15. Mai 2021

Werkstattgespräche mit Heinke Fabritius, Folge 6: Noémi Kiss, Autorin und Essayistin aus Budapest

Längst ist sie keine Unbekannte mehr, denn seit über zehn Jahren ist die Autorin Noémi Kiss mitprägend für das Gesicht der modernen ungarischen Literatur. Mit genau bemessenen Sätzen und Szenen lenkt sie den Blick auf die fragilen Stellen der Lebensentwürfe ihrer Protagonisten, zumeist Frauen, die in den befreienden wie herausfordernden Zeiten der Vor- und Nachwendejahre ihr Glück und eine neue Identität suchen. Gerade ist ihre jüngste Novellensammlung „Balaton“ im Europa Verlag auf Deutsch erschienen.
Doch Noémi Kiss schreibt nicht nur über das Zuhause. Sie ist auch eine Reisende, die Abstecher mag und ebenso von Frankfurt/Oder, Berlin und Konstanz erzählt wie von Czernowitz, Hermannstadt und Bistritz. Gerade zu Siebenbürgen hat sie ein besonderes Verhältnis. Sie weiß um die widersprüchlichen Verflechtungsgeschichten seiner Bewohner und hat ein ausgeprägtes Sensorium für die Schwachstellen in den bekannten Narrativen. – In der Serie der Werkstattgespräche besucht Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen am Siebenbürgischen Museum, in loser Folge Ateliers, Übungs- und Arbeitszimmer und bittet die Akteure zum Interview.

„Mit einer ungarischen Kindheit ist es leicht, in Rumänien zu reisen, alles ist klar.“ Das ist ein Satz aus Ihrem Buch „Schäbiges Schmuckkästchen“, in dem Sie von Ihren Reisen in den Osten Europas berichten. Was genau meinen Sie mit diesem Satz?

Das Land ist mir vertraut. Stimmungen und Gegenstände, die ich im Wohnzimmer meiner Großmutter wahrgenommen habe, finde ich auf meinen Reisen durch Rumänien wieder. Und es gibt so etwas wie dieselbe Kodierung der Sprachen. Man versteht, was und wie die Menschen Dinge meinen. Es gibt eben ein Vertraut-Sein, wie es sich bei einer Reise in den Kaukasus oder in die USA nicht einstellen würde. – Vor allem Siebenbürgen ist für mich ein Thema, das seit meiner Kindheit virulent ist. Seit ich mich erinnern kann, haben wir zu Hause über Siebenbürgen gesprochen. Ich glaube, das ist in jeder ungarischen Familie so, wo die Verwandtschaft oder zumindest ein Teil der Verwandtschaft entweder in den Karpaten der Ukraine oder in Siebenbürgen gelebt hat.

Die Reisen, auf die Sie sich in Ihrem Buch beziehen, fanden statt im Jahr 2010. Historisches fließt über die Beschreibung der sichtbaren Welt ein. Wie ist Ihr Blick auf Rumänien und Siebenbürgen heute?

Noémi Kiss/copyright: Magvet, Budapest/ Foto: ...
Noémi Kiss/copyright: Magvet, Budapest/ Foto: Lenke Szilágyi
Ich meine, dass Rumänien ein Land ist, das bei allen Schwierigkeiten, wie sie sich auf politischer Ebene abgespielt haben, dennoch sehr profitiert hat. Es ist bis heute ein multiethnisches Land. Es leben dort nicht nur Rumänen, sondern auch Serben, Bulgaren, Griechen und Türken, auch Sachsen, Landler, Schwaben und eben auch Ungarn. Während der kommunistischen Zeit wollte man diese Vielfalt nicht wahrnehmen. Und als Ungar/Ungarin aus Ungarn sah man von Siebenbürgen auch nur das Ungarische. Dass dort etwa auch Deutsche, also Sachsen und Schwaben lebten, sah man nicht. Es lag alles im Verborgenen und man sprach nie offen darüber. Heute nehmen die Ungarn das ganz anders wahr. Sie schätzen den kulturellen Reichtum, dem sie im Banat und in Siebenbürgen begegnen.

Das ist aber eigentlich keine Neuentdeckung, eher eine Wiederentdeckung.

