23. Januar 2023

"Frisch, frei, fröhlich, fromm": 200 Jahre Sport bei den Siebenbürger Sachsen

Leibesübungen und körperliche Ertüchtigung haben in vielen Kulturen Tradition, ja sie gehören zur Tradition. Sie standen und stehen nicht zuletzt auch in Verbindung mit religiösen Festen. In der weltweiten Geschichte finden sich vielerlei Beispiele, auch im Europa der klassischen Antike, vor allem in Griechenland. Die aus dieser Zeit stammenden Ausdrücke werden vielfach bis heute verwendet, zum Beispiel werden die Wettkämpfenden als „Athleten“ bezeichnet. Denn die sportlichen bzw. gymnastischen Wettkämpfe wurden im alten Griechenland als „athlon“ bezeichnet, so auch der klassische Pentathlon mit fünf Disziplinen als Konkurrenzausscheidung.
Turner in Mühlbach 1926. Foto: Viktor Cloos, ...
Turner in Mühlbach 1926. Foto: Viktor Cloos, Bildarchiv: Volker Wollmann
Waren das Körpertraining im Mittelalter und der Frühen Neuzeit vorwiegend eine Angelegenheit des Adels (und der militärischen Ausbildung), kam es seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts zu Neuerungen in den Erziehungsprinzipien. Die Philanthropen (Menschenfreunde) vertraten eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen und versuchten eine seit der Spätantike im Christentum verbreitete, tendenziell dichotomische Sicht des Menschen (und seiner Bildung) zu überwinden.

Im 19. Jahrhundert wurde terminologisch das Turnen und der Sport unterschieden. Turnen galt nach den in Deutschland angelegten Maßstäben als edler, spielerischer Wettkampf. Der englische Sport dagegen sei vom instinkthaften Eifer und dem absoluten Siegeswillen geprägt; diese Form wurde in deutschen Kreisen als nicht angemessen erachtet. Zwar folgten die Siebenbürger Sachsen in ihrer Grundhaltung der kosmopolitischen Volkstumsidee Friedrich Ludwig Jahns: einer friedlichen Koexistenz der individuellen Völker. Aber die Konstruktion von Nationalgedanke, Religion und Leibesübungen als wehrhafte gesamtethnische Grundhaltung unterlag der Gefahr nationalistischer Verengung. In diesem Beitrag wird die moderne, alle Bewegungskulturen umfassende Bezeichnung „Sport“ verwendet.

Alle Kräfte des Menschen sind zu fördern und zu bilden. Nach diesem Grundsatz haben die Philanthropen auch die körperliche Ertüchtigung zum Gegenstand ihrer Überlegungen, aber auch konkreter praktischer Übungen gemacht. Zu ihnen zählen Johann Bernhard Basedow (1724-1790, mit seinem maßstabsetzenden Philanthropinum in Dessau), Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811), Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759-1839), Karl Adolf Spieß (1810-1858), Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) und der sogenannte Turnvater Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn (1778–1857). Für alle genannten Personen, entweder als protestantischen Theologen oder im Falle Jahns als überzeugtem, wenn auch kritischem Protestanten, war die religiöse Motivation wesentlicher Bestandteil ihrer Begründungszusammenhänge. Erstmals GutsMuths hat das traditionelle dichotomische Denken grundsätzlich durchstoßen. Aber eine ganzheitliche Sicht des Menschen, welche die Körperlichkeit in den christlichen Erfahrungsraum unbedingt integrierte, haben erst die Pioniere im YMCA (CVJM) verstanden und praktiziert. Diese erfanden dafür sogar eigens „christliche“ Mannschaftsspiele wie Basket- und Volleyball.

Bei diesem Prozess geistig-seelischer Perfektionierung muss nach Ansicht dieser Vordenker die körperliche Vollkommenheit durch stetiges Training erhalten werden. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in diesem Konzept der Religionsunterricht ein integraler Bestandteil dieser Verbesserungsstrategie ist, der denselben Zielen zu entsprechen hat: Veredelung, Vollkommenheit und Glückseligkeit – sowohl individuell als auch sozial.

