5. August 2020

Achte Haferlandwoche unter dem Motto "Die Tradition geht weiter"– doch das Wichtigste fehlt

"Tradition ist nicht einfach ein stures Festhalten an Altem, nicht Aufbewahren von Asche, sondern das Aufrechterhalten einer Flamme", zitiert Bischofsvikar Dr. Daniel Zikeli einen unbekannten Denker in seinem Video-Grußwort zur achten Kulturwoche Haferland. Die Haferlandwoche, die vom 31. Juli bis 2. August diesmal online stattfand, ist ein solches Aufrechterhalten der Flamme (das Programm können Sie über die Links des SbZ-Online-Artikels anschauen). Was fehlt, sind die Begegnungen mit all den Menschen, die man in den Vorjahren dort getroffen und liebgewonnenen hat: die aus Deutschland, die aus den umliegenden Dörfern, die aus allen Ecken und Enden der Welt Angereisten.
Die Kirchenburg Deutsch-Weißkirch gehört seit ...
Die Kirchenburg Deutsch-Weißkirch gehört seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist einer der zentralen Veranstaltungsorte der Kulturwoche Haferland. Für den Erhalt des Dorfensembles setzt sich der Mihai Eminescu Trust ein. Foto: Dragoș Asaftei
Es fehlen die vertrauten Klänge und Gerüche beim Spaziergang in der Sommerhitze rund um die Kirchenburgen. Die hektischen Fahrten zwischen den teilnehmenden Orten, um nur ja nichts Wichtiges zu verpassen: Arkeden, Deutsch-Weißkirch, Hamruden, Keisd, Reps, Deutsch-Kreuz, Bodendorf, Radeln, Meschendorf und Klosdorf. Die Gespräche am Rande der offiziellen Veranstaltungen: die Jagd nach Artikeln und spannenden Geschichten, die die Siebenbürgische Zeitung oder die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien noch lange danach nähren – Tourismusberichte, Reportagen, Interviews, Beiträge für das Deutsche Jahrbuch für Rumänien. Auch die Anfahrt durch die endlos grüne Hügelwelt Siebenbürgens gehört untrennbar dazu. In diesem Jahr bleibt uns nur die Sehnsucht…

Haferlandwoche-Online ist vieles nicht. Hand aufs Herz, sie kann das Original nicht annähernd ersetzen. Doch dem Feind Coronavirus das Feld kampflos zu überlassen, kam für die Veranstalter offenbar nicht infrage: Stunde um Stunde wurde tapfer ein Online-Beitrag nach dem anderen freigeschaltet an diesem ersten Augustwochenende. Hier ein Grußwort, dort ein Foto von einer Kirchenburg, ein Filmchen, ein paar Zeilen. Gäste, die die Haferlandwoche nicht besuchen, reflektieren ihre Erinnerungen. Jeder erlebt seine eigene Version nach. Link zum Video Die Mitorganisatoren Michael und Veronica Schmidt erinnern sich an die Anfänge, an die Gründung der Stiftung vor zehn Jahren, die sich mittlerweile M &V Schmidt nennt. Ein Jubiläumsjahr, dem die Feier wohl verwehrt bleibt. An das erste Gespräch mit Peter Maffay, das zur Geburt der Idee einer Kulturwoche führte. An persönliche Meilensteine: die Renovierung des Elternhauses von Michael Schmidt und das ergreifende erste Familientreffen darin, 2016, als man wieder gemeinsam unter der 200 Jahre alten Rebe saß. An Aktivitäten, die auf einmal so nicht mehr möglich sind: erzieherische Programme für Kinder, die die Stiftung sonst in Deutsch-Kreuz organisiert. Stattdessen ging Veronica Schmidt mit ihnen zum „therapeutischen Blumenpflücken“ – soziale Distanz und Abstand von den täglichen Problemen garantiert.
Blick auf die Kirchenburg in Radeln, deren ...
Blick auf die Kirchenburg in Radeln, deren Kirchturm am 14. Februar 2016 teilweise eingestürzt war. Radeln ist durch das Tabalugahaus und das Engagement Peter Maffays ein wichtiger Veranstaltungsort der Kulturwoche Haferland. Foto: Dragoș Asaftei
Die Sehnsucht nach diesem „Blumenstrauß an Kultur, der untrennbar mit dieser Landschaft verknüpft ist“, wie der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Dr. Bernd Fabritius es so treffend ausdrückt, zieht sich durch alle Grußbotschaften. Der Ministerpräsident des Freistaates Bayern, Dr. Markus Söder, Schirmherr der diesjährigen Kulturwoche Haferland und selbst Besitzer einer siebenbürgisch-sächsischen Tracht, die ihm sogar noch passt, schwärmt: „Treffen mit Siebenbürger Sachsen sind immer große Familienfeste!“ „Die Tradition wird heuer nicht unterbrochen“, übt sich auch Dr. Paul-Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, in Zuversicht: „Wenn keine Gäste im Haferland sind, kommt das Haferland eben online zu seinen Gästen.“

