16. April 2020

Von der Liebe, Siebenbürgen in all seinen Facetten zu erforschen: Dr. Harald Roth neuer Vorsitzender des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde

Der promovierte Historiker Harald Roth, 1965 in Schäßburg geboren und in Kronstadt aufgewachsen, wurde im Januar 2020 zum Vorsitzenden des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) gewählt. Er tritt die Nachfolge von Dr. Ulrich A. Wien an, der das Amt 18 Jahre lang inne hatte. Ebenfalls ehrenamtlich ist Roth seit dreieinhalb Jahren Vorsitzender des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrates, nachdem er seit 2007 stellvertretender Vorsitzender des AKSL und des Kulturrates war. Hauptberuflich ist Roth seit 2013 Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Potsdam. Im Interview mit Siegbert Bruss gibt er Auskunft über die aktuellen Vorhaben des Landeskundevereins.
Mit der Liebe zu Corona, so der lateinische Namen von Kronstadt, hat alles für dich angefangen. Welches war deine Motivation, dich der Siebenbürgen-Forschung zu widmen?

Ja, das stimmt, in meinem Falle stand am Anfang tatsächlich das Corona-Virus, allerdings das gutartige, das schon seit vielen Jahrhunderten immer wieder vereinzelt ausbricht und ein Feuer entfacht, zunächst für die eigene Stadt und deren Geschichte, dann für die Region. Daraus wurde schließlich wissenschaftliches Interesse am Faszinosum Siebenbürgen, später folgte ein entsprechendes Studium und ich wuchs gleichzeitig in den Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde und seine Gundelsheimer Einrichtungen hinein. Und seitdem sich ab 1986 ein engagierter Kreis junger Leute mit gleichen Interessen zusammenfand (wir nannten uns bald Studium Transylvanicum), bildete sich allmählich jene Basis, auf der so manche Aktivität bis heute aufbaut. In diese Zeit gehört zum Beispiel auch der Name von Gusti Binder, den heute viele als Studienleiter des Heiligenhofs in Bad Kissingen kennen.

Machen wir einen Sprung in die Gegenwart: Wie setzt das Siebenbürgen-Institut mit Bibliothek und Archiv seine Tätigkeit in den Zeiten des Coronavirus fort? Wie geht es den Mitarbeitern, wie wirkt sich diese Krise auf die Benutzer aus?

Wie in allen öffentlichen Einrichtungen besteht auch hier das Risiko, dass Auswärtige das ansteckende Virus unwissentlich und unbemerkt hereinbringen. Um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter davor zu schützen, haben wir Bibliothek und Archiv für Vor-Ort-Benutzer bereits Mitte März geschlossen. Allerdings können Anfragen per Post oder Mail und Telefon erfolgen und dann werden Bücher oder gewünschte Materialien per Fernleihe oder als (digitale) Kopie versandt. Inwieweit diese Einschränkungen die Benutzerstatistik verändern werden, ist heute noch nicht abzusehen, es wird sie jedenfalls verschieben.

Im Januar 2020 hast du den Vorsitz des AKSL von Dr. Ulrich A. Wien übernommen. Welche Akzente möchtest du in deiner Amtszeit setzen?

Die Vorstandsarbeit des Landeskundevereins zeichnet sich durch große Kontinuität aus. In den 58 Jahren seit seiner Wiedergründung hatte der AKSL vor mir nur fünf Vorsitzende, gut 18 Jahre davon hatte Ulrich Wien dieses Amt inne. Wie in anderen siebenbürgischen Vereinen auch, stehen wir im AKSL vor der Herausforderung, unser Kerngeschäft zu definieren und es zukunftsfähig zu machen. Wir müssen uns des Umstands bewusst werden, dass unsere Mitgliederbasis ganz allmählich abnimmt und damit natürlich auch die materiellen Ressourcen, die uns für unsere Tätigkeiten zur Verfügung stehen. Wir müssen also überlegen, wofür unsere Kräfte reichen und was wir auf jeden Fall fortführen wollen, um es einmal Nachfolgern übergeben zu können. Und es bedeutet, dass wir wahrscheinlich nicht mehr alles, was wir in den letzten Jahren noch leisten und anbieten konnten, auch zukünftig werden anbieten können. Diese Prüfung werden wir beherzt als Team angehen, ich kann hier voll auf meinen Stellvertreter Dr. Stefan Măzgăreanu, auf die Geschäftsführerin Dr. Ingrid Schiel, auf den geschäftsführenden und auf den Gesamtvorstand setzen.
Der scheidende und der neue Vorsitzende: Dr. ...
Der scheidende und der neue Vorsitzende: Dr. Ulrich A. Wien (li.) und Dr. Harald Roth, aufgenommen auf der Jahrestagung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde in Graz 2014. Foto: Konrad Klein
Du erwähnst, dass die Zahl der Mitglieder abnimmt. Wie wirkt sich der Mitgliederschwund konkret aus?

