31. Januar 2026
„Die Brücke“: Lebenserinnerungen des Kronstädter Künstlers und Architekten Adrian Tuchel
Seine Leserschaft wird es freuen: Der Architekt und Maler rumänischer Herkunft Adrian Tuchel legt seine Lebenserinnerungen (neben den italienischen, englischen und rumänischen Fassungen) nun auch in deutscher Sprache vor. Geboren 1953 in Kronstadt (Brașov), 1982 zunächst nach Italien ausgereist, ist Tuchel heute mit seiner Ehefrau und zwei Söhnen in Cambridge, Großbritannien, wohnhaft.

Gerade noch in einem entbehrungsreichen, harten Leben hinter dem Eisernen Vorhang gefangen, findet sich der Autor am nächsten Tag schon in der Überflussgesellschaft des Westens wieder – beinahe überwältigt von den unendlichen Möglichkeiten, die sich ihm bieten. Mit Neugier und Begeisterungsfähigkeit begegnet er dem Westen, wo er schnell Fuß fasst und sich auch zu Hause fühlt. Mit Feinsinn, Respekt und großer Wertschätzung öffnet er sich Menschen, Ländern, Kulturen. Doch dem Leser entgeht sie nicht, diese unterschwellige Sentimentalität, die Sehnsucht nach der Heimat Siebenbürgen. Der Autor nimmt uns dabei mit in die Welt seiner Kindheit in Rumänien.
Der Leser von heute, vielleicht mit dem großen Glück, in einer Gesellschaft ohne Diktatur aufgewachsen zu sein, mag sich oftmals fassungslos und ungläubig die Augen reiben – zu krass sind die Unterschiede zu unserer heutigen freiheitlichen Gesellschaft, in der wir leider allzu oft Werte wie Meinungs- oder auch Reisefreiheit als selbstverständlich erachten und beinahe nicht mehr richtig zu würdigen wissen.
Auf berührende Weise erzählt Tuchel, wie er als Elfjähriger einem ehemaligen Sträfling begegnete, der als Anstifter verurteilt worden war, Propaganda zugunsten der Kapitalisten zu machen, nur, weil er „behauptete“, in Italien gebe es mehrspurige Autobahnen.
Erinnerungen an eine Zeit der Rechtlosigkeit, die noch nicht einmal so lange zurückliegt. Im Jahr 1969 als 16-Jähriger von Kronstadt aus in die damalige DDR zu reisen? Ein aufregendes Abenteuer! Beantragung des Reisepasses, Antrag auf Reisegenehmigung, exakte Vorbereitung auf das fremde Terrain durch seinen viel zu früh verstorbenen Vater - umso überwältigter war der junge Adrian Tuchel angesichts des kulturellen und architektonischen Reichtums, der sich ihm bot. Städte wie Weimar, Dresden und natürlich Berlin zogen ihn schon damals mit ihren schier unerschöpflichen Kulturschätzen in ihren Bann.
Die Prägung seiner Persönlichkeit in einer rumänischen Gesellschaft mit kommunistischer Diktatur, seine Übersiedlung im Alter von 29 Jahren in den Westen und schließlich die Erfahrung, seine beiden Söhne in einer freien Welt heranwachsen zu sehen: im Spiegel all dieser fundamentalen Kulturunterschiede entwickelt sich die Identität des Autors.
Beim Lesen seiner Geschichten, in dieser wunderschönen poetischen Sprache schauen wir ihm quasi zu, wie er über sich selbst staunt. Er scheint sich zu fragen, wie ihm das gelungen ist, über die Jahrzehnte all diese unterschiedlichen Erfahrungen zu integrieren – im Spannungsfeld von kollektiver Geschichte und persönlichem Schicksal.
Seite für Seite fügt es sich schließlich zusammen, das Mosaik seines spannenden Lebens und Seite für Seite spüren wir immer deutlicher: Dies ist eine liebevolle Hommage an das Leben, an die Schönheit des Lebens und schließlich wohl auch ein Appell an den Leser. War es zu Beginn vielleicht Tuchels Intention gewesen sein, seine Erinnerungen aufzuschreiben, damit sie nicht verloren gehen: für sich, seine Familie, Weggefährten und all diejenigen, die einen ähnlichen Lebensweg hatten, so ist am Ende viel mehr daraus geworden – ein Appell an uns, unsere Geschichte nicht zu vergessen. Lasst uns achtsam sein, gerade in der heutigen Zeit, wo Demokratie und Grundrechte vielerorts so vulnerabel erscheinen. Lasst uns niemals geschichtsvergessen werden, denn: Nur, wer seine Geschichte kennt, kann seine Zukunft gestalten.
Karolina Wüsthof
Adrian Tuchel: „Die Brücke“. Erinnerungen anderer Zeiten. Selbstverlag, 2025, 336 Seiten, 16,50 Euro, zu bestellen im Büchercafé Erasmus, Hermannstadt, deutsche Festnetznummer: (0228) 90919557, E-Mail: erasmus[ät]schiller.ro, www.schiller.roSchlagwörter: Buch, Erinnerungen, Architekt
Noch keine Kommmentare zum Artikel.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.