14. September 2021

Interview mit Filip Zorzor: FETZEN. Gezeichnete Geographien, nach alten Stücken aus Siebenbürgen und Bessarabien - Werkstattgespräche von Heinke Fabritius, Folge 7

Filip Zorzor ist bildender Künstler. Gegenwärtig zeigt das Rumänische Kulturinstitut in Berlin eine Ausstellung seiner Werke mit dem markanten Titel FETZEN. Die dort präsentierten neuen Zyklen lassen sich inspirieren von Ausstellungstücken aus Siebenbürgen und Bessarabien, vor allem Textilien der ländlichen Festtags- und Repräsentationskultur, die Zorzor in den Beständen des Siebenbürgischen Museums und im Haus der Bessarabiendeutschen (wieder-)entdeckt hat. Die feine Machart des Stickens und Klöppelns, die Geduld im Umgang mit Gewebe und sensiblen Garnen hat er wie spielerisch ins Medium der Zeichnung überführt und macht sie so neu erfahrbar.
Die Ausstellung geht zurück auf eine Idee und Einladung der Kulturreferentin für Siebenbürgen am Siebenbürgischen Museum. Ihr Anliegen ist, die bildkünstlerische Auseinandersetzung mit Beständen kulturhistorischer Sammlungen aus dem östlichen Europa zu fördern. Das Gespräch mit Filip Zorzor ist Teil der Serie „Werkstattgespräche“, für die Heinke Fabritius in loser Folge Ateliers, Übungs- und Arbeitsräume besucht und die Akteure zum Interview bittet.

Gehen Sie gerne ins Museum, Herr Zorzor? Und was interessiert Sie da besonders?

Im Museum interessiert mich das Original. Ich will den Gegenständen begegnen und sie direkt vor mir haben, also ihre haptische Gegenwart erleben und ihre Oberflächenbeschaffenheit spüren. Bei Malerei oder Zeichnung geht es auch darum zu sehen, wie eine Line gezogen ist – beispielsweise eher langsam oder schnell, dann ist man sehr nah bei der Emotionalität, mit der der Künstler am Werk ist. Darüber hinaus interessiert mich bei einem Museumsbesuch, wie die ausgestellten Gegenstände zueinander in Beziehung gestellt werden und welche Korrespondenzen oder Dialoge daraus entstehen. Ich mag solche Impulse und Geschichten, sie inspirieren mich.
Filip Zorzor im Atelier, Mai 2021. Foto: HF ...
Filip Zorzor im Atelier, Mai 2021. Foto: HF
Gilt das auch für kulturhistorische Sammlungen?

Ja, natürlich. Auch in der Volkskunst ist die Gegenüberstellung spannend. Es ist toll anzusehen, wie eine Keramik beschaffen, wie eine Glasur aufgetragen ist und welche Wirkung sich daraus entwickelt. Darin liegt Schönheit.

Ja, die Frage nach dem Material hat in der Tat mit Schönheit zu tun. – Wie ist das mit dem Sehen im Museum, unterscheidet sich der Blick des Künstlers von dem des Kurators?

Ich glaube, der Blick des Künstlers ist tatsächlich freier. Dümmer vielleicht, im Sinne von unbedarfter, denn er ist nicht gezwungen, mit Wissen voraus Dinge zu verstehen. Er kann direkter auf einen Impuls, einen Moment reagieren, ganz so wie es bei der Begegnung eben passiert. Es ist eine Gelegenheit, in der man es sich spontan leisten kann, unwissend auf etwas zuzugehen. Natürlich kann der ästhetische Erkenntnisgewinn dann auch intellektuell weiterführen.

Damit sind wir schon bei den Herausforderungen, mit denen das aktuelle Ausstellungsprojekt verknüpft ist. Sie wurden eingeladen, sich in verschiedenen Sammlungen umzusehen und anhand von Objekten, deren Auswahl Ihnen vollkommen freistand, eine aktuelle zeichnerische Reflexion zu unternehmen. Das Ergebnis ist eine beeindruckende Reihe von Papierarbeiten, in denen Sie sich den aus dem Siebenbürgischen Museum und dem Bessarabiendeutschen Haus ausgewählten Objekten mit neuem Blick annähern.

Stimmt genau.

Im Untertitel heißt es „Gezeichnete Geographien, nach alten Stücken aus Siebenbürgen und Bessarabien“. Das verweist auf die erwähnten Museen, aber auch auf die betreffenden Regionen selbst. Was aber ist gemeint mit: „gezeichnete Geographie“?