Für manche Menschen ist das vielleicht schon etwas Neues. Aber, ja, in der ungarischen Literatur waren die Deutschen in Transylvanien immer präsent, so etwa bei den ungarischen Romanciers Zsigmond Móricz oder Mór Jókai. Die Siebenbürgen-Trilogie von Móricz beginnt damit, dass Gábor Bárthory Hermannstadt einnimmt. Dabei erzählt er, dass die Sachsen sich nicht so einfach berauben lassen, dass sie arbeitsam und fein sind, während die Ungarn sich eher rüde gebärden. Es ist ein sehr ironischer, ein starker Roman. Eigentlich wie eine Verteidigung der Sachsen, was ungewöhnlich ist.

Sie meinen jene Passagen, in denen er schreibt, dass Hermannstadt angesichts der Belagerung „murrt und knurrt“ und nur wenig Sinn fürs Empfangen und Teilen zeigt?

Ja genau, man war sich nicht nur Feind. Und es ist auch kein Zufall, dass Thomas Mann Móricz mehrfach für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen hat. Heute zieht es viele zeitgenössische Autoren nach Siebenbürgen, es ist fast ein Muss in der Literaturszene, dass man auch ein transsilvanisches Buch vorweisen kann. Siebenbürgen ist einfach zu reich und vielfältig, als dass man es ignorieren könnte.

Sie folgen aber keiner Mode, sondern es gibt einen unmittelbareren, familiären Kontext, nämlich siebenbürgisch-armenische Wurzeln. Stimmt das?

Ja, und ich meine sogar, dass der deutsche Name für Gherla tatsächlich „Armenierstadt“ ist. Die Armenier Ungarns waren reich. Die Handelswege aus dem Kaukasus durch Galizien bis nach Siebenbürgen stellten früher einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor dar, vor allem als Siebenbürgen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Gründerzeit erlebte. Die Region prosperierte, war multiethnisch und reich. Diese Erzählung vom wirtschaftlichen Erfolg und späterem Verlust Siebenbürgens infolge Trianons wurde in meiner Kindheit stetig wiederholt. Und auch, dass es weitere Familienmitglieder gab, die ursprünglich in Técső, also im nördlichen Marmarosch-Gebiet, in der heutigen Ukraine, gelebt hatten und die wir – als sie schon längst in Budapest lebten – häufig besuchten. Das Sprechen über diese Familien- oder besser Heimatgeschichten und Wurzeln fand regelmäßig statt. Es war ein Thema, von dem ich als Kind viel mitbekommen habe, daher rührt meine persönliche Beziehung zu Siebenbürgen und dem Marmarosch-Gebiet.

Ihre Erinnerungen stammen aus den frühen 80er Jahren. Wenn Sie das heute sagen, klingt es, als sei das Thema auch damals, 60 Jahre nach Trianon, immer noch mit Traurigkeit verbunden.

Ja, die Traurigkeit darüber war heftig präsent und ist es immer noch. Ich habe sie, obwohl noch ein Kind – oder vielleicht gerade als Kind – sehr deutlich in den Erzählungen der Älteren empfunden. Meine aus Gherla kommende Urgroßmutter hatte nach Trianon Siebenbürgen verlassen und ihr Vermögen in den Kauf eines Gutshofes in der Nähe von Budapest, in Gödöllő, investiert. Deshalb bin ich später in Gödöllő geboren.

Eine Auswanderung prägt immer auch die nächste Generation, findet mehr oder weniger Spiegelung in deren Erfahrungen und Lebensentwürfen. Hatten die Erzählungen von zu Hause auch während Ihrer Studienzeit Relevanz?

Ich habe in Miskolc studiert, Hungarologie und Soziologie, auch Komparatistik in Konstanz. Die ethnographischen und anthropologischen Forschungen an der Universität in Miskolc erfuhren in den frühen 90er Jahren starken Aufwind, es wurden ja ganz neue Fragen möglich. Die ganze ungarische Wissenschaftslandschaft hat sich verändert und zudem gab es nun neue Möglichkeiten, auf Feldforschung zu gehen. Das war spannend. Die Reisen nach Siebenbürgen waren zwar nicht einfach, aber ich bin nach 1998 immer wieder mit den Ethnologen zum Beispiel nach Ghimeş und ins Szeklerland gefahren. So hat das angefangen.

Was genau waren Ihre Forschungsinteressen?

Wir haben uns vor allem der Kultur der Tschangos gewidmet. Die Tschangos sind ein archaisches Bergvolk im Harghita-Gebirge, das noch viele alte Traditionen pflegt und auch eine sehr besondere Sprache spricht. Ja, die Tschangos sind in vielerlei Hinsicht reich und authentisch, deshalb stellen sie bis heute eine zentrale Gruppe für die ungarische Ethnologie dar. Meine Sorge heute ist, dass diese Kultur große Verformung oder Überformung erfährt, wenn sie zur Darstellung politischer Identität nivelliert oder vereinnahmt wird.