Friedrich Ludwig Jahn begründete 1810 auf der „Hasenheide“ in Berlin „Turnübungen“. Er betonte das „Vaterländische“, und damit aber auch ein – den Politikern des 19. Jahrhunderts bei Bedarf zupasskommendes Motiv vormilitärischer Ausbildung. Jahn erfand Turngeräte (Reck und Barren), verband Turnen und Gesang (bei den sogenannten Turnfesten) und initiierte „Turnfahrten“, das heißt tage- oder wochenlange Fußmärsche (Exkursionen) in die Natur und zu sportlichen Begegnungen. Auf diesen „Turnfahrten“ hielt er die Abendandachten. Charakteristisch für Jahn und seine Gesinnungsgenossen war die enge Verbindung von evangelisch und deutsch. Turnspiele schützten vor Egoismus. Der Wahlspruch von Jahn war als Steigerung gedacht: „frisch, frei, fröhlich, fromm“.

Deutsch- und Evangelischsein stellten aus Jahns Sicht eine unbedingte Synthese dar. Im Ergebnis der auf die Siebenbürger Sachsen im 19. Jahrhundert einströmenden Einflüsse gehört dieses Phänomen der Deckungsgleichheit von Ethnie und Konfession zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor im Prozess der Selbstdefinition beziehungsweise Identitätsdefinition der Siebenbürger Sachsen. Dazu hat auch der Einfluss der „Turnergemeinde“ und des Vordenkers Jahn beigetragen. Aber die Gefahr nationalistischer Enge – besonders im Resonanzraum der „Deutschtums“-Idee – war groß; seine Denkungsart hatte äußerst ambivalente Folgen – selbst in Siebenbürgen.

Stefan Ludwig Roths vor 200 Jahren stecken gebliebene Anfänge des Turnens in Siebenbürgen

Nach seinen Studien- und Lehrjahren begann Stefan Ludwig Roth (1796-1849) sein Berufsleben 1822 als Lehrer am Gymnasium in Mediasch. Aus intensiver Anschauung und praktischer Tätigkeit brachte Roth die neuen Ideen mit nach Mediasch. Dort begann er 1822 das Turnen einzuführen. In schulfreien Stunden führte er mit den Schülern geregelte Leibesübungen verbunden mit Gesang durch. Aufgrund mangelnder Unterstützung von Kollegen und Eltern blieb diese Initiative im Ansatz stecken. Roth hat dieses Projekt nicht fortgeführt. Erst als in den deutschen Staaten das Turnverbot aufgehoben worden war, lernten die siebenbürgisch-sächsischen Jungakademiker an den Studienorten Berlin und Leipzig das Turnen kennen und verbreiteten die Idee begeistert an ihren späteren Wirkungsorten. Wirklich angekommen ist die Turn-Idee erst vor ziemlich genau 175 Jahren: zunächst in den sächsischen Städten Siebenbürgens. Karl Badewitz aus Berlin wirkte als Turnlehrer seit 1845 in Hermannstadt, wo 1846 sogar ein Turnverein gegründet wurde. 1847 begründete Theodor Kühlbrandt der Ältere das später blühende Turn- und Sportwesen Kronstadts. In Mediasch wurde Anfang August 1848 nicht nur der Siebenbürgisch-deutsche Jugendbund begründet, sondern daneben auch der siebenbürgisch-sächsische Turnverein. In Mediasch hatte mit unmittelbarem Werbeeffekt ein Schauturnen vor 200 Interessierten stattgefunden. Die besonders aufgeweckten, später oftmals als Stadtpfarrer tätigen Gymnasiallehrer Johann Fabini, Friedrich Wilhelm Schuster, Josef Haltrich, Friedrich Müller sowie Gottlieb Budaker starteten 1848 mit ihrem Turnunterricht. In Mühlbach gab es eine eigene Turnhalle (die zweite in Siebenbürgen überhaupt), weil Friedrich Wilhelm Schuster dafür die unbenutzte und leerstehende Jakobskapelle verwenden durfte.

Turnen fand in Siebenbürgen in den Folgejahren dennoch nur vereinzelt statt. Eigentlich wurde es nur in Kronstadt kontinuierlich, aber privat fortgeführt. Erst nach 1859 war infolge der Niederlage der Habsburgermonarchie (Solferino) die politische Bereitschaft geweckt worden, dem Turnen als vormilitärischer Ertüchtigung einen Entfaltungsraum zu gewähren. Allerdings wurde noch kein Regionalverbund erlaubt.

