21. März 2022

Hellmut Seiler: Begegnungen mit Hans Bergel

Hellmut Seiler erinnert sich, statt eines Nachrufes, an seine Begegnungen mit Hans Bergel. Zum Gedenken an den Schriftstellerkollegen eignen sich auch die beiden Widmungsgedichte "Flüchtigkeit", die er vor und zum 95. Geburtstag Hans Bergels geschrieben hat.
Hans Bergel bei einer Tagung des Exil-PEN in ...
Hans Bergel bei einer Tagung des Exil-PEN in Frankfurt am Main, 2018. Foto: Éva Seiler-Iszlai
Wir kannten einander nicht lange, eingehender erst nach 2014 nach seiner von allen Mitgliedern begrüßten Aufnahme in den Exil-PEN, Sektion der Schriftsteller im Exil deutschsprachiger Länder, wie der offizielle Name des Berufsvereins lautet.

Davor hatten wir schon Bekanntschaft geschlossen, Kontaktdaten ausgetauscht, einmal rief er an, ich solle mir eine TV-Sendung auf 3sat mit ihm und über ihn anschauen, ich ging hinüber zum Nachbarn, da wir keinen Fernseher hatten. Gemerkt habe ich mir aus dem Dokumentationsfilm seine angebliche „Schwäche für altes Gemäuer“, wie er es dort vor der Kulisse einer siebenbürgischen Kirchenburg formulierte.

Jede Zeitspanne einer näheren Bekanntschaft mit ihm käme mir allerdings kurz vor.

Bei allen Tagungen des Exil-PEN haben wir uns ausgiebig ausgetauscht, auch unsere „Gattinnen“, wie er sie nannte, kamen sich näher; besonders, wenn Hans und ich ins Siebenbürgisch-Sächsische verfielen, was wir gern pflegten.

Auch wenn er anrief, um eine knappe Auskunft zu erhalten, immer zielgenau, haben wir Mundart gesprochen, die uns beiden lag. Oft dauerte das Gespräch dann länger als eine halbe Stunde; dabei ging es um Grundsätzliches, keine Plauderei am Hörer, auch nicht in Sicht. Unüberhörbar dabei „das atemlos Hastende in, das Drängende, Treibende hinter deiner Stimme: als hättest du keine Zeit“, wie ich diesen Spannungszustand in einem Widmungsgedicht genannt habe (siehe weiter unten „Die Flüchtigkeit“, erschienen zuerst in der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 12 vom 31. Juli 2020, S. 7).

Seine ausführlichen Briefe bin ich dabei zu sichten und zu ordnen; sie haben mich regelmäßig über die Lesezeit hinaus beschäftigt, weil sie einen Grundton hatten, der einmalig ist: eine Ernsthaftigkeit, die über das Abhandeln eines Themas hinausging. Es war ihm, was er ansprach, immer auch ein Anliegen, je politischer, desto persönlicher.

Die Zeit, die ich ihm SO gegönnt hätte: er hatte sie nicht.

Und nicht erst wird er uns, wird er mir fehlen. Er fehlt mir jetzt schon.

Hellmut Seiler

Die Flüchtigkeit

Für Hans Bergel im Juli 2020 kurz vor seinem 95.

Die Flüchtigkeit der ach so freundlichen Aktien
ist dein Anliegen nicht, noch meins: bei deren
vermeintlichen Höhenflügen vermissen wir beide
die Dimension, auf die es uns ankommt: die Tiefe;
umso mehr zählt jene des Augenblicks, die beständige
Unbeständigkeit dieses Wimpernschlags Leben,
die Bodenlosigkeit seines Schwankens
auf schwankendem Boden;
das Fahren auf Sicht durch dichten Nebel
mit den ausgefallensten,
jetzt ausgefallenen Messinstrumenten;
das ungebärdige, gebärdenreiche Stochern
ahnungsloser Akteure auf weitläufiger Bühne
in der trüben Brühe weltbewegender Gerüchteküche.

Wer kennt die Unterschiede besser zwischen Schlägen
ins Wasser und Stürmen im Glas? Selten war einem
so klar, dass mit Haartrocknern gegen die Regenzeit
nicht anzukämpfen ist.