Für einen Verein dieser Art hat der AKSL mit derzeit rund 450 Mitgliedern eine an sich sehr gute Grundlage. Das relativiert sich erst dann, wenn man weiß, dass er vor etwa dreißig Jahren mit rund 750 Mitgliedern für einen regional orientierten landeskundlichen Verein wirklich groß war. Wir sind vom Mitgliederschwund betroffen, auch weil wir jedes Jahr eine ganze Reihe jener Landsleute verlieren, für die es über Jahrzehnte hin eine ehrenvolle Selbstverständlichkeit war, dieses gemeinsame Vorhaben auch als Nichtwissenschaftler zu unterstützen – übrigens wie seinerzeit beim alten Landeskundeverein in Siebenbürgen, der seine Förderer in wirklich allen Bevölkerungsschichten hatte. Wir merken diesen Verlust doppelt, zum einen weil durch die Abnahme der Mitglieder auch die Spenden zurückgehen, und die machen einen deutlich höheren Posten als die Mitgliedsbeiträge aus; zum anderen ist das Umfeld unserer Mitglieder natürlich auch fürs Schloss stark engagiert, so dass ein nennenswerter Teil ihrer Spenden nun dorthin geht. Das ist ohne Frage sowohl fürs Gesamtprojekt Schloss wie auch für Bibliothek und Archiv wichtig und gut so, finanzielle Spielräume wie noch in früheren Jahren hat der AKSL aber keine mehr.

Es kommen auch durchaus neue Mitglieder hinzu, manche auf Dauer, andere aber auch nur solange sie sich zum Beispiel mit einer Qualifikationsarbeit zu einem siebenbürgischen Thema befassen. Gerne würden wir aber in der Breite unserer Landsleute das Bewusstsein dafür stärken, dass hier wirklich jeder und jede mitmachen kann, jeder Mitglied werden und das gemeinsame Projekt der Erforschung der siebenbürgischen Landeskunde unterstützen kann.

Könntest du den Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde kurz vorstellen, welches sind seine wichtigsten Aufgaben?

Karl Kurt Klein nannte den Landeskundeverein einmal eine „kleine Akademie der Wissenschaften der Siebenbürger Sachsen“. Der AKSL ist bestrebt, die wissenschaftliche Kunde vom Land Siebenbürgen in all seinen Facetten zu erforschen, zu dokumentieren und dieses Wissen zu verbreiten, es zugänglich zu machen. Dabei ist grundsätzlich ganz Siebenbürgen mit allen seinen Völkern und Sprachen im Blick, der Schwerpunkt aller Tätigkeit liegt aber auf dem deutschen Anteil der Geschichte und Kultur dieses Landes – ganz einfach, weil das außer uns nur ganz wenige andere Einrichtungen tun, keine aber mit unserem umfassenden Anspruch. Wir stehen mit diesem Konzept in einer alten Tradition, denn der heutige AKSL ist der Rechtsnachfolger des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, der 1840 in Mediasch gegründet worden war. Und wie jener bringen wir unterschiedlichste Publikationen heraus und veranstalten Tagungen, zusätzlich aber betreiben wir auch das Siebenbürgen-Institut wesentlich mit. Mit dem in Hermannstadt ebenfalls als AKSL eingetragenen Verein, der aus unserer Rumänien-Sektion hervorgegangen ist, sind wir übrigens aufs Engste verbunden. Genauso mit einer ganzen Reihe an Einrichtungen in Siebenbürgen, etwa dem Akademie-Institut und dem Teutsch-Haus in Hermannstadt oder dem Honterus-Archiv in Kronstadt.