Turnen wird allmählich populär

1862 konnte Franz Obert (1828-1908) die zum zweiten zentralen Schauturnen versammelten Turner wieder in Mediasch begrüßen. Oberts Bedeutung (parallel zu der von G. D. Teutsch) für das Schulwesen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist unbestritten und kann nicht überschätzt werden. Er begründete das Fachorgan für die pädagogische Innovation, den Schul- und Kirchenboten. Obert bestand auf der Reorganisation des Volksschulwesens. Da eine gewichtige Zahl von akademischen Lehrern (Gymnasialprofessoren), angehenden und amtierenden Dorf- und später Stadtpfarrern bereits als in Deutschland fürs Turnen Begeisterte anschließend in den Dienst nach Siebenbürgen zurückgekehrt waren, konnte Obert auf deren Unterstützung zählen. Dazu gehörten auch der Kronstädter Stadtpfarrer Samuel Schiel (1812-1881) und der als turnbegeisterter Gymnasiallehrer aus Kronstadt ins Stadtpfarramt nach Bukarest gewählte Wilhelm Stephan Teutschländer (1837-1891). Dieser begründete und motivierte dort eine sehr erfolgreiche Turnerschaft. Dazu kam in der nächsten Generation der Rektor in Agnetheln und spätere Großpolder und Brooser Pfarrer Otto Piringer (1874-1950). Es wird deutlich: Die Turn-Bewegung wurde zuerst in den Städten oder Märkten rezipiert.
Der Turnsaal in Agnetheln mit Schauturnen von ...
Der Turnsaal in Agnetheln mit Schauturnen von örtlichen Freiturnerinnen, anlässlich der Generalkirchenvisitation 1913. Bildarchiv: Helga Lutsch
Franz Obert unternahm es gleich, im Schul- und Kirchenboten für den Turnunterricht zu werben. Bereits 1867 fand dieser Erwähnung. 1872 propagierte Obert in einem zweiteiligen Beitrag für die Einführung des Schulturnens auf dem Lande. Etwa im Abstand von zehn Jahren erfolgten immer wieder – dann von anderen Autoren – erneute Anstrengungen, den Gegenstand zu popularisieren und ihm zum Durchbruch zu verhelfen. Obert plädierte dafür, dass Mädchen Turnunterricht erhalten sollten „genau so wie die Knaben“. Dabei konnte er sich aber als Linksliberaler nicht verkneifen festzustellen: „In solange aber das Vorurtheil ihnen die Beinkleider versagt, kommt manche Übung in Wegfall.“

In den Städten sah zwar vieles besser aus, aber auch dort bestanden Grenzen, vor allem finanzieller Natur. Die städtischen Kirchengemeinden benötigten die Unterstützung der Kommunen oder der Finanzinstitute, um Gelände zu erhalten oder Neubauten zu errichten. Doch auf den Dörfern dauerte es – für manche quälend lange – drei Jahrzehnte, bis sich das (Schul-)Turnen auf dem Dorf nach und nach etablieren konnte, selbst wenn das Landeskonsistorium den Turnunterricht schon 1866 in bestimmten Schultypen als verpflichtenden Lehrgegenstand für die schulpflichtigen Kinder ab dem vollendeten 10. Lebensjahr vorgeschrieben hatte. Eine örtliche Turnordnung war einzuführen. Schließlich erzwang das ungarische Schulgesetz 1907 einen konsequenten, obligatorischen Turnunterricht.

Angehenden Studierenden der „Theologie und des Lehramtes“ wurde empfohlen, bereits im Studium sich dafür ausbilden zu lassen. Darüber hinaus bestand die Behörde mit Nachdruck auf entsprechenden Fortbildungskursen, auch weil sie 1879 trotz des obligatorisch vorgeschriebenen Lehrgegenstandes einen diesbezüglichen „Uebelstand“ festgestellt hatte. Dabei wurde in Erinnerung gerufen: „Der Turnunterricht hat den Zweck, die Entwicklung der Jugend zu Kraft, Gewandtheit und Sicherheit, Ordnungssinn, Muth und Selbstvertrauen zu fördern und die Frische des Geistes und Körpers zu erhalten. Der Unterricht selbst soll umfassen Ordnungs- und Freiübungen, Turn- oder Bewegungsspiele und, wo es thunlich ist, auch Gerätheübungen.“

