10. November 2020

Karin Gündisch: Lucretias zweiter Mann/Reihe „Lebendige Worte“ (III)

Karin Gündisch (* 1948 in Heltau) kam 1984 nach Deutschland und lebte in Bad Krozingen bei Freiburg; 2018 zog sie nach Hamburg. Sie hat viele erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher geschrieben, darunter „Geschichten über Astrid“ und „Das Paradies liegt in Amerika“, das gerade in einer erweiterten Neuauflage erschienen ist. Die Erzählung „Lucretias zweiter Mann“ entstand im Juni 1998, wurde im Februar 1999 überarbeitet und für die Reihe „Lebendige Worte“ nochmals in eine neue Form gebracht; sie wird hier zum ersten Mal veröffentlicht. (In der gedruckten Ausgabe vom 10. November 2020 erschien eine gekürzte Fassung.)
Karin Gündisch, fotografiert von Anselm Roth bei ...
Karin Gündisch, fotografiert von Anselm Roth bei einem Besuch in dessen Haus in Michelsberg.
Ich hätte es wissen müssen, sagte Lucretia, als ich Willi zum ersten Mal traf, will sagen, als ich mich mit ihm absichtlich, also zwecks näherem Kennenlernen, in der Innenstadt traf, und er im Anzug mit Krawatte und in Plastiksandalen ohne Strümpfe kam, damals hätte ich wissen müssen, dass eine Ehe mit ihm nichts werden kann, aber ich war blöd. Blöd wie die Nacht, und jetzt kann ich sehen, wie ich ihn wieder loswerde.
Sie zeigte mir ein Bild vom Kind. Siehst du, sagte sie, ich habe gedacht, dass es leichter sein wird ihn zu erziehen, dass ein Mann, ein Ersatzvater, ins Haus muss.
Alles kam überaus schnell. Lucretias erster Mann, der Vater des Jungen, war plötzlich, noch keine vierzig Jahre alt, so wie er gelebt hatte von einem Augenblick zum andern gestorben, und sein Tod hatte nicht nur den Jungen, sondern auch Lucretia stark mitgenommen, obwohl ihr erster Mann schon längst zum zweiten Mal verheiratet war.
Der Junge war nachher ein anderer, sagte Lucretia, und ich habe ihn oft zu seinen Großeltern gehen lassen, damit sie sich gegenseitig trösteten.
Aber alles Trösten hat wenig genützt, denn der Tod ist chaotisch in diese Familie eingebrochen und hat überhaupt keine natürliche Reihenfolge respektiert. Von der ganzen Familie blieben nur Lucretias gewesene Schwiegermutter und deren seit einem Jahrzehnt bettlägerige, vierundneunzigjährige Mutter übrig, und das schlug nicht nur dem Jungen aufs Gemüt, sondern auch Lucretia, die ihre eigene Zeit dahinschwinden sah, und als ihre Lebensgier unter diesen Umständen für eine kurze Zeit noch einmal aufflackerte, begegnete sie Willi, einem Deutschlandheimkehrer, den sie bei einer Nachbarin kennenlernte.
Willi war verheiratet und hatte einen erwachsenen Sohn, konnte aber nach vier Jahren Abwesenheit nicht mehr mir nichts, dir nichts zu seiner Familie zurückkehren. Seine erste Frau hatte sich in der Zwischenzeit von ihm scheiden lassen, ihm aber das Gerichtsurteil nicht zustellen können, weil sie keine Adresse von ihm hatte. So war Willi, Anfang fünfzig, ein freier Mann, ohne es zu wissen, ein sehr freier Mann, denn er hatte weder in Bukarest noch sonst irgendwo in der Welt jemanden, der ihn aufnehmen wollte und darauf war er angewiesen. Lucretias entfernte Nachbarin, Willis Tante, hatte ihm die Nachricht von der Scheidung überbracht, als er völlig überraschend bei ihr auftauchte und in ihrer kleinen Wohnung Quartier bezog. Die Tante hatte mit einem nur vorübergehenden Aufenthalt ihres Neffen gerechnet, aber als sie erfuhr, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren gedachte, bat sie ihn, sich anderweitig umzusehen und auszuziehen. Der Neffe versprach es, sah sich um – und sah Lucretia.
