lebenswerk auf den Müll geworfen werden. „Keine Wertsachen“, lautete der amtliche Befund. Eine Verwandte von Gräser hat einen Großteil davon bewahrt und später dem Archiv in Freudenstein übergeben. Dort befindet sich heute die vollständigste Sammlung von Gräseriana.

Über den Dichterpropheten Gusto Gräser sagte Hugo von Hofmannsthal in einer berühmt gewordenen Rede: „Er ist auch Dichter, dieser unser Ungenannter, vielleicht ist er mehr Prophet als Dichter. … Für ihn ist alles überwunden und so wie es zu gelten scheint, nicht gültig, sondern muss zu neuer Gültigkeit von ihm wiedergeboren werden.“

Propheten gelten nichts in ihrem Vaterland. Da bedeutet es schon viel, dass etliche Siebenbürger ihn hoch geachtet oder gar sich für ihn eingesetzt haben: Otto F. Jickeli, Emil Neugeboren, Oskar Kraemer, Adolf Meschendörfer, Heinrich Zillich, Dieter Schlesak, Helmut Binder, Hans Wühr, Hans Bergel und andere mehr. Wie schrieb Jickeli schon 1912 in den Karpaten? - „Wir sollen stolz sein, dass Gusto Gräser ein Siebenbürger Sachse ist … Sein tapferes Leben ist uns ein Beweis, dass die Menschheit noch Kraft und Mut hat, neue Wege zu gehen.“

Hermann Müller

Schlagwörter: Gusto Gräser, Dichter, Kronstadt, München

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