Mehr als ein Jahrzehnt danach hat 1891 der Minister umfassende statistische Nachweise über den schulischen Turnunterricht angeordnet: Jährlich, zum Schuljahresende im Juni, mussten in einem Wettturnen die erreichten Erfolge dokumentiert werden. Ziel des Ganzen war es, die sportlichen Wettkämpfe nicht nur schulintern, sondern landesweit nach einheitlichen Gesichtspunkten zu organisieren, um letztlich die besten Turner für ein Landeswettturnen vorzubereiten. Die Ergebnisse sollten „in dem alljährlichen Schulprogramm zu erwähnen [sein] mit genauer Aufzählung der Sieger und ihrer erzielten Erfolge.“ Anschließend war ein im Formular exemplarisch abgedrucktes „Anerkennungs-Diplom“ auszuhändigen. Um besonders an ländlichen Volksschulen größeres Verständnis für den Turnunterricht zu wecken, war immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die jungen Männer durch den Turnunterricht erheblichen praktischen Nutzen ziehen würden, nicht nur beim verpflichtenden Militärdienst, sondern auch in der örtlichen Feuerwehr. Schließlich unterstützte das Landeskonsistorium mit einem eigenen Erlass die Multiplikation einer Sonderveröffentlichung des Verbandes der siebenbürgisch sächsischen Turnvereine vom 6. Juli 1900. Die Publikation unter dem Titel „Mittel zur Hebung des Turnens in den Landgemeinden“ brachte schließlich den Durchbruch. Nach der Jahrhundertwende hatte sich der schulische Turnunterricht an den Schulen der Landeskirche endgültig durchgesetzt. Die mit den ungarischen Schulgesetzen kompatiblen Lehrpläne spiegeln dies wider, wenngleich der in den ursprünglichen Rechtsvorschriften enthaltene (neuhumanistische) idealistische, liberale Geist weitgehend gewichen war. Es wird allerdings deutlich, dass allein schon mit der ausdrücklichen Erwähnung von „Kriegsspielen“ der Turnunterricht eine verschärfte Akzentuierung erfahren hatte. Parallel zu dieser Militarisierungstendenz ist im Frühjahr 1911 durch die Oberbehörde auch die Einrichtung von Jugendwehren innerhalb der kirchlichen Bruderschaften angeordnet worden. Außerdem propagierte das Ministerium eine stärkere moralisch-sittliche Kontrolle, was das Landeskonsistorium als Erlass vom 4. Februar 1909 weiterreichte.

Turnen als ethnisches Integrationsinstrument

Im Schul- und Kirchenboten wurden immer wieder Lehrbücher besprochen und einige wenige auch empfohlen. Darunter war auch das vom Mediascher Turnlehrer Theodor Schneider verfasste und 1886 vom Landeskonsistorium in seinem Auftrag erstellte und herausgegebene, 75 Seiten starke Büchlein „Lehrgang für den Turnunterricht an den Volksschulen der evang. Landeskirche A.B. in Siebenbürgen“.

Anlässlich der sogenannten siebenbürgisch-sächsischen Vereinstage versammelten sich alle Honoratioren einmal jährlich an wechselnden Orten (zunächst nur in den Städten, bald aber auch in größeren, durch die Bahn erschlossenen Märkten und Dörfern), um zunächst ihre Regularien abzuhalten, dann inhaltlich sich auszutauschen und schließlich auch in der kleinen Ethnie sich selbst zu vergewissern und die Fortschritte zu präsentieren. Bei diesen Vereinstagen – einer Art „Heerschau“ der Siebenbürger Sachsen – traten festliche Turnformationen zum Schauturnen an. Dies geschah beispielsweise 1874 in Kronstadt und 1889 in Birthälm, aber auch bei Bezirksfesten des evangelischen Diasporahilfswerks, des Gustav Adolf-Vereins.

