2. Oktober 2022

Vom Ende einer Urzelmaske: Wie sich Schäden an Trachten und Textilien vermeiden lassen

Ich bin überzeugt davon, dass man nicht nur aus den eigenen Fehlern lernen kann, sondern auch aus den Fehlern anderer. Im Sinne einer positiven und offenen Fehlerkultur will ich deshalb an dieser Stelle davon erzählen, wie ich ungewollt zur „Zerstörung“ einer Urzelmaske beigetragen habe – damit Ihnen mit Ihren Lieblingsstücken nicht dasselbe passiert.
Immer wieder ermutige ich unsere Landsleute dazu, die siebenbürgisch-sächsische Kultur in der Öffentlichkeit bekannter zu machen, indem sie beispielsweise versuchen, Objekte oder Trachten aus Siebenbürgen in Ausstellungen bei sich vor Ort und somit auch einmal in ganz anderen Kontexten einzubringen.

Ich selbst wollte 2020 dasselbe tun und war sehr froh, als eine Familie aus dem Münchner Umland sich bereit erklärt hatte, mir einen Urzelanzug für eine Ausstellung zu borgen. Der betreffende Anzug ist kein museales Stück und immer noch in Verwendung, das heißt, dass er beim Urzellaufen einiges aushalten muss. Besondere Sicherheitsvorkehrungen schienen uns für dieses unempfindliche Teil in einem geschlossenen Ausstellungsraum daher nicht nötig zu sein.
Die Urzelmaske war den Motten leider ein ...
Die Urzelmaske war den Motten leider ein Festschmaus. Fotos: Dagmar Seck
Nachdem die Corona-Pandemie zur zeitweisen Schließung aller Kultureinrichtungen geführt hatte, wurde die Ausstellung verlängert und der Anzug hing über ein Jahr lang auf der Schneiderpuppe. Als die Ausstellung abgebaut wurde, wollte ich den Anzug direkt wieder an seine Besitzerin zurückgeben, doch eine Erkrankung hielt mich kurzfristig davon ab. Wir wollten einen neuen Termin ausmachen, doch da keine Eile herrschte, gingen die Monate ins Land und so stand die Sporttasche mit dem Urzel­anzug in meinem Büro und wartete auf die Rückgabe. Ende August fielen mir dann erstmals Motten auf der Tasche auf. Als ich sie öffnete, traf mich fast der Schlag: Das Fell an der Maske und einige Zotteln waren völlig zerfressen.
Selbst die Zotteln vom Urzelanzug blieben nicht ...
Selbst die Zotteln vom Urzelanzug blieben nicht verschont.
Was hätte ich anders machen können? Ich habe Julia Koch diese Frage gestellt, sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim und betreut dort die Sammlung. Hier erklärt sie Schritt für Schritt, was ich hätte tun können, um den Befall zu verhindern.

Zuerst einmal muss man sagen, dass ein Befall mit Motten immer passieren kann. Gerade in der Zeit von Frühjahr bis Spätherbst muss man besonders achtsam sein, denn in dieser Zeit sind die Motten aktiv. Allerdings sind es nicht die erwachsenen herumschwirrenden Motten, die unsere Textilien zerstören. Vielmehr sind es deren Larven, die zum Wachsen und Gedeihen das in Tierhaaren (Wolle, Pelz, Fell, Seide) enthaltene Protein Keratin benötigen. Andere Materialien wie Baumwolle und Polyester sind zwar weniger gefährdet, können aber auch befallen werden, wenn nichts Adäquates zu finden ist für die Larven.

Wichtig ist also, dass die Motten erst gar nicht an unsere Textilien herankommen. In Ausstellungen sollte deshalb darauf geachtet werden, dass die Objekte in staubdichten Vitrinen präsentiert werden. Sind solche hermetisch abgeschlossenen Vitrinen nicht vorhanden, sollte man versuchen, die Taschen oder Falten des Ausstellungsstückes unauffällig mit Mottenpapier zu füllen. Einige Blätter, die z.B. im Inneren eines Hemdes eingelegt werden, sind vollkommen ausreichend. Für den Transport und die Lagerung sind Kleidersäcke aus Tyvek, ein aus 100% Polyethylen bestehendes Spinnvlies, das die besten Eigenschaften von Papier, Folie und Gewebe vereint, zu empfehlen. Da dieses Material durchlässig, nicht abreibend, wasser- und staubdicht ist, erfüllt es alle Anforderungen als geeigneter Schutz für empfindliche Objekte. Auch hier dürfen Lavendelsäckchen und Zedernöl gerne zum Einsatz kommen, doch Vorsicht: Das Öl sollte nie auf die Textilien selbst aufgebracht werden. Am besten nimmt man ein Stück Stoff – Baumwolle oder Leinen –, das man mit Zedernöl beträufelt und dann mit einem Seidenpapier als Trennung zu den Textilien legt.

Da die Trachten in der Regel nur zu besonderen Anlässen getragen werden und mitunter sehr lange Zeit im Kleiderschrank hängen, wird empfohlen, wöchentlich an den Kleiderbügeln zu rütteln. So werden die Schädlinge in ihrer Ruhe gestört, auch Licht mögen die Motten nicht so gerne.

Haben alle Vorsichtsmaßnahmen nichts genutzt und haben Sie dennoch Mottenbefall zu beklagen, bleiben Sie ruhig: Es ist nicht alles verloren. Packen Sie das betroffene Stück in eine Plastiktüte und legen Sie es in die Gefriertruhe. Nach einer Woche holen Sie das Päckchen wieder heraus und lassen es in Ruhe ohne Plastiktüte auftauen. In der Plastiktüte auftauen kann zu Kondenswasser führen und dann zu eventuellem Schimmelbefall am Textil. Bitte föhnen Sie es nicht, dabei könnten Sie empfindliche Sachen beschädigen. Lassen Sie das Textil eine Woche lang bei Raumtemperatur in einer geschlossenen Tüte liegen, bevor Sie es erneut für eine Woche einfrieren. Sollten in der Zeit des Auftauens Larven geschlüpft sein, werden diese beim erneuten Einfrieren getötet. Denken Sie daran, nur völlig trockene Sachen einzufrieren. Nässe kann beim Gefrieren zu Kälterissen und Kältebrüchen am Stoff führen.

Sollten Sie einen Staubsauger mit Gardinenfunktion haben, können Sie den nun nutzen, um das Kleidungsstück nach dem Auftauen vorsichtig abzusaugen.

Um an dieser Stelle noch mit einem Irrtum aufzuräumen: Mottenfallen zeigen Ihnen gegebenenfalls nur an, dass Sie einen Befall haben, sie helfen Ihnen aber nicht dagegen. Wichtig ist, dass Sie den Mottenherd finden, das heißt das Nest/die Nester mit den Larven, und dieses bzw. diese unschädlich machen. Als letzten Tipp kann man noch festhalten: Wann immer Sie Textilien länger aus der Hand gegeben haben, sollten Sie diese nach der Rückgabe zunächst einmal einfrieren, bevor Sie sie zu den anderen Sachen in den Kleiderschrank zurückhängen. So vermeiden Sie eventuelle „Ansteckung“.

Ich weiß nun, worauf ich beim nächsten Mal achten muss. Hoffentlich tragen Frau Kochs Ratschläge dazu bei, dass auch anderen Textil- und Trachtenbesitzern solche Erfahrungen in Zukunft erspart bleiben.

Dagmar Seck

Schlagwörter: Brauchtum, Urzeln, Pflege, Ratgeber, Kulturreferat

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