Sie erkannte, dass es andere ledige Männer in ihrer Umgebung nicht gab, und so legten sie ihre Bedürfnisse zusammen und schon zwei Wochen später zog Willi bei Lucretia ein. Er hatte eine Wohnung gefunden, sie bekam einen Mann ins Haus. Da sie aber diesen schicksalhaften Schritt vor den Nachbarn, der Familie, aber vor allem vor dem Jungen und seiner Großmutter rechtfertigen musste, trat sie drei Wochen später festlich gekleidet mit Willi, der diesmal angemesseneres Schuhwerk trug, zum zweiten Mal vor den Standesbeamten und Willi wurde ihr zweiter Mann. Danach hatte alles nach außen hin zumindest seine Richtigkeit.
Beim anschließenden Hochzeitsessen fiel ihr auf, wie ihr Mann die Zähne in eine Hühnerkeule nach der andern schlug, während ihm das Fett vom Kinn auf die Krawatte, das Hemd und den Anzug tropfte, und da fielen ihr seine anderen Kleidungsstücke ein, die alle Fettflecken hatten.
Ab diesem Tag benützte Willi nur noch die Hände beim Essen und hie und da auch noch einen Löffel, wenn es Suppe gab. Er trug wieder die Plastikschuhe, weil sie so bequem waren, aß ausgiebig bis zu fünfmal am Tag und schlief gut. Dann fand er eine Stelle als Nachtportier und nun hätte sich alles noch zum Guten wenden können, wenn er wenigstens einen Teil seines Gehalts in den Haushalt gegeben hätte. Er aber legte alles auf die hohe Kante, ließ sich von Lucretia aushalten und fraß wie eine Ratte alles aus dem Kühlschrank auf, in der umgekehrten Reihenfolge, in der Lucretia die Lebensmittel einräumte.
Lucretia beobachtete ihn mit verhaltenem Entsetzen, und als der Sohn sie einmal vorwurfsvoll fragte: Mutter, wen hast du dir ins Haus genommen? entschloss sie sich ein offenes Wort mit ihrem zweiten Mann zu sprechen. Sie bat ihn, ein Drittel der Licht-, Gas-, Heizungs- und Wasserkosten zu übernehmen und zu seinem Unterhalt, Essen und Trinken, ebenfalls beizutragen. Er tat, als verstünde er sie nicht oder verstand sie wirklich nicht, denn er sagte bloß: Du wolltest einen Mann, jetzt hast du einen. Was willst du mehr?
Sie wollte inzwischen wirklich sehr wenig von ihm, aber auch das Wenige war Willi nicht imstande zu geben, und um des lieben Friedens willen versuchte Lucretia auf die sanfte Tour mit ihrem Mann zurechtzukommen. Sie fand plötzlich keine Zeit mehr zum Einkaufen, und der Kühlschrank blieb leer. Dem Jungen gab sie Geld, damit er in der Stadt essen konnte. Willi machte nun unzählige Male den Weg vom Fernsehsessel zum Kühlschrank wie ein in die Irre geleiteter Pawlowscher Hund, der Speichel floss ihm im Mund zusammen, aber er fand den Kühlschrank jedes Mal leer. Als er endlich begriff, dass es sich hier nicht um Zufälle, sondern um eine Methode, ihn aus der Wohnung hinauszuhungern, handelte, begann er auswärts zu essen und hinterließ Lucretia seine bekleckerte Wäsche zum Waschen und Bügeln, er sprach nicht mehr mit ihr und ließ hie und da, bevor er in die Nachtschicht ging, Zettel auf dem Küchentisch, deren Inhalt schwer zu deuten war, die aber immer eine Drohung enthielten: „was dir einfällt“ oder „was du dir ausgedacht hast“, Sätze ohne Anfang und Ende, Bruchstücke, die Lucretia mit Unbehagen erfüllten, sie aber trotzdem wenig ängstigten.