Die Erinnerungen von Otto Piringer über seine Zeit als Rektor in Agnetheln zeigen anschaulich auf, wie zunächst das Turnen an sich gefördert und als Integrationsinstrument sowie zur Identifikationssteigerung eingesetzt werden konnte. Darüber hinaus wirkte das Schauturnen psychologisch an der Vertiefung des kulturprotestantisch strukturierten Selbstverständnisses (der Einheit von Volkstum und Kirche) mit und erzeugte bei den zu den Vereinstagen 1900 angereisten Abgeordneten aus allen Bezirken einen intendierten Multiplikationseffekt. Erhebung – also Förderung – des Nationalgefühls und -stolzes durch gelungene Darbietung (und leistungsfähige Selbstdarstellung) des Schauturnens (zum Teil unter musikalischer Begleitung) war ein gewünschter Effekt. Das Turnen, besonders das Schauturnen gehörte somit zu den nationalen Weihestunden. (siehe Abbildung Agnetheln)

Die Rede, die Stadtpfarrer Samuel Schiel anlässlich der Fahnenweihe der Kronstädter Turner hielt, verwies auf die sittlichen Wirkungen des Turnens: „den Sinn für Ordnung und Gesetz, den freien Gehorsam, das brüderliche und einträchtige Zusammenwirken nach einem edlen Ziele, den Muth und die Entschlossenheit, ein besonnenes und doch festes und rasches Handeln.“ Ergänzend nannte er die daraus hervorquellenden Tugenden: „die Wahrhaftigkeit oder Gradheit in Wort und That, Keuschheit, Tapferkeit, Treue, Freiheitsliebe, Aufopferungsfähigkeit, Wahrung des eigenen und Achtung des fremden Rechtes.“

Die Ideen der vorhin erwähnten Turnpioniere werden in der Ansprache unverkürzt ausgedrückt. Schließlich amtierte Schiel bei der Weihehandlung mit folgenden Worten: „Und so segne und weihe ich denn in diesem Geist und mit allen diesen Erwartungen und Hoffnungen dieses schöne Banner. Sei und bleibe ein schönes und ehrendes Denkmal des edlen Geistes, der dich gegründet und geschaffen! Sei und bleibe das sichtbare Zeichen einer offenen und herzinnigen Verbrüderung zur Stärkung des künftigen Volkes an Leib und Seele! Sei und bleibe ein ernster Wegweiser auf dem schmalen und steilen Pfade zu allem Großen, Guten und Edlen! Sei und bleibe ein Mahnzeichen an die große Schuld, welche das heranwachsende, wahrhafte und wehrhafte Geschlecht dem teueren Vaterlande in ernster Zeit zu zahlen hat.“

Mit diesem Weihesegen über der zweiten Vereinsfahne des Kronstädter Turnvereins waren alle Aspekte der Turnerideen, inklusive der (vor)militärischen Dimension benannt. Konzentriert in der Segenshandlung wurde alles religiös integriert. Leib, Geist und Seele fanden, so die Grundhaltung des Stadtpfarrers, bestimmungsgemäß ihre harmonische Einheit. Konfession und Nation bildeten einen Einklang.

Turnen war und blieb aber keine einseitig auf Kirche und Schule ausgerichtete Angelegenheit: Es gab vielfältige lokale Turnvereine und regionale Assoziationen, so schon in den frühen Anfängen bei Theodor Kühlbrandt in Kronstadt oder später bei Julius Unberath in Schäßburg; teilweise – wie bei Otto Piringer in Agnetheln – leiteten die im Akademischen Turnverein in Deutschland geprägten Lehrer diese außerkirchlichen Turnvereine, teilweise bildeten diese auch eigen geprägte Milieus. Unabhängig von kirchlichem Einfluss organisierten sich beispielsweise die Wanderer im Karpatenverein, die Ski-Sportler (mit dem auch bei Wienern bekannten und beliebten Wintersportgebiet der Schulerau), aber auch die Aktiven im Wassersport (Schwimmen). In der Regel blieben die Vereine aber ethnisch separiert. Bei Bedarf suchten die Vereinsvorstände allerdings doch den Rettungsanker bei kirchlichen Institutionen, so wurde beispielsweise 1938/39 das Strandbad in Hermannstadt der Evangelischen Stadtpfarrgemeinde übertragen, das ihr auch heute gehört.
Turnschule in Heltau, Postkarte von Emil Fischer ...
Turnschule in Heltau, Postkarte von Emil Fischer (vor 1914). Bildarchiv: Konrad Gündisch
Die innerhalb des kirchlich-schulischen Rahmens und auch in freien Turnvereinigungen geförderten sportlichen Qualitäten trugen Früchte. Nach dem Ersten Weltkrieg fand auch in Siebenbürgen ein Aufschwung im Sportbereich statt, beispielsweise in Heltau „am Götzenberg“, wo von 1932-1938 Wettkämpfe mit bis zu 500 aktiven Gästen aus der näheren Umgebung stattfanden. Innerhalb des Sportbooms der Zwischenkriegszeit erlangten neben anderen – besonders auch den ungarischen oder rumänischen – die siebenbürgisch-sächsischen Sportler nicht nur in Wettkämpfen auf Landesebene in Rumänien Erfolge und Spitzenplätze, sondern auch international, zum Beispiel bei den Deutschen Wettspielen 1922. Sie nahmen vereinzelt auch bei olympischen Spielen teil. Eine entsprechende Gesamtdarstellung wäre wünschenswert.