Diese sehr spezifische, von Forschungsinteressen geleitete Bewegung hin nach Siebenbürgen kennt auch eine Gegenbewegung. In den frühen 1990er Jahren haben sehr viele Siebenbürger Sachsen Rumänien verlassen. Ähnliches gilt für die Siebenbürger Ungarn, auch wenn es nicht so viele waren. Wie würden Sie deren Ankommen und deren Integration in Ungarn beschreiben?

Anfang der 90er Jahre hat man in Ungarn viel für diese Menschen getan, Wohnungen zur Verfügung gestellt und alle Unterstützung bei der Suche nach Arbeit gegeben. Zum Beispiel gibt es in der Nähe von Gödöllő den Ort Isaszeg, dort findet man mehrere Straßen, die neu angelegt wurden, extra für die Aussiedler aus Siebenbürgen. Das war damals eine große Euphorie. Heute ist das alles anders, eine ganz neue Geschichte.

Was genau meinen Sie ist heute anders?

Was die Gegenwart betrifft, so bin ich froh, dass die Spannungen zwischen Ungarn und Rumänen nicht mehr so stark sind. In der Zeit des „nationalistischen Sozialismus“ wurde immer wieder von Krieg gesprochen. Die Stimmung war sehr feindlich, das hat man auch im Alltag deutlich gespürt. Heute gibt es ein wechselseitiges Interesse, sowohl in touristischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht. Jede ungarische Familie besucht einmal, vielleicht auch zweimal Transsilvanien. Zu Pfingsten beispielsweise findet die Wallfahrt der Szekler nach Csíksomlyó, Şumuleu Ciuc, statt, darüber berichtet auch das staatliche Fernsehen. Und, ja, manchmal sehe ich mir diese großen Facebook-Gruppen an, in denen die alten Sehnsüchte immer noch mitschwingen.

Nostalgie oder mehr? Und das sind nur bestimmte Gruppen, oder?

Es sind schon ziemlich besondere Gruppen. Es gibt auch noch die andere Seite mit sehr kritischen Tönen, vor allem dann, wenn es um die Integration der Siebenbürger Ungarn geht. Dann spielen Ängste um den Arbeitsplatz eine Rolle, vor allem weil die Menschen, die aus Siebenbürgen kommen, meist klug sind: gut ausgebildet, mehrere Sprachen sprechend und sie haben den Ruf, sehr fleißig zu sein. Das weckt auch Ressentiments, und es gibt Neid. Das ist die andere Seite.

Das Abwandern der Menschen führt zu neuen Verflechtungsgeschichten. Denn beim Weggehen kann man nicht alles mitnehmen, immer bleibt etwas zurück. Nicht nur Materielles, auch Geistiges. Sie sprechen in einer Ihrer Geschichten in diesem Zusammenhang von „Volksrenovierung“. Das ist der Titel einer Erzählung, und an einer Stelle, in der Sie – vermutlich – den großen Ring in Hermannstadt beschreiben, heißt es: „Mit unseren eigenen Augen sehen wir, wie an dem Platz der einstigen Sachsen eine andere Nationalität auftaucht, die rumänische. Jene Art von Rumänen, deren Seele sächsisch ist. Und wenn sie sächsisch ist, dann eigentlich luxemburgisch.“

Wenn ich von „Volksrenovierung“ spreche, beziehe ich mich damit auf „Identitätsaustausch“. Dabei meine ich das weder negativ noch nostalgisch. Es ist eher eine Beschreibung, die von meinen eigenen Reiseerfahrungen bestimmt ist: Es gibt Menschen, die sind in die verlassenen Häuser und Orte vor allem der Sachsen eingezogen. Und sie sind nicht nur einfach eingezogen und haben Neues gebracht, sie haben oftmals auch das aufgegriffen, was als Stimmung noch in den Räumen hing, lebendig war und wahrnehmbar mitschwang.

In Siebenbürgen werden hie und da die Trachten der Sachsen von Rumäninnen nachgeschneidert und auch zu gegebenen Anlässen getragen. Das ist auch eine Form der Volksrenovierung – meinen Sie sowas?

Wirklich? Davon habe ich nicht gehört, aber ja, ich würde sagen, das gehört dazu. Kleidung verweist auf Identität.