Weshalb war es für den Kulturrat, den AKSL und die anderen siebenbürgischen Kultureinrichtungen wichtig, dass der Standort Schloss Horneck im Jahr 2015, nach der Insolvenz des Honterusvereins, erhalten bleibt?

Schloss Horneck war eine Grundvoraussetzung dafür, dass es die heutigen siebenbürgisch-sächsischen Kulturinstitutionen dort überhaupt gibt. Seitdem die Siebenbürgische Bibliothek 1963 aus Rimsting hierher zog und der AKSL sie betreute (er war ein Jahr vorher gegründet worden), sind alle weiteren Einrichtungen um diesen Nukleus entstanden, ermöglicht eben auch durch die lange Zeit kostenfreier Unterbringung im Schloss. Als das Schloss im Sommer 2015 unter den Hammer geraten sollte, war es selbstverständlich, dass wir sofort alle verfügbaren Mittel mobilisierten, um im Zusammenwirken mit den anderen Beteiligten unseren angestammten Standort zu sichern. Der AKSL, der Kulturrat und der Förderverein der Bibliothek brachten alle ihre Rücklagen zusammen und konnten so über ein Fünftel des Kaufpreises beitragen, also 210000 Euro. Hätten wir dieses Geld damals behalten, könnten wir nun zehn Jahre lang die ganz normale Miete bezahlen, so aber sind wir blank. Dieser Einsatz unserer Rücklagen war zu jenem Zeitpunkt zwingend notwendig, um das weitere Schicksal von Schloss, Bibliothek und Archiv und vor allem der Mitarbeiter vor Ort mitbestimmen zu können. Wir hatten uns sogar, um das Gemeinschaftsvorhaben Schloss zu stützen, auch dazu entschlossen, mit allen Abteilungen aus unserer Dependance in der Schlossstraße ins Schloss zu ziehen. Es war uns wichtig zu zeigen, dass wir die Kultureinrichtungen unter einem Dach sehen wollen. Letztlich war diese Geschlossenheit dann auch eine jener Grundlagen, auf der der Bund seine Förderungen fürs Schloss vorgenommen hat. Durch den Umzug ins Schloss und die Nutzung größerer Flächen haben sich die Miet- und Nebenkosten für uns entsprechend erhöht. Wir sind dem Schlossverein sehr dankbar dafür, dass er die besondere Situation des Instituts mit Bibliothek und Archiv erkannt hat und dass wir gemeinsam eine beiden Seiten gerecht werdende Lösung finden konnten. Nun hoffen wir auf eine perspektivisch gedeihliche Entwicklung, so dass Schloss Horneck auf Dauer die Heimstatt jener Einrichtungen bleiben wird, die diesen Ort ausmachen.

Vor genau einem Jahr hast du in der Siebenbürgischen Zeitung berichtet, wie sich die Mitarbeiter des Siebenbürgen-Instituts einbringen, um die Arbeits- und Archivräume auf Schloss Horneck umzugestalten. Welche Vorteile ergeben sich durch den Um- und Ausbau, wann ist der Einzug in die neuen Räume geplant?