Politische Instrumentalisierung

In der Folge des „Wiener Schiedsspruchs“ wurde in den Sommermonaten 1940 Nordsiebenbürgen an Ungarn angegliedert. Das kirchliche Notregiment des diesbezüglich neu organisierten „Evangelischen Generaldekanats Nordsiebenbürgen“ unter der Leitung des Bistritzer Stadtpfarrers Dr. Carl Molitoris als bevollmächtigter Generaldechant konnte nicht durch die Deutsche Volksgruppe in Rumänien bevormundet oder gleichgeschaltet werden. Das kirchlich geleitete Schulwesen blieb erhalten. Über die Stefan-Ludwig-Roth-Erziehungsanstalt in Sächsisch-Regen ist aufgrund von kaum verwertbaren beziehungsweise sich ausschweigenden Quellenberichten nur wenig konkret Belastbares zu präsentieren. In der Leitung waren Fritz Benesch und Arnold Roth tätig; beide waren aufgrund von Disziplinarverfahren aus dem Pfarrdienst der Landeskirche entfernt worden. Mit einem ariosophischen Konzept wurde eine Musteranstalt mit eindeutig nationalsozialistischem Profil – wohl nach reichsdeutschem Muster – mit Schwerpunkt auf ideologischer Erziehung, körperlicher Auslese, kämpferischer Gesinnung und „gottgläubiger“ Haltung betrieben. Die einzig erhaltene Propagandabroschüre, die die Jugendlichen bei ihrem Tun und der „Gottesfeier“ zeigt, lässt darauf schließen, dass es sich bei diesem Internat um ein Zwitterwesen handelte: Die Anstalt als „NS-Erziehungsheim“ war zwar keine kirchlich getragene Einrichtung, sollte aber die an der kirchlichen Lehrerbildungsanstalt auszubildenden Lehramtskandidaten beherbergen. Dort sollten die Jugendlichen in klarem Kontrast zu dem (noch) kirchlich getragenen Schulwesen ideologisch eindeutig indoktriniert werden.

Mit dem im Juni 1942 von der Landeskirchenversammlung beschlossenen Gesamtabkommen zwischen der Evangelischen Landeskirche A. B. in Rumänien und der Deutschen Volksgruppe in Rumänien hat die Volksgruppenführung die Kirchenführung genötigt, neben anderen Bereichen auch die Schulverantwortung an die Volksgruppe zu übergeben. Damit hatten die Nationalsozialisten das über fast ein Jahrzehnt angestrebte Ziel erreicht, die heranwachsende Schuljugend ungefiltert mit der NS-Ideologie zu indoktrinieren. Nicht zuletzt der innerschulische und außerschulische Sport war schon seit 1933 ein potentielles Einfallstor für die Rassenideologie geworden. Nun waren alle Hürden gefallen, wie sich dies an der generellen Tendenz der Lehrerzeitschrift Volk und Schule ablesen lässt. Nicht zuletzt wurde gesellschaftlicher Druck aufgebaut, die jungen Männer 1943 anstelle zum rumänischen Militär in die Waffen-SS einzuziehen. Das ideologisch instrumentalisierte Ziel der körperlichen Ertüchtigung war auf die Bereitstellung von „Kanonenfutter“ ausgerichtet worden.

Ulrich A. Wien

Schlagwörter: Sport, Stephan Ludwig Roth

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