17. Mai 2022

"Lass es geschehen das Leben": Literarisch-musikalischer Abend mit Dagmar Dusil und Johann Markel

Im Haus der Heimat Stuttgart fand am 22. April 2022, nach langer, durch die Pandemie bedingter Pause, endlich wieder eine Live-Lesung statt. Als Organisator der Stuttgarter Vortragsreihe begrüßte Helmut Wolff die Gäste und stellte die Künstler vor. Dagmar Dusil übernahm danach die Führung durch das Programm, das mit einer Komposition des 17-jährigen Mozart begann, die verschollen war und erst kurz vor Ausbruch der Pandemie gefunden wurde.
Die drei Schriftsteller Eva Filip, Traian Pop ...
Die drei Schriftsteller Eva Filip, Traian Pop (auch Verleger) und Dagmar Dusil im Gespräch nach dem Programm. Foto: Karl-Heinz Brenndörfer
Johann Markel, der wie Dagmar Dusil aus Siebenbürgen stammt und für diesen Abend aus Holland angereist war, führte mit den zarten Mozarttönen das Publikum in die Welt der Poesie.

Dagmar Dusil las aus dem zweisprachigen Gedichtband „Beleuchtete Busse in denen keiner saß/ Şi trec autobuze goale“, den sie zusammen mit der aus dem Burzenland stammenden Ioana Ieronim zum Thema Pandemie geschrieben hat. Das Buch ist 2021 im Pop Verlag Ludwigsburg erschienen und liegt nun bereits in zweiter Auflage vor.

Leider war Ioana Ieronim nicht anwesend, sie lebt in den USA und in Rumänien. Da jede der Autorinnen die Gedichte der anderen in die eigene Muttersprache übersetzt hat, kennt Dagmar Dusil das Werk von Ioana Ieronim sehr gut und übernahm die Lesung in beiden Sprachen – Deutsch und Rumänisch.

Das Gedicht „Resümee“, sehr ergreifend vorgetragen von Dusil, führte das ganze Spektrum von Angst, Verzweiflung, Einsamkeit, Wut, Tod und Trauer, das die Pandemie mit sich gebracht hat, dem Publikum vor Augen. „Im Rhythmus der Schnecke rinnt der Sand in den Uhren/ mausgraue Trägheit regiert den Tag./ Die Welt ist aus den Fugen geraten/ der Tod führt Regie im Lebenstheater.“

Davon, dass die Pandemie noch nicht ganz verbannt ist, zeugten die Masken, die noch einige der Anwesenden trugen.

Beim Stichwort Tod kam man nicht umhin, an den Krieg in der Ukraine zu denken. In diese düstere Stimmung hinein erklang das „Morgengebet“ aus dem Kinderalbum Op. 39 Nr. 1 von Tschaikowsky. Im Laufe des Abends wurden noch weitere Kompositionen von Tschaikowsky gespielt, wie „Altfranzösisches Lied, Op. 39 Nr. 16“, das wunderbar interpretierte „Süße Träume, Op. 39 Nr. 21“. Begeisterung fanden auch die Préludes von Scriabin. Die russischen Komponisten waren in diesen schlimmen Zeiten, da russische Kunst des Krieges wegen verbannt wird, bewusst ausgewählt, um ein Zeichen zu setzen für Humanität und Verständigung. Kunst kann Brücken bauen!

Es war sehr still im Raum, als Dusil die Gedichte „Stille“ und „Abendbild“ las, wo es heißt: „Der Bildschirm wird schwarz“ und „Die Wege atmen/ tiefe Dunkelheit“. Ergreifend war auch der Text „Im Heim“, der an die Einsamkeit in Zeiten des strengen Lockdowns erinnerte, oder „Memento mori“, wo es heißt: „Wir leben im Abschied/ in der Vorläufigkeit des Seins/ wir leben im leisen Tod/ des Augenblicks“. Die Anspannung löste sich etwas beim Gedicht „Zauberspruch des Jahres“, das einen Hauch Optimismus zulässt und zur Solidarität aufruft: „…nur vereint werden wir siegen“.

Als die wunderbare „Romanze ohne Worte“ von Carl Filtsch erklang, gingen bestimmt bei vielen Zuhörern die Gedanken in die siebenbürgische Heimat.
Johann Markel am Klavier. Foto: Traian Pop ...
Johann Markel am Klavier. Foto: Traian Pop
Während der Lesung wurden auf eine große Leinwand Scherenschnitte von Gerhild Wächter projiziert, welche die Thematik aus den Gedichten noch einmal bildlich darstellen. Emil Hurezeanu, der das Nachwort zu dem Buch geschrieben hat, vergleicht sie mit der Kriegsgrafik von Picasso.

Die Schwarz-Weiß-Scherenschnitte laden die Leserinnen und Leser ein, das Gelesene zu überdenken, führen in ihrer symbolträchtigen Bildlichkeit auch an konkrete Orte, wie zum Beispiel in den Gedichten „Quarantäne Bamberg“ und „Quarantäne Washington“.

Die Lesung endete mit dem optimistischen Gedicht „Panta rhei“, wo es heißt: „Lass es geschehen/ das Werden, Vergehen/ lass es geschehen/ das Leben im warmen Atem“.

Mit den heiteren Klängen der Arabesque Nr.1 von Debussy endete das Programm. Helmut Wolff sprach einige Schlussworte, danach meldeten sich zahlreiche Gäste zu Wort. Mit Interesse hatte auch die Chefredakteurin Anamaria Daiana Matieş von „Zig-Zag de România“ bei Freies Radio für Stuttgart das Programm verfolgt und bedankte sich bei den Künstlern. Gerührt bekannte sich eine Teilnehmerin als gewesene Schülerin von Dagmar Dusil, als diese noch in Siebenbürgen Englisch unterrichtete.

Aus Ludwigsburg war der Verleger Traian Pop angereist, der dem Publikum einen reichen Büchertisch präsentierte.

Anschließend wurden bei Schmalzbrot und einem Gläschen Wein noch lange Gedanken und Erinnerungen ausgetauscht, gemeinsam gelacht und geplaudert. – „Lass es geschehen/ das Leben im warmen Atem“.

Eva Filip

Schlagwörter: Stuttgarter Vortragsreihe, Dagmar Dusil, Pianist

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