Mit „gezeichnete Geographien“ meine ich die Welt, aus der die Stücke, auf die ich mich beziehe, stammen, also tatsächlich die jeweiligen Regionen. Dabei bildet sich das Bild der Regionen im Zeichnen. Oder sagen wir es so: Mein Begriff von einer Region entsteht nicht zuletzt dadurch, dass ich mich bestimmten musealen Fundstücken nähere und mit dem Pinsel oder dem Bleistift in der Hand, ihre Struktur erfasse. Ich umkreise sie. So erwerbe ich ein Verstehen, ich will wissen, was aus diesen Regionen kommt.

Das ist eine sehr unmittelbare, intime Form der Aneignung. Die Geographien werden „er-zeichnet“.

Ja, es soll unmittelbar sein. Unmittelbar ist auch die Beziehung der Menschen zur Natur und Landschaft, in der sie leben. Es gibt Prägungen und diese setzen sich in den hergestellten Artefakten und Kunstgegenständen fort. Ich meine damit, dass beispielsweise die Formation von Hügeln oder eine schlichte Weite, aber auch spezifische Merkmale der Vegetation von den Bewohnern einer Landschaft als Eindrücke gesammelt werden und dann Niederschlag in Mustern und Formen finden.

Sie schließen aber auch ein „gezeichnet sein“ nicht aus?

Nein, das schließe ich nicht aus. Landschaften sind auch gezeichnete, es widerfahren ihnen Dinge, sie werden gezeichnet durch die Geschichte, die sich in ihnen ereignet.

Was Sie besonders begeistert, ist die Textilkunst: Siebenbürgisch-sächsische Kissenbezüge und die geklöppelten Kopftücher der Bessarabiendeutschen Frauen sind zu Ausgangspunkten für Ihre Arbeit, geworden. Sie haben diese ins zeichnerische Medium transferiert.

Ja, aber das war nicht von Anfang an klar. Da gab es zum Beispiel Dinge aus Metall, die mich durchaus angesprochen haben. Ich fand die feinen Linien und auch die eingearbeiteten Sprüche und ironischen Wortspiele faszinierend. Hier hätte ich jedoch gerne auf einer Kupferplatte geantwortet. Bei den Textilien hat mich besonders die Farbe interessiert und die Art und Weise, wie die Muster gesetzt sind, ja, wie der Faden läuft: bei den siebenbürgischen Sachen ist es vor allem das Gerade der Formen, das geometrisch Strenge, zum Teil sogar Steife, was aber durch die Kleinteiligkeit der Formen wieder etwas Weiches bekommt. Diese Kontraste, diese Widersprüche reizen mich.
Filip Zorzor: „Kissen 6“, 2021, Acryl und Tempera ...
Filip Zorzor: „Kissen 6“, 2021, Acryl und Tempera auf Papier, 117 x 57,5 cm. Foto: Eric Tschernow


Es geht nicht darum, die Objekte 1:1 abzuzeichnen und eine Dokumentation daraus zu machen, sondern eher um den Transfer eines inneren Sinnes oder einer Stimmlage, so scheint mir. – Wo aber liegt bei diesem Konzept Verlust, wo Gewinn? Ist es nicht schade, dass die ehemaligen Kontexte und Funktionszusammenhänge ausgeblendet werden? Beispielsweise dass es sich bei den „Polsterziechen“ um Gegenstände der Repräsentationskultur handelt, während die „Zackel“, das feine Kopftuch der Frauen, der Festtagskultur entstammt…

Nein, nicht unbedingt.

Sie meinen, diese Dinge lassen sich auch über die andere Seite, also die Herstellung und die Produktionsprozesse einholen? Denn die Frauen, die mit Sticken oder Klöppeln beschäftig sind, wissen ja genau, wofür und auf welchen Zweck hin sie arbeiten.

Ja, das wissen sie, und ich finde es hochinteressant, mich in ihr Tun einzusehen. Zudem – das finde ich ebenfalls reizvoll – kann ich mir im 19. Jahrhundert auch keinen Mann vorstellen, der sich in dieser Kunstfertigkeit geübt hätte. Und ich selbst mische mich da auch nicht ein, sondern nehme den Punkt, an dem die Frauen ihre Arbeit beendet haben, setze mich an den Tisch und mache davon ausgehend auf Papier weiter. Es ist diese Form der Appropriation, die ich auch dem Publikum anbieten will, um einen neuen Sinn für das „Gemachtsein“ der Dinge – die Konzentration oder auch die Anstrengung, die beispielsweise das Klöppeln bedeutet – zu eröffnen. Ich möchte das Alte neu weitergeben und die Aktualität, die darin liegt, sichtbar machen.

