27. Juni 2025

In Düsseldorf: Diskussion über das Zusammenleben der Rumänen und Siebenbürger Sachsen im Laufe der Jahrhunderte

Der Anstoß für diese Veranstaltung der Kreisgruppe Düsseldorf im Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus am 17. Mai in Düsseldorf ging laut Horst Dengel von zahlreichen Rumänen aus, die im vorigen Jahr an der Veranstaltung „Sachsen und Ungarn in Rumänien“ teilgenommen hatten und das Zusammenleben von Rumänen und Siebenbürger Sachsen ebenfalls als bedeutsam empfanden.
Die Veranstaltung begann mit dem gemeinsamen Singen des Siebenbürgerliedes und der rumänischen Hymne, musikalisch begleitet von Manfred Sorin Kafka am Klavier und Lily Dengel an der Klarinette. Im Anschluss eröffnete Horst Dengel die Veranstaltung mit einem Zitat von August Bebel: „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.“

Zum Einstieg in das Thema präsentierte Horst Dengel einen historischen Abriss des Zusammenlebens von Rumänen und Siebenbürger Sachsen. Über viele Jahrhunderte lebten Rumänen, Ungarn, Szekler und Siebenbürger Sachsen aufgrund der herrschenden Rechts- und Machtverhältnisse eher nebeneinander als miteinander. Anschließend folgten Grußworte von Prof. Dr. Winfried Halder, Leiter des Gerhart-Hauptmann-Hauses, Prof. Simona I. Pop, Vorsitzende des Vereins der rumänischen Lehrkräfte in NRW Deutschland, Rainer Lehni, Bundesvorsitzender des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, und Manfred Sorin Kafka, Bundesvorsitzender des Bundes rumänischer Vereine in Deutschland e.V. mit Sitz in Dortmund. Ihren Vortrag „Geteilte Geschichte? Das Verhältnis von Deutschen und Rumänen in Siebenbürgen aus kulturhistorischer Sicht“ eröffnete Dr. Olivia Spiridon mit einem persönlichen Beispiel aus ihrer Kindheit an Heiligabend im Treppenhaus ihres Wohnblocks. Bei einer Kolinda zögerten die Sänger, bei der sächsischen Familie zu singen, weil sie nicht wussten, wie diese darauf reagieren würde. Anschließend umrahmte die Referentin dieses Erlebnis mit Betrachtungen, in denen transkulturelle Mehrfachzugehörigkeiten theoretisch definiert wurden.
Horst Dengel (links) dankt den Mitwirkenden an ...
Horst Dengel (links) dankt den Mitwirkenden an der Veranstaltung, von links nach rechts: Lily Dengel, Piet Spiridon, Dr. Erwin Jikeli, Dr. Olivia Spiridon, Dr. Paul Bagiu. Foto: Rainer Lehni
Dr. Spiridon verwies auf eine Vielzahl von Monografien und Sammelbänden zur Geschichte der Region, darunter Werke von Konrad Gündisch, Michael Kroner, Thomas Nägler, Aurel Pop und Ioan Bolovan. In vielen dieser historischen Darstellungen liegt der Schwerpunkt auf den Beziehungen zwischen den Minderheiten und den jeweiligen Machthabern, während das Alltagsleben und die individuellen Interaktionen oft nur am Rande behandelt werden. In einem zusammenfassenden Rückblick auf die Geschichte Siebenbürgens vom 10. Jahrhundert bis in die Gegenwart führte Dr. Spiridon aus, dass die Siebenbürger Sachsen und Rumänen sehr unterschiedliche rechtliche Interessen hatte und selten Interessengemeinschaften bildeten. Diese historische Übersicht bezog sich auf die Rechtslage von Deutschen und Rumänen, die das Verhältnis zwischen den beiden Gruppen nur teilweise widerspiegelte. Der geschichtliche Abschnitt wurde durch kulturhistorische Interferenzen ergänzt. Dr. Olivia Spiridon beendete ihren Vortrag mit der Präsentation des Dokumentarfilms „Sieben Tage“ aus dem Jahr 1971 von Publiturism, der von einem multikulturellen Team, unter anderem von Nikolaus Berwanger, produziert wurde.

Horst Dengel eröffnete die Diskussionsrunde, indem er die Teilnehmer vorstellte. Mit dabei waren Dr. Olivia Spiridon sowie die Historiker Dr. Paul Bagiu und Dr. Erwin Jikeli.

Zu Beginn der Gesprächsrunde wurde das Spannungsverhältnis zwischen Rumänen und Siebenbürger Sachsen nach der Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien im Jahr 1918 thematisiert. Dr. Olivia Spiridon betonte, dass die Machthaber bestrebt waren, die Minderheiten stärker an das zentrale Machtzentrum zu binden. Die Bukarester Regierung unter Brătianu, der das Verständnis für die transsilvanischen Eliten weitgehend fehlte, verfolgte dabei eine nationale Wirtschaftspolitik.