Sie hatte noch immer das Gefühl, die Situation im Griff zu haben.
Als aber Willi den Jungen beschuldigte, das aus Deutschland mitgebrachte Rasierwasser benützt zu haben, obwohl dem Jungen noch nicht einmal ein Bart wuchs, da legte Lucretia ihm den Gedanken nahe, doch lieber ins Land, aus dem sein Rasierwasser stammte, zurückzukehren, denn Willi besaß einen deutschen Pass. Aber Willi ging es noch immer verhältnismäßig gut und er sah keinen Grund für eine Veränderung.
Nach einiger Zeit verlor er aus unerfindlichen Gründen seine Arbeitsstelle und in Voraussicht dieses Ereignisses transferierte er mehrere Farb- und Lackdosen aus dem Lager, das er bewachte, in die eheliche Wohnung. Er stapelte die Dosen im Flur, im Schlafzimmer und im Abstellraum übereinander wie die Konserven mit Bohnen und Erbsen in den Supermärkten. Lucretia wollte wissen, was das zu bedeuten hatte, aber von Willi erfuhr sie nichts. Später dann, als Willi nicht mehr zur Arbeit ging, deutete Lucretia den Dosentransfer als eine Art stummer Rache an dem Unternehmen, das ohne seine Dienste auskommen wollte, wurde aber zufällig aufgeklärt, als ihr ein Gerichtsbescheid in die Hand fiel, der ihren zweiten Mann des Diebstahls beschuldigte und ihn zur Zahlung einer ziemlich hohen Geldsumme verurteilte. So wie es aussah, hatte Willi einen florierenden Handel mit Farben und Lacken betrieben, ohne zu berücksichtigen, dass er nicht der Eigentümer, sondern lediglich der Hüter der Dosen mit dem bunten Inhalt war.
Nachdem Willi arbeitslos geworden war, begann er sich mit der Erziehung des Jungen zu beschäftigen. Sein eigener Sohn hatte ihn abgeschrieben und nun ließ er seine väterliche Fürsorge Lucretias Sohn angedeihen. Er kontrollierte ihn auf Schritt und Tritt, sah ihm beim Essen zu, roch an ihm, wenn er aus dem Bad kam, um eventuellen Rasierwasserdiebstahl sofort aufzudecken und nahm vor allem Anstoß daran, dass der Junge in Discos zu gehen begann, von wo er den Weg vor drei Uhr morgens nicht nach Hause fand. Bei seinem eigenen Sohn hatte ihn früher furchtbar gestört, dass er in den Ferien Ausflüge in die Berge gemacht und sich also seiner direkten Kontrolle auf eine hinterlistige Art entzogen hatte, und nun machte Lucretias Sohn dasselbe, indem er in die Discos verschwand. Es gab täglich Streit, und als sich Lucretia vor den Sohn stellte, hätte Willi sie fast geschlagen. Mit knapper Not entging sie einem Faustschlag, und von da an hatte sie Angst vor ihm und überlegte Tag und Nacht, wie sie ihn loswerden konnte. Freiwillig würde er die Wohnung nie verlassen, mit Gewalt konnte sie ihn nicht vor die Tür setzen, also blieb ihr nur noch die List übrig.
Als Willi ihr vorschlug, eine Deutschlandreise zu machen, willigte sie sofort ein. Willi wollte Verwandte und Freunde besuchen und Lucretia sollte, wie er sagte, davon auch profitieren und eine Freundin besuchen. Eine Reise nach Deutschland war schließlich etwas Außergewöhnliches und mit ihm sollte sie es erleben! Er schlug vor, dass sie die Fahrkarten für beide bezahlte, auch die Kosten für ihre Krankenversicherung und das Visum übernahm. Er selbst hatte den deutschen Pass, was Einiges einsparte, und würde für die Reisekosten in Deutschland, die Unterkunft und die Verpflegung aufkommen. Lucretia willigte in alles ein, immer in der Hoffnung, dass die herrlichen Lebensumstände in Deutschland Willi dazu verführen würden, dass er dort bliebe, und sie ihn auf diese Weise loswürde.