Sie sind auf die Kissenbezüge, die Polsterziechen gestoßen.

Auf dem Youtube-Kanal des Siebenbürgischen Museums wird die „Gute Stube“ sehr anschaulich vorgestellt. Das hat mir gefallen. Sie wird präsentiert als eine aufgeräumte Schatzkammer, die Repräsentationszwecken dient. Und in der Tat hat es etwas Üppiges, wie sich die vielen Kissen auf dem „Hohen Bett“ türmen. Nicht nur auf die Muster, auch auf die Fülle will ich antworten, so zeige ich hier acht Variationen solcher „Kissen“.

Ganz in diesem Sinne haben Sie sich auch für das schlanke und hohe rechteckige Format entschieden.

Ja, ich habe das Verhältnis von Höhe und Breite erhalten, mache sie aber etwas größer. Anders ist es bei den Arbeiten zu den Stücken aus dem Heimatmuseum der Bessarabiendeutschen. Hier habe ich das Bildformat nicht in derselben Weise an die Objekte gebunden.

Was ist „Frau Richters Raupenzucht“?

Frau Richter ist eine aufgeräumte Frau, ich habe eine ganz genaue Vorstellung, wie sie ausgesehen haben mag. Sie war eine, die ihre eigenen Raupen züchtete, um daraus die Seide zu spinnen, mit der sie dann wiederum Brautkleider nähte, das heißt: Stickereien in transparente Brautkleider einarbeitete. Sie muss eine Meisterin gewesen sein!

Wo sind Sie darauf gestoßen?

In der Sammlung des Bessarabiensdeutschen Hauses. Dort befindet sich eine Privatsammlung, die als Schenkung ans Haus kam. Und eines der Objekte ist ein schwarzes Kissen, auf dem Seidenraupenkokons appliziert sind. Diese Präsentation ist enorm eindrücklich. Es ist wie eine lineare Notation, wie ein Notenblatt, so fein strukturiert. Dies und die Art und Weise, wie die Kokons auf das schwarze Kissen gesetzt, ja regelrecht darin eingeschrieben sind, hat mich zur intensiven Auseinandersetzung veranlasst. Ganz bewusst habe ich schwarzes Papier gewählt und mit weißer Tusche gezeichnet. Und Frau Richter ist mir eine gute Freundin geworden.
Filip Zorzor: „Frau Richters Raupenzucht 1“, ...
Filip Zorzor: „Frau Richters Raupenzucht 1“, 2021, Tuschen, Acryl und Pastelle auf schwarzem Papier, 26 x 35,5 cm. Foto: Eric Tschernow
Die zentrale Form in diesen Arbeiten ist die runde Gestalt der Kokons.

Ja, eine sehr dichte, feine Struktur. Irgendetwas Planetarisches, Sphärisches trägt es auch in sich.

Die Zackel ist etwas, das wir gar nicht kennen. Es ist ein fein geklöppeltes Dreieckstuch, das die Frauen in Bessarabien anlässlich besonderer Feier- und Festtage trugen. Hier hat Sie die Technik des Klöppelns begeistert, die heute ziemlich in Vergessenheit geraten ist.

Die Zackel ist so filigran, so minutiös aufgebaut. Man kann ihr selbst in der Bleistiftzeichnung schwer nachkommen. Ich habe mir im Netz angesehen, wie die Technik des Klöppelns funktioniert. Die durchsteckende Bewegung, in der die Fäden „gebunden“ werden, hat mich dann in eine zeichnerische Bewegung gebracht, die einer Performance des Machens entspricht.

Sie sind 1974 in Bukarest geboren und als Zehnjähriger mit Ihren Eltern in die Bundesrepublik ausgereist. Ihre Muttersprache ist Rumänisch. Bei anderer Gelegenheit sagten Sie, dass Ihre Eltern unbedingt wollten, dass Sie frühzeitig Deutsch lernen. Welche Beweggründe hatten Ihre Eltern dafür?

Meine Eltern sind beide Musiker und von der deutschen musikalischen Kultur geprägt. Meine Mutter hatte als Dozentin an der Musikhochschule in Bukarest in jungen Jahren die Möglichkeit, sich mit einem DAAD-Stipendium für zwei Jahre in Köln fortzubilden. Das war eine sehr prägende Zeit. Sie hat Deutschland live erlebt, vor allem als musikalischen Ort, was Köln zu dem Zeitpunkt war.