Der größte Vorteil wird sein, dass alle Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze in unmittelbarer Nähe zueinander haben und die Bestände zum allergrößten Teil schnell erreichbar beisammen und nicht auf zwei Standorte aufgeteilt sind. Und entsprechend werden auch die Nutzer davon profitieren, sobald der Publikumsverkehr wieder geöffnet wird. Bis dahin ist noch einiges zu tun, im Archivbüro sind die Böden zu richten, im neuen Archivlager Beleuchtung, Wände und Rollanlagen, Regale in einem Stauraum. Das meiste davon übrigens in Eigenleistung. Die Spenden, die wir im letzten Herbst durch einen Aufruf, der der Siebenbürgischen Zeitung beigelegt war, und über HOGs bekommen haben, ermöglichen es uns, die Handwerkerarbeiten zu bezahlen, die wir nicht selbst ausführen können, etwa die Elektrik oder einen Teil der Rollanlagen. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal allen jenen sehr herzlich danken, die uns im vergangenen Jahr unterstützt haben! Und natürlich den Mitarbeitern vor Ort, die sich bei Umbau- und Umzugsarbeiten enorm engagiert einbringen!

Der Umzug der Büros soll zum 1. Juni erfolgen, wollen wir hoffen, dass dann auch der Publikumsverkehr wieder möglich sein wird. Der Umzug der Archivbestände wird sich hingegen noch den Rest des Jahres hinziehen, denn auch das werden wir selber bewerkstelligen müssen.

Du bist sowohl Vorsitzender des Kulturrates als auch des AKSL. In der Bundesvorstandssitzung vom 7. März 2020 in München hast du von Plänen gesprochen, die kulturellen Einrichtungen auf Schloss Horneck in den nächsten drei Jahren umzustrukturieren. Wie sehen diese Zukunftspläne konkret aus?

Im Laufe von knapp sechs Jahrzehnten ist auf Schloss Horneck ein recht kompliziertes Konstrukt an Vereinen und Einrichtungen entstanden, einige waren Ausgliederungen des Arbeitskreises, andere wurden angedockt. Sie hatten und haben alle ihre spezifischen Aufgaben. Die übergreifende Einrichtung, die heute auch das Siebenbürgen-Institut mit Bibliothek und Archiv trägt, ist der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturrat. (Letztes Jahr feierte er 50. Geburtstag, dazu gab es einen längeren Beitrag in der Siebenbürgischen Zeitung: Ein halbes Jahrhundert im Dienste von Kultur und Wissenschaft) Unsere Überlegung ist, mehrere Vereine zusammenzuführen, so dass eine straffere, übersichtliche, inhaltlich und auch personell stärker als bisher verzahnte Struktur mit einer Stiftung einerseits und nur einem Verein andererseits entsteht. Das Museum ist und bleibt natürlich selbständig. Die Umstrukturierung wird nicht einfach und alle werden mitmachen und sicher auch Federn lassen müssen, aber sie ist möglich. So haben etwa Deutschbalten und Sudetendeutsche für einige ihrer Einrichtungen ganz ähnliche Prozesse durchlaufen. Auch bei diesem Vorhaben wird es darum gehen, zukunftsfähig zu sein und unsere Kräfte zu bündeln. Seit den ersten wissenschaftlichen Zirkeln im Umfeld Brukenthals ist immer wieder um die Inhalte unserer Forschung genauso wie über den richtigen Weg gerungen worden, und das geschieht eben auch heute. Keiner von uns beansprucht, diesen Weg genau zu kennen. Wir werden ihn im Austausch mit unseren Mitgliedern, Partnern im Kulturrat, mit den Einrichtungen in Siebenbürgen suchen und gewiss eine Lösung finden. Die landeskundliche Siebenbürgen-Forschung ist schon etwas Besonderes, es gibt nicht viele europäische Regionen, die so gründlich und vor allem in so vielfältiger Weise erforscht und dokumentiert sind. Das kann ganz nüchtern festgestellt werden, unabhängig von der innigen subjektiven Verbindung zu diesem Land, sozusagen Coronavirus-bedingt, wie zu Beginn erwähnt. Und diese Besonderheit wollen wir erhalten, sie bewusst machen und jüngeren Generationen zur Verfügung stellen, ganz gleich welchen sprachlichen Hintergrund sie haben.

Herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg bei allen Vorhaben!

Schlagwörter: AKSL, Vorsitzender, Harald Roth, Interview, Schloss Horneck, Gundelsheim, Siebenbürgen-Institut

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  • 16.04.2020, 08:56 Uhr von Äschilos: Viel Erfolg lieber Harald ! [weiter]

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