Die Zugreise verlief problemlos, und als sie gegen fünf Uhr morgens in Mannheim ankamen, eröffnete ihr Willi, der von diesem Augenblick an die Reiseleitung übernahm, die nötigen Sprachkenntnisse besaß und auch Lucretias Pass bei der Grenzkontrolle an sich genommen hatte, dass er beabsichtige, seinen ständigen Wohnsitz gemeinsam mit ihr nach Deutschland zu verlegen.
Lucretia war empört. Was fällt dir ein, sagte sie, denkst du nicht an den Jungen?
Doch, doch, sagte Willi, gerade an den denke ich. Er ist der Zankapfel in unserer Ehe und ohne ihn werden wir uns viel besser verstehen.
Nun begriff Lucretia, dass er nicht auf ihre List, sondern sie auf seine hereingefallen war, und sie begann sich vor ihm richtig zu fürchten. Sie warf ihm vor, dass er sie ausgenützt habe. Wie kann ich mein Kind im Stich lassen! Ein Vorwurf reihte sich an den andern und für Willi wurde es ungemütlich.
Wenn dich die Polizei ohne Pass aufgreift, sagte er, kommst du ins Gefängnis. Dann siehst du deinen Sohn monatelang nicht mehr. Hier hilft dir auch kein Bakschisch, und außerdem hast du kein deutsches Geld.
Nach diesen Worten ließ er Lucretia mit ihrem Koffer stehen und fegte aus dem Bahnhof hinaus.
Lucretia sah ihm fassungslos nach, dachte an das schwer erarbeitete, verlorene Geld für die Reise, an ihren Pass in Willis Tasche und war dem Heulen nahe. Da sie aber um keinen Preis auffallen wollte, beherrschte sie sich und hielt Ausschau nach den gefährlichen deutschen Polizisten, von denen ihr Willi auch bei anderen Gelegenheiten Beängstigendes erzählt hatte. Sie wollte ihnen aus dem Weg gehen, aber sie waren nicht zu sehen. Es war um diese Zeit ganz ruhig auf dem Bahnhof. Die Läden waren noch geschlossen, und eine Putzfrau schob einen Putzwagen mit allerlei Eimern und Besen, Wischtüchern und Waschmitteln an ihr vorbei. Lucretia studierte den Putzwagen, der der Frau die Arbeit ermöglichte, ohne dass sie schwere Wassereimer schleppen und sich dauernd bücken musste, eingehend. Die Putzfrau trug beim Arbeiten Handschuhe und machte sich die Hände nicht schmutzig. Das gefiel Lucretia. Als sie aber drauf kam, dass die Frau ihre Arbeit stumm verrichtete, also keine Deutschkenntnisse dafür brauchte, drängte sich ihr der Gedanke auf, dass sie selbst in Deutschland nur für diese stumme Arbeit geeignet sein würde und sie lehnte sie mit aller Entschiedenheit ab. Eine unbändige Wut auf Willi packte sie, an der sie fast erstickte. Sie warf sich die eigene Dummheit vor, verkam fast vor Angst, als Uniformierte zufällig an ihr vorbeigingen, hatte Hunger und Durst, war todmüde von der Fahrt durch halb Europa, und als Willi sie gegen Mittag abholen kam, ging sie völlig erschöpft und gefügig mit ihm mit.