So gehört die deutsche Sprache zu Ihrer musikalischen Früherziehung

? Nun, das war ein musikalischer, intellektueller Haushalt und aus rumänischer Sicht gehörte die Liebe zum Westen, die Errungenschaft des Sich-Kultivierens, ganz selbstverständlich mit hinein und bildete einen Antrieb. Da wir aber keine Deutschstämmigkeit haben und auch keine direkten Kontakte hatten, meine Mutter aber die Begeisterung und Liebe weitergeben wollte, ist sie zur treibenden Kraft geworden, die dafür gesorgt hat, dass wir, meine ältere Schwester und ich, in den deutschen Kindergarten kamen. Sie war überzeugt, dass wir diese Sprache von Anfang an lernen müssten, um uns den Spracherwerb zu erleichtern.

Sie waren dann auf einer musikalisch ausgerichteten Schule und haben das Deutschsprechen auch eher verweigert. Trotz mancher Urlaube bei siebenbürgisch-sächsischen Freunden, bei denen es Gelegenheit gab, die Sprache zu üben. Wie war dann das Ankommen in Deutschland?

Als Kind in Rumänien hat sich mir der Sinn, Deutsch zu sprechen, überhaupt nicht erschlossen. Ich war bockig und habe protestiert. Der deutsche Kindergarten hat in dieser Hinsicht nichts genützt. Erst als ich hier in Deutschland war, habe ich das Integrationspotenzial der Sprache verstanden. Zuerst war ich wie ein Kaspar Hauser, der alles neu lernen muss. Einer der zunächst still und stumm ist, weil er regelrecht ins kalte Wasser geworfen wurde. Als Glück würde ich mein damaliges Alter bezeichnen, ich lernte schnell und war bald akzentfrei.

Welche Rolle spielt Rumänien heute in Ihrem Leben?

Rumänien ist für mich eine sehr wichtige Spur, meine Herkunft. Ich spüre aber, dass ich hier – in Deutschland – sozialisiert bin. Mentalitätsunterschiede nehme ich wahr. Trotzdem kann ich das Dortige gut empfinden. Sobald ich in Rumänien bin, stellt sich Vertrautsein ein.

Heimat?

Heimat? Ich glaube, dass Heimat da ist, wo Freunde sind. Ich spüre, dass ich in Rumänien geboren wurde, aber ich sehe auch, dass ich weg bin aus dem festen Zusammenhang. Eine Bindung spüre ich ebenso zu München, wo ich die zweite Dekade meines Lebens verbracht habe. Ich liebe den Telemea-Käse vom Markt in Bukarest, aber auch die Münchner Weißwurst mit einer ordentlichen Brezel. Hier wie da gibt es ein „Sich-zu-Hause-Fühlen“.

In Ihrer Biografie gibt es eine Phase der aktiven, gezielten Suche nach den eigenen Wurzeln. Gezielt meine ich, weil es mit Ihrer Selbstverortung als junger, angehender bildender Künstler zu tun hatte. Nach dem Studium der Malerei, das Sie als Meisterschüler von Bernd Koberling abgeschlossen hatten, haben Sie sich 2004 auf Studienreise nach Rumänien begeben.

Ja, stimmt. Nach dem Abschluss des Studiums habe ich die eigene künstlerische Setzung gesucht. Ich musste aus dem Arbeiten heraus meinen Standpunkt, meine eigene Konzeption entwickeln. Noch zu Studienzeiten war ich in Indien, wo ich die Miniaturmalerei entdeckte und die Reihe der „Indian Goodies“ gemacht habe, so hieß die Arbeit. Ich merkte, dass das ein guter Impuls war, der mir zur Synthetisierung vieler Dinge verholfen hat und lange nachwirkte. Etwas später bekam ich ein Reisestipendium für Rumänien. Die Beschäftigung auch mit meinem Herkunftsland schien mir gleichermaßen wichtig und ich wollte meine innere Batterie mit diesem Formenmaterial füllen. Dabei wurde mir immer deutlicher, dass Stimmungen und Gerüche genauso prägend für meine Bildgestalt sein können.

Ein Gesamtkunstwerk?

Ja, es sollte multisensorisch sein. Zusammenführen, was ich auf- und wahrnehme. Und ich habe den Ehrgeiz, mich und das alles in „analoger" Malerei auszudrücken, auch wenn heute ganz andere Techniken und Vorgehensweisen möglich sind.

Das ist ein Statement.

Malerei ist für mich keine Option, sie ist alles. Ich mag es nicht, je nach Arbeit oder Projekt das Medium zu wechseln. Ich will es durch Malen ausdrücken.