Schier verzweifelt manches Mal bei den langen Gefechten
gegen die Aporien des Windes und die langsamen Mühlen
der Ignoranz schlägst, nur scheinbar unermüdlich,
du die Ratschläge der Freunde aus: „Nimm eine Auszeit!
Nimm dir Zeit!“ – voller Trotz, als hättest du die Zeit nicht.
(Verlässliches Zeugnis davon legt deine Stimme ab,
das atemlos Hastende in, das Drängende, Treibende hinter
ihr: als hättest du keine Zeit).

So ist es aber auch: man kann sie sich nicht nehmen, Zeit ist unser Leben, wir haben die Zeit nicht – sie hat uns! Wir sind die ihren, „lachenden Munds“.
Es ist ein Fallen in allem: eine dumme Bemerkung fällt,
„Diese Hand da fällt“. Und es ist eine Lust,
„unendlich sanft“ zu fallen und dabei
„niemandes Schlaf zu sein“.

  • Die verwendeten Zitate stammen von Rainer Maria Rilke


  • (das Gedicht „Flüchtigkeit“ I erschien zuerst in der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 12 vom 31. Juli 2020)
    Hans Bergel (links) und Hellmut Seiler bei der ...
    Hans Bergel (links) und Hellmut Seiler bei der Jahrestagung 2017 des Exil-P.E.N. in Weißenfels. Foto: Éva Seiler-Iszlai

    Flüchtigkeit

    Für Hans Bergel zum 95.

    I.
    Flüchtigkeit ist eine dimensionslose Kennzahl,
    die die Verdunstung einer Lösung beschreibt;
    und Hoffnung ist in hohem Maße relativ, beides
    lässt sich wunderbar als Frühstück genießen.

    Die Flüchtigkeit eines Hoffnungsschimmers treibt Blüten,
    die dir, bereits verwelkt, jetzt vor die Füße fallen.
    Heb sie auf, für später. Ein Ausweis auch, fällt dir ein,
    ist dir kürzlich vor die Füße gefallen; du hobst ihn – ohne
    viel Aufhebens – auf und wusstest sofort, wer genau
    du niemals sein wolltest. Die verlangsamte Frequenz
    deiner Einträge ins Telefonbuch ist zu spüren,
    die ratternde Abfolge deiner likes und
    der erhöhte Pulsschlag deines Mobiltelefonanbiederers.

    „Das Leben geht weiter. Als es erlaubt ist.“ –
    Ein Schlemmen zwischen satten Zitaten stellt dich
    wieder her, auf den Kopf. Der aufgehobene Ausweis
    weist dich als Täter aus, der genau das verübt,
    was ihm zustößt; als den, der du nie sein wolltest.

    Während der Abend noch seinen Platz sucht
    bei Tisch, stehst du vor leergeräumten Konten
    und damit vor den Scherben deiner vermessenen
    Anwesenheit; und deiner frühen Fremdheit darin.

    II.
    In den leeren Hauseingängen lauert
    eine flackernde Sicherheit, trügerisch,
    vielleicht aber tastet das Dunkel nur
    sich vorwärts, wir halten uns fest

    an den Rändern. Die Lichter springen
    an, und die robust Selbstsicheren wuseln
    in fliegendem Wechsel vor dem Eingang,
    als finge die Zeitrechnung mit ihnen an.

    Der Zweifel nimmt mich mit, führt mich
    in Versuchung, sät nur keine Zwietracht.
    Wir aber tasten uns die Wände entlang
    und erkennen uns jeder in der Dunkelheit.

    III.
    In der Stunde gelöschter Zeichen bleibt uns
    erhalten nur noch die Sprache. Der Neuweise
    zieht nachts kometenhaft gewaltig seine Spur,
    „und Ströme müssen den Pfad sich suchen“,
    an den Dächern blüht Rauch, „und es girren
    Verloren in der Luft die Lerchen“. Wer
    wollte die Fährten alle deuten, ohne Fehl?

    Ein einziges „Zeichen sind wir, deutungslos,
    Schmerzlos sind wir und haben fast
    Die Sprache in der Fremde verloren.“

  • Bis auf jene in Teil I stammen die Zitate von Friedrich Hölderlin.


  • (das Gedicht „Flüchtigkeit“ II erschien zuerst in der Hermannstädter Zeitung vom 4. März 2022, Seite 5)

    Schlagwörter: Hans Bergel, Hellmut Seiler, Gedicht

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