Willi brachte sie zu einem alten Mann, mit dem er weitläufig verwandt war und der Lucretia gleich erklärte, dass er Überraschungen dieser Art nicht liebe und dass sie, Willi und seine Frau, ihm ungelegen kämen. Er sei gerade sehr beschäftigt mit Eingaben an den Bundeskanzler, an den Präsidenten, an verschiedene Politiker und an die Zeitungen, die er kannte. Es gab viel anzuprangern in diesem Land, die Zustände waren miserabel, selbst die Eingaben der Bürger nützten kaum etwas und trotzdem müsse er den leitenden Persönlichkeiten ins Gewissen reden, und sein ganzes Geld ginge für das Porto für die Eingaben drauf, so dass seine Gäste von ihm nichts erwarten dürften. Dann las er Willi und Lucretia Briefe vor, die er in den nächsten Tagen abzuschicken gedachte, und Lucretia verstand kein Wort. Der Alte las, erklärte, schnitt Zeitungsartikel aus, schimpfte, tobte, beruhigte sich wieder, schrieb neue Briefe, und währenddessen dachte Lucretia nur eines: Wie komme ich von hier wieder weg?
Sie verbrachte die Nacht auf einer Matratze mit schmutzigem Bettzeug und da sie todmüde war, schlief sie sofort ein. Am nächsten Morgen begleiteten sie den Alten mit seinen Briefen zur Post, er schimpfte auf einen Politiker, der einer Zeitung irgendetwas gesagt hatte, was für den Alten Arbeit, viel Arbeit bedeutete, und vor der Post verabschiedete er sich von seinen Gästen. Sie hatten das Gepäck dabei, und Willi fragte nach dem Bahnhof, dann schleppten sie das Gepäck von der Post zum Bahnhof. Der Weg war nicht weit. Sie steuerten auf einen Zug zu, der nach Heilbronn fuhr, und Lucretia musste sich wohl oder übel auf Willi verlassen.
Wohin fahren wir, fragte sie ihn.
Das wirst du sehen.
Bevor sie in den Zug stiegen, erinnerte Lucretia ihren Mann, dass er Fahrkarten kaufen musste, er aber sagte seiner eigenen Logik folgend: Ich kann kein Deutsch. Lucretia musste sich entscheiden, ob sie Willi auf Gedeih und Verderb folgte oder ohne Pass und Geld auf dem Bahnhof blieb, wo zwei Uniformierte gerade einen Säufer mit seinem Hund aus der Halle beförderten. Sie stieg in den Zug.
Als der Schaffner kam, erinnerte sich Willi nicht ein bisschen an seine Deutschkenntnisse, aber der Schaffner war hartnäckig. Er redete auf Willi ein, der aber tat so, als gelte es nicht ihm. Er sah unbeteiligt am Schaffner vorbei und schwieg, und Lucretia dachte, man würde ihn für einen Idioten halten. Sie selbst sah hilflos vom Schaffner zu Willi und zurück und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Nun mischten sich in den Monolog des Schaffners zwei ihnen offensichtlich freundlich gesinnte Mitreisende ein und kurz vor einem Bahnhof, an dem sie dann auch tatsächlich ausstiegen, holte Willi rasch seine Reisetasche und die Plastiktüte mit dem Schafskäse, dem Mitbringsel für die deutschen Gastgeber, aus dem Gepäcknetz und drängte zur Tür. Lucretia griff nach ihrem Koffer und folgte ihm mit gesenktem Kopf.
In Heilbronn erwartete sie ein Mann, der gerade ein tiefgekühltes Huhn und Gemüse eingekauft hatte und Lucretia, die er zum ersten Mal in seinem Leben sah, mit den Worten empfing: Du kannst jetzt gleich eine Ciorbă kochen. Ich habe lange keine mehr gegessen.
Der Alte ging voraus, Willi und Lucretia folgten ihm. Als sie die Wohnung ihres Gastgebers betrat, wich Lucretia unwillkürlich einen Schritt zurück. Es stank derart penetrant schon im Vorraum, dass sie am liebsten auf der Stelle umgekehrt wäre. Aber es gab in diesem Fall kein Zurück und zehn Minuten später stand sie in einer Küche, in der sich Unmengen schmutzigen Geschirrs befand. Hier war seit Jahren nicht mehr abgewaschen und stattdessen immer wieder sauberes Geschirr hinzugekauft worden. Lucretia räumte das Spülbecken leer, ließ Wasser ein, gab Spülmittel hinzu und ging systematisch vor: Erst kam das Geschirr vom Herd dran, dann jenes vom Tisch und zum Schluss das meterhoch gestapelte vom Fußboden.