Die Rumänienreise von 2004 ist lange her. Was hat die Auseinandersetzung der letzten Monate mit den Sammlungsbeständen aus dem Bessarabiendeutschen Haus und dem Siebenbürgischen Museum bewirkt? Ist es eine Neubegegnung mit Ihrem Herkunftsland geworden? Oder nur eine erfreuliche Wiederbegegnung mit bereits Vertrautem?

Es ist keine ganz neue Begegnung. Auf der Reise 2004 ging es ja wirklich darum, die „rumänische“ Batterie zu füllen, ich habe mich bewusst dem Land ausgesetzt. Ich wollte alles Formenmaterial aus dem Land sammeln und ich habe damals gezielt kulturhistorische Privatsammlungen besucht, um seltene Formen in alten Stickereien oder auch Schnitzereien zu finden. Ich bin quer durch Rumänien gereist: Lugoj, Cluj, Calafat waren dabei. Ich wollte Landschaft und Begegnung haben. Natürlich bin ich auch in Transsilvanien gewesen und habe dabei ganz selbstverständlich auch Sächsisches und Ungarisches angesehen, unter anderem in Sebeş, was sehr eindrücklich war.

Eindrücklich inwiefern?

Die Gegenüberstellung der Muster und Formen hat mir mehr Ähnlichkeiten als Differenzen offenbart. Der Wunsch, sich etwas Schönes zu schaffen, führt bei allen Ethnien einer Region zu einem ähnlichen Formvokabular, das man manchmal kaum noch auseinanderhalten kann. Kulturhistorisch treten die Abgrenzungen eher zurück, anders als es in den politischen Dingen praktiziert wurde. Das hat mich bestärkt, denn dieses warmherzige Rumänien ist mir deshalb so lieb, weil es sprachlich und kulturell so viele spezielle Einflüsse hat. Die deutschen Minderheiten sind zwar eine Minderheit in Rumänien, aber sie haben über viele Jahrhunderte diese Region bewohnt und geprägt. Das begreife ich immer als einen Reichtum für Rumänien. Genau so sehe ich das in Bezug auf die Ungarn.

Wie haben Sie das Ungarische erlebt?

Ich bin als Fünfjähriger mit meinem Vater nach Oradea geflogen. Damals hatte ich keine Ahnung, wie Ungarisch klingt, ich wusste aber, dass ich in Oradea bin. Als wir zurück in Bukarest waren und ich auf der Straße zwei Ungarn sprechen hörte, sagte ich zu meinem Vater: Schau, die sprechen die limba oradeana, also die „Oradeanische“ Sprache. Der Klang hatte sich mir eingeprägt. Gerade diese Erinnerung macht mich zu einem großen Feind aller abgrenzenden Überlegungen im politischen Bereich. Der Zugewinn liegt doch in dieser großartigen Vielseitigkeit.

Die nicht neu ist, aber scheinbar doch neu entdeckt werden muss.

Ja, man kann an das Königshaus erinnern, aber auch an das Griechische, Türkische, Armenische und vieles andere. Hier ist der wirkliche Reichtum für mich. Neben der sehr schönen Landschaft.

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf die Ausstellung zurück, die auch in der Präsentation, also in der Szenografie etwas Besonderes ist. Einer der Galeriewände ist fast flächendeckend eine Leinenwand vorgelagert. Auf ihr sind die Kissenbilder mit feinen Nägeln befestigt. In der Betrachtung gehen Stoff und Papier regelrecht ineinander über, sie werden fast eins. Das Ganze hat etwas Symbiotisches. Zugleich führen Sie die Besucher mit diesem Arrangement an Ihr Ausgangsmaterial zurück und laden in die Museen ein.

Darauf will ich mit John Cage antworten: Die Technik wird dann vollkommen sein, wenn sie verschwindet. Und zwar nicht verschwindet, weil sie nicht mehr da ist, sondern so klein geworden ist, dass sie ganz natürlich funktioniert, ohne dass man sie bemerkt.

Das ist Ihnen gelungen, ich danke für dieses Gespräch.

Ausstellung im Rumänischen Kulturinstitut, Reinhardtstraße 14, 10117 Berlin: 4. September bis 29. Oktober 2021
Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 14.00-18.00 Uhr; Sonntag, den 19. September und 24. Oktober, 12.00-18.00 Uhr
Information & Führungen: kulturreferat[ät]siebenbuergisches-museum.de
Künstlergespräche: am Sonntag, den 19. September, und Sonntag, den 24. Oktober, jeweils um 17.00 Uhr

Schlagwörter: Werkstattgespräch, Heinke Fabritius, Kulturreferenten, Ausstellung, Berlin, Zorzor, Künstler, Tradition, Siebenbürgisches Museum, Gundelsheim

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