Danach lenkte Dengel das Gespräch auf die Problematik der Zwischenkriegszeit, insbesondere auf die wachsende Sympathie der Siebenbürger Sachsen für den aufkommenden Nationalsozialismus. Dr. Olivia Spiridon wies darauf hin, dass auch die Schulpolitik maßgeblich zur zunehmenden nationalistischen Ausrichtung der sächsischen Gemeinschaft beitrug – etwa durch die Entscheidung, das Bakkalaureat ausschließlich in rumänischer Sprache abzunehmen.

Die Rumänisierung der neu gewonnenen Gebiete sei eines der zentralen Ziele der Schulpolitik unter Kultusminister Constantin Angelescu gewesen, ergänzte Dr. Erwin Jikeli. Dieses spiegelte sich auch in dessen Motto wider: „Schule so viel wie möglich! Schule so gut wie möglich! Schule so rumänisch wie möglich!“ Das Bakkalaureatsgesetz von 1925 bot dem rumänischen Staat ein wirksames Mittel, um die Bildung einer Minderheitenelite gezielt zu erschweren.

Dr. Bagiu berichtete, dass in dieser Zeit zahlreiche Führungskräfte aus Bukarest nach Temeswar versetzt wurden, wodurch die Minderheiten deutlich unterrepräsentiert waren. Auch auf diese Weise wurde die Rumänisierung in der Zwischenkriegszeit konsequent vorangetrieben.

Der Zweite Weltkrieg führte zu weiteren Spannungen. Gegen Ende des Krieges wurde der deutschen Minderheit pauschal eine kollektive Schuld zugewiesen, woraufhin viele in die Sowjetunion deportiert wurden. Die in Rumänien verbliebenen Deutschen wurden vollständig enteignet, zeitweise entrechtet und sahen sich massiver staatlicher Diskriminierung und Repression ausgesetzt.

Während der kommunistischen Zeit wurde laut Dr. Spiridon ein „Schleier des Vergessens“ über die Kriegsereignisse gelegt, was eine Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsverlierern ermöglichte – insbesondere in der zunehmend urbanisierten Gesellschaft. Die zuvor erfolgte Entrechtung wurde schrittweise zurückgenommen, während gleichzeitig die Kollektivierung vorangetrieben wurde, auch mit dem Ziel, die nationale Einheit der Minderheiten zu untergraben. Wie Dr. Jikeli anmerkte, versuchte der Staat zudem, über kulturelle Großveranstaltungen wie Cântarea României, bei denen gemischte Kulturgruppen auftraten, die Minderheiten in das gesellschaftliche Leben zu integrieren. In der Bevölkerung stießen solche Maßnahmen jedoch auf geringe Resonanz.

In den Städten erfolgte die Integration der Minderheiten deutlich schneller. Durch das Studium, die staatliche Stellenzuweisung und durch Eheschließungen lockerte sich die Bindung an die jeweilige Minderheit zunehmend auch im Arbeitsalltag. In der Folge verloren viele Angehörige der Minderheiten nicht nur ihre kulturelle Identität, sondern auch ihre Sprache. So wurde beispielsweise in Lugosch, dem Geburtsort von Dr. Bagiu, die Sprache der Minderheiten allmählich durch Rumänisch als lingua franca verdrängt.

Die Gefahr, vollständig assimiliert zu werden, ein Prozess, der vom nationalistisch geprägten kommunistischen Regime unter Ceaușescu aktiv vorangetrieben wurde, sowie Diskriminierungen, Enteignungen und die Deportation nach dem Zweiten Weltkrieg führten dazu, dass immer mehr Angehörige der deutschen Minderheit die Ausreise nach Deutschland anstrebten. Die Auswanderung wurde vom rumänischen Staat im Geheimen gefördert und als eine Art Menschenhandel betrieben, während nach außen hin offiziell für den Verbleib der Minderheit im Land geworben wurde.

Auf die Publikumsfrage zur Entwicklung neuer Diversitäten und deren Zukunftsperspektiven in Rumänien sowie innerhalb der Europäischen Union hin betonte Dr. Spiridon nachdrücklich, dass autoritäre Systeme einem friedlichen Miteinander ethnischer Gruppen im Wege stünden. Föderale Staatsformen, wie sie beispielsweise in der Schweiz verwirklicht sind, böten hingegen bessere Voraussetzungen für die Entfaltung verschiedener zusammenlebender Ethnien.

Horst Dengel sprach allen Mitwirkenden seinen herzlichen Dank aus und überreichte ihnen als Zeichen der Wertschätzung ein Präsent für ihre Beiträge zu der äußerst gelungenen Veranstaltung. Ein besonderer Dank gilt Anna Dengel, die mit den kulinarischen Beiträgen der Kreisgruppe Düsseldorf für einen köstlichen Imbiss sorgte.

Die Veranstaltung wurde mit einem musikalischen Beitrag von Piet Spiridon am Klavier zur Freude aller Anwesenden beendet.

Liane Jikeli

Schlagwörter: Düsseldorf, Gerhart-Hauptmann-Haus, Rumänen, Rainer Lehni

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