Der Gestank in der Wohnung des Alten rührte aber nicht nur vom Geschirr und von den verdorbenen Lebensmitteln her, einer geöffneten und vergessenen Fischkonserve und faulenden Kartoffeln in der Speisekammer, sondern auch von dem Mann selbst, dessen Hose am Schlitz lauter Salzflecken hatte, die von einer allgemeinen Verwahrlosung zeugten. Lucretia riss das Fenster auf, atmete flach, um wenig riechen zu müssen.
Das Huhn kochte im Suppentopf und von dem Geruch angelockt, kam der Alte in die Küche. Er lobte Lucretias Kochtalent, erzählte ihr von seinen Ersparnissen, holte heimlich aus verschiedenen Verstecken die Sparbücher hervor und machte Lucretia, als die Küche aufgeräumt und die Suppe fertig war, noch bevor er den Löffel zum Mund geführt hatte und während Willi auf dem Klo saß, einen handfesten Vorschlag: Lass dich von deinem Mann scheiden und heirate mich.
Soviel Glück hatte sie sich nun wirklich nicht vorstellen können. Es schlug ihr auf den Magen, vor allem weil sie immer an die Salzflecken auf seiner Hose denken musste. Sie erbrach sich im Klo, während die beiden Männer aßen, und ganz schwindlig im Kopf suchte sie einen Platz, an dem sie sich hinlegen konnte. Im Wohn- und im Schlafzimmer türmten sich Fleisch- und Gemüsekonserven bis zur Decke und nur das Bett des Alten war frei von Lebensmitteln. Völlig erschöpft bahnte sie sich einen Weg durchs Wohnzimmer an den Platz, an dem sie eine Couch vermutete, und schichtete die Lebensmittel so lange um, bis sie sich tatsächlich hinlegen konnte. Sie schlief sofort ein und die ganze Nacht träumte sie von schwankenden Konserventürmen, die sie zu begraben drohten.
Die nächsten Tage verbrachte Lucretia damit, Suppen zu kochen, Geschirr abzuwaschen und Konserven nach dem Verfallsdatum zu sortieren. Sie versuchte den Alten zu überzeugen, dass Deutschland keine Hungersnot drohe und er nur das Notwendige einkaufen solle. Der Alte hörte ihr zu und sagte von Zeit zu Zeit: Ich weiß schon, was ich tue, – und räumte die Dosen mit abgelaufenem Verfallsdatum in sein Schlafzimmer. Immerhin war dadurch so viel Platz entstanden, dass Willi, der die erste Nacht auf einer Matratze in der Küche geschlafen hatte, es sich im Wohnzimmer bequem machen konnte.
Wenn Lucretia ihn fragte, wann und wohin sie weiterreisen würden, antwortete er ihr mit sibyllinischer Weisheit: Das wirst du noch sehen.
Der Alte schleppte jeden Tag neue Konserven an und nachdem er einsehen musste, dass weder seine Sparbücher noch die Essensvorräte in der Wohnung Lucretia in der von ihm gewünschten Art beeindruckten, eröffnete er Willi, dass sie weiterreisen müssten, denn er könne und wolle sich keine Dauergäste leisten. Dieses Gespräch beendete Lucretias und Willis Aufenthalt und am nächsten Morgen begaben sie sich auf die Bahn, um zu mir nach Freiburg zu kommen.
Als Lucretia mich auf dem Freiburger Bahnhof sah, stürzte sie auf mich zu, umklammerte mich und flüsterte mir ins Ohr: Ich habe eine solche Angst in diesem Land.
Ich sah sie erstaunt an und sie begann mir ihr deutsches Abenteuer zu erzählen, während Willi mit dem Gepäck hinter uns her trottete.
Ich versuchte Lucretia die Angst vor der deutschen Polizei auszureden, mit der ihr Willi schon in Rumänien gedroht hatte, und versicherte ihr, dass die meisten Leute in Deutschland normal seien und ich keine Exzentriker wie die beiden Alten, Willis weitläufige Verwandten, kennen würde.