Der deutsche Botschafter in Bukarest Cord Meier-Klodt bedauert, er hatte den Termin schon ganz fest im Kalender verankert. Sein Pendent in Berlin, der rumänische Botschafter Emil Hurezeanu, tröstet: „In der Pandemie denken wir mehr aneinander, weil wir uns nicht mehr treffen.“ In Zukunft würden wir dies besser zu würdigen wissen. Hurezeanu gilt als besonders treuer Begleiter der Haferlandwoche. „Wir brauchen Reisen immer noch, so wie wir Kultur brauchen“, bemerkt der israelische Botschafter David Saranga und wittert Aufwind für den heimischen Tourismus. Link zum Video Im letzten Jahr hatte er noch an der Einweihung des 20 Kilometer langen Abschnitts der Via Transilvanica in Radeln und Deutsch-Kreuz teilgenommen, der durch das Haferland führt. Das ehrgeizige Projekt der rumänischen Vereinigung Tăsuleasa Social orientiert sich an berühmten Pilgerwegen der Welt und zieht sich auf fast 1000 – teils noch zu erschließenden – Kilometern durch zehn Landkreise. Ziel ist, Menschen in diesen wunderbaren Natur- und Kulturlandschaften durch sanften Tourismus zu vereinen und spirituelle, kulturelle und wirtschaftliche Anreize zu schaffen.

Zu den kulturellen Höhepunkten der Haferlandwoche zählt die Buchvorstellung über sächsische Nachbarschaften in Deutsch-Kreuz (in rumänischer Sprache von der M & V Schmidt Stiftung herausgegeben), basierend auf schriftlichen Regeln zwischen 1615 und 1991 und den Erinnerungen noch lebender Zeitzeugen, mit Autorin Ruxandra Hurezean, dem Historiker Dr. Konrad Gündisch und Liana Iunesch von der Lucian Blaga Universität Hermannstadt. Bemerkenswert an den selbstauferlegten Regeln, die die gegenseitige Hilfe festschrieb: Sie wurden nicht in der Alltagssprache Sächsisch, sondern auf Hochdeutsch verfasst, im Laufe der Zeit immer wieder kunstvoll transkribiert und vermerkten namentlich nur Urheber positiver Beiträge, nicht jedoch die Verursacher von Verfehlungen, die am Richttag geahndet wurden. Die Hefte mit den Einträgen hatten die ausgewanderten Sachsen schön säuberlich in der Nachbarschaftslade verschlossen zurückgelassen. Ihre Übersetzung gestaltete sich schwierig, weil handschriftlich in einem alten Deutsch mit alten Buchstaben verfasst, „dem Deutsch von Luther“, gesteht Iunesch.
Drohnenaufnahme der Kirchenburg Deutsch-Kreuz, ...
Drohnenaufnahme der Kirchenburg Deutsch-Kreuz, links davon die Begegnungsstätte „Casa Kraus“, ein zentraler Veranstaltungsort der Kulturwoche Haferland. Foto: Călin Stan
Durch seine Kollektion, die 108 Werke von Albrecht Dürer beinhaltet, führt der Kunstsammler und -händler Thomas Emmerling aus Nürnberg – virtuell. Der Bezug zu Siebenbürgen: Emmerlings Vorfahren stammen aus Lechnitz in Bistritz-Nösen. Ein verbindendes Thema ist auch die Reformation, befürwortete doch Dürer seinerzeit aktiv die geschlossene Anhängerschaft Nürnbergs an Luthers Lehren. Link zum Video Kultur kann per Videobotschaft vermittelt werden – nicht aber Kulinarisches. In den Kurzfilmen dazu wird nur die Neugier befriedigt: Wir lernen die traditionelle Winterspeise der Sachsen aus Wurst, Sauerkraut, Zwiebeln und Brot kennen: Gochenwichpert. Den Hanklich mit Rahmguss kann man dank Anleitung auch zuhause backen.

Die Haferlandwoche-Online wird geteilte Meinungen auslösen. Hätte man sie ausfallen lassen sollen? Oder war es wichtig, die Flamme zu nähren, die Tradition zumindest weiterzuführen, wer weiß, wie lange die Pandemie dauert? Nehmen wir sie doch als Gruß all jener wahr, die jetzt schon wieder Sehnsucht haben nach dem Original in Siebenbürgen. Hoffentlich im nächsten Jahr!

Nina May

Schlagwörter: Haferland, Kulturwoche, Michael Schmidt, Peter Maffay, Bernd Fabritius, Emil Hurezeanu, M & V Schmidt Stiftung

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