16. Juli 2020

Rom als Palimpsest: Ilse Hehns neues Reisetagebuch

Schon im Motto ihres Reisetagebuches macht Ilse Hehn deutlich, dass die Stadt Rom sie in einem Rhythmus anspricht, an den man sich gewöhnen muss, sei es in langen Sätzen oder in knapp formulierten Sentenzen. In ihrem neuen Buch mit dem alliterativen Titel „Roms Flair in flagranti“, erschienen im Ludwigsburger Pop Verlag, tritt die in Ulm lebende Banater Schriftstellerin in den Dialog mit dieser „komplizierten, endlosen, strapaziösen, antiken, genialen, barocken, selbstbewussten, verrückten, unheimlichen, überwältigenden“ Stadt, und dieser wird zu einer Liebeserklärung.
Das ganze Buch besteht aus 65 Miniaturen, besser gesagt Vignetten, die meistens nach Spaziergängen entstanden sind und die uns Rom aus der persönlichen Perspektive der Autorin zeigen. Sie enthalten kunstgeschichtliche Erläuterungen, Impressionen vor Ort, Meditationen, aber vor allem auch Trivia, also wissenswerte Kleinigkeiten, Kuriositäten, Legenden und Klatsch und offenbaren so einen ganz eigenen Blick auf die Stadt, einen kunstgeschichtlichen, einen literarischen, auch einen kecken und nichtsdestotrotz liebevollen.

Begleitet werden die Texte von detailverliebten Fotografien, die in kräftigen Farben die Betrachtungen veranschaulichen. Ilse Hehn schaut dabei mit den Augen einer Künstlerin auf das Licht als ‚gestaltgebenden Faktor‘: „Licht leckt die spröden Steine, aus ihnen scheint alle Macht gewichen“, schreibt sie poetisch über das Forum Romanum, wo auch der Marmor lebt, und aus ihm die ‚Ewigkeit herausbirst‘. Doch nicht nur kleine Details, die durch das Licht zum Vorschein kommen, regen ihre Aufmerksamkeit an, auch persönliche Lektüren funken intertextuell dazwischen, durch Zitate von Kleist, Ennio Flaiano, Simone de Beauvoir, Vergil etc. Mit feinsinnigem Kunstverstand beschreibt die Autorin etwa die Moses-Statue von Michelangelo oder seine Cordonata, eine „leise ansteigende Schwebebrücke“, Bilder Caravaggios und jede Menge Denkmäler, von der Bocca della Verità, bis zum Trevi-Brunnen, der Piazza del Popolo bis zur Spanischen Treppe. Dabei beschränken sich die Streifzüge nicht auf die bekannten Sehenswürdigkeiten Roms, sie erkunden auch das Nebensächliche, das fast Vergessene und das Versteckte, gar ein geflügeltes Pferd, das Graffiti-Künstler auf die Fassade gemalt haben, neben einer Wäscheleine.

Unterhaltsam sind dabei die Zusätze, mit denen die Vignetten oft pointiert enden und in denen man erfährt, dass der Platz Bocca della Verità im Volksmund Rindermarkt genannt wird, dass Mussolini den Borgo, ein ganzes Stadtviertel, abreißen ließ, oder dass der Altar des Vaterlandes, das Vittoriano, „das nach Pathos stinkt“, von den Römern als „Gebiss“ oder „Schreibmaschine“ abgestempelt wird. So trifft Geschichte auf den Volksmund, alte Kultur auf Gegenwart. Rom ist für Ilse Hehn ein Palimpsest, „ein Dokument, auf dem eine neue Schrift die alten, verblassten Züge früherer Schriften überdeckt“; sie sieht die Stadt als immenses Bild, „in welchem sich viele Flächen Schicht für Schicht überlagern“.

Mit aufmerksamem und wachem Blick führt Hehn ihre Leser durch diese Stadt, die offensichtlich noch immer voller Überraschungen steckt. Wir entdecken Rom neu mit ihren Augen, künstlerisch, literarisch und fotografisch. Mit italienischen Einsprengseln changiert sie zwischen Prosa, Lyrik und Aphorismus, zwischen kunstgeschichtlicher Betrachtung und ironischem Beiwerk, zwischen philosophischer Meditation und kessem Einschub, und als Leser kann man bei der Lektüre fast nicht umhin, diese so vielfach beschriebene Stadt einfach zu lieben.

Edith Ottschofski



Ilse Hehn: „Roms Flair in flagranti“, Ludwigsburg, Pop Verlag, 2020, 142 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-86356-284-7.

Schlagwörter: Rezension, Reisen, Tagebuch, Banaterin

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