Als wir meine Wohnung betraten, sah sich Lucretia gründlich um und strahlte: Du hast es wirklich schön, es geht dir gut. Sie freute sich für mich und warnte mich vor den Männern, die alle einen Rappel hätten. Ich lachte.
Drei Tage dauerte Lucretias Besuch, dann war ihr Visum abgelaufen.
Lucretia hütete den inzwischen wiedergewonnenen Pass wie ihren Augapfel, und im ersten Brief aus Rumänien schrieb sie mir: Mich bringen keine zehn Pferde mehr nach Deutschland. Was ich in diesem Land an Angst ausgestanden habe, ist unbeschreiblich. Noch jetzt träume ich von Konservenpyramiden, von Schachteln und Tüten, die mich zu ersticken drohen.
Willi ist sie dann doch losgeworden, aber es dauerte noch eine Weile, bis es soweit war.

Erst einmal zog Lucretias Sohn zu seiner Großmutter, weil er es in Willis Nähe nicht mehr aushielt. Einige Zeit danach verließ auch Lucretia die Wohnung, zog zu ihrer gewesenen Schwiegermutter und reichte die Scheidung ein. Nachdem die Scheidung ausgesprochen war, reichte Lucretia eine Räumungsklage ein. Sie hatte schon in Erwägung gezogen, das Apartment zu verkaufen, aber das wäre unter den gegebenen Umständen fast unmöglich gewesen.
Als das Gericht die Räumung der Wohnung anordnete, verschwand Willi für ein paar Tage. Lucretia hoffte, er sei nach Deutschland zurückgekehrt und wurde außerordentlich aktiv. Sie heuerte einen Rom an, der einen Lastkraftwagen besaß, belud ihn mit Hilfe von zwei Cousins mit allem, was Willi gehörte, einschließlich der vielen Lack- und Farbkonserven, und schickte den Spediteur mit seiner Last nach Siebenbürgen in das Dorf, aus dem Willi stammte und wo seine Mutter noch lebte. Sie schärfte dem Rom ein, die Fracht unbedingt an der angegebenen Adresse abzuladen. Auf keinen Fall dürfe er sie nach Bukarest zurückbringen. Als der Rom begriff, was für eine gefährliche Mission er übernommen hatte und in was für einer misslichen Lage sich seine Auftraggeberin befand, erhöhte er den Transportpreis aufs Doppelte. Kein Feilschen half, und so zahlte Lucretia die verlangte Summe in der Hoffnung, dass es das letzte Geld war, das Willi sie kostete. Als der Rom auf halbem Weg in Willis Heimatdorf bei Lucretia anrief, weil er angeblich einen Achsenbruch hatte und noch mehr Geld wollte, legte Lucretia einfach den Hörer auf und betrachtete die Episode als abgeschlossen.
Zwei Wochen nach dieser Transaktion, die Lucretia ihrer entfernten Nachbarin, nämlich Willis Tante, mitteilte, damit Willi davon erfuhr, hielten männliche Verwandte von Lucretia, ein Schwager und mehrere Cousins, bei ihr täglich bis spät in die Nacht hinein Wache.
Willi kam noch einige Male an Lucretias Tür unter dem Vorwand, es seien noch Sachen, die ihm gehörten, in der Wohnung, aber er wurde nicht hineingelassen. Lucretia zeigte sich nur einmal am Fenster und teilte ihm mit, sie werde die Polizei rufen, wenn er sie noch belästige. Dann verschwand Willi, und Lucretia hörte nichts mehr von ihm.

Ein dritter Mann kommt mir nicht ins Haus, sagte mir Lucretia am Telefon. Mir reicht’s für mein ganzes restliches Leben.
Ich hätte es aber wissen müssen, dass er nicht ganz in Ordnung war. Ich hätte es wissen müssen.

Schlagwörter: Schriftstellerin, Literatur, Erzählung, Karin Gündisch, Siebenbürgen

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