9. Februar 2020

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„Romania die ferne Geliebte …“/Lyrik von Matthias Buth

Sinnlich und metaphorisch ist die Lyrik des Dichterjuristen und Publizisten Dr. Matthias Buth. Sie gehört zur ersten Reihe der deutschen Lyrik, in Flughöhe von Peter Huchel, Hilde Domin und Reiner Kunze und auch der rumäniendeutschen Dichter wie Rolf Bossert, Richard Wagner oder Werner Söllner.
Seine kürzlich erschienene lyrische Komposition, die mit der „Doina“ den Grundton angibt, misst nicht nur seine Poesie in die Sprachform der Naturlyrik ein. Buths Gedichte entfalten sich im Spannungsfeld von sinnlich-erotischer Metaphorik („Die Bojen sind leuchtende Lippen“) einerseits, alltags- und Politikersprache andererseits. Stets machen sie, getragen von einer mal untergründigen, mal vordergründigen Musik, den existenziellen Befund deutlich: von der Verzweiflung über die Flucht zum rettenden Hafen.

Die rumänischen Koordinaten (Konstanza, Klausenburg et al.) bieten ihm dabei Konkretionen seiner inneren Verfasstheit, die dank flüssiger Phänomene wie Flüsse, Meere und insbesondere Wolken die geographisch entfernten Orte metaphorisch miteinander verbindet: „Weiß ist das Leopardenfell des Himmels“, schreibt er in „Wolken“, die bezeichnet werden als „Wüsten sind sie die wehen und gehen“, die Wolken haben etwas Rettendes: „Und kommt an/Wie alle Wolken“ wie auch alle Flüchtigen. Nicht erst seit Baudelaire sind die Wolken etwas Wunderbares, sowohl der Poesie als auch dem Fremden (L’étranger) verhaftet. Buth erfindet eine neue Himmelsmetapher im weißen Leopardenfell des Himmels. Er spielt mit den Farben Blau, Weiß, Gelb, Schwarz. Bedeutungsverschiebungen gehen mit Farbverschiebungen einher. Als Wüste nimmt die Wolke eine fahle Färbung an und die mallarméschen Himmelsfetzen von Azur werden mit Schwarzbraun durchsetzt. Jedoch wird zugleich das Bild eines weißen Leopardenfells evoziert, dasjenige eines Schneeleoparden, der gejagten und nahezu ausgerotteten Großkatze des Himalayas. Die „Pamir“ Buths ist nicht nur ein Viermastsegelschiff, sondern zuallererst ein Hochgebirge des Dachs der Welt, in dessen Höhen von bis zu 5000 Metern man die Spuren der Panthera uncia findet. Zumindest, wenn man späht, wie unser französischer Nachbar Sylvain Tesson in La panthère des neiges (Paris, Gallimard, 2019). Und Buth, der schreibt, „Bukarest will endlich ankommen in Paris“, treibt eine poetische Landvermessung voran, die einer inneren Flucht gleicht, in der sich der Dichter in das Land der Poesie und der Wolken rettet, beispielsweise nach Rumänien, „Offenes Land“. Umgekehrt wird bei Buth eine Bewegung vollzogen, die realiter nicht nur König Michael erfahren musste, dem das eponyme Gedicht gewidmet ist: „Im Exil blieb er wie Romania die ferne Geliebte“. Wer, der ins Exil ging, hat wohl nicht an das Land am „Schwarzen Meer“ wie an seine Geliebte, an seinen Geliebten gedacht, dessen erquickendes Wasser und Wolken zu Wüste wurden. Eine Metapher für Sehnsucht, die nicht erfüllt werden kann, ein rumänisches dor eines inneren und vergangenen „Reich[s] ohne Land“. Doch Buth will Zuversicht geben, wenn er in „Schwarz“ ausmalt, in „Klausenburg“ halte „Trakl […] alle Wolken an“ und die „Gedichte“ „verwandeln“ „die Enge“ „[u]nd die Wolken in Kontinente“. Um „Luft zu bekommen“ wendet sich die Seele dem Wasserreservoir „im Landesinnern“ zu wie einem inneren Land, gerade in Zeiten des Klimawandels. Und kommt wo an? In der „[f]erne[n] Heimat“, wo Buth einen Vers von Rose Ausländer aufgreift, mit der er lange in Briefkontakt stand: das „Mutterland Wort“. Zuhause ist für Buth „Ohne Wortbegrenzung“ jenseits der Grenzen, ein „Offenes Land“, „Im Wechselspiel von Ein- und Ausatmen/Das keine Übersetzung braucht eins mit allen Sprachen“. Buths Lyrik evoziert zwischen Apfelblüten und Exil die Melodien eines entschwundenen und dennoch weiter existierenden Lebens („alle anderen die fehlen/Und doch geblieben sind“). Zu ihnen gehören die Größen George Enescu und Clara Haskil, deren Melodien sich im Umherwandern Buths verbinden mit Burgund, Köln, Japan und dem Okawango-Delta. Das „Übersetzen“ setzt auf eine „andere Sprache“, die „keine Übersetzung“ braucht: „Auch wenn die Wahl verloren und die Forellen/Weiter hinaufschwimmen müssen ins eisige Blau/Bleibt die Republik der ungeschriebenen Gedichte“. Der rumänische Präsident Klaus Johannis – Karlspreisträger 2020 – hat ihn wegen seines Einsatzes für den deutsch-rumänischen Kulturaustausch mit einem hohen Orden ausgezeichnet. Denn Buth liebt Rumänien – poetisch.

Dr. Sidonia Bauer


Matthias Buth: „Weiß ist das Leopardenfell des Himmels“. Berlin, PalmArtPress, 2019, 150 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-96258-035-3.

Schlagwörter: Lyrik, Gedichtband, Matthias Buth

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