Wie setzt sich die selbst verantwortete oder selbst gestaltete Geschichte derjenigen fort, die ihre Häuser in Rumänien verlassen haben und jetzt in Ungarn leben?

Die Identität der Siebenbürger Ungarn löst sich nicht in einer allgemein ungarischen auf. Es gibt noch immer – ich sehe das bei verschiedenen Freunden, die alle aus Cluj, also Klausenburg, kommen und die mittlerweile in der Nähe von Budapest leben – das Bedürfnis, sich als, sagen wir beispielsweise, „Klausenburger-Gruppe“ zu treffen. Sie halten zusammen, treffen sich, haben bestimmte Feste, die sie gemeinsam begehen. Sie suchen einander und tauschen sich untereinander aus. Die siebenbürgische Identität verschwindet nicht.

Ist das nur im Kleinen so oder gibt es auch größer organisierte Strukturen?

Oh, ja natürlich gibt es das. Das ist genauso wie bei den Sachsen. Es gibt alles: Feste, Veranstaltungen, Ausstellungen, Zeitungen, es wird gemeinsam gekocht und es gibt Gastronomie mit siebenbürgischer Küche. Und das ungarische Fernsehen unterstützt das mittlerweile auch.

Diese politische Unterstützung, das ist aber etwas, was in den 90er Jahren noch nicht so manifest war.

Das war in der Tat nicht so explizit wie heute, das Land war ja auch viel ärmer. Eine Unterstützung zur Bewahrung von Identität musste sich erst entwickeln. In der Kádár-Zeit hat man von Identität gar nicht gesprochen. Es wurde nicht gefragt, ob man jüdischer Herkunft war, ob man aus einem slowakischen Dorf kam oder ob man Schwabe war. Gerade in der Budapester Umgebung gab es viele Schwaben, Joschka Fischers Familie beispielsweise gehörte dazu. – Und was sehr wichtig war, aber erst in den 90er Jahren einen starken Aufschwung erfahren hat, das war der Volkstanz.

Der Volkstanz? Wieso?

Volkstanz und Singen, die sogenannte „Volkstanzbewegung“, hatte im Grunde einen antisozialistischen Ursprung, war im Sozialismus eigentlich eine Gegenkultur. Ende der 80er Jahre, daran erinnere ich mich aus eigener Erfahrung, gab es Studenten, die kamen in Tracht zur Vorlesung oder ins Seminar. Keine Frage, dass es dabei um eine Entdeckung der eigenen Identität ging, und das Siebenbürgische spielte dabei auch eine führende Rolle, denn von dort ging eine besonders große ethnische Vielfalt aus. In diesem Zusammenhang erlebte auch Béla Bartók, der sich ja sehr für die Kulturen Siebenbürgens interessierte, dessen Musik aber im Kommunismus nicht so angesehen war, in den frühen 90er Jahren eine Renaissance.

Und heute?

Auch heute noch ist der Volkstanz wichtig und wird öffentlich unterstützt. Oder sagen wir so: es hat nichts mit Nationalismus zu tun, sogar Linksliberale schicken ihre Kinder zum Volkstanz. Die Stimmung hat sich geändert, es ist selbstverständlicher und natürlicher geworden, dass man das machen kann: ohne Klassenzugehörigkeit, ohne Ersatzheimatsuche.

Im Westen findet das mancher vielleicht trotzdem schwer nachvollziehbar. Es gibt immer noch viele Missverständnisse. Sie plädieren für einen neuen, unverstellten und unverkrampften Blick auf Ungarn und überhaupt auf Osteuropa.

Ja, Missverständnisse gibt es auch, weil in Westeuropa alles sehr radikal antikommunistisch war. Man versteht bis heute nicht, was es heißt, links zu sein in Budapest – die Stadt ist kein Berlin. Ich wünsche mir in der Tat eine offenere Berichterstattung zum Beispiel über Ungarn und Polen, es muss nicht alles „orbánisiert“ werden. Während des Sozialismus war die westeuropäische Berichterstattung über Osteuropa fast immer tendenziös, heute geschieht das leider auch noch häufig, es bleibt eine Neigung zu Überheblichkeit und Unkenntnis, bloße Bestärkung von Stereotypen. Ich wünsche mehr Neigung und Verständnis zur Vielfalt, Anderssein und Diversität – das sind Dinge, die in Berlin viel und so schön betont werden, aber es wird wenig in diese Richtung getan.

Liebe Frau Kiss, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Schlagwörter: Werkstatt, Interview, Heinke Fabritius, Kulturreferentin, Kiss, Schriftstellerin, Ungarn

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